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Miami, Rimini, Lynch und Lunch (von Rainer Hawlik)

Keanu Reeves in HollywoodIm Land der begrenzenden Unmöglichkeiten kann einem arglosen Reisenden gar Seltsames widerfahren. Ich freue mich außerordentlich, Rainer Hawlik als zweiten Gastautor hier zu begrüßen: er war im vergangenen Dezember das erste Mal in den und berichtet über Kunstmessen in West Hollywood, Strandschönheiten am Miami Beach, Stretch-Limousinen und den neuen Film Inland Empire, der in Europa im April anläuft.

 

Rainer Hawlik: Miami, Rimini, Lynch und Lunch

 

“Dirk, wie ist es in Amerika?
Du musst wissen, ich war noch nie da.
Man kann sich ja unendlich streiten
übers Land der unbegrenzten Möglichkeiten.”
Sportfreunde Stiller

Dirk? Schön blöd schauen die Texte der Sportfreunde Stiller aus, wenn sie einmal schwarz auf weiß für einen zum Ablesen bereit stehen. Hätte man sich aber auch denken können, weil wenn man die CD umdreht und die Ziffer auf dem Display seines CD-Spielers mit den Zeilen auf der Rückseite der CD vergleicht, liest man, dass das Lied: “Dirk, wie ist die Luft dort oben?” lautet.

Jetzt aber ohne Abschweifungen zum eigentlichen Thema: Ich war vergangenen Dezember in Amerika und das zum ersten Mal. Da ich aber seit meinem sechsten Lebensjahr viel fern gesehen habe, war ich mir sicher, dass mich nichts erschüttern würde. Als erstes Ziel war Miami Beach geplant, denn im Dezember will man dorthin wo es warm ist und in New York hat es angeblich ohnehin dasselbe Klima wie bei uns, sogar noch kälter, ließ ich mir von jemanden sagen. Ich stand also nach einem langen und unerquicklichen Flug auf der Lincoln Road in Miami South Beach und dachte mir: Hurra, endlich wieder in Rimini!

Natürlich sind die Straßen und die auf ihnen fahrenden Autos in Miami South Beach zu groß, als dass es wirklich wie Rimini oder das jetzt hippe Milano Marittima sein könnte, aber ansonsten alles gleich: In der ersten Reihe direkt vor dem Strand stehen die protzigen Hotels, manche schön und groß, andere wie meines zum Beispiel war ein abgewrackter Betonblock, in dessen Aufzug man bei jedem Mal einsteigen von einer elektrischen Stimme in einem Hotel begrüßt wurde, in dem man gar nicht wohnte. Der neue Besitzer des Hotels hatte zwar den Namen geändert, sich aber nicht darum gekümmert die elektrische Stimme im Aufzug neu zu programmieren.

Nach den Hotels in der ersten Reihe kommt die große Flaniermeile mit den Geschäften, die Handtücher, T-Shirts und Sonnencremen anbieten. So ein Spruch wie “All you need to reach the beach” steht da in hübschen Neonlettern über dem Ungetüm eines 24/7-Stores. Zugegeben, hier sind die Menschen schöner als in Italien, weil ja South Beach als das Model-Mekka der gilt, wovon man sich wöchentlich in einer Reality-Show auf MTV überzeugen kann. “8th street/Ocean” ist der Name der Show, falls ich nicht irre. Zur Schönheit trug auch die europäische Kunstschickeria bei, weil die Art Basel Miami Beach fand gleichzeitig statt, als ich drüben war.

Angesehen habe ich mir die auch. Man kann sich alles kaufen was das Herz begehrt: Francis Bacon, Lucian Freud, Ferdinand Leger, Pablo Picasso, Andy Warhol, Martin Kippenberger und natürlich auch ganz brandneue Kunst. Die Kaufklientel besteht aber zu einem überwiegenden Anteil aus alte Datteln, die nicht viel gehen wollen und deshalb verkaufen sie die alten Meister des 20. Jahrhunderts im Eingangsbereich der 40.000 square feet Fläche. Eine Ausnahme bildete die Wiener Galerie Grinzinger, deren Chefin im Board der Art Basel was zu sagen hat, und die dann prompt ihre Wurm- und Schwarzkogler-Werke im Eingangsbereich verkaufte. Prominenz gehört bei so einem Ereignis auch dazu: Jay-Z kam elegant gekleidet in weißem Hemd und schwarzer Hose. Sah sehr gepflegt aus, überhaupt nicht so fett und aufgeblasen wie im TV. Schlecht hingegen sah aus. Ganz arge Akne. Kein Wunder, dass Filme wie “A scanner darkly” mit ihm gemacht werden.

Dann ab ins Flugzeug, auf nach L.A. Dort gleich Hotel bezogen, ein Asylantenheim für rich kid bobos in West Hollywood. Von 19 Uhr bis 2 Uhr früh sitzt da in einem in die Wand eingebauten Glaskasten auf Augenhöhe hinter dem Rezeptionstisch ein Mädchen in Slip und Unterhemd, die nichts anderes tut als iPod zu hören und Kreuzworträtsel zu lösen. Auf meine Frage an den Rezeptionisten, was der Zirkus denn bringe, hörte ich als Antwort: “Human display”.

Wenn man schon in Hollywood wohnt, will man auch ins Kino. Aber so ein Unternehmen wie zB den neuen David-Lynch-Film “Inland Empire” in den anzuschauen ist etwas anderes als bei uns. Bevor ich ins Kino ging, saß schon bei McDonald’s eine vierzigjährige Afroamerikanerin neben mir, die eine Kinderpuppe dabei hatte, mit der sie sich köstlich unterhielt und zwischendurch selbst so an die zwanzig Pillen einwarf, die sie aus verschiedenen Medikamentenverpackungen drückte. Auf dem Parkplatz vor dem McDo noch schnell eine rauchen. Kommt doch glatt jemand zu mir mit der Frage: “Where is Hollywood?”. Na da runter halt, das hier ist West Hollywood. Dann kreuze ich die Straße zum Kino kreuze und sehe einen Sandler, der die bei rot an der Kreuzung stehenden Autofahrer anbetteln will und zu diesem Zweck ein Pappkartonschild hält, um auf seine Lage aufmerksam zu machen. Das Schild hält er aber verkehrt herum und zeigt den Autofahrern also nur einen blanken Karton, auf dem nichts steht, während ich lesen kann, was sein Anliegen ist.

Der Lynch-Film selbst wird in den als “most disturbing movie since Eraserhead” gehandelt und angesichts der Tatsache, dass der Film in diesem Riesenflecken L.A nur in zwei Kinos lief, war ich doch schwer überrascht, dass es kein Problem war, Karten für die erste Freitag Abend Prime Time Show am Eröffnungstag zu bekommen.

Der Film selbst dauert drei Stunden und dieses Mal ist es bei dem Lynch-Film so, dass es einem als Kinogänger nach spätestens einer Stunde gar nicht mehr freut, die Fäden der in DV-Cam gefilmten Stories im Kopf zueinander zu bringen, damit sie einen ungefähren Sinn ergeben. Prostituierte aus dem L.A.-Viertel Inland Empire die gleichzeitig Huren der 1920er im polnischen Lodz sind und dann aber auch wieder Freundinnen der großartig spielenden Laura Dern, die dann für sie zu “Do the Locomotion” von Kylie Minogue tanzen. Kanickel, die bei sitcoms auftauchen und von Harry Dean Stanton zitiert werden. Laura Dern, die gegen Ende des Films alle möglichen Realitäten vermischt, durch die Zeitfalte schlüpft und sich selbst in der Vergangenheit beobachten kann. Ich will gar nicht zu viel erzählen, aber es gibt so viele Anfänge, dass es überhaupt keinen Zusammenhang mehr gibt. Man möge selbst sein Urteil fällen, wenn der Film in Österreich anläuft.

Als ich beim Kino rauskam, sah ich natürlich gleich das Viertel, das ich zuvor im Film gesehen hatte: Zwanzigjährige mit operativ vergrößerten Brüsten passierten mich. Sie hatten anscheinend zuvor in Parfum gebadet. Fünf weiße Stretch Limousinen fahren vorbei, drei Sandler brüllen ihnen etwas nach. Wenn man eine Weile länger hier lebt, sind Lynch-Filme vielleicht nicht mehr als nur knallharter Realismus, für den man nicht extra zum Kinogänger werden muss.

1 Kommentar zu „Miami, Rimini, Lynch und Lunch (von Rainer Hawlik)“

  • louise sagte am 11. February 2007 um 17:29

    wenn ich diese zeilen lese, übrigens danke für deinen amüsant und auch persönlich erzählten reisebericht, kann ich mir ein schmunzeln nicht verkneifen. hollywood – grenzenlos und phantastisch – während die xxl brüste am sunset boulevard flanieren, versuchen die “panierten” obdachlosen an geld zu kommen und derweilen treffen sich die promis, unter anderem ein keanu reeves (nicht ein richie lugner) und ein haufen leute aus der kunstszene bei einer angesagten ausstellung in miami beach…hollywood & co, eine traumfabrik mit gravierenden schattenseiten läßt grüßen.

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