Warnung: es fol­gen ohne kon­kre­ten Anlass zwei kurze Fundstücke, die ich ges­tern in der Short Cuts Compilation von ent­deckt habe. Die Zusammenstellung erschien 2002, unter den Texten befin­det sich auch die Transkription eines recht raren asyn­chro­nen Gesprächs, das von Foerster via Aufzeichung auf Audiokassettte mit Paul Schroeder führte — als Einführung in die Ideen eines der geni­als­ten Denker des 20. Jahrhunderts kann ich “Short Cuts” im übri­gen nur wärms­tens empfehlen.

Der Handlungsmaxime von Foerster ent­spre­chend dre­hen sich alle Texte um die Erkenntnis der Erkenntnis, um das, was F. als die “ der ” bezeich­net. Handle stets so, dass die Anzahl der Wahlmöglichkeiten grö­ßer wird — so lau­tet von Foersters “ethi­scher Imperativ”. Wie alle Theoretiker des radi­ka­len Konstruktivismus wird Foerster not­wän­di­ger­weise zu einem Dekonstrukivisten des wis­sen­schaft­li­chen Objektivitätsparadigmas — keine Beobachtung sei mög­lich, sagt er, in die nicht die Eigenschaften des Beobachters ein­flie­ßen — genau hierin liegt das “Mißverständnis” des Wunsches nach objek­ti­vier­ba­rer Wissenschaft.

Wenn’s drum ginge, die bes­ten Zitate aus dem Buch abzu­tip­pen, dann müsste ich alle Texte via OCR erfas­sen, ich möchte nur zwei Zitate raus­grei­fen, die beim Lesen beson­ders woh­lige Elektroschauer in mei­nem vege­ta­ti­ven Nervensystem generierten.

Wer sich für die frühe Geschichte der KI-Forschung inter­es­siert und/oder die Gründe, warum sich die Wege von Kybernetik und insti­tu­tio­na­li­sier­ter KI-Forschung in den USA trenn­ten, warum Marvin Minsky und HF zu Konkurrenten im Lukrieren von Forschungsgeldern wur­den, wird beson­ders deut­lich an einem Ausschnitt aus einem Interview über “Computer und Musik”:

Ein Computer simu­liert kei­nen Menschen und schon gar kei­nen Musiker. Das Wort “Simulation” wird so häu­fig miss­ver­stan­den. Da sagt man bei­spiels­weise, der Hebel simu­liere den Arm. Ich würde gern drauf ant­wor­ten: Ach so — Sie mei­nen, dass der Arm eine Simulation des Hebels ist! Wenn man nur bedenkt, wie viele ver­schie­dene Funktionen der Arm hat und dass er noch dazu ein umge­kehr­ter Hebel ist, der auf der kur­zen Seite zieht und die große bewegt. Bei Hebeln, wie wir sie ver­wen­den, ist das genau umge­kehrt. Alles ist also ver­kehrt. Künstliche Intelligenz simu­liert nicht das mensch­li­che Hirn, denn nei­mand weiß, wie das funk­tio­niert. Wie will man etwas simu­lie­ren, was man nicht kennt? Aber natür­lich haben die Neurologen und Psychiater sofort die Computersprache über­nom­men, von digi­ta­len und ana­lo­gen Sachen im Nevernsystem geredet.

Das zweite Beispiel wird allen Linguisten bekannt sein — genauso illus­tra­tiv wie das berühmte Experiment mit dem schwar­zen Punkt, der vom Papier ver­schwin­det, wenn seine Abbildung genau auf dem Sehnerv zu lie­gen kommt, zeigt jenes Beispiel in aller Eindringlichkeit das, was wir nicht sehen/wahrnehmen:

Als erste haben wohl Hermeneutiker und Linguisten dar­auf ver­wie­sen, dass die Hoffnung auf etwas, das erschöp­fend und unzwei­deu­tig in Worte gefasst wer­den kann, eine Illusion ist. Unsere Sprache tut das nicht. Ein Paradestück der Linguisten ist der Satz: “Time flies like an arrow”, der etwa meine könnte:

  • Zeitfliegen mögen einen Pfeil.
  • Zeit fliegt wie ein Pfeil vorbei.
  • Miß die Geschwindigkeit von Fliegen, wie man eine Pfeil misst. (“to time” kann ja auch als Verb fungieren)

Das ganz erin­nerte mich an fol­gen­den Witz, der vor eini­gen Tagen über die Laffaday Liste reinkam:

Teacher: “What is actually used as a con­duc­tor of elec­tri­city?
Johnny: “Why…er?“
Teacher: “Wire is right. Very good. Now tell me, what is the
unit of elec­tri­cal power?“
Johnny: “The what?“
Teacher: “That’s abso­lu­tely cor­rect, the watt. Now class, you
should all study dili­gently, like Johnny here.”

Mit den Worte von Heinz von Foerster: In der Kybernetik lernt man, dass ein Paradox nichts Schlechtes ist; es ist viel­mehr etwas Gutes, wenn man die Dynamik des Paradoxen ernst nimmt.

von Foerster, Heinz: Short Cuts. Berlin 2001.