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Miami, Rimini, Lynch und Lunch (von Rainer Hawlik)

09.02.2007, geschrieben von , 1 Kommentar

keanu reeves.thumbnail Miami, Rimini, Lynch und Lunch (von Rainer Hawlik)Im Land der begren­zen­den Unmöglichkeiten kann einem arg­lo­sen Reisenden gar Seltsames wider­fah­ren. Ich freue mich außer­or­dent­lich, Rainer Hawlik als zwei­ten Gastautor hier zu begrü­ßen: er war im ver­gan­ge­nen Dezember das erste Mal in den und berich­tet über Kunstmessen in West Hollywood, Strandschönheiten am Miami Beach, Stretch-Limousinen und den neuen Film Inland Empire, der in Europa im April anläuft.

 

Rainer Hawlik: Miami, Rimini, Lynch und Lunch

 

Dirk, wie ist es in Amerika?
Du musst wis­sen, ich war noch nie da.
Man kann sich ja unend­lich strei­ten
übers Land der unbe­grenz­ten Möglichkeiten.“
Sportfreunde Stiller

Dirk? Schön blöd schauen die Texte der Sportfreunde Stiller aus, wenn sie ein­mal schwarz auf weiß für einen zum Ablesen bereit ste­hen. Hätte man sich aber auch den­ken kön­nen, weil wenn man die CD umdreht und die Ziffer auf dem Display sei­nes CD-Spielers mit den Zeilen auf der Rückseite der CD ver­gleicht, liest man, dass das Lied: “Dirk, wie ist die Luft dort oben?” lautet.

Jetzt aber ohne Abschweifungen zum eigent­li­chen Thema: Ich war ver­gan­ge­nen Dezember in Amerika und das zum ers­ten Mal. Da ich aber seit mei­nem sechs­ten Lebensjahr viel fern gese­hen habe, war ich mir sicher, dass mich nichts erschüt­tern würde. Als ers­tes Ziel war Miami Beach geplant, denn im Dezember will man dort­hin wo es warm ist und in New York hat es angeb­lich ohne­hin das­selbe Klima wie bei uns, sogar noch käl­ter, ließ ich mir von jeman­den sagen. Ich stand also nach einem lan­gen und uner­quick­li­chen Flug auf der Lincoln Road in Miami South Beach und dachte mir: Hurra, end­lich wie­der in Rimini!

Natürlich sind die Straßen und die auf ihnen fah­ren­den Autos in Miami South Beach zu groß, als dass es wirk­lich wie Rimini oder das jetzt hippe Milano Marittima sein könnte, aber ansons­ten alles gleich: In der ers­ten Reihe direkt vor dem Strand ste­hen die prot­zi­gen Hotels, man­che schön und groß, andere wie mei­nes zum Beispiel war ein abge­wrack­ter Betonblock, in des­sen Aufzug man bei jedem Mal ein­stei­gen von einer elek­tri­schen Stimme in einem Hotel begrüßt wurde, in dem man gar nicht wohnte. Der neue Besitzer des Hotels hatte zwar den Namen geän­dert, sich aber nicht darum geküm­mert die elek­tri­sche Stimme im Aufzug neu zu programmieren.

Nach den Hotels in der ers­ten Reihe kommt die große Flaniermeile mit den Geschäften, die Handtücher, T-Shirts und Sonnencremen anbie­ten. So ein Spruch wie “All you need to reach the beach” steht da in hüb­schen Neonlettern über dem Ungetüm eines 24/7-Stores. Zugegeben, hier sind die Menschen schö­ner als in Italien, weil ja South Beach als das Model-Mekka der USA gilt, wovon man sich wöchent­lich in einer Reality-Show auf MTV über­zeu­gen kann. “8th street/Ocean” ist der Name der Show, falls ich nicht irre. Zur Schönheit trug auch die euro­päi­sche Kunstschickeria bei, weil die Art Basel Miami Beach fand gleich­zei­tig statt, als ich drü­ben war.

Angesehen habe ich mir die auch. Man kann sich alles kau­fen was das Herz begehrt: Francis Bacon, Lucian Freud, Ferdinand Leger, Pablo Picasso, Andy Warhol, Martin Kippenberger und natür­lich auch ganz brand­neue Kunst. Die Kaufklientel besteht aber zu einem über­wie­gen­den Anteil aus alte Datteln, die nicht viel gehen wol­len und des­halb ver­kau­fen sie die alten Meister des 20. Jahrhunderts im Eingangsbereich der 40.000 square feet Fläche. Eine Ausnahme bil­dete die Wiener Galerie Grinzinger, deren Chefin im Board der Art Basel was zu sagen hat, und die dann prompt ihre Wurm– und Schwarzkogler-Werke im Eingangsbereich ver­kaufte. Prominenz gehört bei so einem Ereignis auch dazu: Jay-Z kam ele­gant geklei­det in wei­ßem Hemd und schwar­zer Hose. Sah sehr gepflegt aus, über­haupt nicht so fett und auf­ge­bla­sen wie im TV. Schlecht hin­ge­gen sah aus. Ganz arge Akne. Kein Wunder, dass Filme wie “A scan­ner darkly” mit ihm gemacht werden.

Dann ab ins Flugzeug, auf nach L.A. Dort gleich Hotel bezo­gen, ein Asylantenheim für rich kid bobos in West Hollywood. Von 19 Uhr bis 2 Uhr früh sitzt da in einem in die Wand ein­ge­bau­ten Glaskasten auf Augenhöhe hin­ter dem Rezeptionstisch ein Mädchen in Slip und Unterhemd, die nichts ande­res tut als iPod zu hören und Kreuzworträtsel zu lösen. Auf meine Frage an den Rezeptionisten, was der Zirkus denn bringe, hörte ich als Antwort: “Human display”.

Wenn man schon in Hollywood wohnt, will man auch ins Kino. Aber so ein Unternehmen wie zB den neuen David-Lynch-Film “Inland Empire” in den USA anzu­schauen ist etwas ande­res als bei uns. Bevor ich ins Kino ging, saß schon bei McDonald’s eine vier­zig­jäh­rige Afroamerikanerin neben mir, die eine Kinderpuppe dabei hatte, mit der sie sich köst­lich unter­hielt und zwi­schen­durch selbst so an die zwan­zig Pillen ein­warf, die sie aus ver­schie­de­nen Medikamentenverpackungen drückte. Auf dem Parkplatz vor dem McDo noch schnell eine rau­chen. Kommt doch glatt jemand zu mir mit der Frage: “Where is Hollywood?”. Na da run­ter halt, das hier ist West Hollywood. Dann kreuze ich die Straße zum Kino kreuze und sehe einen Sandler, der die bei rot an der Kreuzung ste­hen­den Autofahrer anbet­teln will und zu die­sem Zweck ein Pappkartonschild hält, um auf seine Lage auf­merk­sam zu machen. Das Schild hält er aber ver­kehrt herum und zeigt den Autofahrern also nur einen blan­ken Karton, auf dem nichts steht, wäh­rend ich lesen kann, was sein Anliegen ist.

Der Lynch-Film selbst wird in den USA als “most dis­tur­bing movie since Eraserhead” gehan­delt und ange­sichts der Tatsache, dass der Film in die­sem Riesenflecken L.A nur in zwei Kinos lief, war ich doch schwer über­rascht, dass es kein Problem war, Karten für die erste Freitag Abend Prime Time Show am Eröffnungstag zu bekommen.

Der Film selbst dau­ert drei Stunden und die­ses Mal ist es bei dem Lynch-Film so, dass es einem als Kinogänger nach spä­tes­tens einer Stunde gar nicht mehr freut, die Fäden der in DV-Cam gefilm­ten Stories im Kopf zuein­an­der zu brin­gen, damit sie einen unge­fäh­ren Sinn erge­ben. Prostituierte aus dem L.A.-Viertel Inland Empire die gleich­zei­tig Huren der 1920er im pol­ni­schen Lodz sind und dann aber auch wie­der Freundinnen der groß­ar­tig spie­len­den Laura Dern, die dann für sie zu “Do the Locomotion” von Kylie Minogue tan­zen. Kanickel, die bei sit­coms auf­tau­chen und von Harry Dean Stanton zitiert wer­den. Laura Dern, die gegen Ende des Films alle mög­li­chen Realitäten ver­mischt, durch die Zeitfalte schlüpft und sich selbst in der Vergangenheit beob­ach­ten kann. Ich will gar nicht zu viel erzäh­len, aber es gibt so viele Anfänge, dass es über­haupt kei­nen Zusammenhang mehr gibt. Man möge selbst sein Urteil fäl­len, wenn der Film in Öster­reich anläuft.

Als ich beim Kino raus­kam, sah ich natür­lich gleich das Viertel, das ich zuvor im Film gese­hen hatte: Zwanzigjährige mit ope­ra­tiv ver­grö­ßer­ten Brüsten pas­sier­ten mich. Sie hat­ten anschei­nend zuvor in Parfum geba­det. Fünf weiße Stretch Limousinen fah­ren vor­bei, drei Sandler brül­len ihnen etwas nach. Wenn man eine Weile län­ger hier lebt, sind Lynch-Filme viel­leicht nicht mehr als nur knall­har­ter Realismus, für den man nicht extra zum Kinogänger wer­den muss.

Offizielle Homepage von Rainer Hawlik:
www.rainerhawlik.com

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Bisher haben meine Lieblingsleser 1 Kommentar zu "Miami, Rimini, Lynch und Lunch (von Rainer Hawlik)" geschrieben.

Wie ist Ihre Meinung?
  • louise Identicon Icon
    louise sagte am 11. Februar 2007 um 17:29

    wenn ich diese zei­len lese, übri­gens danke für dei­nen amü­sant und auch per­sön­lich erzähl­ten rei­se­be­richt, kann ich mir ein schmun­zeln nicht ver­knei­fen. hol­ly­wood — gren­zen­los und phan­tas­tisch — wäh­rend die xxl brüste am sun­set bou­le­vard fla­nie­ren, ver­su­chen die “panier­ten” obdach­lo­sen an geld zu kom­men und der­wei­len tref­fen sich die pro­mis, unter ande­rem ein keanu ree­ves (nicht ein richie lug­ner) und ein hau­fen leute aus der kunst­szene bei einer ange­sag­ten aus­stel­lung in miami beach…hollywood & co, eine traum­fa­brik mit gra­vie­ren­den schat­ten­sei­ten läßt grüßen.

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1 Track- und Pingbacks zu diesem Beitrag

  • Business & Marketingideen - QUER[ideen] für MEHR[erfolg] (9. Februar 2007)
    Iphone, konsumieren, reklamieren, produzieren,kochen geniessen das Essen und Trinken gehen auf Parties, wir schauen Tv Klatsch und Tratsch, hören Musik, sind kreativ schreiben Privat Blogs trinken zu viel Koffein, rauchen..aber sind wir dann wirklich glücklicher? Wieso schauen wir dann nicht über den Tellerrand, über den Tischrand, über den Städterand, was bei den Anderen so vorgeht. Vielleicht finden
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