CD-Review: Absolute Beginner – Bambule

bambule, die: Radau. norddeutsch; Ärger machen, Aufruhr machen, aufmischen. Ehemaliger Kampfruf der Rocker, wenn sie mit ihren Motorrädern über den Kiez fuhren und die Luden (Zuhälter) plattmachen wollten. (zitiert nach Eißfeldt 1999)

Wo immer die Absoluten Beginner auftauchen, haben sie tausend Styles im Gepäck. Ob sie ein Ziel haben oder nicht, ihr Zug ist ganz eindeutig gewaltig am Kommen. Mit ihrem aktuellen Album „Bambule“ wollten’s die Hamburger Rapper, die sich sieben Jahren im deutschen Untergrund auf dem Label Buback Tonträger herumtreiben, wissen – und der kommerzielle Erfolg blieb ihnen diesmal nicht verwehrt.

Dieses Mal haben wir’s mit diesem fetten Major-Giganten versucht, und wir können nicht mehr der Indie-Struktur die Schuld geben, wenn der Erfolg ausbleibt. (Jan Delay)

Hinter der aktuellen Veröffentlichung der Beginner steckt harte Arbeit. Und unzählige Male Abhängen auf Jams, Battles – genaugenommen seit sieben Jahren. Die historischen Annalen aus dem Buche Beginner, vorgetragen von Leo, hören sich so an: „Zu Hip Hop gekommen bin ich über meinen Bruder einerseits über Public Enemy und andererseits. „It takes a nation of millions to hold us back“ war die erste Platte, die ich mir selber gekauft habe. Dann gab’s noch viele andere Gruppen, die mich geflasht haben, und irgendwann hab ich selber einen Text geschrieben. Ich war in Frankreich auf Urlaub und bin dort von so einem Campingplatzbullen angemacht worden, weil ich ein Butterflymesser bei mir hatte und er wohl geglaubt hat, ich sei ein derbes Ghettokid. Und dann hab ich einen Text auf Englisch geschrieben, daß das alles Rassisten waren und so. (Eißfeldt macht den A-Capella Beat klar, Leo beginnt zu rappen:)

I tell you a little story about some fuckin‘ racist,
we had trouble with them and with the coolish white kids.
We hang at a party, really cool,
fuckin‘ kids makin‘ noise, ha, fools.
Weiter weiß ich nicht mehr.

Und so kam’s also, wie’s kommen mußte. Eißfeldt bastelte seinen ersten Beat zu den obenstehenden Lyrics, und dann verselbständigte sich die ganze Geschichte quasi über Nacht: „Diesen Text hat Martin irgendwann in die Hände gekriegt, und er hat damals ein bißchen Low-Fi Equipment gehabt und ein paar Texte geschrieben gehabt und fand das Zeug geil. Wir haben uns gut verstanden und dann angefangen mit „concept is attitude“. Die anderen kamen später mal dazu und jetzt sind wir halt die Beginner – und am Start!“ Sich nach sieben Jahren immer noch Beginner zu nennen, zeugt entweder von geringem Selbstbewußtsein (wohl auszuschließen), oder vom Wunsch nach permanenter Weiterentwicklung. „Ich weiß nicht mehr genau, wie wir auf den Namen kamen, weil’s schon sieben Jahre her ist – und ich bin jetzt erst 21. Damals hatten wir unsere ersten Songs geschrieben und dieser Namen ist uns eingefallen, anfangs allerdings „Beginnerz“ mit Z hinten dran, so richtig auf Gangsta Style. Das „Beginner“ kann man vielleicht erst jetzt deuten, jetzt nachdem wir ein paar Releases hinter uns haben. Ich würd‘ sagen, daß wir tatsächlich mit jeder Veröffentlichung was Neues gemacht haben – zumindest, daß wir für uns selber jedesmal ein neues Kapitel begonnen haben. Es war natürlich immer Hip Hop, aber auch immer wieder eine neue Variante, ein neues Gefühl. Immer wieder ein Beginn mit etwas Anderem.“

Eißfeldt sieht dennoch völlig klar, daß Talent und harte Arbeit allein nicht ausreichen. Der Wunsch, es mal mit einem Major Release zu versuchen, motivierte die drei zu Höchstleistungen, die ohne die vielen Erfahrungen kaum denkbar wäre: „Bei dieser Veröffentlichung stand eine Menge Geld dahinter. Das hat wieder gezeigt, daß breiter Erfolg im Endeffekt nur mit Geld zu tun hat. Natürlich kommt’s auf die eigenen Styles an, aber ob die Leute was kennenlernen und sich’s dann kaufen, das hängt vom Werbeaufwand ab: Du kannst alles auf’s Geld zurückführen: Auf das Geld, das gebraucht wird, um Werbeblöcke zu kaufen, um eine Infrastruktur aufzubauen, die’s möglich macht, Videos bei Musiksendern unterzubringen, Promos, Snippet Tapes zu machen, DJs zu bemustern – einfach die Möglichkeit, die Leute mit der Nase drauf zu stoßen, daß es da in Hamburg drei Jungs gibt, die derbe, fette Beats machen, ohne daß sie dafür Geld ausgeben müssen. Wir haben gesagt, wir wollen das diesmal so. Wir wollen eine fette Rap-Platte machen, nicht unbedingt, um Massen zu verkaufen, aber um mal zu schauen, ob’s klappt: Denn wenn’s dann nicht klappt, dann ist es nur unser Style, der daran schuld ist. Dieses Mal haben wir’s mit diesem fetten Major-Giganten versucht, und wir können nicht mehr der Indie-Struktur die Schuld geben, wenn der Erfolg ausbleibt.“

Irgendwann wird Hip Hop nicht mehr in den Top 10 sein, und dann werden Leute sagen, Hip Hop ist tot. Und dann werden wir sagen, Hip Hop lebt. Haben wir halt keine Platten mehr in den Top 10, Scheiß drauf.

Kommerziellen Erfolg haben allerdings auch andere. Was sagen die Beginner zum Vorwurf der Kommerzialisierung des Hip Hop? Leo sieht zwei Perspektiven, von denen aus man diese Frage betrachten kann: „Diese Leute, Nana oder Papa Bear, bieten Motivation und Inhalt für echte MCs, für Texte, die davon handeln, wie real man selber ist und wie scheiße die anderen sind. Das ist auch cool und kommt gut rüber, man kann sich so abgrenzen und sagen, ich mach so etwas nicht“ So gesehen kann der Schaden so groß nicht sein. „Auf der anderen Seite ist es einfach schade, wenn der Großteil der Bevölkerung tatsächlich Pop-Scheiß mit Hip Hop definiert. Man muß aber sehen, daß es den Großteil sowieso nicht interessiert. Ich mach‘ eine Platte für 50 Leute und freu‘ mich dann darüber, wenn ich ein paar Tausend verkaufe. Wenn’s hunderttausend werden, kann ich mir einiges leisten, aber in erster Linie geht’s nur darum, deine eigene Musik zu machen. Hip Hop hat seine eigenen kleinen Strukturen, wie eine Art Basar oder ein Pool. Und dann gibt’s halt die großen Industrien, die sich das greifen und ihr Geld damit machen. Irgendwann wird Hip Hop nicht mehr in den Top 10 sein, und dann werden Leute sagen, Hip Hop ist tot. Und dann werden wir sagen, Hip Hop lebt. Haben wir halt keine Platten mehr in den Top 10, Scheiß drauf.“
Eißfeldt schließt sich der Meinung seines Co-Rappers an. Gerade diese kleinen Strukturen seien es, die Hip Hop vital und fit halten: „Das Gute ist, daß wir die ganz Zeit daran gearbeitet haben, die einen bewußt, die anderen unbewußt, daß kein großer Supermarkt diesen ganzen Hip Hop Basar schlucken kann. Und das Gute an Amerika ist nicht nur, daß es uns gezeigt hat, was Hip Hop ist, sondern auch, daß uns die Leute dort so weit voraus sind, weil man sieht, was die Fehler sind und wie man’s nicht machen sollte. Da sprech‘ ich für alle Gruppen in Deutschland, mit denen ich abhänge: wir haben diesen Umstand immer im Hinterkopf gehabt und darauf geachtet, kleinere Gruppen zu featuren, auf Tour mitzunehmen – da gibt’s zum Glück noch kein „Ich verdien‘ mehr als du“, sondern allenfalls „Ich rap‘ geiler als du.“, und das spornt an. Das geht auch nicht mehr so schnell weg. Wenn Hip Hop nicht mehr auf MTV und auf Viva läuft, dann machen wir unsere eigenen Zeitungen und drehen unsere Videos mit unseren kleinen Digicams, die wir uns dann alle leisten können und bringen Videomagazine raus, oder was auch immer – es gibt eine dicke Basis, das ist das Wichtigste.“

Da stellt sich die Frage, was die Beginner denn so zuhause hören. Eißfeldt hat offensichtlich keine Angst, über den Tellerrand zu schauen, vielleicht auch ein Grund dafür, warum „Bambule so vielseitig klingt: „Ich höre mir superviel verschiedene Sachen an. Momentan, wenn ich aufräume oder abwasche – für mich ist Musik immer was Anspornendes – läuft ‚The Verve‘. „Urban Hymn“ ist meiner Meinung nach die Platte des Jahres. Da flash ich voll drauf.“ Im letzten Jahr haben einige Godfathers of Hip Hop mit neuen Releases auf sich aufmerksam gemacht. Wie sieht’s damit wohl aus? „Die Pete Rock LP („Soul Survivor, siehe gap Dezember 1998) ist die einzige Rap-LP dieses halben Jahres, die ich mir immer reinpfeife. Es gibt einfach zuviel, was nicht cool ist.“ Leo hat da so seine sprachlichen Schwierigkeiten: „Bei mir ist das Problem, daß ich englische Texte nicht gut genug verstehe. Ich muß mal wieder, was heißt mal wieder, ich muß überhaupt mal ins Ghetto chillen, zurück zu meinen Homies (allgemeines Gelächter). Dadurch hab ich einen höheren musikalischen Anspruch an Songs. Supergeiler Rap reicht nicht, das gewisse etwas kommt bei mir mehr über die Musik als über die Raps rüber. Deshalb machen wir’s auch anders und legen sehr viel Wert auf die Beats.“ Dieser babylonischen Verwirrung gewinnt Eißfeldt durchaus ihre positiven Seiten ab: „Im Prinzip können wir unserer eigenen Unbildung dankbar sein. Jetzt, wo du das sagst, fällt’s mir wie Augen von den Schuppen: Sam (Sammy Deluxe von Dynamite Deluxe) kann sehr gut Englisch, und der kommt immer mit den Sachen an und sagt, hör dir das an, das ist das Derbste. Dann denk ich mir manchmal, ja, vielleicht, aber der Beat ist Scheiße.“

Für Verwirrung sorgen die Beginner auch durch das Fehlen eines Produzenten:“Im Prinzip machen wir alle die Beats, bei dem Album hat sich’s halt so ergeben, daß ich ein bißchen mehr gemacht hab‘,“ so Eisfeldt, „Produzent heißt ja eigentlich nicht Beatmacher wie im Hip Hop. Mit Matthias Arfmann arbeiten wir seit unserem ersten Song zusammen. Wir bauen die Tracks zuhause und die endgültigen Versionen machen wir dann mit ihm im Studio. Er hat in der ganzen Zeit genau wie wir superviel gelernt, und jetzt haben wir eine Art der Zusammenarbeit, die unseren ganz eigenen Style ermöglicht. Insofern ist er eine Art ursprünglicher Rockproduzent, weil er mit den Beginnern ins Studio geht, um ein Album aufzunehmen. Und er achtet darauf, daß sich irgendwie ein roter Faden durchzieht und nicht jeder Song anders klingt. Aber die Songs basteln wir komplett selber.“
Man darf gespannt sein, wie’s 1999 weitergeht. Wenn sich die Beginner an ihr eigenes Motto halten, kann wohl nichts schiefgehen: „Sage nicht immer, was du weißt, aber wisse immer, was du sagst.“ So sei’s.

Eißfeldt’s drei goldene Regeln für Nachwuchsrapper

  1. Macht nie, nie, nie den Fehler, etwas zu früh rauszubringen, so daß euch die Platte, wenn ihr sie in den Händen haltet, vielleicht schon gar nicht mehr gefällt. Das umgeht man, indem man alle Tracks, die man macht, von Anfang an wegschließt und nach vier Wochen, nein, nach zwei Monaten, wieder rausholt. Wenn sie einem dann immer noch gefallen, zeigt man sie seinen Freunden, und zwar nicht nur denen, die das sowieso geil finden, weil man in ihrem Freundeskreis der einzige ist, der Rap macht, und sie keine Ahnung haben, sondern Leuten, auf deren Meinung man Wert legen kann und die ehrliches Feedback geben. Und man kann generell sagen, daß einem nach zwei Monaten nie irgendwas gefällt, aber irgendwann wird das der Fall sein.
  2. Zweitens sollte man, finde ich, erst mal was auf Indie-Basis rausbringen, damit man alles von Grund auf kennenlernt, und nicht auf einmal in einem riesengroßen, anonymen Apparat ist und aus eigenem Unwissen. in irgendwelche Wege geleitet wird, die man eigentlich gar nicht will. Reicht auch, wenn man nur zwei, drei Maxis macht.
  3. Dritte Sache: Beim Beatmachen nie denken, daß viel Kohle und fette Geräte bedeuten, daß man auf einen Knopf drückt und der derbe Beat ist fertig. Man sollte sich alles zusammensparen, ein Gerät kaufen und ganz klein anfangen, bis man dieses Gerät voll ausgereizt hat, und dann erst das nächste kaufen, und dieses genau kennenlernen, und sich nicht alles auf einmal zulegen. Nur so kann man das von der Basis an checken, und Hip Hop passiert von der Basis aus.

Beginner-Diskographie

  • 1992 „K.E.I.N.E.“ Mit dem Track auf dem „Kill the Nation with a Groove“ Sampler, der im selben Jahr auf Buback Tonträger erschien, stellen sich die Beginner erstmalig vor.
  • 1993 erscheint ihre 4-Track EP „Gotting“. (Buback Tonträger)
  • 1993 steuern sie zum Yo Mama Sampler den Track „Diese Schlacht“ bei.
  • 1994 sind sie mit anderen Rappern auf dem All-Star Track „Die Klasse von ’94“ auf der LP „Move“ von Main Concept vertreten.
  • 1994 haben sie die 3-Track EP „Ill Stylez“ fertiggestellt. (Buback Tonträger)
  • 1996 folgt ihr Beitrag zur Compilation „Das Gelbe vom Ei“ mit dem Titel „Rock das Haus“. (Warner)
  • 1996 wird’s auch Zeit für die dritte EP „Natural Born Chillas“ mit wiederum 3 Tracks. (Buback Tonträger)
  • 1996 steht ebenfalls das erste Album mit dem Titel „Flashnizm (Stylopath)“ in den Läden.
  • 1998 bringt Universal die erste Major-Single „Rock On“ heraus.
  • 1998 folgt die Single „Liebes Lied“ als zweite Auskopplung mit Remix von DJ DSL.
  • 1998 erscheint das zweite Album „Bambule“, wie die beiden Singleauskopplungen auf Universal.
0 comments