Die Kolumne #70 (September 2006)

Wie immer an dieser Stelle ein extrem vordergründiger und äußerst exklusiver Vorabdruck. Bimonatlich, kommt so zuverlässig ins Haus wie die Stromrechnung und wird dieser Tage erscheinen in the gap 070/2006. ’njoy.

Der Kolumne
15 Mann auf des träumenden Mann’s Zeidung drauf… und ne Buddel voll Rumgemeckere

„Glauben Sie es speziell dann nicht, wenn Tante Brigitte es schreibt – sie neigt dazu, Traum und Realität zu vermischen.“ Der Stempel auf der Entlassungakte war mir als erstes aufgefallen… seinerzeit, vor 15 Jahren.

Wie der kopflose Reiter aus Sleepy Hollow steigen nun verdrängt geglaubte Erinnerungen aus dem Nebel der Geschichte hoch und vermischen sich mit tagesaktuellem Geschehen zu einem ungesunden Amalgam. Zweifellos rechtschaffen empörte Mütter fordern Maßnahmen gegen die braunen Häuferl aus Wiens Straßen, das Magistrat zahlt allen Findern einen saftigen Euro pro Kilo Glück. Meine Regentonne ist voll bis oben hin, morgen miete ich mir einen Transporter und werde dem ehrenwerten Stadtrat einen Besuch abstatten. Zwei hervorragend ausgebildete Menschenaffen mit tätowierten Versace-Sakkos helfen mir die Tonne zu tragen, doch bin ich mir über ihre wahren Absichten nicht im klaren. (Nur der letzte Satz gehört zum Traum! Siehe Plakat des Umweltstadtrates vor dem Franz-Josefs-Bahnhof).

In diesem Land hat ja mal einer, der an dieser Stelle bereits des öfteren Erwähnung fand, zumindest das Reden über Träume ausgesprochen salonfähig gemacht. Zwischendurch stellte ein vorgeblich sozialistischer Manager-Kanzler unerwartet seine diagnostischen Fähigkeiten zur Schau: wer Visionen habe, solle zum Arzt gehen. Traum, Vision – der in den Nachkriegs-Aufbaujahren vehement eingeforderte Realismus kickte mit landestypischer Verspätung ein. Nach Jahren des unverstellten Blicks auf die „Wirklichkeit“ tritt nun ein publizierendes Ehepaar an, um die Traumschau-Tradition der Indianer hierzulande erneut salonfähig zu machen.

Der geneigte Leser erkennt an diesem Punkt: nur die Aborigines haben eine noch weiter zurückreichende Geschichte der Traumarbeit aufzuweisen als du, glückliches Österreich. Freilich wäre daher jede verfrühte Aussage über „Österreich“* ja als Traumdeuterei zweiter Ordnung zu werten, als Metatraum also. Ich gebe ganz offen zu: mir fehlt sie, die diagnostische-analytische Ausbildung, die ein sicheres Urteil erlaubte. Dass allein das gap-Abo automatisch nach einem Jahr endet, musste ich ebenfalls erst in leidvoller Erfahrung lernen.

„Ohne die persönliche Geschichte bleibt ohnehin jeder Interpretationsversuch pure Spekulation,“ bestärkte mich Tante Brigitte in meiner abwartenden Haltung. Freilich beweise die Traum-Kampagne immerhin ein für allemal, dass der Mensch doch fähig sei, von der Historie zu lernen: „Der Stein, welcher in der österreichischen Medienlandschaft nicht auf dem anderen bleibt, will ‚trampappat‘ oder besser traumwandlerisch ins Rollen gebracht werden. Folgt doch das Drehbuch im Traumland selten den Wünschen des Publikums – Logik und gesunder Menschenverstand helfen nicht weiter, Naturgesetze werden wild missachtet.“
Wer hätte einer so konzisen Zusammenfassung der „Geschichte der heimischen Massenmedien“ noch etwas hinzu zu fügen? Keiner! Und wenn er aber kommt, dann laufen wir davon!

* In Zukunft wird man nie mehr mit Sicherheit wissen können, ob „Die Zeitung“ oder „Das Land“ gemein ist.

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