Die Kolumne #64 (Oktober 2005)

Politischer Akribismus ist so von morgen! Fangquoten statt Walempfehlungen!

Lange hat diese Kolumne*** überlegt, ob sie eine Wahlempfehlung für die Wiener Gemeinderatswahlen abgeben soll – um sich dann im Beisl ums Eck der Folgefrage zu widmen: widerspräche diese dem Geist des liberalen Gastgeberblattes? Hat sich diese Kolumne jemals um Blattlinien geschert? Um Blutlinien, möglicherweise (DNA Extraktion beweist: Eichhörnchen stammen direkt von Urfischen ab!), aber doch nicht um Blattlininie? Schnell wurde klar, dass diese Frage sich ausschließlich „bei“ einer Knoblauchsuppe* lösen lassen ließe**.

Aber nach so vielen Fussnoten Zurückwechsel in die eigentlich Tonart: machte in den letzten beiden Issues der Tod die Musik, so musiziert diesmal das Brot gemeinsam mit Ursula Stenzel unter dem Motto:

Brot – so viel mehr als nur ein Grundnahrungsmittel

„Diese Fortbildungsseminare der Gesellschaft für progressive Aktmalerei können manchmal ganz schön anstrengend sein,“ seufzte Tante Brigitte. „Jenes jedoch, von dem ich, wie du weißt, vorgestern zurückgekommen bin, konnte einfach alles: Haushalt, Beruf, Familie, Autos, Sex, Motorräder und Internet in einem sechstündigen Vortrag zu einer Symphonie des integrierten Denkens zu vernetzen, dazu gehört schon mindestens ein jahrelang erfahrener Teleshopping Verkäufer!“ Nun doch neugierig geworden, musste ich näheres wissen. „Sag an, worüber seminierte dieser Adonis der Bühnenbretter?“
„Nebst äußerst ungewöhnlichen Techniken zur Verbesserung der eigenen Rückgratbeweglichkeit lobte er die Reinigungskraft des Brotes über alle Maßen – zur schmutzabweisenden Imprägnierung von Haushaltsglasflächen ebenso wie zum Entfernen festsitzender Insektenreste vom Kühlergrill!“ „Bodenfeuchtreinigung?“ wagte ich einzuwerfen. „Trockenreinigung, natürlich. Für Naturholzböden empfahl man uns Vollkornbrot, es pflege die Oberfläche.“

***

Der Vorwurf des Monats: Johannes Hahn hat meinen Welcome Sound kaputt gemacht. Zumal in Zeiten der eiweißen Knopfhörer ghettoblasterndes Aufdrängen der eigenen Geschmacksverwirrung ganz der individuellen kulturellen Fehlleistung wich, bieten erstgenannte „Welcome Sounds“, die der Angerufene vorgibt und die subsequent der Anrufende anstatt des Freizeichens hören muss, dem manischen Missionierer sein letztes Bollwerk. Einfühlsam und geschmackssicher ließ ich Saint Privat in Form von „Bach en Dub“ zwei Welten vereinen, und was tut Johannes Hahn? Er und sein „junges Team****“ kapern den Song für den Wienwahl TV-Spot, während ich, der schon längst wieder vergaß, dass er sich dereinst für Welcome Sounds interessierte, von anrufenden Pimps und Plattenverlegern gefragt werde, ob ich denn Wahlwerbungstantiemen von jenen Wiener Schwarzen, die keinen Dancehall mögen, entgegen nehme. Selbst die Eselsbrücke Hahn – Morgen – Sunshine – Reggae konnte mich nicht mehr am eigenen Schopf aus der Patsche ziehen, und so blieb selbst mir, dem anscheinend letzten verbliebenen respektlosen österreichischem Printsatiriker, zähneknirschend vor der Perfidie unseres Politsystems zu kapitulieren.

Deshalb vergesse ich die Politik und widme mich ab sofort der guten RETROSEXUALITÄT, die laut gewöhnlich ungut informierenden Frauenzeitschriften ihre Vorgängerin, die Metrosexualität, ablöst. Dieser Begriff musste einmal in dieser neoliberalen Postille einmal fallen, darum will ich der Leserschaft die erste Strophe des kommenden Superhits der the gap allstars an dieser Stelle auch nicht vorenthalten:

Das Aufspüren von Trends /
gehört zum Neoliberalismus /
wie Nasenbären auf Dattelbäume /
Wir bleiben unseren -ismen treu /
Und errichten weiter metaphorische Elektrozäune.


* Deutlich zeigt sich das Vollsein des einen Glas‘ „mit“ Knoblauchsuppe am Ergebnis der deutschen Bundestagswahl: Merkelchen wie Schröderillo oder im roten Fall Müntefering, der portugiesisch-protestantische Wanderprediger, sahen ihre jeweiligen Gesinnungsgemeinschaften als die fast eindeutigen Sieger besagter Urnenschlacht. Selbiges bewog diese Kolumne letztendlich zum Verzicht auf Wahlempfehlung.

** Knoblauchsuppe kommt hier mehr metaphorisch rüber denn als Lebensmittel; keineswegs jedenfalls will diese Kolumne in den Gefilden der hochgeschätzen Kollegin Hummel wildern – es wird zwar ab jetzt Brot das Thema sein, nicht jedoch primär in kulinarischen Kontexten!

*** Jeder muss sich mal an der Nase nehmen, so auch diese Kolumne: zu recht beeinspruchte eine aufmerksame LeserIn, dass „priestern“ sehr wohl ein Verb sei, ohne einen konkreten Beweis zu erbringen.

**** Ursula Stenzel forderte die Einstellung aller Unkulturaktivitäten (Punschstände, Open Air Veranstaltungen in Parks, das ÖVP-Stadtfest etc…) im ersten Bezirk und konnte somit als einzige die Kernmessage derr Jugendlichkeit des Teams in schmerzlicher Glaubwürdigkeit transportieren.

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