Heinz von Foerster: Die Dynamik des Paradoxen

Warnung: es folgen ohne konkreten Anlass zwei kurze Fundstücke, die ich gestern in der Short Cuts Compilation von Heinz von Foerster entdeckt habe. Die Zusammenstellung erschien 2002, unter den Texten befindet sich auch die Transkription eines recht raren asynchronen Gesprächs, das von Foerster via Aufzeichung auf Audiokassettte mit Paul Schroeder führte – als Einführung in die Ideen eines der genialsten Denker des 20. Jahrhunderts kann ich “Short Cuts” im übrigen nur wärmstens empfehlen.

Der Handlungsmaxime von Foerster entsprechend drehen sich alle Texte um die Erkenntnis der Erkenntnis, um das, was F. als die “Kybernetik der Kybernetik” bezeichnet. Handle stets so, dass die Anzahl der Wahlmöglichkeiten größer wird – so lautet von Foersters “ethischer Imperativ”. Wie alle Theoretiker des radikalen Konstruktivismus wird Foerster notwändigerweise zu einem Dekonstrukivisten des wissenschaftlichen Objektivitätsparadigmas – keine Beobachtung sei möglich, sagt er, in die nicht die Eigenschaften des Beobachters einfließen – genau hierin liegt das “Mißverständnis” des Wunsches nach objektivierbarer Wissenschaft.

Wenn’s drum ginge, die besten Zitate aus dem Buch abzutippen, dann müsste ich alle Texte via OCR erfassen, ich möchte nur zwei Zitate rausgreifen, die beim Lesen besonders wohlige Elektroschauer in meinem vegetativen Nervensystem generierten.

Wer sich für die frühe Geschichte der KI-Forschung interessiert und/oder die Gründe, warum sich die Wege von Kybernetik und institutionalisierter KI-Forschung in den USA trennten, warum Marvin Minsky und HF zu Konkurrenten im Lukrieren von Forschungsgeldern wurden, wird besonders deutlich an einem Ausschnitt aus einem Interview über “Computer und Musik”:

Ein Computer simuliert keinen Menschen und schon gar keinen Musiker. Das Wort “Simulation” wird so häufig missverstanden. Da sagt man beispielsweise, der Hebel simuliere den Arm. Ich würde gern drauf antworten: Ach so – Sie meinen, dass der Arm eine Simulation des Hebels ist! Wenn man nur bedenkt, wie viele verschiedene Funktionen der Arm hat und dass er noch dazu ein umgekehrter Hebel ist, der auf der kurzen Seite zieht und die große bewegt. Bei Hebeln, wie wir sie verwenden, ist das genau umgekehrt. Alles ist also verkehrt. Künstliche Intelligenz simuliert nicht das menschliche Hirn, denn neimand weiß, wie das funktioniert. Wie will man etwas simulieren, was man nicht kennt? Aber natürlich haben die Neurologen und Psychiater sofort die Computersprache übernommen, von digitalen und analogen Sachen im Nevernsystem geredet.

Das zweite Beispiel wird allen Linguisten bekannt sein – genauso illustrativ wie das berühmte Experiment mit dem schwarzen Punkt, der vom Papier verschwindet, wenn seine Abbildung genau auf dem Sehnerv zu liegen kommt, zeigt jenes Beispiel in aller Eindringlichkeit das, was wir nicht sehen/wahrnehmen:

Als erste haben wohl Hermeneutiker und Linguisten darauf verwiesen, dass die Hoffnung auf etwas, das erschöpfend und unzweideutig in Worte gefasst werden kann, eine Illusion ist. Unsere Sprache tut das nicht. Ein Paradestück der Linguisten ist der Satz: “Time flies like an arrow”, der etwa meine könnte:

  • Zeitfliegen mögen einen Pfeil.
  • Zeit fliegt wie ein Pfeil vorbei.
  • Miß die Geschwindigkeit von Fliegen, wie man eine Pfeil misst. (“to time” kann ja auch als Verb fungieren)

Das ganz erinnerte mich an folgenden Witz, der vor einigen Tagen über die Laffaday Liste reinkam:

Teacher: “What is actually used as a conductor of electricity?
Johnny: “Why…er?”
Teacher: “Wire is right. Very good. Now tell me, what is the
unit of electrical power?”
Johnny: “The what?”
Teacher: “That’s absolutely correct, the watt. Now class, you
should all study diligently, like Johnny here.”

Mit den Worte von Heinz von Foerster: In der Kybernetik lernt man, dass ein Paradox nichts Schlechtes ist; es ist vielmehr etwas Gutes, wenn man die Dynamik des Paradoxen ernst nimmt.

von Foerster, Heinz: Short Cuts. Berlin 2001.

8 comments
Limited
Limited

Die Forschungen von Foerster im Berech der Kybernetik sind sicherlich leitend gewesen für folgende Generationen. mittlerweile setzt sich jedoch glücklicherweise die Einsicht durch, dass einige Formen der Selbstorganisationen nicht umstandslos auf Wirtschaft und Gesellschaft übertragbar sind - wie es auch Foerster anklingen ließ. Die Fähigkeit der Antizipation und des Lernens ist unique für menschliche Systeme.

ritchie
ritchie

Das kommt drauf an, was man unter "Lernen" versteht - der Begriff lässt sich ja auch als Anpassung an dynamische Gegebenheit definieren, DANN sind Systeme plötzlich "lernfähig" (bzw. sustainable). Der Mensch in seiner wunderbaren Gesamtkomplexität aber ist wohl mehr, als er durch sein eigenes Werkzeug "Sprache" ausdrücken kann. Was den Menschen mit Sicherheit von anderen "Systemen" unterscheidet, ist das Wollen. Oder zumindest die Illusion des Wollens :-)

ritchie
ritchie

PS: Über die Sache mit der netten Lady: "Wir sehen uns selbst durch die Augen des jeweils anderen." Und von einer oder mehreren Wahlmöglichkeiten keinen Gebrauch zu machen, heißt ja nicht, sie nicht zu "haben".

ritchie
ritchie

Also prinzipiell hast du völlig Recht mit der Anmerkung, Maximen zu trauen - aber ich hab F's ethischen Imperativ immer als eine Art Witz über das Wesen von Maximen angesehen. Man könnte genauso gut sagen: vergiss das, was normalerweise als Moral bezeichnet wird. Und der Spruch steht ja immer im Kontext von "wenn Ethik explizit wird, dann riecht sie verdächtig". Aber die andere Frage ist: werden deine Wahlmöglichkeiten wirklich größer, wenn du die Tür offen lässt? Es gibt ja bei F. sowieso keine Wahlmöglichkeiten oder Optionen, die man nicht selbst vorher "gemacht" hätte. In diesem Kontext wäre die einzige Alternative, seine Handlungsmöglichkeiten (un)bewusst einzuschränken... wir sehen ja nicht, dass/was wir nicht sehen. Und solange man etwas nicht sieht, kann man sich auch nicht bewusst dafür oder dagegen entscheiden.

phrank
phrank

Ich werde immer dann skeptisch, wenn "Theorie" eine Fangemeinde bekommt. Nichts gegen HvF - aber das war noch nie so ganz taufrisch, was er sich da von Bateson alles so abgekupfert hat. Doch Theorie beiseite, considern wir mal die Praxis. Also ich schaffe es, eine nette Lady bis zu meiner Wohnungstür abzuschleppen. Während ich aufsperre, fällt mir ein, dass da doch ein Haufen Bücher rumsteht etc und schon schiesst mir die Maxime ins Hirn "Handle stets so, dass die Anzahl der Wahlmöglichkeiten größer wird". Also sage ich zu ihr, Du kannst mit reinkommen, oder auch nicht. Was wir dann tun werden, unterliegt keinerlei Einschränkung. Ich geh aber vielleicht gleich noch mal weg. Die Tür bleibt jedenfalls offen, denn die Nachbarin könnte noch vorbeischauen, oder der Nachbar, weisst dieser seltsame Typ von oben den keiner wirklich kennt. Und Du, die Gegend ist echt cool, da laufen nachts Typen rum, das glaubst Du nicht, wenn Du es nicht erlebt hast. Du hast jetzt echt die Chance, Deine Wahlmöglichkeiten zu maximieren! Ich auch, das ist doch cool. Wieso ich mich auf Dich festlegen sollte? Warte, ich mach mal ein paar Anrufe, jetzt lass doch mal gut sein, ja hallo, wer will hier wessen Wahlmöglichkeiten einschränken?... usw Einfaches Fazit: Vorsicht mit Maximen, und alle Aufmerksamkeit dem Kontext

lukas
lukas

danke für den tip ritchie. bin seit dem film das netz von lutz dammbeck zu einem grossen försterfan mutiert. den film kann ich dir als transmedialen liebhaber nur wärmstens empfehlen www.t-h-e-n-e-t.com

ritchie
ritchie

Vieles von denen, die sich heute "radikale Konstruktivisten" schimpfen, haben sich niemals die Mühe gemacht, Foerster zu verstehen (manchmal denk ich mir: sie haben's nicht mal gelesen). No offense against the one Glasersfeld, und das Buch ist hochspannend. Aber ich denk mir mittlerweile: Heinz hat zu dem Thema alles gesagt, es bedarf keiner weiteren Theoretisierung. Lasst uns die Kybernetik der Kybernetik doch endlich anwenden!

Peter
Peter

Word! Nur gegen den radikalen Konstruktivisten würde sich der Heinz wahrscheinlich wehren - siehe das Gespräch mit Glasersfeld, Wie wir uns erfinden. Aber irgendwie gehört es ja zum wissenschaftlichen Spiel sich von der Schublade zu distanzieren die man selbst gezimmert hat ;-) Guter Beitrag.