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Die Kolumne #72 (Nov/Dez 2006)

28.11.2006, geschrieben von , Keine Kommentare

Ein gapheft (nicht “gafeft” lesen, son­dern gap-heft) erscheint noch im Dezember die­sen Jahres. Darin wird sich angeb­lich diese befin­den. Und im Jan/Feb nächs­ten Jahres fei­ern wir unser 10-Jahres-Jubiläum. Hier wie immer der Vorabdruck — n’joy!

Die Kolumne
Hitzewallungen im Spätherbst stüt­zen und stür­zen noch einen Klimawandel

Früher hieß das Viertel näm­lich Sackstadt, aber seit der Arenabesetzung hat sich ein­ge­bür­gert, das Attribut der Heiligkeit mit dem Theoriepatron des Kommunismus in ein Namensschild zu wer­fen — et voilá: St. Marx,” wollte mir neu­er­dings ein­re­den. Das konnte und musste ich so nicht ste­hen las­sen. Zumal Sackstadt St. Marx heißt, weil der ein­hei­mi­sche Kirchenschutzpatron, sei­ner Zeichens Heiliger Markus, gerne im Endlaut ver­schlif­fen wird. Die Bezeichnung des Ortsteil rekur­riert also durch­aus auf sakrale und nicht auf poli­ti­sche Gebäude.

Dennoch obsiegt stets die Neugier, obskure Information will ja bloß ver­brei­tet und frei sein, son­dern in unse­rer post-aufklärerischen Zeit bis an ihren simu­lier­ten Ursprung zurück­ver­folgt wer­den. “Hat dir das einer dei­ner Punk-Ex-Lover erzählt, als du noch…” “Hör auf zu tip­pen, das gehört hier nicht in die Kolumne. Nein, ich hab die­ses unge­prüfte Wissen von jeman­dem, der sich über 10 Ecken kennt. Dich übri­gens auch, und mich über neun.”

Wüsste ich nicht um Brigittchens Vorliebe für die rein digi­tale Auswahl ihrer Beischlafpartner, hätte ich natür­lich nicht sofort erra­ten, dass meine Tante über Plattformen sprach. (“Ich hab schon Businesskasperl auf Open BC getrof­fen, da wird’s feucht im Mund! Und stell dir erst­mal vor, diese gan­zen lecke­ren Asiaten via , völ­lig unvor­be­rei­tet auf Flirts mit Wiener Vamps! Wenn die doch end­lich den Button ‚alle gut­aus­se­hen­den Männer zu mei­ner Kontaktliste hin­zu­fü­gen’ ein­bauen würden…”)

Aller Affirmation zum trotz schie­nen mir die zehn Ecken den­noch über­trie­ben, zumal doch mit sei­ner Small World Theory behaup­tet, jeder Mensch auf die­ser unse­rer Erde kenne sich über sechs Ecken selbst. Oder jeder kenne alle sechs Ecken min­des­tens eines ande­ren Menschen, oder dass man min­des­tens sechs Menschen braucht, um eine Ecke zu über­que­ren. Derselbe Psychologe hat in einem noch viel berühm­te­ren Experiment spä­ter dann auch paar­weise elek­tri­sche Schläge an Teilnehmer aus­ge­teilt: und zwar solange, bis diese end­lich zuga­ben, sich über höchs­tens sechs Ecken zu ken­nen. Damit galt er als Wegbereiter der moder­nen Psychologie. Später dann konnte ein gewis­ser Freud zwar nach­wei­sen, dass die Stromkabel gar nicht rich­tig ange­schlos­sen und die meis­ten Teilnehmer des Experiments arbeits­lose Schauspieler waren, aber da hatte die Idee sich die Idee von der klei­nen Welt bereits nach­hal­tig im Kleinhirn aller PM-Leser und gap-Leserinnen festgefressen.

Jetzt hör end­lich auf mit dei­nen Sexecken,” unter­brach Brigitte abrupt, “diverse Erlösungslehren behaup­ten, dass sich die meis­ten Menschen näm­lich über­haupt gar nicht ken­nen. Da brin­gen die neuen Medien also schon unglaub­li­che Fortschritte in punkto Selbstkenntnis, auch wenn sie vor­wie­gend zur Hervorrufung und anschlie­ßen­den Befriedigung unse­rer ani­ma­li­schen Bedürfnisse miß­wen­det wer­den.” “Deine Scharmoyanz über­trifft ein­mal mehr den Gipfel des Vorstellbaren,” seufzte ich hin­ge­ris­sen. “Charme, ok. Aber Scham und Larmoyanz?” hakte (huk?) sie erfreut nach. “Dass du mir miss­bil­li­gen­des Reflexionsvermögen und ein bil­dungs­sprach­li­ches Lehnwort für sen­ti­men­tale Rührseligkeit zutraust, ehrt meine Weiblichkeit.”

Achtung, Vegetarier: Experten erwar­ten für das nächste Sommerloch den Gammeltofuskandal. Diverse asia­ti­sche und vege­ta­ri­sche Lokale pro­ben bereits für die große Welle der Empörung — nicht, dass ihr denkt, ihr kommt völ­lig unge­scho­ren davon!

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