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Radikale Töne von Peter Weibel

Peter WeibelDie ORF Futurezone veröffentlichte ein Interview mit Peter Weibel, dem Leiter des ZKM (Zentrum für Kunst und Medientechnologie Köln), das 2008 sein zehnjähriges Jubiläum feiert. Der Künstler, Kurator und Kulturmanager hat das ZKM als Museum an der Schnittstelle von Kunst und Technik entscheidend mitgeprägt – seit 1999 liefert der internationelen Netzkunstszene Gesprächsstoff mit Ausstellungen wie der legendären net_condition (mit Alexej Shulgins 10 Steintafeln über die Gesetze der Netzkunst). Im aktuellen Interview zeigt sich Peter Weibel als gewohnt kritischer und unkonventioneller Denker.

Ein Kunstverständnis, das Technik nicht als blinden Fleck sieht, sondern diese selbst zum interaktiven Bestandteil der Ausstellungs-Stücke macht, muss sich natürlich Gedanken machen über den Stellenwert künsterlischer Autorenschaft im Zeitalter ihrer technischen Reproduzierbarkeit:

Man tut so, als würde der Künstler Bilder erfinden. Was würde jemand malen oder schreiben, der noch nie ein Buch gelesen hat? Der würde gar nicht schreiben können! Es ist nur eine Frage, in welchem Maß man Variationen erreicht, in welchem Maß man sich vom ursprünglichen Text entfernen kann.
Werden diese Prozesse erst einmal mechanisiert und formalisiert, lernen wir sehr viel über sie. Wenn die Computer uns Möglichkeiten zum Umschreiben bieten, dann ist das eine ziemliche neue Definition dessen, was wir in der Kultur machen. Warum soll das also einem „angeblichen“ Künstler erlaubt sein und nicht einem „angeblichen“ Amateur? Das Netz wird dazu führen, dass das Verständnis für die kulturellen Prozesse steigen wird.

Kultur als partizipativer Prozess – und als technologisch getriebene Entwicklung, die mit den gesetzlichen Rahmenbedingungen eines vor-medialisierten Zeitalters mehr als nur Reibungsschwerigkeiten hat:

Das heißt, wir sehen in den sozialen Zuständen eine verfassungsmäßige Lücke. Das ist ein Versagen der Politik. Die Verfassung, auf der unser Staat beruht, wurde im Prinzip im 18. Jahrhundert geschrieben, dann ist sie in den 20er und 30er Jahren umgeschrieben worden. Wenn heute jemand einen Pelzmantel stiehlt, bekommt er zehn Jahre, wenn jemand einen anderen umbringt, kriegt er drei Jahre. Das Eigentum ist viel wichtiger als der Schutz der Person, das war genau die nationalsozialistische Ideologie.

Außerdem ortet Weibel mehr als nur Defizite in einem System, das zwar dem Namen nach demokratisch verfasst ist, in dem allerdings die wesentlichen Entscheidungen in nicht mehrheitslegitimierten Gremien getroffen werden. Re-Emanzipation des Konsumenten als das Antipode zur Kopierschutzideologie der Massenkulturindustrie? Weibel ortet hier ein enormens Konfliktpotential:

Wir haben keine demokratische Verfassung. In diese Lücke stoßen die Wirtschaft, die Industrie und das Kapital. Die sagen, das ist unser Eigentum, das sind unsere Rechte und das wird verteidigt. Es wäre höchste Zeit, das zu ändern. Es wird aber nicht anders gehen als durch eine – wahrscheinlich – gewaltsame Revolution. Die Industrie und das Kapital werden den Konsumenten ihre Rechte nicht freiwillig hergeben.

Ohne, dass der Begriff Web 2.0 explizit fällt, erinnern einige von Weibels Beispielen einer veränderten künstlerischen Produktion, die beginnt, das Publikum einzubeziehen, stark an die Charakteristika der „zweiten Auflage“ des Web – aktive Mitgestaltung und Involvement spielen eine bedeutende Rolle. Museumsdidaktik wird verstanden als aktiver Aneignungsprozess, als Learing-by-Doing: nicht interpassive, sondern tatsächlich interaktive, weil durch den Besucher mit-kreierte Kunst:

Wenn jemand einen Film macht mit seinem Handy, dann muss er auch die Möglichkeit haben, diesen Film bei mir im Museum zu sehen und ich gebe ihm auch die Möglichkeit, etwas dazuzulernen, mit Analysetools und Programmen, mit denen er die Filme verändern kann, sodass er in tatsächliche künstlerische Prozesse involviert ist. Die Besucher bringen das Material mit und sehen ihre eigenen Filme. Das ist ein gigantischer Unterschied zur bisherigen Interaktion, bei der ich nur einen Knopf zu drücken brauchte.

Den Rest des ausgesprochen lesenswerten Interviews gibt’s samt heftig polarisierter Diskussion in der Futurezone.

1 comments
haensel
haensel

Für ein paar markige Aussagen ist Weibel wohl immer gut... er war das doch, der sich seinerzeit von Valie Export an der Hundeleine durch den ersten Bezirk führen ließ, oder?