Sound jenseits kollektiver Hörabkommen

Joshua Fineberg unterrichtet in Harvard: der Komponist beschäftigt sich mit sogenannter „spektraler Musik“ und veröffentlichte im vergangen Jahr seine ungewöhnliche Betrachtung klassischer Kompositionen in Buchform. „Classical Music, Why Bother? Hearing the World of Contemporary Culture through a Composer’s Ears“ versucht, Musik in einen weiteren Referenzrahmen als die westlichen Kompositionslehre einzuordnen.

Im Interview mit dem Committe for Skeptical Inquiry erklärt Fineberg den „roten Faden“ spektraler Komposition folgendermaßen:

[…] the common thread is that rather than taking for granted certain sonic categories as the most musically relevant way to divide up the soundstream-notes, for example, that are played for particular durations at a particular volume-you start from the assumption that what you have is the soundstream itself. Though sound can be parsed in the traditional way, it can be parsed lots of other ways. By understanding the physical and psychophysical principles of sound, you can gain an understanding into the possibilities and methods best adapted to modifying sound over time.

Und er weist auf einen für gelernte Medienarchäologen ganz selbstverständlichen, aber in der Hitze des Hörgefechts erstaunlicherweise doch immer wieder gern übersehenen Zusammenhang hin: dass natürlich musikalische Notation einen zwar nicht beliebigen, aber einen exkludierenden Code darstellt – und spektrale Musik interessiert sich eben für das „Außen“ dieses code-definierten Möglichkeitsraums.

We are creatures that are tremendously sensitive to timbre because the vowels of language depend on timbral perception, as does our auditory scene analysis. The fact that we are relatively less good at identifying things like pitches and intervals is part of why for a long time they were interesting. But when you start thinking you can do anything that is mathematically possible with musical symbols, you get a kind of speculative music that at a certain time loses all contact with perceptual reality. Spectral music certainly strove to reground musical discourse in human perception and cognition.

Beim großarigen Konzert Ravi Shankars in der Wiener Staatsoper wurde mir vor einiger Zeit diese enge Verbindung deutlich vor Ohren geführt: Shankars Kompositionen verschieben den für westliche Hörer gewohnten Fokus von Harmonie und Rhythmus: in einigen der dargebotenen Stücke strukturierten die Harmonien den zeitlichen Verlauf, während eine höchst komplexe Polyrhythmik das variierende Soundmotiv abbildet.

Aber wie auch immer: über Musik schreiben ist ja bekanntlich wie über Architektur Tanzen. Auch wenn sich das Interview sehr spannend liest, ohne Reinhören kann man sich recht schwer ein genaues Ergebnis der beschriebenen Sound-Generations-Methoden vorstellen. Fineberg empfiehlt zum Einhören Gérard Grisey’s „Les Espaces acoustiques“ (The acoustic spaces) und „Gondwana“ bzw. „Désintégratoins“ von Tristan Murail. Ein wenig Erweiterung des Hörspektrums tut schließlich immer not – in diesem Punkt sind sich idR sogar Opernbesucher und Raver völlig einig 🙂

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