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Nacht-Wachheit in Berlin: Clubguide v0.1 beta

26.01.2007, geschrieben von , Keine Kommentare

branden Nacht Wachheit in Berlin: Clubguide v0.1 betaDiese Stadt hat einen Ruf zu ver­tei­gen — daher waren an mei­nem ers­ten Berlinwochenende der Lokalaugenschein in mehr als einem Club unver­meid­lich. Daher folgt an die­ser Stelle ein klei­ner chro­no­lo­gi­scher Bericht über die Ereignisse jener schick­sal­haf­ten Tage im Jänner anno domini 2007. Die vor­weg­neh­mende Schlussfolgerung für Eilige: Berliner ver­ste­hen es, lange, gebüh­rend und laut zu fei­ern…

Die Berliner Clubszene hat nicht umsonst einen legen­dä­ren Ruf: der Tresor etwa gilt als eine der Brut– und Geburtsstätten der Technokultur. Vor eini­gen Monaten musste der Club wegen Verkauf des Mietobjekts aus­zie­hen, im Mai steht die Wiedereröffnung auf neuem, grö­ße­rem Areal mit beglei­ten­den Multimedia-Installationen an. Über­haupt ist recht viel Fluktuation kenn­zeich­nend für die Topologie des Nachtlebens: immer noch ste­hen zahl­rei­che Gebäude im ehe­ma­li­gen Ostteil der Stadt leer, getanzt wird daher miet­be­dingt haupt­säch­lich in den frü­her zur DDR gehö­ri­gen Stadtteilen. Einige frü­her in leer­ste­hen­den Gebäuden impro­vi­sierte Veranstaltungen haben inzwi­schen fixe Locations gefun­den, so etwa der frü­her am Prenzlauer Berg behei­ma­tete 103 Club. Im Knaack in der Greifswalderstraße tanzte die revo­lu­tio­näre sozia­lis­ti­sche Jugend bereits zu DDR-Zeiten seit den 50er Jahren — der gitar­ren– und pun­k­las­tige Club hat nicht mal vor Karaoke-Veranstaltungen am Wochenende Berührungsängste und erfreut sich bei der eher ana­log ori­en­tier­ten Clientel nach wie vor gro­ßer Beliebtheit.

burger Nacht Wachheit in Berlin: Clubguide v0.1 beta
Bild: kaffeeburger.de

Das Kaffee Burger erlangte dank Vladimir Kaminer und sei­ner Russendisko lite­ra­ri­sche Bekanntheit wei­ter über die deut­sche Bundeshauptstadt hin­aus. Kaminers monat­li­che Veranstaltung Kultveranstaltung ist mitt­ler­weile sehr gut besucht, um nicht zu sagen über­lau­fen — aber dafür hält das Burger standt­haft von Montag bis Sonntag seine Pforten für Nachtschwärmer offen. Zwischen Funkpunk, New Wave, ein biss­chen Elektro und viel Indie bewegt sich das eklek­ti­sche Musikprogramm, am lau­ten Floor wird getanzt, an der Bar lernt man bei dezen­tem Dezibelpegel fast unwei­ger­lich rasch Gleichgesinnte kennen.

Die Eintritte der ange­sag­ten Locations lie­gen übri­gens bei freund­li­chen 6 – 10 Euros, am Türsteher muss indes jeder vor­bei: das gelingt meis­tens, aber doch nicht immer — wenn die Hütte voll ist, wer­den die freund­li­chen Herrn am Eingang auch gerne mal wäh­le­risch. Drinnen muss man indes kei­nen Totalkonkurs fürch­ten: in allen besuch­ten Clubs waren die Getränkepreise durch­wegs sehr fair. Rund 2,5 für’s kleine Bier bzw. 2 Euros für Antialkoholisches gemah­nen nicht an Raubrittertum. In punkto local DJs fiel mir quer über die Genres vor allem eines auf: Die Qualitätssicherung scheint in ver­mut­lich auf­grund der grö­ße­ren Konkurrenz wesent­lich strik­ter zu funk­tio­nie­ren: wer im Club hin­ter den Reglern steht, kann mixen, der Rest ist dann Geschmacksfrage — Amateure dür­fen hier ange­neh­mer­weise nicht hin­ters Mischpult. Diese vor­erst erfreu­li­che Beobachtung müsste natür­lich noch durch ergän­zende Feldstudien veri­fi­ziert werden.

Getanzt wird vor­wie­gend Donnerstags, Freitags und Samstags, an den übri­gen Wochentagen haben so gut wie alle grö­ße­ren Clubs geschlos­sen. Sperrstundenstress gibt’s dafür kei­nen: an schwa­chen Tagen flippt der Beat bis zum Sonnenaufgang, im übri­gen kann’s auch leicht mal Mittag wer­den. Musikalisch bie­tet die Stadt das breite Spektrum, das man von einer 3 Millionen Metropole erwar­tet. Elektronisch betrach­tet spielt nach wie vor eine beträcht­li­che Rolle im Clubleben, wenn auch die meis­ten Veranstalter der­zeit bevor­zugt auf (Minimal) Electro setzen.

currywurst Nacht Wachheit in Berlin: Clubguide v0.1 betaDie lokale Restaurantszene bie­tet so ziem­lich alles, was Herz und Gaumen begeh­ren: vom asia­ti­schen Cookshop bis zum Nobel-Thailänder, ein Blick in die Stadtzeitung Zitty ist immer für ein paar hilf­rei­che Tipps gut. Ohnehin kann das tra­di­ti­ons­rei­che Stadtmagazin, das im Zweiwochenrhythmus erscheint, jedem Besucher nur wärms­tens emp­foh­len wer­den: der Kalender bie­tet die drin­gend not­wän­dige Über­sicht über’s aus­ufernde Partyleben, für einen stil­vol­len Mix der redak­tio­nel­len Features sorgt Chefredaktrice Mercedes Bunz. Unsere Lokaltipps hat­ten wir vor­wie­gend aus dem “Zitty — Essen und Trinken in Berlin” Special — beson­ders ange­tan waren wir von Schlotzky’s Deli in der Friedrichsstraße (lecker US-Style Sandwich mit frisch­ge­ba­cke­nem Brot) und Alois S. (groß­ar­tige spa­ni­sche Tapas, feine Wein– und Bierauswahl).

Donnerstag, 18. Jänner

Kyrill kün­digt sich am spä­ten Nachmittag an — die Berliner Radiosender war­nen vor dem Verlassen der Wohnung. Die Benennung des Orkans war angeb­lich ein Geburtstagsgeschenk: wohl ent­we­der ein zyni­sches oder nicht gerade an einen prak­ti­zie­ren­den Altruisten gerich­tet… um Mitternacht wird die Frage schließ­lich akut: darf man es wagen, den gemau­er­ten Schutz der eige­nen vier Wände zu ver­las­sen? Das gröbste scheint über­stan­den, der Weekend Club ist von unse­rer Wohnung in der Greifswalderstraße nur einen kur­zen Spaziergang weit ent­fernt — die Abende sind knapp, und von so nem Stürmchen las­sen wir uns doch nicht gleich ins Boxhorn jagen.

weekend Nacht Wachheit in Berlin: Clubguide v0.1 betaAlso auf zu Binh und Tobi Neumann — in den Week12end Club im Sharp-Gebäudes am Alex, wie die Berliner ihren Alexanderplatz nen­nen. Eintritt bezahlt wird unten, dann geht’s mit dem Lift in den 12. Stock. Die Rundumverglasung sorgt für einen mas­siv groß­ar­ti­gen Blick auf die nächt­li­che Großstadtkulisse — und Binh, Adept Sven Väth’s in des­sen Frankfurter Cocoon Club, spielt ein von Beginn bis Ende hef­tig abwechs­lungs­rei­ches Set: von strai­gh­ten, trei­ben­den Techno-Beats über Minimal Electro-Platten bis hin zu stel­len­weise acid-artigen Synthieparts moti­viert er die Crowd genau so effek­tiv, wie sein vor­aus­ei­len­der Ruf behaup­tet. Tobi Neumann selek­tierte im Anschluss solide, für mei­nen Geschmack aber auf Dauer dann doch etwas zu ein­tö­nige Electro-Beats. Bis zum Sonnenaufgang haben wir’s dann doch nicht aus­ge­hal­ten — der soll vom zwölf­ten Stock aus nach einer durch­t­anz­ten Nacht aller­dings recht atem­be­rau­bend wirken.

Freitag, 19. Jänner

watergate Nacht Wachheit in Berlin: Clubguide v0.1 beta
Bild: www.water-gate.de

Unbeschadet von den letz­ten Ausläufern des Orkans und reich­lich gestärkt von der (zu Recht!) legen­dä­ren Currywurst (mit Tomatensauce, nicht Ketchup. Und je nach Präferenz mit Pommes oder Schrippe. So nen­nen die Berliner ihren Weißbrot-Semmelersatz, und den gibt’s dann noch dazu in typi­scher Ost– oder Westausführung) geht’s ins Watergate: der Drumandbass Club direkt an der Spree qua­li­fi­ziert sich im Frühling und Sommer zusätz­lich durch eine Outdoor-Terasse am Wasser, aber auch bei Minusgraden gibt’s nette Ausblicke auf stille Wasser. Am klei­nen Tanzboden, dem soge­nann­ten Waterfloor, sorg­ten am Freitag Bozoo Bajou und Eva Be für ver­stärk­ten Bewegungsdrang der Anwesenden, am Mainfloor dreh­ten Kabuki und die V-Recordings Gäste DJ Mosus und Labelboss Jumping Jack Frost an den Reglern.

MC Soultrains “Sounds of the trife.life!” Lyrics ließ gera­dezu hei­mat­li­che Stimmung auf­kom­men — das Set von DJ Mosus war eine der best­ge­mix­ten, derbs­ten Breaktbeat-Zusammenstellungen, die ich in den letz­ten Monaten gehört hab. Routinier Jumping Jack Frost rockte das Haus mit einer ele­gan­ten Mixtur aus Neurofunk und trei­ben­den Liquid-Grooves — kein Gedanke dran, den Club vor­zei­tig zu ver­las­sen. Die sound– und licht­tech­ni­sche Ausstattung allein ist ein Besuch wert: fla­shige Lichteffekte und ange­nehme Bassmassagen, so mögen wir das. Genau so.

Samstag, 20. Jänner

maria Nacht Wachheit in Berlin: Clubguide v0.1 beta
Bild: clubmaria.de

Unser Local Guide brachte uns gegen eins erst­mal zum Club Maria am Ostbahnhof. Der weit­läu­fige Mainfloor fasst locker einige hun­dert Besucher, Local DJs spiel­ten eine für mich recht schwie­rig ein­zu­ord­nende Mischung aus Electro und Downbeats, die mit fort­schrei­ten­der Uhrzeit auch immer tanz­ba­rer wurde. Am klei­nen Floor gab’s ein Live-Konzert, das mich an die frü­hen Zeiten von Massive Attack erin­nerte: zwei­fel­los gefühl­voll, aber ganz schön harte, weil arg lang­same Kost gegen zwei Uhr früh.
Die Party im Maria ging ver­mut­lich noch bis in die frü­hen Morgenstunden wei­ter — aller­dings plan­ten wir noch etwas ande­res: dem 103 Club, direkt neben dem Watergate gele­gen, woll­ten wir sowieso einen Besuch abstat­ten– und am Samstag beschall­ten doch tat­säch­lich die Waxolutionists den Mainfloor. Bionic Kid und DJ Buzz spiel­ten ein gewohnt hoch­qua­li­ta­ti­ves Hip Hop Set, am zwei­ten Floor sorgte eine drei­köp­fige Crew namens “Kotelett” für lus­tige Techno-Beschallung, die neben soli­dem Mixing-Handwerk vor allem durch eine unglaub­lich stylis­hen jun­gen Mann im T-Shirt mit Polizeihemdaufdruck (samt gemal­ter Krawatte!) und ech­tem Schnurrbart posi­tiv auf­fiel. Ein ange­neh­mer Ausklang für ein laut Ohrenzeugenberichten nicht unty­pi­sches Berliner Ausgeh-Wochenende: ich freu mich jeden­falls schon auf’s nächste, denn natür­lich gibt’s da noch mas­sig weiße Flecken auf der Tanzkarte: da wären zum Beispiel die Panorama Bar, das wieder-eröffnete Cookies, das Steinhaus Berlin, diverse Veranstaltungen im legen­dä­ren Café Moskau auf der Karl-Marx-Alle und viele andere — mehr dazu nach mei­nem nächste Besuch in der Stadt an der Spree.

Das kom­plette Fotoalbum zum Berlin-Ausflug gibt’s hier: Berlin 2007 Fotos

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