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UPDATE: Kommentar zu den Koalitionsverhandlungen

09.01.2007, geschrieben von , 8 Kommentare

Ko steckt in dem Wort, das hat immer irgend­wie was von “gemein­sam”. Und der Name große Koalition legt eben­falls nahe, dass zwei gleich­be­rech­tigte Partner am Werk sind. “Ausschnapsen” nennt der Volksmund den Vorgang der Ressortverteilung, und wäh­rend die Verhandlungen nach der letz­ten Nationalratswahl in zäh voran gegan­gen sind, gab’s in den letz­ten Tagen erstaun­li­che News: Sozialisten und Volkspartei konn­ten sich eini­gen — auf eine etwas unge­wöhn­li­che Schräglage aller­dings. So man­cher Kommentator äußerte die Vermutung, dass beim Ausschnapsen wohl bewusstsein­strü­bende Substanzen im Spiel gewe­sen sein müss­ten — zumal die Ressortverteilung ganz schön schwarz sehen lässt.

Gusenbauer bekommt sei­nen Kanzler, Schüssel den Rest: Außen-, Innen-, Finanzministerium. Das Verteidigungsministerium und die unvor­stell­bare Ehre, den bald ein­tref­fen­den ers­ten Flieger mit Salut zu begrü­ßen, kriegt groß­zü­gi­ger­weise auch die SPÖ. Und dann wäre da noch ein Punkt, der für gal­gen­hu­mo­ris­ti­sche Erheiterung sucht:

Sorry, aber Sozialdienst statt Studiengebühren ist der Witz des Jahres. (Peter Hörmanseder)

Und auch Peter Sporrer wun­dert sich:

Ein so ein Bruch fast aller zen­tra­len Wahlversprechen. Ein so ein wider­stands­lo­ses Auf-den-Boden legen vor der OEVP. Eine so offen­sicht­li­che, ver­nich­tende, totale Verhandlungsniederlage kann doch Gusi nicht dem Parteivorstand vor­le­gen? Diese Kapitulation kann doch so nicht gemeint sein?

Und Georg Bürstmayrs Schlussfolgerung in punkto Studentenhass kann ich mich nur anschließen:

Die jetzt beschlos­sene Alternative von 60 Stunden gemein­nüt­zi­ger Arbeit pro Semester (!) ist eigent­lich nur dadurch erklär­bar, dass jene, die das beschlos­sen haben, alle­samt Studenten has­sen müs­sen bis aufs Blut.

Die SPÖ sieht das natür­lich ganz anders, titelt gra­vi­tä­tisch: Freier Uni-Zugang wie­der her­ge­stellt und zitiert ihren Vorsitzenden:

Wer nicht will, der braucht nichts zu bezah­len”, kün­digte SPÖ-Vorsitzender Alfred Gusenbauer nach der Schlussrunde bei den Regierungsverhandlungen die neue Wahlmöglichkeit bei den Studiengebühren an. Die Studiengebühren in der jet­zi­gen Form wird es dann nicht mehr geben. Jeder, der stu­die­ren will, kann das ohne zusätz­li­che finan­zi­elle Hürden auch tun. Stattdessen wird den Studierenden das Angebot gemacht, durch gemein­nüt­zige Arbeit vor allem im Bildungs– aber auch im Hospizwesen einen Beitrag für die Gesellschaft zu leis­ten. 60 Stunden pro Semester wären zu leis­ten, dafür wird ihnen das Studium von der Gesellschaft finan­ziert und die Studiengebühren rück­er­stat­tet. Daraus ergibt sich ein gesell­schaft­li­cher Zusatznutzen, so Gusenbauer. Jene, die keine gemein­nüt­zige Arbeit ver­rich­ten wol­len, kön­nen wei­ter­hin die Studiengebühren ent­rich­ten. Der freie Zugang zu den Hochschulen ist damit wie­der hergestellt.

So so — wer nicht will, braucht nichts zu bezah­len. Was für ein Entgegenkommen — Zwangsarbeit gegen Bildung? Nein, ernst gemeint. Dass es im Zivildienstbereich noch viele Helfer brau­chen könnte, steht außer Frage. Dass man Bildung als Privileg ansieht, das “erar­bei­tet” wer­den muss, zeigt eini­ges dar­über, wie diese Regierungsverhandler über den Wert der Universitäten ins­ge­samt den­ken. Und dass die­selbe Bildung, wenn sie gegen das Gut “soziale Arbeit” ein­ge­tauscht wird, frei sein soll, die Gusi behaup­tet, heißt im Umkehrschluss, dass soziale Arbeit nichts wert ist. Oder etwa doch? Vielleicht sogar exakt EUR 6,065 pro Stunde? Soviel ergibt näm­lich die Höhe der Studiengebühr (EUR 363,36) divi­diert durch die gefor­der­ten Stunden (60). Und weil man StudentInnen ja sowieso nicht trauen kann, sol­len sie gefäl­ligst zuerst mal ein­zah­len und dann für die Rückerstattung arbei­ten. Mich wundert’s ja direkt, dass die SPÖ nicht gleich vor­ge­schla­gen hat, die Gebührenbefreiung für Stipendiatenempfänger ganz abzu­schaf­fen bzw. durch “frei­wil­lige” Straßenbautätigkeiten zu ersetzen.

Was bis­lang an Informationen durch­ge­drun­gen ist, gibt’s auf ORF On zu lesen — Ministernamen sind aller­dings noch keine bekannt. Ob die Regierung tat­säch­lich in die­ser Form zustande kommt? Wolfgang Schüssel über­raschte ja bereits ein­mal mit einem uner­war­te­ten Move in letz­ter Sekunde, aber nach die­sem Verhandlungsergebnis hat der tat­säch­lich kei­nen Grund, die SPÖ aus dem Boot zu wer­fen — zumal sie sich, abge­se­hen vom Kanzlerposten, ja gera­dezu mit den Ressorts einer Minderheitenpartei zufrie­den gibt. Kaum zu glau­ben, dass die­ses Ergebnis SPÖ-intern geschluckt wur­den — einer Menge Funktionäre müs­sen die kuschelig-warmen Regierungssessel wohl wirk­lich sehr gefehlt haben.

UPDATE: Die Regierungsübereinkunft enhält noch viele wei­tere Punkte, die in den gol­de­nen 80er Wirtschaftswachstumsjahren wohl noch als die reine Satire hät­ten durch­ge­hen kön­nen: (via monochrom-Mailinglisten)

  • Kollektivvertragliche Gestaltungsmöglichkeiten: Generelle Ermächtigung an den Kollektivvertrag, die täg­li­che Normalarbeitszeit auf bis zu 10 Stunden anzuheben.
  • Einarbeiten durch regel­mä­ßige Mehrarbeit in Verbindung mit Feiertagen: Einarbeitungszeitraum grund­sätz­lich 13 (statt 7) Wochen, täg­li­che Normalarbeitszeit bis 10 Stunden.
  • Stärkung der betrieb­li­chen Ebene: Die Betriebsebene soll immer dann zur Regelung ermäch­tigt sein, wenn auf Arbeitgeber-Seite
    keine kol­lek­tiv­ver­trags­fä­hige Interessenvertretung besteht.

Das klingt ja wirk­lich nach einem extrem gut durch­dach­ten und arbeit­neh­mer­freund­li­chen sozia­lis­ti­schen Regierungsprogramm. Ein tref­fen­der Kommentar dazu von Max:

Man kann Schüssel eigent­lich nur gra­tu­lie­ren, er hat es wirk­lich geschafft
die spoe-spitze waeh­rend den Verhandlungen von ihrer Basis zu entkoppeln.


UPDATE2:
rip fragt nach, wie’s momen­tan mit Bonuszahlungen für SPÖ-Mitgliedschaft aus­sieht, und Sabrina fast die Implikationen des neuen Zwangsarbeitsmodells schlüs­sig zusam­men, fadi hat das pas­sende Bild zur Koalition und der Navigator die rich­tige Frage:

Wenn wir alle gemein­nüt­zige Arbeit leis­ten und davon die Eurofighter bezah­len, gel­ten die dann auch als abgeschafft?

Keine ähnli­chen Beiträge.


Bisher haben meine Lieblingsleser 8 Kommentare zu "UPDATE: Kommentar zu den Koalitionsverhandlungen" geschrieben.

Wie ist Ihre Meinung?
  • weird sista Identicon Icon

    ich glaub ja, die idee mit der sozi­al­ar­beit ist ihnen 5 minu­ten vor der pres­se­kon­fe­renz ein­ge­fal­len. irgend­wer im ver­hand­lungs­team wird es scherz­hal­ber ein­ge­wor­fen haben und dann haben schüs­sel und gusi gemeint “hm, gor net so bled, schaunma amoi, ob’s des fressn.” denn ganz offen­sicht­lich hat da kein mensch ernst­haft drü­ber nachgedacht.

    bin ja schon gespannt wel­che tätig­kei­ten es da geben wird, wo man unqua­li­fi­zierte laien auf alte, kranke und behin­derte los­lässt. ich glaub eher, die orga­ni­sa­tio­nen las­sen uns maxi­mal putzen.

    logi­sche folge die­ser schnaps­idee wird preis­dum­ping sein. einer­seits bei jobs wie nach­hilfe — kann man ja einen bil­li­gen studi dafür haben, warum also 15,- pro stunde zah­len? ande­rer­seits wer­den bis­he­rige studenten-nebenjobs noch schlech­ter bezahlt, mit dem argu­ment, wenn dir die ent­loh­nung nicht passt, kannst ja sozi­al­dienst machen.

    hm, ob mein neben­job als bil­le­teu­rin im fest­spiel­haus als sozia­ler dienst durchgeht?

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  • ritchie Identicon Icon
    ritchie sagte am 10. Januar 2007 um 0:07

    Ja, genau so könnte die­ser Vorschlag ent­stan­den sien, das stimmt. Und die Abwertung sozia­ler Tätigkeiten durch die­ses “kann ja eh jeder machen” ist wirk­lich ein wei­te­rer unglaub­li­cher Affront.
    Putzende Studis in Krankenhäusern. Oder nach Goaparties im WUK. Wir leben in einer hoch­gra­dig simu­la­ti­ven Welt, da hatte Jean B. schon recht ;-)

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  • weird sista Identicon Icon

    ich würd gern für pen­sio­nis­tIn­nen hundesitten.

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  • iza Identicon Icon

    wo ist sie nur hin, die ver­nunft. manch­mal frag ich mich wirk­lich ob ich in so was wie der truman-show gefan­gen bin und unfrei­wil­lig in einem kaba­rett mit­spiele, oder einer tra­gö­die, oder so.…
    viel­leicht geht ja mein blog als “sozi­al­pro­jekt im dienste der gesell­schaft” durch…?

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  • ritchie Identicon Icon
    ritchie sagte am 10. Januar 2007 um 23:41

    Ach ja, noch ein Update — damit die ganze Angelobung dann nicht auch noch den Anschein erweckt, dass ohne­hin alle ein­ver­stan­den wären:
    Für don­ners­tag, 11.01., wird anläss­lich der ange­lo­bung der neuen regie­rung zu einer demons­tra­tion auf­ge­ru­fen.
    treff­punkt: ange­lo­bung minus 1 stunde uni wien oder ball­haus­platz (vor­aus­sicht­lich 11 uhr).
    bitte wei­ter­sa­gen!

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  • louise Identicon Icon
    louise sagte am 11. Januar 2007 um 13:37

    Ich habe gerade gle­sen, dass die sozia­lis­ti­sche Jugend bereits um 6.00 Uhr in der Früh vor der Privatwohnung Gusenbauers demons­triert hat und vor der Angelobung schlos­sen sich dann noch ca. 2000 BürgerInnen zusam­men, um ihren Missmut zu demons­trie­ren.
    Ich glaub, Gusi freut sich ein­fach Kanzler zu sein und kann aus ‘Gier auf das Bundeskanzleramt’ nicht mehr klar denken.

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  • rip Identicon Icon

    ich hab noch immer keine ant­wort auf meine mail an die spö bekom­men. das modell mit den sozi­al­leis­tun­gen gegen euro­figh­ter gefällt mir aber.

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  • ritchie Identicon Icon
    ritchie sagte am 13. Januar 2007 um 15:03

    Naja, wenn ich die SPÖ wäre, dann würd ich die nächs­ten 42 Monaten auch lie­ber keine Mails beantworten :(

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