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Kolumne #63 (August 2005)

01.12.2006, geschrieben von , Keine Kommentare

Diesmal: Wurst — Evolution — Hilflosigkeit

Würste ver­schie­dens­ter Art und von dif­fe­ren­tem Naturell hät­ten längst Thema eines die­ser ver­ba­len Ausritte sein sol­len. Nicht oft genug kann in jenen Zeiten des laten­ten Amerikahasses die sprach­li­che Gemeinsamkeit des gefüll­ten Kalbsdarms pazi­fis­ti­sche Mordlust über­tün­chen: Wurst bleibt Wurst und klingt angli­ka­nisch dann gleich wie worst, wäh­rend wir immer schon ver­mu­te­ten, dass nur der Fleischer weiß, was in der Wurst ist — WorstCase-Szenarien also schon wie­der allent­hal­ben statt nur beim Würstler um die Ecke. Einmal fand ich ein lega­les, aber mög­li­cher­weise let­ha­les Rezept, wel­ches als Zutat die Füllung einer Wurst benö­tigt, seit­dem weiß ich, dass auch die­ses Unaussprechliche einen Namen trägt — aber die Gnade einer frü­hen Geburt hat mir das Vergessen zuteil wer­den las­sen. Im Vergessen bestünde ja auch die eigent­li­che Leistung des mensch­li­chen Gehirns, das müsse der Computer erst ler­nen, schrieb irgend­wann irgendwo der stets zitier­fä­hige Hartmut Winkler.

stimmte mir und dem Kollegen Winkler da kei­nes­wegs zu: stän­dig ver­gäße ihr Rechner irgend­was. “Außerdem weiß doch jedes Kind, dass man selbst gebrannte CDs in längs­tens 10, DVDs wahr­schein­lich in 5 – 6 Jahren kaum mehr lesen wird kön­nen,” erklärte sie wei­ter, “denn anders als maschi­nell her­ge­stellte Silberscheiben ent­hal­ten die brenn­ba­ren einen orga­ni­schen Farbstoff: Wird er mit ener­gie­rei­chen Laserstrahlen beschos­sen, zer­fällt die Farbe, so ent­ste­hen beim so genann­ten “Brennen” die Pits — Einbuchtungen — auf der CD-Oberfläche, ihrer­seits wie­derum phy­si­ka­li­sche Grundlage der Bits und Bytes, also der eigent­li­chen Daten. Und orga­ni­sches Material ver­dirbt, ver­rot­tet.“
“So löst sich die ganze Download-Problematik also von allein? Die Kids sind zu gei­zig für Streamerlaufwerke, und wenn die Majors in 10 Jahren das unter Kontrolle gebracht haben, sind alle gebrann­ten CDs zu Staub zer­fal­len, oder wie?”, wollte ich wis­sen — einer­seits erstaunt über die Vehemenz der vor­ge­tra­ge­nen Beobachtung, die ich von einer haupt­be­ruf­li­chen Aktmalerin so nicht erwar­tet hätte, ande­rer­seits noch ver­blüff­ter über Tantchens detail­lier­tes Technikwissen. “Miteingebautes Vergessen sozu­sa­gen, it’s not a bug, it’s a fea­ture. Wer archi­viert schon –Files auf Mikrofilm? Oder mei­ßelt Bits oder Pits in Steinwände? Immerhin hat sich her­aus­ge­stellt, dass Medien für die sich weder auf magne­ti­sche noch orga­ni­sche Speichermaterialien ver­las­sen soll­ten. Du kennst doch das Gesetz der Entropie, und das ist hier gewal­tig am Werken.“
“Steinwände gegen Entropie also? Am bes­ten Natursteinwände in geschütz­ten Höhlenmassiven aus mas­si­vem Quarz, wie? Aber wer will schon diverse Steinplatten zusam­men mit sei­nem trag­ba­ren MP3-Player mit sich her­um­schlep­pen?” “Ich bin jeden­falls eine Woman at Work und trag seit der letz­ten Hornbach-Kampagne Stechahle und Beitlfeitl immer in mei­ner Handtasche!“
Nun konnte ich meine Neugier nicht mehr zügeln und musste nach­fra­gen: “Brigitte, woher die plötz­li­che Affinität zur Muse der Techné? Woher dein Tech-Sprech neu­er­dings?“
“Ach komm mir doch nicht mit die­ser Muse, die hat ja bloß für sei­nen Text “Draculas Vermächtnis” erfun­den. Das hat alles prag­ma­ti­sche Gründe: Ich bin bloß umge­zo­gen und musste einige klei­nere Zwischenwände in mei­nem neuen Luxusappartement hoch­zie­hen — was fang ich mit einem ein­zi­gen 800m2-Raum schon groß an? Noch dazu, wenn dort stän­dig befreun­dete Aktmaler und –modelle über­nach­ten? Und wäh­rend der Putz trock­nete, bin ich ein biss­chen im Internet gesurft, haupt­säch­lich auf www.medianexus.net.“
“Und des­we­gen kennst du dich jetzt so gut mit Heimwerken UND digi­ta­len Medien aus?” Brigitte mus­terte mich, halb belus­tigt, halb gelang­weilt: “Du merkst auch alles. Aber schreib mal deine fer­tig, bevor du rumsurfst. Der Abgabetermin sitzt dir im Nacken wie ein gefrä­ßi­ger Dackelrüde, und für mich wird’s höchste Zeit, mein neues Atelier einzuweihen.”

Apropos Weihen: Nachtrag zum vom letz­ten Mal

Erst als ich die Kolumne geschrie­ben hatte, fiel mir die Broschüre, die Wolfgang, der gerade den ers­ten Band sei­ner sie­ben­bän­di­gen “Geschichte der Gewalt” ver­öf­fent­lichte, aus der Tschechei mit­ge­bracht hat, plötz­lich wie Schuppen von den Augen: Ein Memento Mori, das größte Mitteleuropas, zeigt sie: eine Kirche, kom­plett aus­ge­stat­tet mit allem, was rein­ge­hört: von der Predigtkanzel über den Altar bis zu diver­sen Verzierungen. Anders als daheim im Dorf fer­tig­ten die bes­ten tsche­chi­schen Leichenschnitzer die Innenausstattung frei­lich nicht aus ver­gol­de­tem Hartholz, son­dern aus den Skeletten von rund 20.000 (!) Toten: die klei­ne­ren run­den Schädel waren also mal echte Kinderköpfe. Alle Knochen polier­ten die flei­ßi­gen Baumeister auf Hochglanz — zeit­weise scheint diese Methode des Vanitas-Generierens sich bei unse­ren kirch­li­chen Bauvätern gro­ßer Beliebtheit erfreut zu haben.

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