Die Kolumne #65 (Dezember 2005)

Der Zeitgeist. Ein faltbarer Post-Weihnachtsdialog über die feuchteste Zeit im Jahr.

„Wie sieht dieser Zeitgeist denn aus, frage ich mich?“ frug sich ein Diskutant neulich im ORF an einer der vielen Stellvertreterkriegsfronten des Konflikts Liberalisierung vs. vermutete verminderte Lebensqualität – recht haben Sie geraten, spitzfindiger Leser: es ging um Geschäfte-offen-am-Sonntag-oder-nicht. Da ich persönlich zwar einerseits diese Kolumne meist am Tag des Herrn schreibe, mir also die Selbstausbeutung wider Sein Gesetz alles andere als fremd ist, andererseits aber die spezifisch sonntägliche Gewissheit, dass alle Einkaufszentren zugesperrt sind/haben*, für das Schreiben selbiger Kolumne zur unabdingbaren Voraussetzung ward, finde ich mich wie meist in einer rückgekoppelten Zwickmühle der Entscheidungsfindungsunmöglichkeit und tue als willenloser, quasi programmgesteuerter Roboter dann das, was die entsprechende then Verzweigung der*** if Schleife vorschreibt.

Nach dem dritten Klingen hob Tante Brigitte schließlich auch ab und zeigte sich erstmal erstaunt über die ungewöhnliche Uhrzeit meines Anrufs. „Wie sieht deiner Meinung nach der Zeitgeist aus? So eine Art semi-transparenter MTV-Moderator mit Baseballcap mit unverbogen-geradem Dämlack-Schild, so wie’s gerade Hype ist?“ „Den Zeitgeist musst du lokal begreifen, in Holland trägt er zweifellos Holzpantoffeln und ist die ganze Zeit so bekifft, dass sich, zeitgeistig gesehen, im Prinzip kaum jemals was ändert. Den österreichischen stell ich mir eher so vor wie eine semitransparente ORF-Kulturmoderatorin mit der Frisur Hansi Hinterseers.“ „Na komm, nur weil DJ Ötzi ähnliche Synths verwendet wie Pendulum****,“ aber weiter kam ich nicht. „Nein, vergiss, was ich gesagt habe. Zu luftig. Der österreichische Zeitgeist sportet erdigere Styles, fällt mir ein, jetzt wo du Ötzi sagst. Erdigkeit und Widersprüche sozusagen, ORF Kulturmoderatorinnen haben etwas flattriges, und wie jeder Vogelfänger weiß, sind Vögel die unwidersprochensten Kreaturen zwischen Himmel und Erde.“ „Also Richard Lugner mit Bocksfuss und Heiligenschein? Oder Hardcore Strache mit Kopftuch?“ „Da Arnold Schwarzenegger seiner Heimatstadt verboten hat, mit seinem Namen zu werben, vermutlich ja. Der Grazer Bürgermeister kann ja auch leicht Kritik üben: immerhin datiert das letzte Todesurteil durch Ertrinken im Kernölkessel bis ins Mittelalter zurück. Warum gerade die steirische ÖVP allerdings Arnolds terminatorhaften Umgang mit Gnadengesuchen zu rechtfertigen versucht, weiß nur der Weihnachtsmann.“ Ich begann mich endlich etwas adventlicher zu fühlen: „Mit Asozialen-Abstandhaltern in Sperrkettenform, die Punks effektiv davon abhalten, in den Blumenkübeln am Hauptplatz zu übernachten, erntet man eben schneller Zustimmung bei der Bevölkerung!“ „Zu wahr! Doch so gern ich mich weiter mit dir unterhielte – ich muss mich um die Reste meines Neujahrs-Devonitonalien Verkaufs kümmern. Wie du ja selbst am besten weißt, waren Marzipan-Schweinchen in ausgesprochen anstößigen Positionen heuer nicht wirklich das Must-Have zum Jahreswechsel. Und es wird eine kein Zuckerlecken, die 20.000 Pärchen zu anständigen, gottesfürchtigen Osterhasen umzukneten.“

In diesem Sinne, lieber LeserInnenSchaft, ein herzliches Dankeschön für die vielen Bargeldzusendungen und eine Ankündigung in eigener Sache: 2005 ist laut Trendforschern des Hoax Instituts so out, dass die Redaktionskonferenz beschlossen hat, so zu tun, als wäre schon 2006. Die Kolumne schließt sich dem an. Falls rund um Sie sonst auch 2006 ist, dann waren es einmal die anderen, die unserer Spürnase für den Geist der Zeit gefolgt sind und jetzt versuchen, den Jahreswechsel als ihre eigene Idee auszugeben. Aber wir wissen, dass Sie darauf nicht reinfallen, denn durch gezielt strategisch platzierte Bundesheerwerbungen haben wir unsere Leserschaft schon längst gegen die subtilen Manipulationsmechanismen unserer hochvernetzten Mediengesellschaft immunisiert. In diesem Sinne – Prosit!


* Das Binnen-I ist seit GrünspitzenpolitikerInnen das Wahlniederlagengetränk ihrer Wahl Dopplerin** nennen, sooooo 90ies – wir splitten jetzt West-/Ostösterreichisch, wie seinerzeit Berlin. Zugesperrt haben wär also als Tiroler meine native Ausdrucksweise, auch wenn meine grammatikalische Spät-Sozialisation mir anderes zu vermitteln sucht.

** Ja, verdammt – bevor ich mich im nachhinein rechtfertigen muss: der ist geklaut von dem witzigen Profil-Autor, der diese fiktiven Dialoge zwischen PolitikerInnen satiriert. Wir könnten aber genauso gut auch zufällig die selbe Idee gehabt haben. Wer kann das im Copy-Paste-Zeitalter schon noch so genau sagen?

*** genetivus possesivus: die Verzweigung der if-Schleife ist gemeint und nicht, dass die if-Schleife der Verzeweigung etwas vorschreibt, obwohl Lacan ja das Vorausgehen des Symptoms der Ursache postulierte.

**** Der dagegen ist geklauft von drumandbass.at, er wäre mir so vermutlich nicht eingefallen, was den Wahrheitsgehalt der Aussage indes keinesfalls schmälert.

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