CD-Review + Interview: Angina P – 8 Rooms

Angina PWenn Online-Medien über Angina P’s Tracks schreiben, dann tauchen sehr rasch Formulierungen wie „Diamant in der Asche“ oder „Wonderfully Crafted Ambient-DNB-Techno“ auf. In der lokalen österreichischen Szene nur durch Auftritte auf Elektronikfestivals der ambitionierteren Art bekannt (temp~festival), hielt sich die Wienerin von ravenden Dancefloors elegant fern, ihre zwischen Industrial, Breaks und IDM angesiedelten Tracks veröffentlichte sie jahrelang ausschließlich via Internet. In der Blütezeit MP3.coms landeten ihre Produktionen auf tausenden Rechnern weltweit und katapultierten fast jeden neuen Release in den MP3.com-Charts weit nach oben.

Wären internationale Downloadzahlen Ö3-Chart-kompatibel, hätte es für die bislang erfolgreichste Single „Tokyo 6pm“, die im Anschluss an einen einjährigen Japanaufenthalt entstand, gleich mehrfach Gold und Platin geregnet. Mit der Veröffentlichung ihres ersten Offline-Datenträgers dagegen hat sich Angina P freilich 10 Jahre lang Zeit gelassen – „8 Rooms“ steht nun ganz non-virtuell in den Plattenläden ihres Vertrauens und bestätigt die alte Weisheit: so viele Internetuser können nicht irren…

Langsam, nicht ruhig

Angina P„Der Erfolg auf MP3.com war für mich eine Bestätigung, dass ein Interesse da ist an meiner Musik. Mit Labels war’s allerdings immer sehr schwierig: mittlerweile hab ich so ziemlich alle Troubles durch, aber nun endlich die richtige Plattform gefunden.“ Als die hat sich nach einer mehrjährigen Odysee Notochord herausgestellt, gegründet von DJ Hidden und Slacknote. Das belgisch-holländische Label setzt sich mit seinem küntlerischen Output vorzugsweise zwischen vorformattierte Genre-Stühle: Hidden, selbst rave-erfahrener Drum-and-Bass-DJ, verlegt sich mit seinem Partner inzwischen auf nicht unbedingt ruhigere, aber langsamere Breaks, die er unter dem Künstlernamen Semiomime veröffentlicht.

Die fünf Nummern von „8 Rooms“ decken einen breiten zeitlichen Rahmen ab: vom neuesten Track „Time to Bleed“, der 2006 entstand, bis zum drei Jahren alten „My Robots“. Labelhost Semiomime remixte exklusiv für das Album „Known Issues“, Edgey verpasste „No Time to Bleed“ ihren Stempel und Larvae bearbeiteten Placemat Club. „Mein Setup wird mittlerweile – so wie wohl bei den meisten – immer mobiler. Einerseits stört mich zwar die Reduktion der Hardware, andererseits funktionieren Software-Klangerzeuger immer besser – und es ist komfortabler als der Datenaustausch via Diskette. Im Moment produziere ich sogar vorwiegend auf einem einzelnen Laptop mit externer Soundkarte. Die Hardware-Synths stehen aber noch alle griffbereit herum.“

Wider Erwarten: Indie Dance Music

Angina PAngina P arbeitet mit kleinsten Soundschnipseln, die sie zu fein ziselierten Kunstwerken modelliert. Flächige Ambient-Teile wechseln sich ab mit wuchtigen Beats, vielschichtige Synthie-Flächen strukturieren die elegisch-eleganten Produktionen. Die acht Tracks enthalten Elemente aus verschiedensten Genres, freilich ohne sich irgendeiner Hörgewohntheit jemals direkt anzubiedern. Und wie das bei nicht marktoptimierter Kunst so vorkommt, sorgen unerwartete Zielgruppen nicht zuletzt bei der Künstlerin selbst für Verwunderung: „Einen Rahmen Auftritte zu finden ist schwierig: auf einer Drum-and-Bass-Party wollen die Besucher schnelleren Sound hören, aber was mich sehr erstaunt hat, war der vergleichsweise große Erfolg meiner Songs im Gothic und IDM-Kontext. Ich bin dann später draufgekommen, dass derselbe Techno, der mich in den 80er Jahren beeinflusst hat, auch sehr prägend war für diese Szene – damit verbindet mich sozusagen ein Second-Hand-Einfluss, diese schön zelebrierte Traurigkeit aus den 80ern.“

So schwierig die vielen Referenzen eine Kategorisierung machen, so zahlreich sind die akustischen Anknüpfungspunkte. In der musikalischen Sozialisation der Protagonistin fanden Computerspiele ebenso Platz wie Autechre, Underworld oder Plastikman. Die legendären „Turrican“-Teile eins und zwei spielte Angina P bevorzugt im Cheatmodus, um den phänomenalen Soundtrack von Chris Hülsbeck nicht durch die Explosions-Samples zu verschandeln. Produktionstechnische Lernerfolge erarbeitete sie in Eigenregie – die konsequent autodidaktische Produktionsweise und die experimentelle Zugangsweise prägten einen Sound, der „8 Rooms“ zu einem außergewöhnlich komplexen und vielschichtig zugänglichen Stück Musik macht. mp3-Downloads gibt’s auf der Homepage der Künstlerin: www.anginap.com

[erscheint Anfang Februar in: thegap 01-2007]

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