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Microlearning und Microcontent

03.01.2007, geschrieben von , 3 Kommentare

Mirko Tobias Schäfer und Patrick Kranzlmüller haben für den geplan­ten Sammelband “Didactics of ”* einen span­nen­den Beitrag über die grund­le­gen­den Fragestellungen und Probleme des soge­nann­ten “” ver­fasst. “RTFM! Teach-Yourself Culture in Open Source Software ProjectsRTFM!” geht der Frage nach, wie selbst­ver­wal­te­tes Lernen inner­halb einer Online-Kultur funk­tio­nie­ren könnte.

Was in der Zusammenfassung abs­trakt klingt, kennt mitt­ler­weile jeder aus dem täg­li­chen Online-Leben: Readme.txt-Dateien, Wikis mit Softwaredokumentationen etc. Doch wäh­rend kom­mer­zi­elle Produkte auf­wän­dige klas­si­sche didak­ti­sche Modelle ver­wen­den (Multimedia-Tutorials etc.), müs­sen Projekte auf andere Formen der Dokumentation und Einführung zurückgreifen:

Computer liter­acy is accom­plis­hed not only by inter­ac­ting with the com­pu­ter, but also by the pos­si­bi­lity to com­mu­ni­cate with other users. The com­pu­ter and its user are not only con­nec­ted to the Internet but also to a plu­ra­lity of other users, who can find help and sup­port in user com­mu­nities or receive tips from fri­ends and colleagues.

Mit dem Begriff “Microlearning” bezeich­nen die bei­den Autoren eine Summe kulturell-technologischer Praktiken:

The term micro­le­arning descri­bes a pheno­me­non of know­ledge acqui­si­tion in the con­text of infor­ma­tion and com­mu­ni­ca­tion tech­no­logy. It descri­bes how people acquire know­ledge by learning in small steps and con­su­ming infor­ma­tion in small pie­ces that form a broa­der and deeper con­nec­ted know­ledge in the long term. This prac­tice often dif­fers from the esta­blis­hed learning cur­ri­cula in schools and uni­ver­si­ties.
[…]
Fragmentation of com­plex know­ledge into small por­ti­ons is part of teach-yourself-processes in user communities.

Das Aufteilen kom­ple­xer Sachverhalte in kleine, pro­blem­be­zo­gene Sinneinheiten schei­tert in der Regel nicht an der Speicherung, son­dern an der geeig­ne­ten strin­gen­ten Organisation: kol­la­bo­ra­tive Informationsplattformen bedie­nen eine brei­tes Spektrum inho­mo­ge­ner User:

The main weak­ness of online tuto­ri­als, manu­als, FAQs, wikis and web­logs is that they are usually not the result of an orga­nised learning-environment inclu­ding deve­l­o­pers, desi­gners and test-groups. The infor­ma­tion pro­vi­ded is inco­he­rent, unor­ga­nised and incom­plete. There is often no for­ma­li­sa­tion or cate­go­ri­sa­tion of infor­ma­tion. One may find infor­ma­tion on a cer­tain topic in several pla­ces, usually wit­hout any addi­tio­nal expla­na­tion and con­nec­tion to rela­ted mate­rial. The issue is not adding infor­ma­tion; the pro­blem is to find and retrieve appro­priate ans­wers and infor­ma­tion in a laby­rinth of avail­able yet dis­con­nec­ted fragments.

Eine wahr­haft all­ge­gen­wär­tige Problematik der Informationsgesellschaft: statt “Information at your Fingertipps” fal­len unüber­seh­bare Mengen immer grö­ße­rer Datenträger in immer rasche­ren Zyklen der Entropie anheim. Die Abwesenheit einer orga­ni­sa­to­ri­schen Meta-Ebene erin­nert mich an Tad Williams Beschreibung des Hacker-Paradieses “Treehouse” im Otherland-Zyklus: die dort gela­gerte Informationsmenge wächst täg­lich, doch die Suche gleicht man­gels Metaebene dem sprich­wört­li­chen Heuhaufen.

Als eine geeig­nete Form der Indizierung von Micro-Content bie­tet sich nach Meinung der Autoren das immer belieb­ter wer­dende Tagging (Beschlagwortung) an:

Connecting all those pie­ces of infor­ma­tion with a meta-level –which could be rea­li­sed by tag­ging infor­ma­tion– a search func­tion could direct the user to the necessary piece of infor­ma­tion.
[…]
Since Micro-content tends to get lost wit­hout the necessary con­nec­tions, it is cru­cial to not only store these knowledge-nuggets, but also to relate it to other infor­ma­tion as much as pos­si­ble, making it visi­ble wit­hin dif­fe­rent contexts.

Blogger schät­zen die Stärke des Tagging: die Metapher ist sofort begreif­lich, erlaubt die direkte Ableitung von Navigationsstrukturen, benö­tigt ande­rer­seits jedoch Richtlinien für die “Feinkörnigkeit” der Schlagwörter. Hierarchische Informationsstrukturen, abge­lei­tet aus der klas­si­schen Zentralperspektive, erfor­dern immer prä-existierende Ordnungen. Rapid Software Development und kol­la­bo­ra­tive Plattformen wach­sen aller­dings “orga­nisch” und unge­steu­ert: die Struktur ent­steht im Wachstum. Eine fle­xi­ble Meta-Informationsebene muss also Teilhierarchien abbil­den kön­nen, zugleich aber eine fla­che Datenmenge struk­tu­rie­ren. Und sie muss ein Abfrageinterface erlau­ben, das mit der rich­ti­gen “Suchschärfe” einen Kompromiss zwi­schen Beliebigkeit und zu gro­ßer Zielgenauigkeit findet.

Die ers­ten Ansätze von Social-Information Sites wie Digg oder Del.icio.us zei­gen das Potential kol­lek­ti­ver Informationsstrukturierung — die Wikis der nächs­ten Generation wer­den wohl nicht nur inhalt­lich, son­dern auch struk­tu­rell von ihren Usern selbst gestal­tet. Aber bis dahin wer­den noch viele Betaversionen die Repositories hin­un­ter­flie­ßen. Ich bin jeden­falls gespannt auf den kom­plet­ten Sammelband.


* Hug, Theo (ed.): Didactics of Microlearning, Berlin, New York: Waxmann, 2007.

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Bisher haben meine Lieblingsleser 3 Kommentare zu "Microlearning und Microcontent" geschrieben.

Wie ist Ihre Meinung?
  • tom@charts Identicon Icon

    Dass die Wikis der next Generation auch struk­tu­rell von den Usern gestal­tet wer­den, halte ich eher für unwahr­schein­lich. Die Mehrheit will schließ­lich nur Wissen abgrei­fen und sich nicht aktiv betei­li­gen. So ist es ja auch jetzt schon bei den meis­ten Plattformen. Insofern gehört die Zukunft wohl wei­ter­hin den Anbietern, die inter­es­san­ten Content lie­fern können.

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    ritchie Identicon Icon
    ritchie antwortete am 23. Februar 2009 um 20:51

    Ja da ist was dran — King Content wird seine Schreckensherrschaft wohl nicht so rasch been­den! :smile:

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  • Nürnberger Identicon Icon

    Ja ich stimme rit­chie zu. Content bleibt wei­ter­hin der King. Wer was zu bie­ten hat bleibt im ren­nen. Das gilt auch für Online Musik Magazine wie für fachblogs.

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