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Heinz von Foerster: Die Dynamik des Paradoxen

13.02.2007, geschrieben von , 8 Kommentare

Warnung: es fol­gen ohne kon­kre­ten Anlass zwei kurze Fundstücke, die ich ges­tern in der Short Cuts Compilation von ent­deckt habe. Die Zusammenstellung erschien 2002, unter den Texten befin­det sich auch die Transkription eines recht raren asyn­chro­nen Gesprächs, das von Foerster via Aufzeichung auf Audiokassettte mit Paul Schroeder führte — als Einführung in die Ideen eines der geni­als­ten Denker des 20. Jahrhunderts kann ich “Short Cuts” im übri­gen nur wärms­tens empfehlen.

Der Handlungsmaxime von Foerster ent­spre­chend dre­hen sich alle Texte um die Erkenntnis der Erkenntnis, um das, was F. als die “ der ” bezeich­net. Handle stets so, dass die Anzahl der Wahlmöglichkeiten grö­ßer wird — so lau­tet von Foersters “ethi­scher Imperativ”. Wie alle Theoretiker des radi­ka­len Konstruktivismus wird Foerster not­wän­di­ger­weise zu einem Dekonstrukivisten des wis­sen­schaft­li­chen Objektivitätsparadigmas — keine Beobachtung sei mög­lich, sagt er, in die nicht die Eigenschaften des Beobachters ein­flie­ßen — genau hierin liegt das “Mißverständnis” des Wunsches nach objek­ti­vier­ba­rer Wissenschaft.

Wenn’s drum ginge, die bes­ten Zitate aus dem Buch abzu­tip­pen, dann müsste ich alle Texte via OCR erfas­sen, ich möchte nur zwei Zitate raus­grei­fen, die beim Lesen beson­ders woh­lige Elektroschauer in mei­nem vege­ta­ti­ven Nervensystem generierten.

Wer sich für die frühe Geschichte der KI-Forschung inter­es­siert und/oder die Gründe, warum sich die Wege von Kybernetik und insti­tu­tio­na­li­sier­ter KI-Forschung in den USA trenn­ten, warum Marvin Minsky und HF zu Konkurrenten im Lukrieren von Forschungsgeldern wur­den, wird beson­ders deut­lich an einem Ausschnitt aus einem Interview über “Computer und Musik”:

Ein Computer simu­liert kei­nen Menschen und schon gar kei­nen Musiker. Das Wort “Simulation” wird so häu­fig miss­ver­stan­den. Da sagt man bei­spiels­weise, der Hebel simu­liere den Arm. Ich würde gern drauf ant­wor­ten: Ach so — Sie mei­nen, dass der Arm eine Simulation des Hebels ist! Wenn man nur bedenkt, wie viele ver­schie­dene Funktionen der Arm hat und dass er noch dazu ein umge­kehr­ter Hebel ist, der auf der kur­zen Seite zieht und die große bewegt. Bei Hebeln, wie wir sie ver­wen­den, ist das genau umge­kehrt. Alles ist also ver­kehrt. Künstliche Intelligenz simu­liert nicht das mensch­li­che Hirn, denn nei­mand weiß, wie das funk­tio­niert. Wie will man etwas simu­lie­ren, was man nicht kennt? Aber natür­lich haben die Neurologen und Psychiater sofort die Computersprache über­nom­men, von digi­ta­len und ana­lo­gen Sachen im Nevernsystem geredet.

Das zweite Beispiel wird allen Linguisten bekannt sein — genauso illus­tra­tiv wie das berühmte Experiment mit dem schwar­zen Punkt, der vom Papier ver­schwin­det, wenn seine Abbildung genau auf dem Sehnerv zu lie­gen kommt, zeigt jenes Beispiel in aller Eindringlichkeit das, was wir nicht sehen/wahrnehmen:

Als erste haben wohl Hermeneutiker und Linguisten dar­auf ver­wie­sen, dass die Hoffnung auf etwas, das erschöp­fend und unzwei­deu­tig in Worte gefasst wer­den kann, eine Illusion ist. Unsere Sprache tut das nicht. Ein Paradestück der Linguisten ist der Satz: “Time flies like an arrow”, der etwa meine könnte:

  • Zeitfliegen mögen einen Pfeil.
  • Zeit fliegt wie ein Pfeil vorbei.
  • Miß die Geschwindigkeit von Fliegen, wie man eine Pfeil misst. (“to time” kann ja auch als Verb fungieren)

Das ganz erin­nerte mich an fol­gen­den Witz, der vor eini­gen Tagen über die Laffaday Liste reinkam:

Teacher: “What is actually used as a con­duc­tor of elec­tri­city?
Johnny: “Why…er?“
Teacher: “Wire is right. Very good. Now tell me, what is the
unit of elec­tri­cal power?“
Johnny: “The what?“
Teacher: “That’s abso­lu­tely cor­rect, the watt. Now class, you
should all study dili­gently, like Johnny here.”

Mit den Worte von Heinz von Foerster: In der Kybernetik lernt man, dass ein Paradox nichts Schlechtes ist; es ist viel­mehr etwas Gutes, wenn man die Dynamik des Paradoxen ernst nimmt.

von Foerster, Heinz: Short Cuts. Berlin 2001.

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Bisher haben meine Lieblingsleser 8 Kommentare zu "Heinz von Foerster: Die Dynamik des Paradoxen" geschrieben.

Wie ist Ihre Meinung?
  • Peter Identicon Icon
    Peter sagte am 13. Februar 2007 um 18:45

    Word! Nur gegen den radi­ka­len Konstruktivisten würde sich der Heinz wahr­schein­lich weh­ren — siehe das Gespräch mit Glasersfeld, Wie wir uns erfin­den.
    Aber irgend­wie gehört es ja zum wis­sen­schaft­li­chen Spiel sich von der Schublade zu dis­tan­zie­ren die man selbst gezim­mert hat ;-) Guter Beitrag.

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  • ritchie Identicon Icon
    ritchie sagte am 13. Februar 2007 um 22:29

    Vieles von denen, die sich heute “radi­kale Konstruktivisten” schimp­fen, haben sich nie­mals die Mühe gemacht, Foerster zu ver­ste­hen (manch­mal denk ich mir: sie haben’s nicht mal gele­sen). No offense against the one Glasersfeld, und das Buch ist hoch­span­nend. Aber ich denk mir mitt­ler­weile: Heinz hat zu dem Thema alles gesagt, es bedarf kei­ner wei­te­ren Theoretisierung. Lasst uns die Kybernetik der Kybernetik doch end­lich anwenden!

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  • lukas Identicon Icon

    danke für den tip rit­chie. bin seit dem film das netz von lutz damm­beck zu einem gros­sen förs­ter­fan mutiert. den film kann ich dir als trans­me­dia­len lieb­ha­ber nur wärms­tens empfehlen

    www.t-h-e-n-e-t.com

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  • phrank Identicon Icon
    phrank sagte am 14. Februar 2007 um 20:07

    Ich werde immer dann skep­tisch, wenn “Theorie” eine Fangemeinde bekommt. Nichts gegen HvF — aber das war noch nie so ganz tau­frisch, was er sich da von Bateson alles so abge­kup­fert hat. Doch Theorie bei­seite, con­sidern wir mal die Praxis. Also ich schaffe es, eine nette Lady bis zu mei­ner Wohnungstür abzu­schlep­pen. Während ich auf­sperre, fällt mir ein, dass da doch ein Haufen Bücher rum­steht etc und schon schiesst mir die Maxime ins Hirn “Handle stets so, dass die Anzahl der Wahlmöglichkeiten grö­ßer wird”. Also sage ich zu ihr, Du kannst mit rein­kom­men, oder auch nicht. Was wir dann tun wer­den, unter­liegt kei­ner­lei Einschränkung. Ich geh aber viel­leicht gleich noch mal weg. Die Tür bleibt jeden­falls offen, denn die Nachbarin könnte noch vor­bei­schauen, oder der Nachbar, weisst die­ser selt­same Typ von oben den kei­ner wirk­lich kennt. Und Du, die Gegend ist echt cool, da lau­fen nachts Typen rum, das glaubst Du nicht, wenn Du es nicht erlebt hast. Du hast jetzt echt die Chance, Deine Wahlmöglichkeiten zu maxi­mie­ren! Ich auch, das ist doch cool. Wieso ich mich auf Dich fest­le­gen sollte? Warte, ich mach mal ein paar Anrufe, jetzt lass doch mal gut sein, ja hallo, wer will hier wes­sen Wahlmöglichkeiten ein­schrän­ken?… usw

    Einfaches Fazit: Vorsicht mit Maximen, und alle Aufmerksamkeit dem Kontext

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  • ritchie Identicon Icon
    ritchie sagte am 14. Februar 2007 um 23:36

    Also prin­zi­pi­ell hast du völ­lig Recht mit der Anmerkung, Maximen zu trauen — aber ich hab F’s ethi­schen Imperativ immer als eine Art Witz über das Wesen von Maximen ange­se­hen. Man könnte genauso gut sagen: ver­giss das, was nor­ma­ler­weise als Moral bezeich­net wird. Und der Spruch steht ja immer im Kontext von “wenn Ethik expli­zit wird, dann riecht sie ver­däch­tig”. Aber die andere Frage ist: wer­den deine Wahlmöglichkeiten wirk­lich grö­ßer, wenn du die Tür offen lässt? Es gibt ja bei F. sowieso keine Wahlmöglichkeiten oder Optionen, die man nicht selbst vor­her “gemacht” hätte. In die­sem Kontext wäre die ein­zige Alternative, seine Handlungsmöglichkeiten (un)bewusst ein­zu­schrän­ken… wir sehen ja nicht, dass/was wir nicht sehen. Und solange man etwas nicht sieht, kann man sich auch nicht bewusst dafür oder dage­gen entscheiden.

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  • ritchie Identicon Icon
    ritchie sagte am 14. Februar 2007 um 23:38

    PS: Über die Sache mit der net­ten Lady: “Wir sehen uns selbst durch die Augen des jeweils ande­ren.” Und von einer oder meh­re­ren Wahlmöglichkeiten kei­nen Gebrauch zu machen, heißt ja nicht, sie nicht zu “haben”.

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  • ritchie Identicon Icon
    ritchie sagte am 15. Februar 2007 um 2:52

    Das kommt drauf an, was man unter “Lernen” ver­steht — der Begriff lässt sich ja auch als Anpassung an dyna­mi­sche Gegebenheit defi­nie­ren, DANN sind Systeme plötz­lich “lern­fä­hig” (bzw. sus­tainable). Der Mensch in sei­ner wun­der­ba­ren Gesamtkomplexität aber ist wohl mehr, als er durch sein eige­nes Werkzeug “Sprache” aus­drü­cken kann. Was den Menschen mit Sicherheit von ande­ren “Systemen” unter­schei­det, ist das Wollen. Oder zumin­dest die Illusion des Wollens :-)

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  • Limited Identicon Icon
    Limited sagte am 15. Februar 2007 um 1:34

    Die Forschungen von Foerster im Berech der Kybernetik sind sicher­lich lei­tend gewe­sen für fol­gende Generationen.

    mitt­ler­weile setzt sich jedoch glück­li­cher­weise die Einsicht durch, dass einige Formen der Selbstorganisationen nicht umstands­los auf Wirtschaft und Gesellschaft über­trag­bar sind — wie es auch Foerster anklin­gen ließ.

    Die Fähigkeit der Antizipation und des Lernens ist uni­que für mensch­li­che Systeme.

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1 Track- und Pingbacks zu diesem Beitrag

  • "when in doubt, do it" (14. Februar 2007)
    [german] Foersters "ethischer Imperativ" Handle stets so, dass die Anzahl der Wahlmöglichkeiten größer wird thanks datenschmutz ...
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