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Die Kolumne #69 (Juli 2006)

04.11.2006, geschrieben von , Keine Kommentare

Und hier noch die bis­her unter­schla­gene Nummer 69 — die erste in einer lan­gen, lan­gen Reihe von Reprints… n’joy!

Das .
Kanäle über­spre­chen, erflu­ten sich, ein Radio entblödet

Wie ver­bo­ten kann es sein, beim Autofahren so zu tun, als ob man tele­fo­niert? Die per­fekte sei nicht mehr als sol­cher erkenn­bar, schrieb Baudrillard. Und dies, noch bevor ent­spre­chende Gesetze in Öster­reich Un/Schul/ds/Kinder vor poten­ti­ell frei­hän­dig len­ken­den Mercedes-Gefühl-Fahrern (in der lin­ken Hand das Handy, mit der rech­ten das Navigationssystem bedie­nend) mus­ter­gül­tig schütz­ten.

Tante Brigitte mochte sich mei­ner Argumentation gar nicht anschlie­ßen. “Du wirst alt, mein Lieber. Mentale Durchlässigkeiten den Thesen Jeans gegen­über ist nicht unbe­dingt das erste, aber eines der letz­ten Zeichen der Hautalterung. Legst du nun deine jugend­li­che Revolutzerehre ab wie eine Mantel, der dich nicht mehr wärmt?“
“Ih wo,” repli­zierte ich, “warum sollte ich mir selbst die pop­kul­tu­relle Existenzgrundlage ent­zie­hen? Einige der Thesen Baudrillards zumin­dest ernst zu neh­men, halte ich für aus­ge­spro­chen schick — soll­test du mal ver­su­chen, das schärft das Profil zur Ablehnung des Rests unge­mein.“
“Pass nur auf, wel­che Malmots du wählst. Ist ja nicht so, dass wir hier in Öster­reich im Zeitalter der post­mo­der­nen Beliebigkeit leben — was unter­schiede denn noch das simu­lierte Telefonieren vom herz­haf­ten Abbeißen von der hei­ßen Wurst bei 130 auf der Westautobahn?“
Ein wun­der Punkt, und wenn ich hier so rüde unsere von mir quasi buch­sta­ben­ge­treu wider­ge­ge­be­nen Unterhaltung unter­bre­chen darf: muss man beim Autofahren eigent­lich beide Hände frei haben? Die Vernunft gebie­tet uni­sono im Chor mit Über­le­bens­wil­len und Nächstenliebe: ja, man sollte! Ich bezweifle aller­dings das Mitsingen des Gesetzes, wozu wäre sonst eine dediziert-dezidierte Telefonieregelung not­wän­dig gewor­den? Freilich kamen mir diese teuf­li­schen Gedanken erst spä­ter, und so ant­wor­tete ich:
“Akustische Fernpräsenz ver­trägt sich nun mal nicht über­mä­ßig gut mit Geschwindigkeit nahe der des Lichts. Paul Virilio hat doch ein­dring­lich bewie­sen oder zumin­dest be-argumentiert, dass der Klingler an der Haustür eigent­lich zuerst im sechs­ten Stock vor der Wohnungstür steht und dann unten läu­tet.“
Brigitte seufzte tief auf, wie immer, wenn sie mei­nen Tour de Forces durch die Synapsen nicht fol­gen konnte. Ich seufzte lau­ter und län­ger.
“Du denkst, ich könnte dir nicht fol­gen? Dabei ver­wech­selst du bloß schon wie­der Ursache mit Wirkung oder Lacan mit Virilio.“
Auf die­sem Minenfeld habe ich als nicht über­zeug­ter Froidianer nun wahr­lich nichts ver­lo­ren und beschloss daher, mich ele­gant zurück zu zie­hen.
“Was ich über die Psychologie weiß, hat mir der bunte Sonntagsteil der Kronenzeitung beige­bracht. Und da stand nichts über Lacan.“
In der Tat hege ich weni­ger stille als viel­mehr große Bewunderung für die Verfasser die­ser Tests. So viele Skyllen und Charibdäen* gilt es zu meis­tern: soll doch kei­nes­falls ein uner­wünsch­tes Testergebnis im völ­lig erschüt­ter­ten Probanden Depressionen oder schlim­me­res wecken! Eine Gratwanderung der gefähr­lichs­ten Sorte also, diese Fragen. Schon die Fragestellung ver­sucht stets, mög­lichst unten­den­zöis zu sein. (“Bin ich ein neid­haf­ter Gierschlund übels­ter Sorte?”) Die zuge­hö­ri­gen Fragen dür­fen einer­seits nicht zu durchschaubar(“Fressen Sie bei Buffets immer mög­lichst schnell, damit den ande­ren weni­ger übrig bleibt?”), müs­sen ande­rer­seits aller­dings durch­schau­bar genug sein (“Mögen Sie Winterreifen?”). Der Proband muss also einen Zusammenhang ver­mu­ten kön­nen zur Fragestellung, der darf aber weder zu direkt noch zu abstrus sein. Nur dann wird er den Testparcours mit der befrie­di­gen­den Über­zeu­gung ver­las­sen, etwas Altbekanntes über sich selbst gelernt zu haben, das er vor­her noch nicht wusste.

DANKSAGUNG

Ich danke der Wirtschaftskammer Wien für die Inspiration zu die­ser Kolumne. Ich habe wirk­lich sehr lachen müs­sen, als ich im online Fragebogen angab, dass “mein Unternehmen recht zufrie­den­stel­lend laufe”, “ich gerne mehr Freizeit hätte” etc.etc. und schließ­lich in der “Auswertung” so Über­ra­schen­des erfuh­ren durfte wie “Gratulation, ihr Untenehmen läuft recht zufrie­den­stel­lend. Doch sie hät­ten gern mehr Freizeit. etc.etc.” Der erste ehr­li­che Psychotest der Welt, Gratulation.

*) Ich glaube, ich bin der erste, der diese Eigennamen in einem pro­fes­sio­nel­len Durckerzeugnis im Plural ver­wen­det hat. Jeder hat halt mal das Bedürfnis, was zu schrei­ben, was noch kei­ner vor ihm geschrie­ben hat. Okay, ab jetzt fol­gen keine bösen Über­ra­schun­gen mehr.

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