Die Kolumne #47 (April 2002)

Zeter herum, Zensor der Ländermesse!

Lemme see you wind up there …
Ah let me c u wind up there!

Danke, Leser, für die mehrfachen Hinweise, dass diese Kolumne nicht “alles” abdecken kann. So schrieb Peter S. aus Winden sinngemäß etwa: “Um alles abzudecken, müsste Ihre Kolumne im minimalsten Szenario so groß sein wie jene Welt, die sie abzubilden gedenkt!” Richtig und doch falsch. Denn wir haben uns hier der teilnehmenden Medienbeobachtung verschrieben und benutzen ganz einfache Open-Source-Algorithmen: ungefähr so wie WinZip auf magische Weise Files eindampft. In dieser Art verkleinert die Kolumne die Welt. Eine verlustfreie De-Kompression ist jederzeit möglich, so Sie über den richtigen Codec verfügen – anders als bei MP3, wo stets Klanginformationen auf der Strecke bleiben. Deshalb scheint mir ein MP3-File auch mehr Ähnlichkeit mit dem Musikjournalismus an sich zu haben als etwa ein Zip-Archiv, vollgestopft mit gesellschaftskritischen Longplayer-Analysen eines linken Pop-Magazins. So viel zum Thema Gewinn und Verlust vs. Marga Swoboda aus der Kronen Zeitung. Und kein Wort mehr.

Dafür ein Wort zum Jackass-Report aus einer unserer letzten Ausgaben, zu dem mein Pariser KI-Forscher-Freund und Telefonjoker bei der Millionenshow (Armin Assinger: Sind Sie der berühmte XY aus Paris? XY: Ja, genau der.) per Internet-Brief bösartige Kommentare abgab wie: “Ich nehme an, die Autoren sind Publizistikstudenten mit Ambition; Halbgebildete mit Hoffnung auf mehr, die sich aber doch schon dabei wohlfühlen die Stimme zu erheben. Vom Publikum ist ja wahrscheinlich nichts zu befürchten.” Dabei ist er ja selbst Ex-Publizistikstudent, hat aber vermutlich jegliche diesbezügliche Ambitionen verloren und forscht in einem feuchten Pariser Labor. (“Pariser Labor” – das klingt doch eher wie ein vornehmer Ausdruck für Friseursalons aus dem vorigen Jahrhundert. In einem “Pariser Labor” zu forschen, finde ich direkt ein wenig anzüglich.) So also werden wir in der wissenschaftlichen Community rezipiert – eigentlich ein schönes Kompliment, dass man uns dort zumindest Halbbildung zubilligt.

Schlaflosere Nächte bereitet mir dagegen seine zweite Vermutung. Ob denn vom p.t. Publikum wirklich nix zu befürchten ist? Genau kann man das nie wissen, denn obwohl in unserem Werbefolder sicherlich steht, dass wir “mitten aus der Szene kommen”, uns “aktiv ins Popgeschehen einmischen” und ähnlicher Blödsinn, weiß jeder von uns nur zu gut um die Angst des Tormanns vorm Elfmeter. (Um dem hinkenden Beispiel einen buddhistischen “Twist” zu geben: ihr aber Leser, wart der Ball, ich war das Tor und Peter Jackson der 1-Meter-Elf.) Wir verkriechen uns so weit oben im Elfenbeinturm der nur vorgeblich teilnehmenden Popbeobachtung, dass bereits Komplimente aus dem Blumenau’schen Eck eintreffen, was nur bedenklich stimmen kann. Es stellt sich also die Frage: drohtvompublikumgefahrfragezeichen@pettauer.net. Für Ideen dazu wäre ich dankbar. Es gibt diese E-Mail-Adresse und ich les die Zuschriften wirklich. Und ich verspreche euch, dass ich jede einzelne Mail mit Foto beantworte.

Ja, zur Regierung noch: man bleibt natürlich scharfer Kritiker aus Prinzip. Durchtanzt weiterhin Nächte, ohne ein Ende der Wende zu erleben. Wundert sich über die in bester Absicht geschehende schleichende Abschaffung der Geisteswissenschaft in Wien, über radikal reformierte Studienpläne und fünffach überbelegte Seminare. Wird nicht müde, sich über von der EU geforderte zusätzliche 50.000 (Natur-)Wissenschaftler zu wundern, traut keiner Statistik, die Amerika nicht selbst gefälscht hat, relativiert im Angesichte des Bush of War die weltpolitische Bedeutung eines Ex-Fliegenträgers, verflucht den Scheiß Neoliberalismus samt zugehöriger Rhetorik und nimmt sich fest vor, nächstes mal Mikunda zu wählen. Und träumt vom Auswandern, doch wohin? Wenn der erfolgreichste Rapper ein Weißer, der beste Golfer ein Schwarzer ist, die Amis die Franzosen als Rüpel beschimpfen und Deutschland nicht in den Krieg ziehen will, hat das alte Wertesystem anscheinend endgültig ausgedient. Aber wo bleibt das neue? Vermutlich ist’s irgendwo auf der Hauptpost in Wien liegen geblieben, die bauen ja um und werden noch dazu privatisiert. Da kann so etwas schon mal vorkommen.

Zum guten Ende diesmal noch aus der Rubrik “Marketing-Misserfolge der Genindustrie”: Die lebensecht blutende Tomate, die THC-freie Banane mit Hanfgeschmack, der kernlose Sellerie. Bis zum nexten Mal, ihr Leser, ihr!

2 comments
ritchie
ritchie

Ich finde das von Frau Swoboda vertretene Weltbild auch etwas zwanghaft.

Hartz IV
Hartz IV

"die THC-freie Banane mit Hanfgeschmack"... das wäre doch mal ein Schritt in die richtige Richtung. Wobei Hanf überhaupt nicht schmeckt.