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Radikale Töne von Peter Weibel

24.01.2007, geschrieben von , 1 Kommentar

weibel Radikale Töne von Peter WeibelDie ORF Futurezone ver­öf­fent­lichte ein Interview mit Peter Weibel, dem Leiter des ZKM (Zentrum für Kunst und Medientechnologie Köln), das 2008 sein zehn­jäh­ri­ges Jubiläum fei­ert. Der Künstler, Kurator und Kulturmanager hat das als Museum an der Schnittstelle von Kunst und Technik ent­schei­dend mit­ge­prägt — seit 1999 lie­fert der inter­na­tione­len Netzkunstszene Gesprächsstoff mit Ausstellungen wie der legen­dä­ren net_condition (mit Alexej Shulgins 10 Steintafeln über die Gesetze der Netzkunst). Im aktu­el­len Interview zeigt sich als gewohnt kri­ti­scher und unkon­ven­tio­nel­ler Denker.

Ein Kunstverständnis, das Technik nicht als blin­den Fleck sieht, son­dern diese selbst zum inter­ak­ti­ven Bestandteil der Ausstellungs-Stücke macht, muss sich natür­lich Gedanken machen über den Stellenwert küns­ter­li­scher Autorenschaft im Zeitalter ihrer tech­ni­schen Reproduzierbarkeit:

Man tut so, als würde der Künstler Bilder erfin­den. Was würde jemand malen oder schrei­ben, der noch nie ein Buch gele­sen hat? Der würde gar nicht schrei­ben kön­nen! Es ist nur eine Frage, in wel­chem Maß man Variationen erreicht, in wel­chem Maß man sich vom ursprüng­li­chen Text ent­fer­nen kann.
Werden diese Prozesse erst ein­mal mecha­ni­siert und for­ma­li­siert, ler­nen wir sehr viel über sie. Wenn die Computer uns Möglichkeiten zum Umschreiben bie­ten, dann ist das eine ziem­li­che neue Definition des­sen, was wir in der Kultur machen. Warum soll das also einem “angeb­li­chen” Künstler erlaubt sein und nicht einem “angeb­li­chen” Amateur? Das Netz wird dazu füh­ren, dass das Verständnis für die kul­tu­rel­len Prozesse stei­gen wird.

Kultur als par­ti­zi­pa­ti­ver Prozess — und als tech­no­lo­gisch getrie­bene Entwicklung, die mit den gesetz­li­chen Rahmenbedingungen eines vor-medialisierten Zeitalters mehr als nur Reibungsschwerigkeiten hat:

Das heißt, wir sehen in den sozia­len Zuständen eine ver­fas­sungs­mä­ßige Lücke. Das ist ein Versagen der Politik. Die Verfassung, auf der unser Staat beruht, wurde im Prinzip im 18. Jahrhundert geschrie­ben, dann ist sie in den 20er und 30er Jahren umge­schrie­ben wor­den. Wenn heute jemand einen Pelzmantel stiehlt, bekommt er zehn Jahre, wenn jemand einen ande­ren umbringt, kriegt er drei Jahre. Das Eigentum ist viel wich­ti­ger als der Schutz der Person, das war genau die natio­nal­so­zia­lis­ti­sche Ideologie.

Außerdem ortet Weibel mehr als nur Defizite in einem System, das zwar dem Namen nach demo­kra­tisch ver­fasst ist, in dem aller­dings die wesent­li­chen Entscheidungen in nicht mehr­heits­le­gi­ti­mier­ten Gremien getrof­fen wer­den. Re-Emanzipation des Konsumenten als das Antipode zur Kopierschutzideologie der Massenkulturindustrie? Weibel ortet hier ein enor­mens Konfliktpotential:

Wir haben keine demo­kra­ti­sche Verfassung. In diese Lücke sto­ßen die Wirtschaft, die Industrie und das Kapital. Die sagen, das ist unser Eigentum, das sind unsere Rechte und das wird ver­tei­digt. Es wäre höchste Zeit, das zu ändern. Es wird aber nicht anders gehen als durch eine — wahr­schein­lich — gewalt­same Revolution. Die Industrie und das Kapital wer­den den Konsumenten ihre Rechte nicht frei­wil­lig hergeben.

Ohne, dass der Begriff expli­zit fällt, erin­nern einige von Weibels Beispielen einer ver­än­der­ten künst­le­ri­schen Produktion, die beginnt, das Publikum ein­zu­be­zie­hen, stark an die Charakteristika der “zwei­ten Auflage” des Web — aktive Mitgestaltung und Involvement spie­len eine bedeu­tende Rolle. wird ver­stan­den als akti­ver Aneignungsprozess, als Learing-by-Doing: nicht inter­pas­sive, son­dern tat­säch­lich inter­ak­tive, weil durch den Besucher mit-kreierte Kunst:

Wenn jemand einen Film macht mit sei­nem Handy, dann muss er auch die Möglichkeit haben, die­sen Film bei mir im Museum zu sehen und ich gebe ihm auch die Möglichkeit, etwas dazu­zu­ler­nen, mit Analysetools und Programmen, mit denen er die Filme ver­än­dern kann, sodass er in tat­säch­li­che künst­le­ri­sche Prozesse invol­viert ist. Die Besucher brin­gen das Material mit und sehen ihre eige­nen Filme. Das ist ein gigan­ti­scher Unterschied zur bis­he­ri­gen Interaktion, bei der ich nur einen Knopf zu drü­cken brauchte.

Den Rest des aus­ge­spro­chen lesens­wer­ten Interviews gibt’s samt hef­tig pola­ri­sier­ter Diskussion in der Futurezone.

Keine ähnli­chen Beiträge.


Bisher haben meine Lieblingsleser 1 Kommentar zu "Radikale Töne von Peter Weibel" geschrieben.

Wie ist Ihre Meinung?
  • haensel Identicon Icon
    haensel sagte am 25. Januar 2007 um 13:27

    Für ein paar mar­kige Aussagen ist Weibel wohl immer gut… er war das doch, der sich sei­ner­zeit von Valie Export an der Hundeleine durch den ers­ten Bezirk füh­ren ließ, oder?

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