Kolumne #63 (August 2005)

Diesmal: Wurst – Evolution – Hilflosigkeit

Würste verschiedenster Art und von differentem Naturell hätten längst Thema eines dieser verbalen Ausritte sein sollen. Nicht oft genug kann in jenen Zeiten des latenten Amerikahasses die sprachliche Gemeinsamkeit des gefüllten Kalbsdarms pazifistische Mordlust übertünchen: Wurst bleibt Wurst und klingt anglikanisch dann gleich wie worst, während wir immer schon vermuteten, dass nur der Fleischer weiß, was in der Wurst ist – WorstCase-Szenarien also schon wieder allenthalben statt nur beim Würstler um die Ecke. Einmal fand ich ein legales, aber möglicherweise lethales Rezept, welches als Zutat die Füllung einer Wurst benötigt, seitdem weiß ich, dass auch dieses Unaussprechliche einen Namen trägt – aber die Gnade einer frühen Geburt hat mir das Vergessen zuteil werden lassen. Im Vergessen bestünde ja auch die eigentliche Leistung des menschlichen Gehirns, das müsse der Computer erst lernen, schrieb irgendwann irgendwo der stets zitierfähige Hartmut Winkler.

Tante Brigitte stimmte mir und dem Kollegen Winkler da keineswegs zu: ständig vergäße ihr Rechner irgendwas. „Außerdem weiß doch jedes Kind, dass man selbst gebrannte CDs in längstens 10, DVDs wahrscheinlich in 5-6 Jahren kaum mehr lesen wird können,“ erklärte sie weiter, „denn anders als maschinell hergestellte Silberscheiben enthalten die brennbaren einen organischen Farbstoff: Wird er mit energiereichen Laserstrahlen beschossen, zerfällt die Farbe, so entstehen beim so genannten „Brennen“ die Pits – Einbuchtungen – auf der CD-Oberfläche, ihrerseits wiederum physikalische Grundlage der Bits und Bytes, also der eigentlichen Daten. Und organisches Material verdirbt, verrottet.“
„So löst sich die ganze Download-Problematik also von allein? Die Kids sind zu geizig für Streamerlaufwerke, und wenn die Majors in 10 Jahren das Internet unter Kontrolle gebracht haben, sind alle gebrannten CDs zu Staub zerfallen, oder wie?“, wollte ich wissen – einerseits erstaunt über die Vehemenz der vorgetragenen Beobachtung, die ich von einer hauptberuflichen Aktmalerin so nicht erwartet hätte, andererseits noch verblüffter über Tantchens detailliertes Technikwissen. „Miteingebautes Vergessen sozusagen, it’s not a bug, it’s a feature. Wer archiviert schon MP3-Files auf Mikrofilm? Oder meißelt Bits oder Pits in Steinwände? Immerhin hat sich herausgestellt, dass Medien für die Ewigkeit sich weder auf magnetische noch organische Speichermaterialien verlassen sollten. Du kennst doch das Gesetz der Entropie, und das ist hier gewaltig am Werken.“
„Steinwände gegen Entropie also? Am besten Natursteinwände in geschützten Höhlenmassiven aus massivem Quarz, wie? Aber wer will schon diverse Steinplatten zusammen mit seinem tragbaren MP3-Player mit sich herumschleppen?“ „Ich bin jedenfalls eine Woman at Work und trag seit der letzten Hornbach-Kampagne Stechahle und Beitlfeitl immer in meiner Handtasche!“
Nun konnte ich meine Neugier nicht mehr zügeln und musste nachfragen: „Brigitte, woher die plötzliche Affinität zur Muse der Techné? Woher dein Tech-Sprech neuerdings?“
„Ach komm mir doch nicht mit dieser Muse, die hat ja bloß Friedrich Kittler für seinen Text „Draculas Vermächtnis“ erfunden. Das hat alles pragmatische Gründe: Ich bin bloß umgezogen und musste einige kleinere Zwischenwände in meinem neuen Luxusappartement hochziehen – was fang ich mit einem einzigen 800m2-Raum schon groß an? Noch dazu, wenn dort ständig befreundete Aktmaler und -modelle übernachten? Und während der Putz trocknete, bin ich ein bisschen im Internet gesurft, hauptsächlich auf www.medianexus.net.“
„Und deswegen kennst du dich jetzt so gut mit Heimwerken UND digitalen Medien aus?“ Brigitte musterte mich, halb belustigt, halb gelangweilt: „Du merkst auch alles. Aber schreib mal deine Kolumne fertig, bevor du rumsurfst. Der Abgabetermin sitzt dir im Nacken wie ein gefräßiger Dackelrüde, und für mich wird’s höchste Zeit, mein neues Atelier einzuweihen.“

Apropos Weihen: Nachtrag zum Tod vom letzten Mal

Erst als ich die Kolumne geschrieben hatte, fiel mir die Broschüre, die Wolfgang, der gerade den ersten Band seiner siebenbändigen „Geschichte der Gewalt“ veröffentlichte, aus der Tschechei mitgebracht hat, plötzlich wie Schuppen von den Augen: Ein Memento Mori, das größte Mitteleuropas, zeigt sie: eine Kirche, komplett ausgestattet mit allem, was reingehört: von der Predigtkanzel über den Altar bis zu diversen Verzierungen. Anders als daheim im Dorf fertigten die besten tschechischen Leichenschnitzer die Innenausstattung freilich nicht aus vergoldetem Hartholz, sondern aus den Skeletten von rund 20.000 (!) Toten: die kleineren runden Schädel waren also mal echte Kinderköpfe. Alle Knochen polierten die fleißigen Baumeister auf Hochglanz – zeitweise scheint diese Methode des Vanitas-Generierens sich bei unseren kirchlichen Bauvätern großer Beliebtheit erfreut zu haben.

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