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Digital Mixing: DJ Sets aus dem Laptop

digital djingDigitale Mixing-Software wird erwachsen – die neueste Generation verabschiedet von der Two-Turntables Metapher. Diesen Text über den Wandel der digitalen DJ-Interfaces hab ich für die 10-Jahres-Jubiläumsausgabe von the gap geschrieben – es geht um das klassische techno-mediale Spannungsfeld, um den Wechsel von der Simulation klassischer Interfaces hin zu genuin digitalen Benutzeroberflächen.

Sets aus dem Laptop

Musicload

Kombinierte Hard- und Softwarelösungen zum Überblenden von mp3-Files kann der Techno-Fetisch interessierte Home-DJ seit Jahren erwerben. Im professionellen Bereich dagegen durften solche Programme allerdings vorwiegend automatisch Diskotheken und Supermärkte bespielen: als zu umständlich, unhaptisch und letztendlich auch unpräzise erwiesen sie sich bislang für den ernsthafte Plattendreher. Abgesehen von Lo-Tech Charme versprühenden Randveranstaltungen wie dem Gameboy Music Club zählen unter den erschwerten Bedingungen der nächtlichen Clubbespielung vor allem zwei Faktoren: Soundqualität und Einfach- bzw. Robustheit der Bedienelemente.

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Diese Bedingungen erfüllte und erfüllt der klassische 1210er Turntable heute noch mit Bravour – freilich hat sich die digitale Hardware auch ganz gewaltig weiterentwickelt. Klangqualität ist längst kein Thema mehr, und dedizierte Midi-Hardware-Controller ersparen dem Laptop-Artist die umständliche Frickelei mit Maus und Tastatur. Dabei geht’s allerdings längst nicht nur um Gewichtsreduktion und Flexibiltät: Mixing-Software neuester Generation orientiert sich nicht an klassischen Abspielgeräten, sondern an der Timeline-Metapher modern Produktionsumgebungen – und vermischt damit ganz nebenbei die Grenzen zwischen Soundkonserver und Live-Performance.

Oh Interface, my Interface

Interfaces sind nie ein singuläres Phänomen, sondern ein Amalgam aus technischen Möglichkeiten, bewährter Praxis, Code und Anwendungszweck. Die traditionelle klassische Notenschrift erfasst längst nicht alle Parameter eines Musikstücks – aber genug davon, um jederzeit eine wiedererkennbare Reproduktion zum Beispiel durch ein Symphonieorchester zu ermöglichen, und ein Sequencer wiederum nutzt völlig andere Darstellungsparameter als ein Wav-Editor.


Vor der Ära der technisch-akustischen Speicherung fungierte stets der Mensch Interpretateur des Codes. Erst mit den Speichermedien wirkt die Technik als Übersetzungsschicht, erfüllen zuerst mechanische und später algorithmische Konstruktionen die Aufgabe der Umwandlung des Codes in Schall.

Die Vinyl-Schallplatte in ihrer unübertroffenen Direktheit kennt keine metaphorische, sondern eine sehr konkrete „Bedienungsebene“: die akustischen Informationen, welche die Nadel auf ihrer Reise durch die Spiralrille mitnimmt, sind analog kodiert und reproduzieren ohne zwischengeschaltene Umrechnungsebene direkt die in ihnen gespeicherten Töne. Wer eine unerwünschte oder ohnehin stark verkratzte Platte zuhause rumliegen hat, der kann diese genauso gut mit der klassischen Nähnadel mit Papiertrichter abspielen.

In dieser nahezu instrumentalen Direktheit gestaltete das Vinyl-Interfaces die Ausdrucksmöglichkeiten des DJs. Die verschiedenen Möglichkeiten des haptischen Eingreifens führte zur Entwicklung einer Reihe akrobatischer Techniken, zur Meisterschaft getrieben beim Scratching im Hip Hop. Keine Überraschung also, dass das Gros der Club DJs weiterhin auf Vinyl vertraute, während sich CDs im Consumer-Bereich steigender Beliebtheit erfreuten.

TraktorCD sind ebenfalls rund und drehen sich – viel mehr haben sie mit Schallplatten schon nicht gemein. Erhebungen und Vertiefungen auf der Silberscheibe schreiben die Musikinformation als digitalen Code, der D/A Wandler im CD-Player wandelt sie in elektrische Schwingungen und die Boxen in Schall um. Spätestens seit der weiten Verbreitung von CD-Brennern lassen sich die Silberscheiben am durchschnittlichen Heim-PC on demand herstellen und ersparen so das aufwändige und teure Cutten echter Dubplates. Und wenn auch der Zahn der Zeit schneller an Ihnen nagt als an Vinyl, so lässt sie der Vorgang des Abspielens qualitätsmäßig völlig unberührt, während Platten sich im eigentlich Sinne des Wortes selbst mit einer optimal eingestellten Nadel abnutzen.

Eingang in die Clubs hat digitaler Sound mit den sogenannten DJ-tauglichen CD-Playern gefunden: Pioneer baute mit dem massiven CDJ-1000 als erster Hersteller ein CD-Abspielgerät, das eine ähnliche Arbeitsweise wie ein klassischer Plattenspieler erlaubt: die gerillte Scheibe an der Oberseite simuliert die Schallplatte und kombiniert die manuellen Eingriffe mit digitalen Komfortfunktionen wie abspeicherbaren Loops, Cue-Punkten etc. Der Aufwand, der betrieben werden will, um einer CD beizubringen, sich wie eine Schallplatte zu benehmen, beeindruckt nicht nur Technik-Enthusiasten: von extremen Geschwindigkeitsänderungen im 100%-Bereich bis zum Mini-Sampler behaupten die CD-Abspieler selbstbewusst, den kreativen Handlungsspielraum ihres Benutzers zu erweitern.

Es dreht sich weiter

Der Gewohnheit geschuldet und noch näher an der klassischen Realität als DJ-CD-Player sind Systeme wie Stantons „Final Scratch“, die Turntables gar nicht völlig ersetzen wollen: anstatt der üblichen Schallplatten liegen zwei Timecode-Scheiben auf den Turntables, welche via spezieller Hardware mit einem Laptop verbunden sind. Jede Bewegung der Platten wird live als Steuerungsbefehl an die MP3-Software übertragen: die Musikbibliothek befindet sich dabei vollständig am Rechner, Plattenspieler und Mischpult fungieren rein als haptisches Interface. Final Scratch verbindet damit, das „best of two worlds“ miteinander zu verbinden: digital Flexibiltät mit dem gewohnten analogen Interface.

Die Frage, ob runde Vinylscheiben in der Tat der Weisheit letzter Schluss sind, wenn es darum geht, Übergänge zwischen Songs zu mixen, lässt sich nur in sehr emotionalisierter Form stellen: Gelernt ist gelernt scheint für manche DJs zu gelten, während andere jede experimentelle Darbietungsform als Erweiterung ihres Spektrums begrüßen. Systeme wie Final Scratch präsentieren sich jedoch als Übergangslösungen: wer ohne Vinyl großgeworden und mit Software wie Ableton Live oder Logic Audio vertraut ist, der wird die schwarzen Scheiben im Club kaum vermissen.

Ob mit oder ohne motorgetriebene Hardware: bis vor zwei, drei Jahren simulierten alle gängigen DJ-Programme in der einen oder anderen Form zwei unabhängige, pitchbare mp3-Player, deren Audiosignale über eine Soundkarte mit zwei Vollduplex-Kanälen entweder an die beiden Mischpult-Kanäle weitergeleitet oder auf Wunsch direkt am Bildschrim gemixt werden. Die Abfolge der einzelnen Tracks speichert dabei in der Regel eine zentrale Playlist, je nach Komfort-Level und Kostenpunkt verwaltet die Software zusätzliche Parameter wie Cue Punkte, Loops, Equalizer-Kurven und dergleichen. Wer schon einmal versucht hat, einen digital simulierten Analogsynthesizer mit der Maus zu bedienen, der weiß allerdings, dass virtuelle Drehknöpfe in der Hitze des DJ-Sets beileibe nicht der beste Freund des Touchpads sind – und mit der Maus lässt sich eben immer nur ein Regler zugleich betätigen, weswegen zum ernsthaften Einsatz ein externer Midicontroller mit den entsprechenden Kontrollelementen nahezu unerlässlich wird.

Here comes the Timeline

Einen völlig anderen Ansatz verfolgt DJ-Software der neuesten Generation wie das skandinavische MixMeister Fusion, das bereits beim ersten Start verblüfft: statt zwei Playern gibt’s eine mehrspurige Trackdarstellung, wie man sie von Produktionsumgebungen her kennt. Das Programm simuliert nämlich nicht Abspielgeräte im Duo, sondern ordnet die einzelnen Tracks (oder auf Wunsch auch Samples und Loops) auf einer Timeline an, deren Spuranzahl nur durch die Rechenleistung begrenzt ist.

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Erst die Leistung moderner tragbarer Rechenknechte macht’s möglich, ganze Songs wie Parts eines Arrangements zu behandeln – Hüllkurven, dynamische Geschwindigkeitsverläufe und externe Effekt-Plugins inklusive. Das Vorhören funktioniert dabei naturgemäß anders, nämlich mit Hilfe eines zweiten, unabhängigen Cursors: während das vorbereitete Set also abläuft, kann der DJ zugleich die Parts hören, die in fünf Minuten an der Reihe sind.

MusikmeisterMixMeister verändert damit nicht nur die Arbeitsweise beim Mixen nachhaltig, sondern auch das Ergebnis: wer dieses System nutzt, muss nicht notwendigerweise live Beatmixen, sondern die Übergänge im vorhinein festlegen und sich dann während des Sets auf zusätzliche Effekte, Overdubs und Details konzentrieren. Die Software übernimmt damit Teile der klassischen DJ-Tätigkeit – und gibt dem Mixenden dafür die Flexibilität, sich um anderes zu kümmern. Angesiedelt zwischen der Produktions- und Bühnensoftware Ableton Live und reinen DJ-Lösungen, verweist MusikMeister die Konkurrenz in punkto Komfort und künstlerische Freiheit in die Schrnaken – den überzeugten Vinyl-Puristen wird die Oberfläche allerdings nicht nur abschrecken, sondern geradezu entsetzen. Für den scratchenden Hip Hop DJ bietet die Software natürlich ebenfalls kein ernsthaftes Betätigungsfeld.

Musicload

In vielen Genres elektronischer Musik allerdings wird die Grenze zwischen Live-Performance und DJ-Set danke solcher Software immer unschärfer – und die alte medienmorphologische Weisheit, dass nach einer Anpassungs- und Simulationsphase neue Medien erst mit Zeitverzögerung adäquate Interfaces verpasst bekommen, bewahrheitet sich einmal mehr: genauso, wie die ersten Online-Zeitschriften in den frühen Neunzigern genauso aussahen wie ihre Printpendants, müssen die passenden Werkzeuge für den ambitionierten Laptop DJ erst entwickelt werden. MusikMeister verlässt dabei konsequent ausgetretene Konzeptpfade, verabschiedet sich von der Turntablemetapher, vereint Trackmixing mit Musikproduktion und zeigt herkömmlichen Lösungen elegant, wie flexibel die Timeline mit den klingenden Bytes umzugehen weiß.

Mixmeister Fusion Demo
Traktor Demo

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