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CD-Review + Interview: Angina P — 8 Rooms

23.01.2007, geschrieben von Ritchie Blogfried Pettauer, Keine Kommentare

Angina PWenn Online-Medien über ’s Tracks schrei­ben, dann tau­chen sehr rasch Formulierungen wie “Diamant in der Asche” oder “Wonderfully Crafted Ambient-DNB-Techno” auf. In der loka­len öster­rei­chi­schen Szene nur durch Auftritte auf Elektronikfestivals der ambi­tio­nier­te­ren Art bekannt (temp~festival), hielt sich die Wienerin von raven­den Dancefloors ele­gant fern, ihre zwi­schen Industrial, Breaks und IDM ange­sie­del­ten Tracks ver­öf­fent­lichte sie jah­re­lang aus­schließ­lich via Internet. In der Blütezeit MP3.coms lan­de­ten ihre Produktionen auf tau­sen­den Rechnern welt­weit und kata­pul­tier­ten fast jeden neuen Release in den MP3.com-Charts weit nach oben.

Wären inter­na­tio­nale Downloadzahlen Ö3-Chart-kompatibel, hätte es für die bis­lang erfolg­reichste Single “Tokyo 6pm”, die im Anschluss an einen ein­jäh­ri­gen Japanaufenthalt ent­stand, gleich mehr­fach Gold und Platin gereg­net. Mit der Veröffentlichung ihres ers­ten Offline-Datenträgers dage­gen hat sich frei­lich 10 Jahre lang Zeit gelas­sen — “8 Rooms” steht nun ganz non-virtuell in den Plattenläden ihres Vertrauens und bestä­tigt die alte Weisheit: so viele Internetuser kön­nen nicht irren…

Langsam, nicht ruhig

Angina PDer Erfolg auf MP3.com war für mich eine Bestätigung, dass ein Interesse da ist an mei­ner Musik. Mit Labels war’s aller­dings immer sehr schwie­rig: mitt­ler­weile hab ich so ziem­lich alle Troubles durch, aber nun end­lich die rich­tige Plattform gefun­den.” Als die hat sich nach einer mehr­jäh­ri­gen Odysee Notochord her­aus­ge­stellt, gegrün­det von DJ Hidden und Slacknote. Das belgisch-holländische Label setzt sich mit sei­nem künt­le­ri­schen Output vor­zugs­weise zwi­schen vor­for­mat­tierte Genre-Stühle: Hidden, selbst rave-erfahrener Drum-and-Bass-DJ, ver­legt sich mit sei­nem Partner inzwi­schen auf nicht unbe­dingt ruhi­gere, aber lang­sa­mere Breaks, die er unter dem Künstlernamen Semiomime veröffentlicht.

Die fünf Nummern von “8 Rooms” decken einen brei­ten zeit­li­chen Rahmen ab: vom neu­es­ten Track “Time to Bleed”, der 2006 ent­stand, bis zum drei Jahren alten “My Robots”. Labelhost Semiomime remixte exklu­siv für das Album “Known Issues”, Edgey ver­passte “No Time to Bleed” ihren Stempel und Larvae bear­bei­te­ten Placemat Club. “Mein Setup wird mitt­ler­weile — so wie wohl bei den meis­ten — immer mobi­ler. Einerseits stört mich zwar die Reduktion der Hardware, ande­rer­seits funk­tio­nie­ren Software-Klangerzeuger immer bes­ser — und es ist kom­for­ta­bler als der Datenaustausch via Diskette. Im Moment pro­du­ziere ich sogar vor­wie­gend auf einem ein­zel­nen Laptop mit exter­ner Soundkarte. Die Hardware-Synths ste­hen aber noch alle griff­be­reit herum.”

Wider Erwarten: Indie Dance Music

Angina P arbei­tet mit kleins­ten Soundschnipseln, die sie zu fein zise­lier­ten Kunstwerken model­liert. Flächige Ambient-Teile wech­seln sich ab mit wuch­ti­gen Beats, viel­schich­tige Synthie-Flächen struk­tu­rie­ren die elegisch-eleganten Produktionen. Die acht Tracks ent­hal­ten aus ver­schie­dens­ten Genres, frei­lich ohne sich irgend­ei­ner Hörgewohntheit jemals direkt anzu­bie­dern. Und wie das bei nicht mark­t­op­ti­mier­ter Kunst so vor­kommt, sor­gen uner­war­tete Zielgruppen nicht zuletzt bei der Künstlerin selbst für Verwunderung: “Einen Rahmen Auftritte zu fin­den ist schwie­rig: auf einer Drum-and-Bass-Party wol­len die Besucher schnel­le­ren Sound hören, aber was mich sehr erstaunt hat, war der ver­gleichs­weise große Erfolg mei­ner Songs im Gothic und IDM-Kontext. Ich bin dann spä­ter drauf­ge­kom­men, dass der­selbe Techno, der mich in den 80er Jahren beein­flusst hat, auch sehr prä­gend war für diese Szene — damit ver­bin­det mich sozu­sa­gen ein Second-Hand-Einfluss, diese schön zele­brierte Traurigkeit aus den 80ern.”

So schwie­rig die vie­len Referenzen eine Kategorisierung machen, so zahl­reich sind die akus­ti­schen Anknüpfungspunkte. In der musi­ka­li­schen Sozialisation der Protagonistin fan­den Computerspiele ebenso Platz wie Autechre, Underworld oder Plastikman. Die legen­dä­ren “Turrican”-Teile eins und zwei spielte bevor­zugt im Cheatmodus, um den phä­no­me­na­len Soundtrack von Chris Hülsbeck nicht durch die Explosions-Samples zu ver­schan­deln. Produktionstechnische Lernerfolge erar­bei­tete sie in Eigenregie — die kon­se­quent auto­di­dak­ti­sche Produktionsweise und die expe­ri­men­telle Zugangsweise präg­ten einen Sound, der “8 Rooms” zu einem außer­ge­wöhn­lich kom­ple­xen und viel­schich­tig zugäng­li­chen Stück Musik macht. mp3-Downloads gibt’s auf der Homepage der Künstlerin: www.anginap.com

[erscheint Anfang Februar in: the­gap 01 – 2007]

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