Die Kolumne #75 (März 2007)

It’s Kolumnentime again. Ich hab das übliche Rezept gegen Schreibblockade angewandt: Kaffeetrinken mit Tante Brigitte und mitstenographieren. Und sowas wird dann im März auch noch im the gap abgedruckt, aber lesen Sie selbst!

Weiblichkeit reist beileibe nicht körperlos.

Musikjournalisten sind da anders: sie führen gerne längliche Diskurse über die Vorteile der Nachteile von Vinyl. „Anders wie wer?“ fragt Tante Brigitte. Ich meine, korrigierend eingreifen zu müssen und merke an „Du meinst: anders als wer?“ „Nein, ich meine: auf die selbe Art und Weise anders wie die Stadt Wehr im Badischen, die sich als ausgesprochen dynamisch bezeichnet, Fragezeichen. Klammer auf hatetepeh-wewewewea-de-eh Klammer zu.“

Es kann nur ein historischer Moment in der Geschichte der Menschheit und ganz besonders der steinzeitlichen Sprachphilosophie gewesen sein, als das erste Missverständnis ob des Gleichklangs zweier verschiedener geschriebener Worte entstand. In dieser Geburtsstunde der Medienwissenschaft aus dem Geiste des Missverständnisses muss eine/r daneben gestanden haben oder sein um live oder zeitversetzt darüber zu berichten – zum Beispiel im Mittelalter, wo die fahrenden Boten die Nachrichten am Dorfplatz bekanntlich singend intonierten: voila, Musikjournalismus in Reinkultur. Wir erbten die politische Verantwortung, büßten die Sangeskraft ein oder mussten sie vielmehr abtreten an TV-Talent Shows und leiden seither unter niedrigem Blutdruck und hohem Nachruf. In der Tat: die ersten drei Stichwörter, die dem Durchschnittsösterreich zur schreibenden Zunft einfallen lauten: Dynamohaftigkeit. Dynamismus. Dynamizität. Behauptet eine Umfrage, die der „Bund zurückgebliebener Printjournalisten“ unter sich selbst durchgeführt hat.

Online hätte sich ein ganz anderes Bild ergeben. Ich hab nur mal stichprobenartig nachgefragt: Polen, Horngacher und karamelisierte Birne waren die häufigst genannten Assoziationen im Chatkanal. Das ergibt zwar alles keinen Sinn mehr, aber diese Sinnlosigkeit schafft andererseits eine warme Aura zwischemenschlicher Gefühlsduseligkeit, die schon fast an Ostern grenzt. Also österlich-fresh zurück aus der Virtualität zu schmerzhaft realen heidnisch-katholischen Tradionen: Wie jedes Jahr hatte Tante Brigitte bereits alles vorbereitet, um mir die Eier zu färben (ich meine natürlich: um meine Eier zu färben). Angesichts der giftgrünen, brodelnden Brühe wurde ich dann allerdings skeptisch. Brigitte las meine Blicke und kam jeglichem Einwand zuvor: „Nein, das färbt schon nicht ab, keine Sorge – und wenn doch: ist lebensmittelecht und kann mit Spucke entfernt werden.“ Nun bin ich vorbereitet, die zwarten Frühlingsosterhäschen mögen kommen.

Um deren karnickelhaften Gedankensprüngen folgen zu können, wollen die Gehirnjoggingschuhe fest zugebunden sein – Balance ist zwar alles, denn „The ultimate Warrior is the Ninja, hiding in stealth,“ wie uns die BBC Doku „Fight Science“ weismachen möchte, aber ich sage: the female pirate is the ultimate warrior, was sind schon schwankende Trainingspfähle gegen echt schwankende Schiffsplanken? Bevor der Ninja auch nur „Friss meine schwarzen Shorts, Pirat!“ heraushaucht, hat der mit seiner Hakenhand schon kräftigst zugelangt. Arrr! Arrr!
Auf „gut“ deutsch:

  • Der weibliche Pirat ist die ultimative Kriegerin.
  • Die weibliche Piratin ist der ultimative Krieger.
  • Der weibliche Pirat ist der ultimative Krieger.
  • Der weibliche Pirat ist die ultimative Kriegerin.

Sämtliche viere sprach-generisch, aber genderisch nicht kürrekt! Die einzig politisch vertretbare Form (griechisch: hyle, hence the german word „Hülle“) in einer Stadt, die zwar im Rathaus 50% der Terrorherrschaft maskuliner Wegweiser durch weibliche PiktogrammInnnen (Brigitte warf an dieser Stelle klärend ein: Piktogramme, deren symbolhaft dargestellte Persönchen sekundäre Geschlechtsmerkmale weiblicher Natur erahnen lassen) elegant ersetzen, auf Trümmerlsets aber immer noch „Hundekot“ statt HündIennkot drucken lässt:

Die/der weibliche/r PiratIn ist die/der ultimative/r KriegerIn.

Fast wie Sprache remixen mit Hip Hop Technik, liest sich irgendwie gescratched. Nix mehr mit der elementischen Einheit von Laut- und Schriftbild, deren Auflösung die Metaphysik begründete, die bei Heidegger schließlich in der Reflexion der Verschränktheit von Mensch und Technik endet. Womit wir wieder beim einleitenden Mistverständnis wäre und sich die Kolumne einmal mehr verdammt rekursiv in den Anfang beißt. Fröhliche Ostan.

4 comments
ritchie
ritchie

Ja, das ist was dran. Und Differänz hat wirklich was für sich :cool:

Caspar Clemens Mierau
Caspar Clemens Mierau

Ist denn da nicht von Differänz die Rede? Der wohl hässlichsten, wenn auch trefflichsten Übersetzung von Différance - oder um mit Eco zu sprechen: Quasi dasselbe mit anderen Worten. Ein schönes Wochenende.

ritchie
ritchie

Dankeschön. Die Kolumne begann vor einigen Jahren mal als Hip Hop Review-Section und hat sich irgendwie, fast ohne mein Zutun, zum teil-dadaistischen Sprachspiel entwickelt, das mir inzwischen besonders am Herzen liegt :twisted: Hier gibt's mehr davon: http://blog.datenschmutz.net/specials/die-kolumne/