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Microlearning und Microcontent

Mirko Tobias Schäfer und Patrick Kranzlmüller haben für den geplanten Sammelband „Didactics of Microlearning“* einen spannenden Beitrag über die grundlegenden Fragestellungen und Probleme des sogenannten „Microlearning“ verfasst. „RTFM! Teach-Yourself Culture in Open Source Software ProjectsRTFM!“ geht der Frage nach, wie selbstverwaltetes Lernen innerhalb einer Online-Kultur funktionieren könnte.

Was in der Zusammenfassung abstrakt klingt, kennt mittlerweile jeder aus dem täglichen Online-Leben: Readme.txt-Dateien, Wikis mit Softwaredokumentationen etc. Doch während kommerzielle Produkte aufwändige klassische didaktische Modelle verwenden (Multimedia-Tutorials etc.), müssen Open Source Projekte auf andere Formen der Dokumentation und Einführung zurückgreifen:

Computer literacy is accomplished not only by interacting with the computer, but also by the possibility to communicate with other users. The computer and its user are not only connected to the Internet but also to a plurality of other users, who can find help and support in user communities or receive tips from friends and colleagues.

Mit dem Begriff „Microlearning“ bezeichnen die beiden Autoren eine Summe kulturell-technologischer Praktiken:

The term microlearning describes a phenomenon of knowledge acquisition in the context of information and communication technology. It describes how people acquire knowledge by learning in small steps and consuming information in small pieces that form a broader and deeper connected knowledge in the long term. This practice often differs from the established learning curricula in schools and universities.
[…]
Fragmentation of complex knowledge into small portions is part of teach-yourself-processes in user communities.

Das Aufteilen komplexer Sachverhalte in kleine, problembezogene Sinneinheiten scheitert in der Regel nicht an der Speicherung, sondern an der geeigneten stringenten Organisation: kollaborative Informationsplattformen bedienen eine breites Spektrum inhomogener User:

The main weakness of online tutorials, manuals, FAQs, wikis and weblogs is that they are usually not the result of an organised learning-environment including developers, designers and test-groups. The information provided is incoherent, unorganised and incomplete. There is often no formalisation or categorisation of information. One may find information on a certain topic in several places, usually without any additional explanation and connection to related material. The issue is not adding information; the problem is to find and retrieve appropriate answers and information in a labyrinth of available yet disconnected fragments.

Eine wahrhaft allgegenwärtige Problematik der Informationsgesellschaft: statt „Information at your Fingertipps“ fallen unübersehbare Mengen immer größerer Datenträger in immer rascheren Zyklen der Entropie anheim. Die Abwesenheit einer organisatorischen Meta-Ebene erinnert mich an Tad Williams Beschreibung des Hacker-Paradieses „Treehouse“ im Otherland-Zyklus: die dort gelagerte Informationsmenge wächst täglich, doch die Suche gleicht mangels Metaebene dem sprichwörtlichen Heuhaufen.

Als eine geeignete Form der Indizierung von Micro-Content bietet sich nach Meinung der Autoren das immer beliebter werdende Tagging (Beschlagwortung) an:

Connecting all those pieces of information with a meta-level -which could be realised by tagging information- a search function could direct the user to the necessary piece of information.
[…]
Since Micro-content tends to get lost without the necessary connections, it is crucial to not only store these knowledge-nuggets, but also to relate it to other information as much as possible, making it visible within different contexts.

Blogger schätzen die Stärke des Tagging: die Metapher ist sofort begreiflich, erlaubt die direkte Ableitung von Navigationsstrukturen, benötigt andererseits jedoch Richtlinien für die „Feinkörnigkeit“ der Schlagwörter. Hierarchische Informationsstrukturen, abgeleitet aus der klassischen Zentralperspektive, erfordern immer prä-existierende Ordnungen. Rapid Software Development und kollaborative Plattformen wachsen allerdings „organisch“ und ungesteuert: die Struktur entsteht im Wachstum. Eine flexible Meta-Informationsebene muss also Teilhierarchien abbilden können, zugleich aber eine flache Datenmenge strukturieren. Und sie muss ein Abfrageinterface erlauben, das mit der richtigen „Suchschärfe“ einen Kompromiss zwischen Beliebigkeit und zu großer Zielgenauigkeit findet.

Die ersten Ansätze von Social-Information Sites wie Digg oder Del.icio.us zeigen das Potential kollektiver Informationsstrukturierung – die Wikis der nächsten Generation werden wohl nicht nur inhaltlich, sondern auch strukturell von ihren Usern selbst gestaltet. Aber bis dahin werden noch viele Betaversionen die Repositories hinunterfließen. Ich bin jedenfalls gespannt auf den kompletten Sammelband.


* Hug, Theo (ed.): Didactics of Microlearning, Berlin, New York: Waxmann, 2007.

3 comments
Nürnberger
Nürnberger

Ja ich stimme ritchie zu. Content bleibt weiterhin der King. Wer was zu bieten hat bleibt im rennen. Das gilt auch für Online Musik Magazine wie für fachblogs.

tom@charts
tom@charts

Dass die Wikis der next Generation auch strukturell von den Usern gestaltet werden, halte ich eher für unwahrscheinlich. Die Mehrheit will schließlich nur Wissen abgreifen und sich nicht aktiv beteiligen. So ist es ja auch jetzt schon bei den meisten Plattformen. Insofern gehört die Zukunft wohl weiterhin den Anbietern, die interessanten Content liefern können.

ritchie
ritchie

Ja da ist was dran - King Content wird seine Schreckensherrschaft wohl nicht so rasch beenden! :smile: