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Werbung verführt St. Marx

Gestern, am 10. Oktober 2006, traf sich die Fachgruppe Werbung und Marktkommunikationder Wirtschaftskammer Wien zur Jahresversammlung. Jeder Inhaber eines Gewerbescheins für Werbung ist stimmberechtigtes Mitglied der illustren Versammlung. Der formale Teil der Abend war indes recht bald abgehandelt. Was mich und einige andere KollegInnen an den Ort des Geschehens lockte, waren indes nicht nur die Formalia, sondern auch das Rahmenprogramm.

Media Quarter Marx

Die Fachgruppe Werbung Wien zählt übrigens rund 7.000 Mitglieder – eine beträchtliche Menge davon sind Ein-Mann bzw. Ein-Frau Betriebe. Natürlich hatten sich nicht alle tief ins Herz des 3. Bezirks gewagt: In St. Marx* errichtet das ZIT (Zentrum für Innovation und Technologie, gehört der Stadt Wien) gerade das sogenannte Media Quarter Marx. In bester Clustering-Tradition versucht man, Medienunternehmen die Betriebsansiedlung hier schmackhaft machen. Derzeit werken 12 Gesellschaften in der Maria-Jacobi-Gasse auf 2.200m2, geplant ist die Erschließung von weiteren 24.000 Quadratmetern. Hinter gar nicht so vorgehaltener Hand munkelt man von einem möglichen Umzug des ORF in die neue Reißbrett-Medienzentrale. An der technischen Ausstattung würd’s nicht scheitern, Zitat:

Das MEDIA QUARTER MARX verfügt im Bereich TV-Produktion sowohl über modernste Studioflächen, Grafik-, Ton- und Regie-Kapazitäten als auch über eine hervorragende Anbindung an das Glasfasernetz. Derzeit werden bereits täglich acht Stunden Live-TV-Programm produziert und abgewickelt. Mehr als an jedem anderen Standort in Österreich. (http://www.zit.co.at)

Die schnelle Netzanbindung erlaubt sogar die „Remote“-Produktion von Live TV; unter anderem werden hier auch Beiträge für die BR3 Space-Night produziert – und für 3Sat: dort kocht Donnerstag am Mitternacht immer der Silent Chef, aber dazu später mehr.

Von Neun Live zu Fonero

Christiane zu Salm, ehemalige MTV-Europe Geschäftsführerin, Gründerin des Gewinnspiel-Senders 9live und als Trendsetterin der Medienszene bekannt, stellte ihr neues Projekt vor: Fonero hat sich vorgenommen, unter Beteiligung von Usern ein weltweites WLAN (drahtloses Internet) aufzubauen. Anstatt selbst Milliarden für die Infrastruktur auszugeben, stellt jeder Teilnehmer seinen eigenen Anschluss anderen Foneros zur Verfügung – ein bestechendes Modell, das zu einer ernsthaften Bedrohung für die Roaming-Preismodelle der Mobilfunknetzbetreiber werden könnte. Doch ob sich mit der guten Idee auch Geld machen lässt, oder die sogenannten Web 2.0 Geschäftsmodelle möglicherweise eine neue Bubble-Economy kreieren, darüber war sich auch die Sprecherin selbst noch nicht ganz sicher. Jedenfalls beschwor ihre Rede paradigmatisch die Trendwende im Internet-Business: von der Bubble hin zu stabilen Wachstumsverhältnissen: mit Sicherheit eine der Zukunftshoffnungen der Branche.

Kochen ohne Reden

In seiner Sendung kocht der sympathische junge Wiener Patrick Müller, hinterlegt mit zur Uhrzeit passender Musik stets kommentarlos. Mengenangaben und die nötigsten Infos werden als Text-Insert eingeblendet, die Zubereitung steht ganz im Vordergrund und Fokus. Da ich selbst zur Fangemeinde des stummen Kochs gehöre, war ich gespannt auf die kulinarische Action. Definitv eine Besuch wert – vom im Gemüsefond gegarten Lachs über Fisolen mit Rindsfilet zu hervorragend on-point gekochten Gnocci gab’s keinerlei Kritikpunkte. Serviert wurde das Essen in kleinen Schälchen, eine Konzept, das dem tradionell umkämpften lästigen Buffet weit überlegen ist. Patrick Müller wurde übrigens nicht extra eingeflogen, er kocht jeden Tag im Media Quarter Restaurant – gute Nachrichten für zukünftige Mittagsbuffet-User.

Werbung sei nicht die Wurzel allen Übels in der Welt, so lautete die nicht wirklich überraschende Konsensmeinung auf der Fachgruppentagung. Gegen EU-weit andiskutierte Werbeverbote wurden Stimmen gesammelt, im übrigen stießen die Werber recht optimistisch auf’s kommende Jahr an.

*) Das Rätsel der Verbindung von Sankt und Marx beschäftigt nicht nur mich seit Jahren – Moderator Peter Resetarits wusste die Antwort: nicht Verehrung gegenüber dem großen Theoretiker des Kommunismus ist der Grund, sondern schlicht eine Kirche, die eigentlich St. Markus hieß, aber im Wienerischen Volksmund zu St. Marx verknappt wurde.

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