Filmkritik: Ali G Indahouse

erschienen in: ray Kinomagazin

Ali G : Indahouse

Um ihnen den Weg aus dem britischen ‘Ghetto‘ Staines zu ebnen, kümmert sich Ali G im örtlichen Freizeitzentrum um eine Gruppe Pfadfinder. Als das Zentrum geschlossen werden soll, beginnt er einen flammenden Protestzug, der ihm schließlich sogar die Aufmerksamkeit des Kanzlers einbringt: dieser bietet Ali einen Sitz im englischen Oberhaus an, allerdings nur, um durch das tölpelhafte Benehmen seines Opfers den Premierminister unmöglich zu machen.
Den Rest der Geschichte kennen wir in zahllosen Variationen: der scheinbare Spinner arbeitet sich rasch in der Gunst des Publikums – in diesem Fall der Wähler – hoch, das Jugendzentrum überlebt und der böse Kanzler muss letztendlich abdanken.

Obwohl Zuckerwatte mehr Konsistenz aufweist als dieser Plot, kann man dem Protagonisten kaum böse sein. Denn wer sich bei „Indahouse“ großes Kino und handwerklichen Anspruch erhofft, wird definitiv enttäuscht, wer jedoch lediglich Klamauk und Witze aus der untersten Schublade erwartet, könnte durchaus positiv überrascht werden – die Kunstfigur Ali G böte ja eigentlich unerwartet viel Projektionsfläche für ätzend böse formulierte Gesellschaftskritik.

Denn Ali G ist viel weniger Person als Kulminationspunkt von allgemeiner Ignoranz und popkulturellen Codes: zu kaum einem Zeitpunkt zeigt der Fernsehkomiker, der in Großbritannien etwa so beliebt ist wie hierzulande Erkan und Stefan, so etwas wie Facetten des eigenen Charakters. Stets sind die Aussagen und Handlungsmuster von Ali G entliehen aus dem weiten Fundus maßlos übertriebener Hip Hop Gestik. Komisch wirkt das ganze nicht in erster Linie durch die Übertreibung, sondern die heillose Dekontextualisierung. Gewiss ist die Kombination von idiotisch-übersteigertem Benehmen und gleichzeitiger unübertroffener Selbstsicherheit keine neue satirische Strategie, doch ist Ali G Pop-Komiker im selben Sinne wie Stuckrad-Barre Pop-Literat: er zerlegt und seziert seinen Referenzrahmen stets anhand von Grenzfällen. In inhärenter Selbstwidersprüchlichkeit findet er sein Leitmotiv, sampelnd und remixend projiziert er die beliebig zusammengetragenen Facetten seines Daseins mit gleichmütiger Naivität auf die ihn umgebende Welt und macht sie so zu seinem persönlichen Hip Hop Musikvideo. Nur wo die Selbstsicherheit bricht, etwa im „Endkampf“ mit dem Kanzler, als der Wannabe-Rudeboy nicht einmal zu versuchter Selbstverteidigung fähig ist, tritt der selbstkritische Spott sympathisch in den Vordergrund. So kann sich der Zuseher aussuchen, ob das Ergebnis der hier exemplarisch vorgeführten Sozialisierung humanistische Wertekritik sein wollen könnte oder sich über diese gleich mit lustig macht.

Trotzdem bleibt die hanebüchene Story die größte Schwachstelle des Films, da sie in der visuellen Dimension und im Agieren der übrigen Darsteller anders als etwa bei Zoolander keinerlei Entsprechung zu findet. Das führt dazu, dass „Indahouse“ seine besten und witzigsten Momente dann hat, wenn die reine Zentrierung auf das situativ falsche Agieren des Hauptdarstellers den Nährboden seiner Komik bildet und im übrigen trotz vorhandener guter Ansätze stark in Trash-Nähe abrutscht. Aber ist wohl auch im Sinne des Erfinders.

Credits:
Regie: Mark Mylod
Buch: Sacha Baron Cohen / Dan Mazer

Cast:
Sacha Baron Cohen – Ali G/Borat
Michael Gambon – Prime Minister
Charles Dance – David Carlton
Kellie Bright – Me Julie
Martin Freeman – Ricky C
Rhona Mitra – Kate Hedges

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