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Die französische Postmoderne und das Digitalfernsehen

24.03.2007, geschrieben von , Keine Kommentare

[Der fol­gende Text ent­stand für die Ö1 matrix Homepage, wo ich eine monat­li­che Kolumne schreibe. N’joy.] Am 6. März ver­starb der fran­zö­si­sche Philosoph . Als einer der pro­mi­nen­tes­ten Vertreter post­mo­der­nen Denkens pro­vo­zierte der Franzose die Öffent­lich­keit mit sei­nen Thesen zu , Dissimulation und Gleichzeitigkeit. Dass gerade das digi­tale Fernsehen die medial Live-Übertragung ver­un­mög­licht, hätte er ver­mut­lich nicht vorausgesagt.

Das mediale Ereignis, das die sedi­men­tierte Realität über­deckt und schließ­lich über­la­gert, stand im Fokus von Baudrillards kul­tur­phi­lo­so­phi­schen Betrachtungen. Gelten Flusser und Virilio als Philosophen der , so beschäf­tigt er sich mit den Bildern, die der mit sei­nen unkon­ven­tio­nel­len Thesen angeb­lich “stür­men” wollte, wie seine Kritiker nie müde wur­den anzumerken.

In der Selbstwahrnehmung sah sich JB den­noch nie als Kulturpessimist, ja nicht ein­mal als Theoretiker. Beweisversuche kann man ihm nun wirk­lich keine nach­sa­gen, seine radi­ka­len “Denkanschläge” soll­ten den Leser auf Entdeckungsreise mit­neh­men. So gelangte er zu sei­nem geflü­gel­ten Dictum von der “Ermordung der Realität”: Wenn ich sage, die Realität ist ver­schwun­den, dann meine ich damit das Prinzip der Realität samt dem gan­zen damit ver­bun­de­nen Wertesystem. Schon der Begriff des Realen setzt einen Anfang vor­aus, Zweckbestimmtheit, Vergangenheit, Zukunft, Kontinuität, Ursachen und Wirkungen, kurz gesagt, Rationalität. All das ver­schwin­det bei der Vernichtung des Realen. Das ist das per­fekte Verbrechen. (aus: Das per­fekte Verbrechen)

Anders for­mu­liert: in Baudrillards Konzeption der Scheinrealität geht die mediale Berichterstattung als Symptom ihrer Ursache voran — eine ähnli­che Umkehrung, wie Jaques Lacan sie in der Psychoanalyse vor­schlug. Ein drit­ter Franzose, , defi­nierte und begrün­dete zugleich die Wissenschaft der Dromologie: die­ser Metaforschungsbereich unter­sucht die Zusammenhänge von “Geschwindigkeit und Politik”, nach­zu­le­sen in der gleich­na­mi­gen Publikation von 1977. Die Mediengeschichte und die wer­den zu Hilfswissenschaften der  — Virilio füllt spä­ter enige Bände sei­ner Bibliographie mit Betrachtungen über die (Kriegs-)Relevanz echt­zeit­li­cher Nachrichtenübertragung. The Speed of light does not merely trans­form the world. It beco­mes the world. Globalisation is the speed of light. (Paul Virilio im Interview auf ctheory)

Beide Autoren, und nach ihnen eine ganze Reihe von Epigonen, zen­trie­ren ihre medi­en­theo­re­ti­schen Konstruktionen wesent­lich rund um das Phänomen der soge­nann­ten Echtzeit. Der Physiker wider­sprä­che an die­ser Stelle zwar vehe­ment, zumal es genau betrach­tet keine “Echtzeit” gibt — nicht mal in unse­rer unmit­tel­ba­ren , und schon gar nicht in den Medien. Information reist, und sie tut das bei­leibe nicht kör­per­los: nur sind die mate­ri­el­len Aspekte, im Fall der elek­tro­ni­schen Kommunikation also die Elektronen, win­zig und bewe­gen sich mit so hoher Geschwindigkeit, dass in unsere mensch­li­chen Ereignis und Über­tra­gung etwa bei jeder TV-Liveübertragung zusam­men­fal­len — “beide kol­la­bie­ren im tem­po­ra­len Nullpunkt,” um in der Terminologie der fran­zö­si­schen zu blei­ben. Dieser Nullpunkt ist dem­nach eben als phi­lo­so­phi­sches Konstrukt, nicht als phy­si­ka­li­sche Realität zu begrei­fen: unsere kör­per­in­ter­nes Informationsverarbeitungsnetzwerk, das Nervensystem , arbei­tet eben­falls nicht schnel­ler als mit “Stromgeschwindigkeit”.

Zumindest was TV-Liveübertragungen betrifft, geht die Ära der Real-Time Media indes schnel­ler zu Ende als die Kulturtheorie ver­mu­tet hätte, und vor allem anders: denn mit der Umstellung des ORF auf digi­ta­les Fernsehprogramm und auf neue Hardware für alle ter­res­tri­schen Empfänger wird die Zeitverzögerung, wie üblich beim Nachfolgeformat des erfolg­reichs­ten Massenmediums aller Zeiten, circa 1000 Millisekunden betra­gen. Beim Angebot der tele­kom, die das Fernsehsignal eben­falls digi­tal durch ihre Leitungen jagt, beträgt der “Time Lag” gar bis zu 8 Sekunden — das klas­si­sche mul­ti­me­diale Song-Content Nutzungsszenario “Bild vom Fernseher, Ton übers Radio” dürfte dann unter Synchronisationsproblemen lei­den, ganz zu schwei­gen von all den Fußballfans, die erst Äonen spä­ter vom Tor ihres Lieblingsvereins erfahren.

Time Lag also statt echt­zeit­li­cher Kommunikationskanäle — so haben sich das die Theoretiker dann auch wie­der nicht vor­ge­stellt. Ob das Digitalfernsehen wohl zu einem Paradigmenwechsel in der Dromologie füh­ren wird?

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