FilmKritik: Life in Loops

Still aus Life in LoopsFür das erste Remixprojekt der Filmgeschichte verarbeitete Timo Novotny 40 Stunden Rohmaterial von Michael Glawoggers Megacities, eigene Aufnahmen aus Tokyo und den Soundtrack der Sofa Surfers zu einer spannenden und oft überraschenden Sequenz. Die folgende Rezension erschien im Ray Kinomagazin.

Regie: Timo Novotny Kamera: Wolfgang Thaler Drehbuch: Michael Glawogger, Timo Novotny Schnitt: Timo Novotny Schnittassistenz: Gerald Schober, Armin Herzog Musik: Sofa Surfers (Markus Kienzl, Wolfgang Frisch, Wolfgang Schlögl) Produktion: Ulrich Gehmacher / orbrock Filmproudktion GmbH Soundschnitt: Markus Kienzl Homepage: lifeinloops.com

Als Medienexperiment, das zwischen visueller Symphonie und Microstories pendelt, als schnittrhythmischen Grenzgang zwischen der Geste des Erzählens und des Zeigens präsentiert Timo Novotny „Life in Loops“.

Der Soundtrack zum Remix von Glawoggers fesselndem Panorama des Lebens in Mega-Metropolen stammt von den Sofa Surfers. Wer sich gefällig untermalte Lichttapeten erwartet, könnte falscher nicht liegen: sanft-organischer Techno Flow verwebt sich mit den O-Tönen der Filmsequenzen und den Rhythmen der Bilder zu einem hypnothischen Multimediaerlebnis. Visualisten haben sich das DJ-Format Remix längst angeeignet und sind von Elektronik-Parties nicht mehr wegzudenken – doch zwischen bunten Lichttapeten am Rande des Dancefloors und der Rezeptionssituation im Kino bestehen gravierende Unterschiede. Funktioniert der mediale Methodentransfer?

Ja, denn mit seinen Portraits von Großstadbewohnern, die allesamt der Traum von einem besseren Leben und ihr Leben in einer Megacity verbindet, liefert Michael Glawogger perfektes Rohmaterial für eine gelungene Neuauflage, der es keineswegs an Eigenständigkeit mangelt. Denn die Intensität, die Novotny aus Bildimpression und Soundsynchronisierung generiert, speist sich aus seinem überaus originellen Umgang mit dem Rohmaterial. Die Erzählform des Films sitzt dabei ebenso wie die aufwändige Schnitt-Technik auf spannende Weise zwischen den Stühlen. Stets buhlen eine erzählerische und eine pur visuelle Komponente miteinander um die Aufmerksamkeit des Betrachters: da sind einerseits kurze Schnipsel linearer Erzählstrukturen, sogar Untertitel zu kurzen Erzählpassagen, doch die werden im nächsten Moment von bewusst kontextfreien Sequenzen konterkariert: mehr als enmal lässt der Regisseur die Zuseher über Sinn und Zweck der Vorgänge auf der Leinwand im unklaren und spielt die zeitmanipulativen Möglichkeiten seines Mediums voll aus. Einzelne Szenen legt Novotny quasi auf den Plattenteller und produziert das visuelle Analogon zu DJ-Mixes.

Genau wie bei einem guten DJ-Seit zieht die Dynamik den Zuseher rasch in ihren Bann. Dem Visualist der Sofa Surfers standen für sein Remix-Projekt 40 Stunden Filmmaterial des Megacities-Drehs zur Verfügung, die er mit eigenen Aufnahmen aus Tokyo mischte – nur rund 30 Prozent der Sequenzen stammen aus dem Original. Beim Karlovy Vary International Film Festival wurde „Life in Loops“ als „Best Documentary +30min“ ausgezeichnet. Remix statt Remake: eine gelungene Heirat popkultureller Techniken mit den Rezeptionsbedingungen des Kinos.

0 comments