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Interview mit Friedrich Kittler: Es muss ja auch weicher werden.

22.03.2007, geschrieben von , Keine Kommentare

Dieses bei­nahe “his­to­ri­sche” mit dem Berliner Kulturtheoretiker Friedrich führte Bernhard Rieder im Februar 2000 — ver­öf­fent­licht wurde der Text damals auf media­ne­xus. Da die medianexus-Seiten in der ÖNB nur bis 1998 erfasst sind, gibt’s das Gespräch online nir­gends mehr.

Deshalb an die­ser Stelle anläss­lich des gest­ri­gen Vortrags von in Wien ein Re-Run des sei­ner­zeits wohl meist­ge­le­se­nen media­ne­xus Interviews — an Aktualität hat das Interview wenig ein­ge­büßt. Viel Vergnügen bei der Reise in die “Frühzeit” des Netzes.

Es muss ja auch wei­cher werden.

Der Berliner Professor Friedrich Kittler der wohl ein­fluss­reichste deut­sche Medientheoretiker. Vor allem die in den acht­zi­ger Jahren enstan­de­nen Schriften wur­den an Einfluss und und kon­to­ver­si­el­lem Potential bis heute nicht erreicht. Media.nexus sprach mit ihm über Prozessoren, Wissenschaft als Open Source Prozess und die letz­ten Möglichkeiten der Technikanalyse.

Bernhard Rieder: Ich möchte gleich direkt in das Gespräch ein­stei­gen und auf einen Punkt zu spre­chen kom­men, der mich beson­ders inter­es­siert. Moores Law ist ein bekann­tes Paradigma und erfreut sich unun­ter­bro­che­ner Gültigkeit. Dennoch wei­ßen aktu­elle Indizien dar­auf hin, dass die magi­sche Grenze von drei Gigahertz tat­säch­lich eine sol­che sein könnte.
Eine zweite Tendenz die sich beob­ach­ten lässt, ist die Tatsache, dass selbst die aktu­ellste Consumersoftware im Office-Bereich noch auf den Prozessoren der vor­letz­ten und vor­vor­letz­ten Generation zufrie­den­stel­lend läuft. Sind wir am Ende einer Entwicklung die 25 Jahre durch ihre Konstanz bril­lierte?

Friedrich Kittler:
Der letzte Punkt scheint doch zumin­dest ein­fach zu sein; Benutzersoftware so wie sie — von Helmholz nach­ge­wie­sen — auf den genuin lang­sa­men Verfahren des a) Sprechens, b) Schreibens und c) optisch-akustischen Nervengerüsts basie­ren, noch wei­ter zu beschleu­ni­gen, das macht kei­nen Sinn. Die Anschlagsgeschwindigkeit von Menschen, wird sich nicht mehr stei­gern, heut­zu­tage tippt ja auch nie­mand mehr rich­tig schnell, und des­halb brau­chen die word­pro­zes­so­ren die neuen Generationen von Alpha– oder Intelchips über­haupt nicht mehr. Das ein­zige was man heute machen muss — das wis­sen wir ja beide, ist es, mul­ti­tas­king und mul­ti­user Anwendungen zu erwei­tern anstatt stän­dig auf die Eingabe des Users zu war­ten. Das war ja bei dos so, dos ist ja sofort in eine Entlosschleife hin­ein­ge­lau­fen, wenn es auf den nächs­ten Buchstaben den jemand in einem Liebesbrief schrieb, war­ten musste; das waren dann 99% Prozessorleistung ver­bra­ten für nichts, eben das war­ten auf die­sen nächs­ten Buchstaben.
Also lang­sam, ganz lang­sam däm­mert ja wohl das Ende des Zeitalters die­ses stand-alone Geräts und man könnte sich schon ver­stel­len, das die Power der jet­zi­gen Prozessoren so aus­ge­nutz­ten wer­den wird, dass diese im Netz gleich­zei­tig noch Aufgaben erle­di­gen, wäh­rend­des­sen dem Benutzer das nächste Wort nicht ein­fällt oder die nächste Operation im Photoshop oder was auch immer jetzt so an lang­sa­men maus­ge­trie­be­nen Algorithmen oder tas­ta­tur­ge­trie­be­nen Algorithmen statt­fin­det. Aber es wäre eine gute Unterscheidungslinie gene­rell, was sym­bo­li­sches Prozessieren ist, also was an mensch­li­che Geschwindigkeiten und Fähigkeiten ankop­pelt auf der einen Seite, und auf der ande­ren Seite das­je­nige Rechnen — native pro­ces­sing war Intels schö­ner Ausdruck dafür — das sich letzt­lich der Natur und der Kontingenz zuwen­det, wo die Rechenpower bei Gott noch nicht reicht.

?: Der Idee, dass der User ja eigent­lich gar nicht mehr Prozessorpower braucht, steht ja die Vermarktungsstrategie der gro­ßen Prozessorschmieden, die natür­lich auf fre­ne­ti­scher Suche nach neuen Anwendungsmöglichkeiten sind. Glauben Sie, dass sich diese Strategie ewig wei­ter­ver­fol­gen lässt; was brau­chen wir noch, was es noch nicht wirk­lich gibt. Außer schö­nen Spielen.

!: Ja mp3-Encoder in und zwar nicht in dezi­dier­ter , in Sondersignalprozessoren oder so, son­dern sol­che die in Echtzeit lauf­fä­hig sind, auf einem nor­ma­len Chip, wäh­rend dane­ben noch sound­pro­ces­sing läuft, da gibt es sicher noch ein paar Sachen, wo es zehn Jahre wei­ter­ge­hen wird mit dem Druck auf dem Feld “Wald und Wiesen”-Prozessor, aber dann wird es viel­leicht geschafft sein. Und falls dazu­käme, dass wirk­lich Sicherheit in der Netzkommunikation ein­tritt, also ordent­li­che, lange Schlüssel statt­fin­den, 128bit Schlüssel oder so etwas, dann ist natür­lich das deko­die­ren des täg­lich oder stünd­lich, sekünd­lich anfal­len­den Netzverkehrs ja auch eine Aufgabe an denen Prozessoren schwit­zen. Intel rühmt sich mit ihrer neuen SIMD (sin­gle instruc­tion — mul­ti­ple data) Struktur des P3, die Entschlüsselung ziem­lich beschleu­nigt zu haben.
Da gibt es Räume. Die Computergraphik — und das wis­sen Sie ja sicher­lich bes­ser als ich — in die­sem Bereich muss man unter­schei­den zwi­schen Raycasting, das haupt­säch­lich bei Spielen vor­kommt und was ja eine ziem­lich hah­ne­bü­chene Art ist drei­di­men­sio­nale Räume zu simu­lie­ren, was mit 25 Frames pro Sekunde also in Echtzeit pro­blem­los zu machen ist auf der einen Seite, und dem Raytracing und sol­chen Sachen, die wirk­lich anspruchs­voll sind. Ich meine ich habe mir gerade einen dop­pel P3 geleis­tet, also zwei 500 Mhz Prozessoren und daher — unter Linux zumin­dest 200% Systemauslastung und bekomme damit in mei­nem ray­tra­cer ein Bild run­ter auf neun Sekunden das ist eben ein neun­tel Frame per second — ist also noch nicht benutz­bar. Ich denke da ist noch eine ganz schöne Entwicklungsstufe zu schaf­fen. Stellen sie sich ein­mal vor ein neun­tel Frame pro Sekunde soll 25 wer­den, das ist neun mal 25, das ist 225mal Verbesserung, da kann Moores Law noch ‘ne Weile dran schwitzen.

?: Sie haben immer wie­der in ihren Schriften dar­auf hin­ge­wie­sen, dass Hardwarestrukturen — Prozessoren, Hardwarearchitekturen — die Dimension der Sinnproduktion stark beein­flus­sen, um nicht zu sagen deter­mi­nie­ren. Wie spielt da die rein?

!: Ich möchte es ja auch noch genauer wis­sen, wie weit es wirk­lich makro­so­ziale Veränderungen sind, die sich auf den Chips abbil­den, da bin ich immer noch skep­tisch, aber ich möchte gerne jeman­den haben, der über diese Frage pro­mo­viert. In einer mitt­le­ren Lösungsebene, wenn man zum Beispiel das Organigramm der Intel Corporation her­neh­men würde und es mit den von Intel gebau­ten Chips ver­glei­chen, da kann ich mir eine grö­ßere oder schnel­lere Trefferrate der Korrelation vor­stel­len weil die Gesellschaft — ich glaube nicht dass es die gibt, im Unterschied zu Luhmann, der aber eigent­lich auch nicht mehr glaubte, dass es die gibt.
Und dass es da poli­ti­sche Kampflinien gibt, das zeigt ja wohl diese trau­rige Geschichte mit dem native single-processing , das war Intels wirk­lich gute Idee, die Multiplikationen, an denen eigent­lich alles hängt — Multiplikation und Addition sind die grund­le­gen­den Funktionen des Integrierens wenn man das nume­risch auf­drös­elt — das sollte eben sub­stan­zi­ell beschleu­nigt wer­den, die alten Intel-Prozessoren brauch­ten für eine Operation 32x32 bit geschla­gene 42 Takte, und das sollte in eine DSP Architektur umge­wan­delt wer­den, also in Echtzeit, viel­leicht 2 Takte, so wie man das gerne hätte, und dann gab’s die­ses berühmte Gespräch zwi­schen Andy Grove und Bill Gates in Santa Clara im Firmenzentrum von Intel und dort hat Gates gesagt: “Wenn ihr das reintut, dann las­sen wir euch sit­zen und tren­nen unsere berühmte Wintel-Allianz.”. Und dann hat Intel fast klein beige­ge­ben, aber nicht ganz, denn die neuen Multiplikationsbefehle auf mei­nem P3 — ich hab sie nach­ge­mes­sen — sind auf vier, fünf Takte run­ter, aber das ist offen­sicht­lich das ein­zige was von die­sem Konzept übrig­ge­blie­ben ist, dass die Multiplikation jetzt wirk­lich ver­nünf­tig schnell ist, aber das ist schon eine Entscheidung, baut man jetzt wei­ter in eine string-verarbeitende RISC-Maschine oder ver­sucht man die nor­male, tra­di­tio­nelle, von der Textverarbeitung her kom­mende CPU lang­sam in Richtung eines all­ge­mei­nen floa­ting­point– und signal­ver­ar­bei­ten­den Systems auf­zu­boh­ren. Ich denke in die­ser zwei­ten Richtung ist noch sehr viel Spielraum, die erste Richtung hat sich irgend­wie aus­ge­tobt. Man sollte ja viel­leicht hin­zu­fü­gen, dass die­ses mythi­sche, von kei­nem Mensch je in der Hand gehabte Urphänomen des klei­nen CPU-Chips, näm­lich der 4004 von Intel für diese japa­ni­sche Firma, das war ein rei­nes Textverarbeitungssystem. Der erste Mikroprozessor als sol­cher ist gebaut wor­den im Auftrag die­ser Büromaschinenfirma, ich glaube es war Casio, und es sollte eben ein­fach eine kleine Textverarbeitung tra­gen und die gan­zen dra­ma­ti­schen Blinddärme die ja in der Intel-Befehlsstruktur drin­ste­cken, die kom­men aus die­ser his­to­ri­schen Altlastenzeit und es macht einem schon Grausen dass der Merced (Intel Itanium), so wie er geplant ist, einer­seits eine fan­tas­ti­sche 64-bit Architektur Ende des Jahres uns anbie­ten wird kön­nen, und dass auf der ande­ren Seite der ganze Blinddarmoverhead der alten Prozessorgeschichte per switch wei­ter­ge­schleppt wird. Mit ande­ren Worten: es wird dop­pelt so viel Silizium ver­bra­ten als eigent­lich sinn­voll wäre. Und das der Merced nun mit 2 ½ Jahren Verspätung — nach der Roadmap — auf den Markt kommt, dass ist offen­sicht­lich eine Folge des Versuchs diese obso­lete Vergangenheit wei­ter am Leben zu erhalten.

?: Stichwort: asym­me­tri­sche Prozessoren. Mir drängt sich hier der Gedanke auf, dass das Open-Source Modell über die­sen Ansatz auch in den Bereich der Hardware getra­gen wer­den könnte.

!: Das ist ja nicht nur mög­lich, es wird ja schon gemacht. Hewlett Packard hat ein­fach einen Ocean of Gates ange­bo­ten, also ein­fach frei umpro­gram­mier­bare Massentransistoren viel mehr als irgend­wann gebraucht, und dann wurde ein Soft– Hardwareprogramm gestar­tet, dass diese Transistoren auf der Hardware selbst umzu­kon­fi­gu­rie­ren erlaubt — also es wird nicht aus einem Transistor ein Nicht-Transistor, aber die minia­tures­ken Verbindungskabel kön­nen anders gelegt wer­den — und zum ers­ten mal hat sich in einer Art von dar­wi­nis­ti­schem Evolutionsmodell nicht bloß Software fort­ent­wi­ckelt, wie in Tiera oder sol­chen Programmen, son­dern wirk­lich Hardware hat sich selbst kon­fi­gu­riert, und das Ergebnis war wirk­lich bes­ser als alle Entwürfe die die Ingenieure in vol­lem Bewusstsein gemacht hat­ten. Diese Maschine hatte sich bes­ser kon­fi­gu­riert als je ein Einwicklerbüro das hätte aus­tüf­teln kön­nen. Und offen­sicht­lich hat diese Hardware die sich selbst pro­gram­miert — so wie das bei Linux ja unge­fähr auch gesagt wer­den könnte — die hat offen­bar Schwächen des Siliziums in Anführungszeichen aus­ge­nutzt zu Stärken. Also sie hat irgend­wie schnelle Stellen auf­ge­spürt auf dem Chip und lang­sa­mere Stellen, und fei­ner kon­fi­gu­rier­bare und etwas grö­ber kon­fi­gu­rier­bare, und hat diese gan­zen Anpassungen — weiß der Teufel wie — angeb­lich auto­ma­ti­sche gemacht.

?: Wenn man davon aus­geht, dass Hardware deter­mi­niert, könn­ten Open Source Prozesse in der Entwicklung von Hardware zu ent­kom­men. Könnte man die Determination dann zumin­dest selbst bestimmen?

!: Das wäre zu Wünschen. Das hängt aller­dings davon ab, wie deter­mi­nis­tisch die Sache ist und wo der Determinismus liegt. Positiv spricht für ihre Frage, dass nicht nur auf der Linux World son­dern auch auf der Intel Entwicklerkonferenz Linux — dank 200 Millionen Intel-Support — sofort auf dem Merced Prototyp los­ge­legt hat wäh­rend sich Windows NT mit “Evaluierungsdatum über­schrit­ten” oder so etwas mel­dete und maß­lose Startprobleme hatte. Aber was ich sagen wollte — ganz im Ernst, weil mich diese Intel-Entwürfe schon inter­es­sie­ren — die­ses expli­zite Programmieren, wo die Parallelität nicht mehr vom Prozessor und dem Maschinencode vor­ge­ge­ben wird son­dern von dem C-Compiler, der den Maschinencode gene­riert, das scheint mir eigent­lich ein ziem­lich har­ter Determinismus zu sein, der so ein biss­chen unsere Träume von “Open” und “Frei” und “Rumspielen” ziem­lich hei­kel macht. Handoptimierten Assembler gibt es dann nicht mehr, da der Compiler sel­ber gezwun­gen ist zu opti­mie­ren, ande­ren­falls er abso­lu­ten Schwachsinn erzeugt an Code. Es ist eine rasante Konzeption, weil Sie sozu­sa­gen nicht das Ortogonale an den alten Intel — Prozessoren total abschafft, das alles plät­tet, aber alle Verantwortung dem Compiler zuschiebt, der dann gut sein muss. Wahrscheinlich wird keine große Konkurrenz mehr zwi­schen den Compilern mehr geben, die — sei es pro­prie­tär sei es Open Source — ent­wi­ckelt wer­den kön­nen, weil der Compiler das gesamte “pro­gramm­ers manual” beherr­schen muss und das ist ziem­lich unzwei­deu­tig, wahr­schein­lich wird es aus­fal­len. Insofern ist der Compiler eine Maschine von einer Eindimensionalität, die man vor­her bei Compilern nicht hatte — das war sozu­sa­gen die schöp­fe­ri­sche Maschine, die schöp­fe­ri­sche frei Stelle, auch für pro­prie­täre Compiler — Microsoft hat ja nicht nur schlechte Compiler geschrie­ben — son­dern auch ver­dammt gute. Und das dürfe irgendwo in die­ser Geschichte erst ein­mal ver­lo­ren gehen. Jetzt kenne ich mich noch viel zu wenig in der Alpha-Architektur aus — unser Alpha ist erst acht Wochen alt, und ich kann nicht viel sagen, wie da die Konkurrenz aussieht.

?: Wizards of OS. Sie haben im Rahmen die­ser Veranstaltung ver­sucht, Open Source als Modell der Herstellung von Wissenschaft zu plat­zie­ren. Können Sie kurz resü­mie­ren, wo da der Punkt ist?

!: Zunächst ein­mal war ich para­no­isch wie immer, und ich besinne mich immer mehr dar­auf zurück, dass ich einer Uni ange­höre und die Unis viel ehren­wür­di­ger und älter sind als ein Nationalstaat. Und des­halb habe ich eine his­to­ri­sche Parabel erzählt: “Es war ein­mal die mit­tel­al­ter­li­che Universität…” die bestand — was kein Mensch mehr weiß — ers­tens aus: Studenten und Dozenten das ist ja klar, das inter­es­siert uns nicht weil das ja Soft– und Wetware ist, mich hat nur die Hardware der mit­tel­al­ter­li­chen Uni inter­es­siert und die bestand bekannt­lich — oder unbe­kannt­lich — aus einer Bibliothek, einer Schreibstube wo die Bücher selbst her­ge­stellt wur­den manu­elle und drit­tens einer Universitätspost um alle Studenten mit ihren Heimatländern zu ver­net­zen. Und dann habe ich die trau­rige Geschichte erzählt, wie Gutenberg dem Scriptorium, das Buchherstellen geklaut hat und wie die Nationalstaaten die Post geschnappt haben und die Metzgerposten und die Uniposten ver­bo­ten haben, und nur noch das Postregal des Staats zulie­ßen. die Bibliothek ist immer­hin eini­ger­ma­ßen geblie­ben — aber natür­lich gibt es auch Nationalbibliotheken. Und dann habe ich die zweite Geschichte erzählt, dass ist die Geschichte, dass die Computerei aus einer Dissertation ent­stan­den ist, von Alan Turing, und einem Professor der aller­dings zum Pentagon über­ge­lau­fen ist, John von Neumann und über­haupt und wie sich dann an den Rändern von Stanford University die ers­ten pri­va­ten Schmieden ange­sie­delt haben, und wie heut­zu­tage Microsoft ein­fach aus dem Engeneering– und Sciencedepartement von Stanford die Leute mit ein­und­zwan­zig abschleppt, aus­quetscht wie Orangen, und mit drei­und­zwan­zig wie­der weg­schmeißt.
Ich habe halt so eine Warnung hin­ge­stellt, also ent­we­der die Uni lernt, dass sie jetzt zum zwei­ten Mal pro­prie­ta­ri­siert wor­den ist, ein Mal durch Gutenberg und den Staat und jetzt durch die Software und das Pentagon, und sie muss sich halt was bes­se­res ein­fal­len las­sen und eine Art von Metametametawissen dar­über­le­gen, wenn sie die­ses Wissen nicht mehr hat. Oder sie wehrt sich und besteht dar­auf, dass einige Essentials des Wissens Open Source blei­ben. Ich würde den­ken, das wäre der Untergang — wirk­lich das wäre der Untergang des Abendlandes wenn man jetzt die Analysis, den Calculus dx nach dy, wenn man das paten­tie­ren dürfte.

?: Steht der Vortrag im Zusammenhang mit dem neuen Buch — Kulturgeschichte der Kulturwissenschaften? Wird das wie­der eine Geschichte einer Wissenschaft über ihre Hardware, oder worum geht’s wirklich?

!: Das Buch hat damit nicht so viel zu tun. Es war eher ein Versuch, mich in mein neues Fach ein­zu­ar­bei­ten und meine phi­lo­so­phi­schen Interessen und Vergangenheiten für die frucht­bar zu machen. Da ging es mehr um die — in mei­nen Augen schreck­li­che — Trennung zwi­schen Natur und Kultur, oder his­to­ri­schen Wissenschaften, so wie Vicos sich von Decartes Natur abge­trennt hat um die Geschichte zu eta­blie­ren und wie das heute hof­fent­lich wie­der zusam­men­läuft, aber ich hab’s nicht geschafft, das Buch oder die Vorlesung bis heute zu füh­ren, son­dern die endet mit Heidegger — also 45 — und einem Lob auf den Rotwein und die Götter.
Aber ich schreib’ irgend­wann die­sen zwei­ten Teil, so von Levi-Strauss bis zur Texas-Schule von heute oder halte es wenigs­tens als Vorlesung. Viel mehr mit dem was wir jetzt dis­ku­tiert haben, mit den zwei gro­ßen Akten des Geldmachens aus Wissenssystemen oder Wissenshardware, zusam­men­hängt ist etwas, was wir in Berlin momen­tan alle pla­nen, so eine Geschichte der Mathematik, sofern sie kul­tu­rell bestim­mende Macht war. Und was ich per­sön­lich ganz gerne tun würde, wäre so ein gro­ßer Brückenschlag, einer­seits zwi­schen Linearperspektive — wie in der Renaissance erfun­den — hin zur Computergraphik und Computeranimation von heute, die ja auch immer ganz brav per­spek­ti­visch ist, wenn sie nicht gerade für die Architekten arbei­tet. Das zum einen; und dann mein ganz pri­va­tes Interesse, wie eben die tem­pe­rierte Stimmung, näm­lich die 12 glei­chen Töne die alle durch 12te Wurzel aus 2 bestimmt wer­den — ganz im Unterschied zur grie­chi­schen Tonleiter — wie die erst mal in Moogs Synthesizer ein­ge­zo­gen sind. Ich habe mit Bob Moog jetzt gespro­chen in Linz und wir haben uns über die­sen Punkt ziem­lich gut ver­stan­den — ein Volt, eine Oktave in 12 kleine glei­che Widerstände alias Schritte ein­ge­teilt, und wie die­ses Prinzip dann jetzt — samt all den drauf­ge­leg­ten Algorithmen — in die Computermusik rein­ge­wan­dert ist, inklu­sive phy­si­cal model­ling von musi­ka­li­schen Sounds, was ja letzt­lich drauf hin­aus­läuft, dass man in Echtzeit Differenzialgleichungen löst im Computer und dann die Lösung die­ser Differenzialgleichung als klin­gende Musik gleich­zei­tig aus­gibt. Und das wäre genau der Punk wo wir wie­der am Anfang unse­res Gesprächs wären, wo wirk­lich dann affige Rechenleistung erfor­der­lich ist, die heute noch nicht so ganz da ist.

?: Das heißt sozu­sa­gen, die Arbeit die Sie vor allem in den acht­zi­ger Jahren geleis­tet haben, der Versuch, die kon­krete Hardware zu reflek­tie­ren und zu schauen wo das Determinationspotential ist, wird jetzt eine wei­tere. Das heißt, das Material, das in ihren frü­hern Arbeiten die kon­krete Hardware war, wird wei­cher, es kom­men die Algorithmen dazu, andere Fragen, und auch die kon­krete Anwendung.

!: Es muss auch wei­cher wer­den. Weder Sie noch ich sind imstande uns über die Position von sechs oder zehn Millionen Transistoren auf die­sen Chips noch irgend­wie sinn­voll Rechenschaft zu krie­gen. Was die Industrie raus­rückt, diese wun­der­ba­ren Photos mit den vier-fünf Farben, für: hier ist die Floatingpoint-Unit, das ist der Cache No.1, da ist Cache No.2, da sind die fünf Reste von Integer-Units die wir heute noch übrig­ge­hal­ten haben, super­ska­laar usw., hier ist reor­de­ring, das kann man ja kaum mehr inter­pre­tie­ren. Ich weiß nicht ob das ein Ingenieur das noch inter­pre­tie­ren kann, ich weiß nicht ob ein Mensch, wenn er das Gesamtbild als gezeich­ne­tes vor sich sähe, noch über­haupt sich zurecht­fände. Auf jeden Fall wir, rela­tiv von den Daten Abgeschlossene, wis­sen zu wenig, viel­leicht mach’ ich auch den Fehler, nicht immer auf die von Michael Slater ver­an­stal­tete Microprocessor Developement Conference in San Francisco zu fah­ren, da müsste ich eigent­lich jedes Jahr und die Kongressakten lesen, dann könnte man wei­ter an der Hardware arbei­ten. Ich denke aber schon, sie haben recht, die Hardware von vor zehn Jahren oder fünf­zehn Jahren als man anfing drü­ber zu schrei­ben, war wirk­lich noch im Kopf eini­ger­ma­ßen rekon­stru­ier­bar, was so ein klei­ner Prozessor war, aber ich bin froh, einer Generation anzu­ge­hö­ren, die diese rasante Geschichte “from the scratch” — vom Anfang an — mit­ge­macht hat, sodass man auch jetzt in die­sen Riesenarchitekturen die Prinzipien der frü­he­ren klei­ne­ren Lösungen wie­der­er­ken­nen kann, und sich eini­ger­ma­ßen zurecht­fin­den kann.
Über­haupt noch die Frage nach Teilfunktionen der Hardware auf­recht­er­hal­ten ist schwer. Viele Leute ver­ges­sen ja ganz, dass so ein Chip aus unter­schied­li­chen Funktionseinheiten besteht und pro­gram­mie­ren dann auch schlecht. Unsereins, wir wis­sen, dass wir eine CPU, eine Floating Point Unit und seine SIMD-Unit par­al­lel lau­fen las­sen kön­nen. Und ich jetzt in mei­ner Glückssituation, stel­len Sie sich vor, also: 2 Prozessoren, eine nor­male 2D/3D Graphikengine, nor­male Soundengine und eben noch die­sen wun­der­schö­nen alten DSP aus mei­nen Kindertagen, das sind fünf aktive Maschinen in einem Desktopgehäuse, und ich schaffe es die fünf gleich­zei­tig lau­fen zu las­sen. Da muss man aber wis­sen, das Untereinheiten über­haupt gibt und deren Parallelismus aus­nüt­zen usw. Aber das wäre natür­lich vor zehn Jahren unvor­stell­bar gewe­sen, dass man fünf oder mehr sol­cher Einheiten über­haupt hat. Das wäre auch ein Punkt, wo sozu­sa­gen eine Öffnung statt­fin­det hin in — nicht gerade in Open Source — aber in eine Art von Polyarchie anstelle einer Monarchie die­ses einen Prozessors.

?: Und wo wür­den sie die Konsequenz sehen. Wie gesagt, die Black Box Computer schießt sich immer wei­ter, es gibt immer weni­ger Leute die über die­ses Ding abs­trakt zu den­ken ver­mö­gen, wel­che Konsequenz hat das für die Kulturwissenschaften — oder das, was man heute Kulturwissenschaften nennt? Wie kön­nen wir die Determinationskraft, die signi­fi­kante Kraft, die in die­sem Gerät dann trotz­dem noch drin­steckt, wie kön­nen wir der noch nachspüren.

!: Das Verfahren, das ich immer benutzt habe, und was die Jüngeren, die in mei­nen Stapfen wan­deln, oder über diese Stapfen längst hin­aus­ge­wan­delt sind, ein­ge­schla­gen haben, war immer ein biss­chen das der Dramatisierung die­ser Dinge. Einfach um es schla­gend zu machen. Dramatisierung heißt z.B. den Teufel der mili­tä­ri­schen Ursprünge oder Zukünfte an die Wand zu malen, und es gibt teil­weise also erstaun­li­che Ergebnisse.
Um beim Raytracing oder Radiosity — die­sem belieb­ten Verfahren der Graphik — zu blei­ben, ich hatte das auch als bare Münze genom­men, wenn die computergraphics-community, die es ja gibt, erzählt, sie hät­ten den ray­tra­c­ing– ein­fach ent­wi­ckelt um Bilder wiederzugeben, — nein denkste, ein jun­ger Mann bei mir hat her­aus­ge­fun­den, in den ers­ten zehn Jahren des Begriffs “ray­tra­c­ing” gibt’s den nur in der mili­tä­ri­schen Radarliteratur und der ist dann wie so eine Begriffsübernahme in die Graphik hin­ein­spa­ziert aber war zunächst ein­mal nur für die Radarwellen gedacht. Und das sind schon Sachen, wo man immer noch gut dra­ma­ti­sie­ren kann.
Das selbe gilt für den Begriff der rauen Oberfläche oder für den Begriff der Textur. Also das was heute jeden 3D-Chip in sei­ner Leistungsfähigkeit defi­niert. Woher kom­men eigent­lich die Texturen? Siehe an, sie kom­men aus dem Problem, dass der Atlantik nicht das aller­ru­higste Meer der Welt ist und wenn dann so ein blö­des deut­sches U-Boot sein blö­des deut­sches Periskop dann kurz vor der ame­ri­ka­ni­schen Küste mal kurz hoch­fah­ren lässt, und die See ist eini­ger­ma­ßen rau und die Sonne steht noch ganz blöd im Abendrotwinkel, dann ents­eht eine der­ar­tige Textur, dass das Periskop von dem U-Boot nicht mehr von sei­nem Hintergrundrauschen trenn­bar war. Und dar­auf­hin haben sie Theorien ent­wi­ckelt, was raue Oberflächen sind, also Texturen, und das fand ich alles sehr dra­ma­tisch, weil’s auch tief in den Algorithmus hin­ein­reicht, als den Algorithmus zur Erfassung nicht nur von algo­rith­mi­schen Strukturen son­dern eben von ver­rausch­ten und kom­ple­xen Strukturen, wie die Welt sie nun lei­der mal hat. Und das alles mal auf­zu­rol­len, und so eine Archäologie der Computer bis heute zu bauen, statt die­ser Selbstlob-Hudelei Historiographie, das wäre im Sinne Foucaults immer glaub ich noch pro­vo­kant. Ich denke, poli­ti­sche Unterstützung für Open Source und Open Software muss ein­fach sein, das kann man nicht durch aka­de­mi­sche oder archäo­lo­gi­sche Teilaktivitäten ersetzen.

?: Wenn ich sie jetzt rich­tig ver­stan­den habe, heißt das im Endeffekt für die Kulturwissenschaften, dass sie einen Prozess des “reverse engenee­rings” durch­füh­ren müs­sen, also wir schauen uns zuerst die Effekte an, und kom­men erst dann zur Hardware zurück, die nicht mehr aus sich allein ver­steh­bar ist.

!: Sicherlich. Also wenn man so eine Geschichte wie die Oberfläche des Meeres vs. U-Boot Periskop sich anschaut, dann fällt man eben zurück auf Johann Heinrich Lambert aus der Berliner Akademie der Wissenschaften, der zu ers­ten Mal eine Theorie von leuch­ten­den Oberflächen über­haupt auf­ge­stellt hat. Und diese Theorie erzeugt 1760 den Begriff sel­ber den Begriff des Phänomens, weil wie das Ding an sich selbst leuch­tet, ist etwas ande­res wie das Ding in unse­ren Augen als leuch­ten­des Feld. Der Sehwinkel am Rande, an den Rundungen des Mondes, erzeugt halt dunk­lere Lichter — im Falle des Mondes stimmt es nicht, neh­men wir einen Apfel, dann stimmt es — der Apfel hat einen Glanzfleck in der Mitte und da wo das Sehfeld im Winkel von 90 Grad auf­fällt wird er halt dunk­ler. Und das ent­wi­ckelt Lambert als eine schöne mathe­ma­ti­sche Theorie und prägt dafür den Begriff des Phänomens und der Phänomenologie sogar und Hegel, der junge Hegel liest das — aus zwei­ter Hand viel­leicht oder aus drit­ter — nimmt das Wort und schreibt die Phänomenologie des Geistes und meint natür­lich nicht mehr die­sen opti­schen Schein, den Lambert so schön beschrie­ben hat und der in der Computergraphik wie­der hoch­kommt.
Also die Kulturwissenschaft ist auch in ihren Sachverhalten betrof­fen, und zwar fron­talst betrof­fen; bis ein­schließ­lich der gro­ßen Philosophie soweit sie sich Rechenschaft über Schein und Sein, beim Sehen, beim Hören und beim Denken able­gen wollte, gibt es die­sen ande­ren Strang, der nor­ma­ler­weise nicht wahr­ge­nom­men wird, der dann direkt von Lambert in die Implementierung hin­ein­führt und in jeden heu­ti­gen Graphikchip.

?: Das heißt, dass Wissenschaftstheorie und Wissenschaftsgeschichte — wenn man das Gesagte extra­po­liert — Gesamtwissenschaftsgeschichte und Gesamtwissenschaftstheorie wer­den müssten.

!: Das sollte man als Abschluss so gesagt haben, ja.

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