Die Kolumne #57 (November 2004)

Diesmal: Die Bewegfeder der Destillusion. Oder: nichts über die Bartvorlieben der österreichischen Frauen.

Anlässlich einer letzthin im Fernsehen wenig vehement geführten Debatte (allerdings war bei zwei debattierenden KatholikInnen auch wenig echte Reibungsflächee zu erwarten) erklärte der Dingsda, der Sprecher vom Krenn, der anderen Frau, warum auf jeden Fall unabhängig von wundersamen Krampfaderheilungen und dergleichen Kaiser Karl ein Seligzusprechender wäre: nämlich sei die Religion im Laufe dessen gesamten Lebens seine hauptsächliche…

 

…..BEWEGFEDER (!) gewesen. In neurotischen Zeiten wie diesen freut sich der Zweifler an der Psychoanalyse ja hüpfenden Herzens über jeden nicht-Freud’schen Versprechers. Zweifellos eine der relativen Hast geschuldete Wortneubildung aus den schönen Mehrsilbern (oder sagt man Mehrsilbingern? Oder Vielsilbigen?) „Beweggrund“ und „Triebfeder“, die ähnliches bezeichnen. Gleichsam also ein syntaktisch-ethymologisch verdichtetes Hendiadyoin – seines Zeichens oinkigste aller rhetorischen Stilfiguren, hat nix zu tun mit Mobilfunk. „Mord und Totschlag“ oder „dumm und deppat“ sind solche Hendiadyoins, zweiteres auch noch eine Alliteration, weil beide Wörter mit dem gleichen Anfangsbuchstaben beginnen. Man beachte, dass Bewegfeder nicht nur, wie bereits erwähnt ein verdichtetes Hendiadyoin darstellt, sondern auch ausschließlich mit dem Vokal „e“ auskommt und sich daher besonders für Sätze eignet wie: Wehe, wer elende Bewegfedern des Herzens verstellt – denn dem gelte stets jede erregende Quelle der frevelnden Seele wegen! „Vadammt, halt’s z’samm, Wappla, kannst ma sag’n, was’d hast?“ täte der Mundartdichter da schlagfertig antworten, aber Mundartdichterei saugt, deswegen nächstes Thema, denn die Bewegfeder ist ausgeleiert. (Bildlich sprich ich hier, nie niedlich!)

„Es hat sich ausgeleiert“ rührt vielleicht vom Leierspiel her, übrigens ein Instrument, dem, soweit ich mich erinnern kann, in the gap nur selten bis niemals Tribut gezollt oder Respekt geschuldet worden ist – und wir sind auch noch stolz drauf und tragen bei der nächsten Demo weithin sichtbare Transparente mit den Aufdrucken „Nur ein Underground Magazin kann es sich leisten, die Leier zu ignorieren!“ und „Das Leierspiel zählt nicht zu unseren Bewegfedern“ vor uns her und Bärte im Gesicht – deren Form die diesbezüglichen Vorlieben österreichischer Frauen, jüngst umfragetechnisch erhoben, vehement ignoriert. Dewegen werdet ihr, werte Leser, zumindest an dieser Stelle darüber im unklaren gelassen, ob die österreichische Damenwelt ihr entzückendes Antlitz nun lieber mit Schnauz-, Kinn- oder Wangenbärten ziert!

Anstelle dessen wendet sich der Aufsichtsrat dieser Kolumne lieber wichtigeren Agenden zu – 1. Tagesordnungspunkt: Bericht des des Chief Financial Officers. Bottom Line: Unterm Strich hat das letzte Jahr mal wieder nix gebracht. Nicht weniger ernüchternd die Powerpoint Präsentation des Chief of Research & Development: steigende Entwicklungskosten und statt wirtschaftlich verwertbarer Ideen bloß massig Patentrechtsverletzungen. Da kann der CEO nur froh sein, dass diese Kolumne von den vielen anderen Texten im Heft querfinanziert wird, sonst könnte sie nämlich schon längst zusperren, so schaut’s aus!

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