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Digital Mixing: DJ Sets aus dem Laptop

20.01.2007, geschrieben von , 1 Kommentar

djing.thumbnail Digital Mixing: DJ Sets aus dem LaptopDigitale Mixing-Software wird erwach­sen — die neu­este Generation ver­ab­schie­det von der Two– Metapher. Diesen Text über den Wandel der digi­ta­len DJ-Interfaces hab ich für die 10-Jahres-Jubiläumsausgabe von the gap geschrie­ben — es geht um das klas­si­sche techno-mediale Spannungsfeld, um den Wechsel von der klas­si­scher Interfaces hin zu genuin digi­ta­len Benutzeroberflächen.

Sets aus dem Laptop

 Digital Mixing: DJ Sets aus dem Laptop

Kombinierte Hard– und Softwarelösungen zum Über­blen­den von –Files kann der Techno-Fetisch inter­es­sierte Home-DJ seit Jahren erwer­ben. Im pro­fes­sio­nel­len Bereich dage­gen durf­ten sol­che Programme aller­dings vor­wie­gend auto­ma­tisch Diskotheken und Supermärkte bespie­len: als zu umständ­lich, unhap­tisch und letzt­end­lich auch unprä­zise erwie­sen sie sich bis­lang für den ernst­hafte Plattendreher. Abgesehen von Lo-Tech Charme ver­sprü­hen­den Randveranstaltungen wie dem Gameboy Music Club zäh­len unter den erschwer­ten Bedingungen der nächt­li­chen Clubbespielung vor allem zwei Faktoren: Soundqualität und Einfach– bzw. Robustheit der Bedienelemente.

 Digital Mixing: DJ Sets aus dem Laptop

Diese Bedingungen erfüllte und erfüllt der klas­si­sche 1210er Turntable heute noch mit Bravour — frei­lich hat sich die digi­tale Hardware auch ganz gewal­tig wei­ter­ent­wi­ckelt. Klangqualität ist längst kein Thema mehr, und dedi­zierte Midi-Hardware-Controller erspa­ren dem Laptop-Artist die umständ­li­che Frickelei mit Maus und Tastatur. Dabei geht’s aller­dings längst nicht nur um Gewichtsreduktion und Flexibiltät: Mixing-Software neu­es­ter Generation ori­en­tiert sich nicht an klas­si­schen Abspielgeräten, son­dern an der Timeline-Metapher modern Produktionsumgebungen — und ver­mischt damit ganz neben­bei die Grenzen zwi­schen Soundkonserver und Live–.

Oh , my

Interfaces sind nie ein sin­gu­lä­res Phänomen, son­dern ein Amalgam aus tech­ni­schen Möglichkeiten, bewähr­ter Praxis, Code und Anwendungszweck. Die tra­di­tio­nelle klas­si­sche Notenschrift erfasst längst nicht alle Parameter eines Musikstücks — aber genug davon, um jeder­zeit eine wie­der­er­kenn­bare Reproduktion zum Beispiel durch ein Symphonieorchester zu ermög­li­chen, und ein Sequencer wie­derum nutzt völ­lig andere Darstellungsparameter als ein Wav–.


Vor der Ära der technisch-akustischen Speicherung fun­gierte stets der Mensch Interpretateur des Codes. Erst mit den Speichermedien wirkt die Technik als Über­set­zungs­schicht, erfül­len zuerst mecha­ni­sche und spä­ter algo­rith­mi­sche Konstruktionen die Aufgabe der Umwandlung des Codes in Schall.

Die –Schallplatte in ihrer unüber­trof­fe­nen Direktheit kennt keine meta­pho­ri­sche, son­dern eine sehr kon­krete “Bedienungsebene”: die akus­ti­schen Informationen, wel­che die Nadel auf ihrer Reise durch die Spiralrille mit­nimmt, sind ana­log kodiert und repro­du­zie­ren ohne zwi­schen­ge­schal­tene Umrechnungsebene direkt die in ihnen gespei­cher­ten Töne. Wer eine uner­wünschte oder ohne­hin stark ver­kratzte Platte zuhause rum­lie­gen hat, der kann diese genauso gut mit der klas­si­schen Nähnadel mit Papiertrichter abspielen.

In die­ser nahezu instru­men­ta­len Direktheit gestal­tete das Vinyl-Interfaces die Ausdrucksmöglichkeiten des DJs. Die ver­schie­de­nen Möglichkeiten des hap­ti­schen Eingreifens führte zur Entwicklung einer Reihe akro­ba­ti­scher Techniken, zur Meisterschaft getrie­ben beim Scratching im . Keine Über­ra­schung also, dass das Gros der Club DJs wei­ter­hin auf Vinyl ver­traute, wäh­rend sich CDs im Consumer-Bereich stei­gen­der Beliebtheit erfreuten.

dtraktor.thumbnail Digital Mixing: DJ Sets aus dem LaptopCD sind eben­falls rund und dre­hen sich — viel mehr haben sie mit Schallplatten schon nicht gemein. Erhebungen und Vertiefungen auf der Silberscheibe schrei­ben die Musikinformation als digi­ta­len Code, der D/A Wandler im CD-Player wan­delt sie in elek­tri­sche Schwingungen und die Boxen in Schall um. Spätestens seit der wei­ten Verbreitung von CD-Brennern las­sen sich die Silberscheiben am durch­schnitt­li­chen Heim-PC on demand her­stel­len und erspa­ren so das auf­wän­dige und teure Cutten ech­ter Dubplates. Und wenn auch der Zahn der Zeit schnel­ler an Ihnen nagt als an Vinyl, so lässt sie der Vorgang des Abspielens qua­li­täts­mä­ßig völ­lig unbe­rührt, wäh­rend Platten sich im eigent­lich Sinne des Wortes selbst mit einer opti­mal ein­ge­stell­ten Nadel abnutzen.

Eingang in die Clubs hat digi­ta­ler Sound mit den soge­nann­ten DJ-tauglichen CD-Playern gefun­den: Pioneer baute mit dem mas­si­ven CDJ-1000 als ers­ter Hersteller ein CD-Abspielgerät, das eine ähnli­che Arbeitsweise wie ein klas­si­scher Plattenspieler erlaubt: die gerillte Scheibe an der Oberseite simu­liert die Schallplatte und kom­bi­niert die manu­el­len Eingriffe mit digi­ta­len Komfortfunktionen wie abspei­cher­ba­ren Loops, Cue-Punkten etc. Der Aufwand, der betrie­ben wer­den will, um einer CD bei­zu­brin­gen, sich wie eine Schallplatte zu beneh­men, beein­druckt nicht nur Technik-Enthusiasten: von extre­men Geschwindigkeitsänderungen im 100%-Bereich bis zum Mini-Sampler behaup­ten die CD-Abspieler selbst­be­wusst, den krea­ti­ven Handlungsspielraum ihres Benutzers zu erweitern.

Es dreht sich weiter

Der Gewohnheit geschul­det und noch näher an der klas­si­schen Realität als DJ-CD-Player sind Systeme wie Stantons “Final Scratch”, die Turntables gar nicht völ­lig erset­zen wol­len: anstatt der übli­chen Schallplatten lie­gen zwei Timecode-Scheiben auf den Turntables, wel­che via spe­zi­el­ler Hardware mit einem Laptop ver­bun­den sind. Jede Bewegung der Platten wird live als Steuerungsbefehl an die MP3-Software über­tra­gen: die Musikbibliothek befin­det sich dabei voll­stän­dig am Rechner, Plattenspieler und Mischpult fun­gie­ren rein als hap­ti­sches Interface. Final Scratch ver­bin­det damit, das “best of two worlds” mit­ein­an­der zu ver­bin­den: digi­tal Flexibiltät mit dem gewohn­ten ana­lo­gen Interface.

Die Frage, ob runde Vinylscheiben in der Tat der Weisheit letz­ter Schluss sind, wenn es darum geht, Über­gänge zwi­schen Songs zu mixen, lässt sich nur in sehr emo­tio­na­li­sier­ter Form stel­len: Gelernt ist gelernt scheint für man­che DJs zu gel­ten, wäh­rend andere jede expe­ri­men­telle Darbietungsform als Erweiterung ihres Spektrums begrü­ßen. Systeme wie Final Scratch prä­sen­tie­ren sich jedoch als Überg­angs­lö­sun­gen: wer ohne Vinyl groß­ge­wor­den und mit Software wie oder Logic Audio ver­traut ist, der wird die schwar­zen Scheiben im Club kaum vermissen.

Ob mit oder ohne motor­ge­trie­bene Hardware: bis vor zwei, drei Jahren simu­lier­ten alle gän­gi­gen DJ-Programme in der einen oder ande­ren Form zwei unab­hän­gige, pitch­bare mp3-Player, deren Audiosignale über eine Soundkarte mit zwei Vollduplex-Kanälen ent­we­der an die bei­den Mischpult-Kanäle wei­ter­ge­lei­tet oder auf Wunsch direkt am Bildschrim gemixt wer­den. Die Abfolge der ein­zel­nen Tracks spei­chert dabei in der Regel eine zen­trale Playlist, je nach Komfort-Level und Kostenpunkt ver­wal­tet die Software zusätz­li­che Parameter wie Cue Punkte, Loops, Equalizer-Kurven und der­glei­chen. Wer schon ein­mal ver­sucht hat, einen digi­tal simu­lier­ten Analogsynthesizer mit der Maus zu bedie­nen, der weiß aller­dings, dass vir­tu­elle Drehknöpfe in der Hitze des DJ-Sets bei­leibe nicht der beste Freund des Touchpads sind — und mit der Maus lässt sich eben immer nur ein Regler zugleich betä­ti­gen, wes­we­gen zum ernst­haf­ten Einsatz ein exter­ner Midicontroller mit den ent­spre­chen­den Kontrollelementen nahezu uner­läss­lich wird.

Here comes the Timeline

Einen völ­lig ande­ren Ansatz ver­folgt DJ-Software der neu­es­ten Generation wie das skan­di­na­vi­sche MixMeister Fusion, das bereits beim ers­ten Start ver­blüfft: statt zwei Playern gibt’s eine mehr­spu­rige Trackdarstellung, wie man sie von Produktionsumgebungen her kennt. Das Programm simu­liert näm­lich nicht Abspielgeräte im Duo, son­dern ord­net die ein­zel­nen Tracks (oder auf Wunsch auch Samples und Loops) auf einer Timeline an, deren Spuranzahl nur durch die Rechenleistung begrenzt ist.

 Digital Mixing: DJ Sets aus dem Laptop

Erst die Leistung moder­ner trag­ba­rer Rechenknechte macht’s mög­lich, ganze Songs wie Parts eines Arrangements zu behan­deln — Hüllkurven, dyna­mi­sche Geschwindigkeitsverläufe und externe Effekt-Plugins inklu­sive. Das Vorhören funk­tio­niert dabei natur­ge­mäß anders, näm­lich mit Hilfe eines zwei­ten, unab­hän­gi­gen Cursors: wäh­rend das vor­be­rei­tete Set also abläuft, kann der DJ zugleich die Parts hören, die in fünf Minuten an der Reihe sind.

dmusikmeister.thumbnail Digital Mixing: DJ Sets aus dem LaptopMixMeister ver­än­dert damit nicht nur die Arbeitsweise beim Mixen nach­hal­tig, son­dern auch das Ergebnis: wer die­ses System nutzt, muss nicht not­wen­di­ger­weise live Beatmixen, son­dern die Über­gänge im vor­hin­ein fest­le­gen und sich dann wäh­rend des Sets auf zusätz­li­che Effekte, Overdubs und Details kon­zen­trie­ren. Die Software über­nimmt damit Teile der klas­si­schen DJ-Tätigkeit — und gibt dem Mixenden dafür die Flexibilität, sich um ande­res zu küm­mern. Angesiedelt zwi­schen der Produktions– und Bühnensoftware Ableton Live und rei­nen DJ-Lösungen, ver­weist MusikMeister die Konkurrenz in punkto Komfort und künst­le­ri­sche Freiheit in die Schrnaken — den über­zeug­ten Vinyl-Puristen wird die Oberfläche aller­dings nicht nur abschre­cken, son­dern gera­dezu ent­set­zen. Für den scrat­chen­den Hip Hop DJ bie­tet die Software natür­lich eben­falls kein ernst­haf­tes Betätigungsfeld.

 Digital Mixing: DJ Sets aus dem Laptop

In vie­len Genres elek­tro­ni­scher Musik aller­dings wird die Grenze zwi­schen Live-Performance und DJ-Set danke sol­cher Software immer unschär­fer — und die alte medi­en­mor­pho­lo­gi­sche Weisheit, dass nach einer Anpassungs– und Simulationsphase neue Medien erst mit Zeitverzögerung adäquate Interfaces ver­passt bekom­men, bewahr­hei­tet sich ein­mal mehr: genauso, wie die ers­ten Online-Zeitschriften in den frü­hen Neunzigern genauso aus­sa­hen wie ihre Printpendants, müs­sen die pas­sen­den Werkzeuge für den ambi­tio­nier­ten Laptop DJ erst ent­wi­ckelt wer­den. MusikMeister ver­lässt dabei kon­se­quent aus­ge­tre­tene Konzeptpfade, ver­ab­schie­det sich von der Turntablemetapher, ver­eint Trackmixing mit Musikproduktion und zeigt her­kömm­li­chen Lösungen ele­gant, wie fle­xi­bel die Timeline mit den klin­gen­den Bytes umzu­ge­hen weiß.


Mixmeister Fusion Demo

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