FilmKritik: Rize

Regie: David LaChapelle Kamera: Morgan Susser, Michael Totten Schnitt: Fernando Villena Musik: Amy Marie Beauchamp, Jose Cancela Produktion: David LaChapelle, Marc Hawker, Ellen Jacobson Darsteller: Lil C, Tommy the Clown, Dragon, Tight Eyez, La Nina, Miss Prissy Verleih: Sony Pictures
Homepage: rizemovie.com

erschienen im Ray Kinomagazin 2006

„If you look like a bozo having spams, you’re doing it right.“ Diese Beschreibung scheint dem derzeit heißesten Tanzphänomen von Los Angeles kein besonders erfreuliches ästhetisches Zeugnis auszustellen. Doch der lakonische Satz stammt vom Erfinder des Clowning, und Tommy the Clown kennt die alte Hip Hop Weisheit: trau lieber dem Rhythmus, denn Worte täuschen.

In David LaChapelle, einem der berühmtesten Fotografen der Gegenwart, fand die Clowning und Krumping Community den kongenialen Portraitmaler oder richtiger -filmer ihrer Szene. Der Amerikaner gilt als einer der bedeutendsten Fotografen der Gegenwart, stellte sein Talent zur Inszenierung von Sein und schönem Sein jedoch schon häufig und erfolgreich in den Dienst der MTV-Generation: mit seinen extravaganten Musikvideos unter anderem für Moby, Christina Aguilera und Jenny Lopez haben seine ersten Bewegtbilder in Spielfilmlänge allerdings bloß die handwerkliche Stilsicherheit gemeinsam: LaChapelle tritt dezent hinter seine Protagonisten zurück und lässt diese selbst die noch junge Geschichte ihrer urbanen Kunstform schreiben.

Einen beträchtlichen Teil seiner erzählerischen Dynamik verdankt „Rize“ den vergleichsweise minimalisitschen Produktionsbedingungen: LaChapelle beschränkte bei den Außendrehs die Teamgröße auf maximal fünf Personen. Dokumentarisch karg bleiben visuell freilich nur die Interviewszenen mit den Protagonisten: die bunt-dynamischen Tanzsequenzen geraten zum furiosen Feuerwerk der beiden derzeit innovativsten Hip Hop Tanzstile: vereinzelte Moves wie beim Breakdance, zuckend-rasante Bewegungen, eingestreute Wall-Walks und dergleichen lassen die Choreografien in ihrer Gesamtheit stellenweise geradezu surreal erscheinen. Von der Notwendigkeit des anfangs eingeblendeten Hinweises, dass nichts beschleunigt wurde, überzeugen bereits die einleitenden Tanzszenen.

An der nahtlos die Tradition des Signifying fortsetzenden Strategie des Clowning und Krumping werden Hip Hop Analysten aus dem Cultural Studies Umfeld noch ihre helle Freude haben. Der akademischen Deutung greift LaChapelle mit eingestreutem Originalmaterial wie Riefenstahls Nuba-Footage bereits im Film vor – die Ähnlichkeit von Bewegung und „Kriegsbemalung“ wurde den Protagonisten erst bei der gemeinsamen Erstsichtung des fertigen Films am Sundance Festival bewusst. Die Tänzer selbst verstehen ihre Kultur als positiven Gegenentwurf zu gängigen Hip Hop Klischees: die Rückeroberung der von Stephen King so rufgeschädigten Clownmetapher als Gegenstrategie zu Gang Mentality und Glorifizierung der allgegenwärtigen Waffengewalt inszeniert „Rize“ als bild- und beatgewaltige Tanzdoku, in der Choreographie, Sozialkritik und Humor eine erstaunlich harmonische Synthese eingehen.

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