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Über Fotografie als Übersetzungsspiel

In seinem aktuellen Essay „Produzieren und Prozessieren von Bildern“ schreibt der Kulturphilosoph Frank Hartmann eine Diskussion um die Fotografie fort, die den Abbildungscharakter des Bildes nachhaltig in Frage stellt. Der Essay bewegt sich in der Tradition von Walter Benjamin und Vilém Flusser, die in ihren Schriften stets auf die Spezifika technisch generierter Bilder hinwiesen – diese seien eben gerade keine Abbilder der Wirklichkeit, sondern wirken als Resultat ihrer technischen Bedingtheit konstitutiv und schaffen je spezifische Realitäten.

Kennzeichnend scheint jedenfalls der blinde Fleck des Menschen in der Wahrnehmung seiner eigenen Maschine: erst die Möglichkeit der Manipulation (zB eine Fotomontage) weckt Misstrauen gegenüber dem stummen Zeugen – dass eine zweidimensionale Abbildung auf einem wenige Zentimter großen Fotoprint etwa keineswegs so aussieht wie ihr Motiv, bleibt häufig systematisch ausgeblendet. Anekdotisch wird auf diese Tatsache häufig hingewiesen, wenn der unbedarfte, als unkultivierte Betrachter eines Fotos fragt, ob die abgebildeten Menschen denn wirklich nur wenige Zentimeter groß seien.

Also nicht erst die algorithmisch errechneten Bilder sind demnach in die Sphäre der Alternate Worlds zu verweisen – Fotografie und noch früher die Malerei generieren je spezifische Bildwelten und enthalten Möglichkeitshorizonte, deren Auslotung Künstler und Philosophen beschäftigt. In seinem Essay zeichnet Hartmann den Statuswandel der Fotografie vom „Zeugen der Wirklichkeit“ hin zu einem Techno-Bild-Generator nach und garniert diesen mit einigen hintergründigen Illustrationen:

[Die Unterscheidung zwischen fiktiven und realen Bilderbn] …ist aber nicht immer so klar, wie das nächste Beispiel zeigt: das Bild vom „Deep Field“ des Hubble Space Telescope. Zehn Tage lang hat das Weltraumteleskop einen winzigen Ausschnitt im All belichtet, einen Ausschnitt, der hart an der Grenze des Auflösungsvermögens des menschlichen Auges liegt. Und siehe da, das Bild ergab geschätzte 2000 Galaxien. Das Bild? Die 1996 veröffentlichte Fotografie war wiederum ein „processed image“, eine Computermontage von 276 Einzelaufnahmen, die immerhin die Astronomen zu neuer Schätzungen angeregt hat: so heißt es nun, das Universum bestehe nicht aus 10, sondern aus 50 Milliarden Galaxien (vgl. Panek 2004).

Die Druckfassung des Beitrags erschien kürzlich im Rundbrief Fotografie Vol. 13 (2006), No.3, S.17-20.

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