R.I.P.: Jean Baudrillard dissimuliert nie wieder

Jean BaudrillardGestern verstarb der französische Philosoph und Soziologe Jean Baudrillard nach längerer Krankheit in Paris. Geboren wurde der „große postmoderne Bilderstürmer“, wie ihn die SZ nennt, am 20. Juli 1920 in Reims. Seine Text über Simulation und Virtualität gehören zum Standardrepertoire des medientheoretischen Kanons – „Kool Killer oder Der Aufstand der Zeichen“ oder „Agonie des Realen“ zählen zu den Klassikern der Postmoderne.

Für viele markierte JB immer die allzeit gegenwärtige Position des rückhaltlosen Kulturpessimismus, mittelgut verdeckt vom Mäntelchen französischen postmodernen Sprachpompanzes. Zu Unrecht, wie Florian Rötzer in seinem Nachruf auf telepolis einwendet:

Ihm ging es nicht um Wahrheit, er verstand sich auch nicht als Theoretiker, der etwas beweist, er dachte eher wie ein Dadaist und wollte auch sich mit seinen Denkanschlägen herausfordern oder verführen. Radikales Denken, wie er es angestrebt hat, ist gerade nicht auf Verständnis oder Mitteilung angelegt, es will eine Art Abenteuer sein, eine Entdeckungsreise, die über sich hinausgeht. Ein Kritiker der Medien oder der Konsumgesellschaft, wie man das ihm gerne nachsagt, wollte er gerade nicht sein.

Als ich mit Baudrillards Texten in Berührung kam, schien er mir in einer Traditionslinie zu stehen mit mit Günther Anders, Susan Sonntag und Neil Postman: Kulturpessimismus als offenbar notwändige Begleiterscheinung eines jeden paradigmatischen (Medien)Wandels, oder wie die SZ schreibt:

Das Simulakrum ist wahr. Das war sein Credo. Damit stellt er vertraute Begriffe, über Jahrhunderte etablierte europäische Denksysteme auf den Kopf. Die Realität, als Ursprung und Referenzsystem des Denkens, hat für ihn ausgespielt. Es gibt keine Wirklichkeit hinter der Wirklichkeit mehr, nur noch das Spiel der Zeichen.

Der Text „Kool Killer oder der Aufstand der Zeichen“ im gleichnamigen Merve-Band allerdings bot einen so unkonventionellen Ansatz zum Thema städtische Graffiti, dass ich mich vor einigen Jahren mit Peter nach Graz begab, um Baudrillards Vortrag bei der Eröffnung seiner eigenen Fotoausstellung „Die Abwesenheit der Welt“ zu hören. Kurioserweise präsentierte der Kritiker der Bilder damals 100 Farbfotos mit theoretischem Überbau:

Seit Mitte der 80er Jahre, aber verstärkt seit Anfang der 90er fotografiert Baudrillard, vor allem während seiner häufigen Reisen in alle Teile der Welt. Es entstehen Landschaftsaufnahmen, Stadtansichten und Bilder von Objekten und Ensembles, die an klassische Stilleben oder Interieurs erinnern. Zugleich aber entstehen Fotografien in extremen Ausschnitten und Nahansichten, die den jeweiligen Gegenstand des Bildes aufzulösen scheinen, so als wolle der Fotograf seiner Struktur auf den Grund gehen – als sei nicht das Objekt an sich von Interesse, sondern das, was in ihm verborgen liegt. (aus dem Pressetext zur Ausstellung in Kassel)

Die Fotos haben mich weit weniger beeindruckt als der enigmatische Vortrag des Protagonisten, dessen radikale Infragestellung der Kategorien Wirklichkeit und Simulation ihn zum Schlüsselbegriff „Dissimulation“ führte. JB verdächtigte die Medien des „perfekten Verbrechens“ – darunter verstand er die „Ermordung der Realität“. Was sich wie eine semiotische Satire anhört, legte der Philosoph in dem kurzen Merve-Bändchen „Die Agonie des Realen“ dar, Zitat:

Denn wenn es auf Grund des Widerstands des uns umgebenden Realen praktisch unmöglich ist, einen simulierten Prozess isoliert zu betrachten, ist es umgekehrt genauso unmöglich, einen realen Prozess zu isolieren oder einen Beweis für das Reale zu erbringen – eben diese Reversibilität macht einen Teil des Simulationsdispositivs und des Unvermögens der Macht aus.

In Das perfekte Verbrechen führt Baudrillard genauer aus, auf welche Weise das von ihm angesprochene Verbrechen begangen wird. Die Formulierung zeigt deutlich, dass hier eine Katastrophe stattfindet – apokalyptisches Denken blieb eben doch stets treuer Begleiter des Franzosen:

Wenn ich sage, die Realität ist verschwunden, dann meine ich damit das Prinzip der Realität samt dem ganzen damit verbundenen Wertesystem. Schon der Begriff des Realen setzt einen Anfang voraus, Zweckbestimmtheit, Vergangenheit, Zukunft, Kontinuität, Ursachen und Wirkungen, kurz gesagt, Rationalität. All das verschwindet bei der Vernichtung des Realen. Das ist das perfekte Verbrechen.

Zuletzt provozierte er mit seinen Aussagen zum Anschlag auf das World Trade Center Widerstand – leicht verständlich, führt man sich seine Beschreibung terroristischer und krimineller Akte im selben Buch zu Gemüte:

Von daher sind alle Raubüberfälle, Flugzeugentführungen usw. von nun an in gewisser Weise simulierte Vergehen, und zwar insofern, als sie sich von vornherein in die rituelle Dechiffrierung und Orchestrierung der Massenmedien einschreiben und sie in ihrer Inszenierung und ihren möglichen Folgen vorweggenommen werden – kurz, sie funktionieren als ein Ensemble von Zeichen, die einzig und allein ihrer Zeichenrekurrenz dienen und nicht mehr ihrem „realen“ Zweck.

Wie jeder Theorie-Popstar besitzt natürlich auch Baudrillard ein Journal, das ganz seiner Arbeit gewidmet ist. Alle Beiträge des seit Jänner 2004 erscheinenden International Journal of Baudrillard Studies gibt’s löblicherweise Online im Volltext, zum Beispiel das legendäre Requieum for the Media:

Are the mass media on the side of power in the manipulation of the masses, or are they on the side of the masses in the liquidation of meaning, in the violence perpetrated on meaning, and in fascination? Is it the media that induce fascination in the masses, or is it the masses who direct the media into the spectacle?

Im wikipedia-Artikel findet sich eine umfangreiche Bibliographie sowie zahlreiche weiterführende Links für eigene Baudrillard-Studies.

4 comments
ritchie
ritchie

Und ewig klafft der Spalt zwischen Theorie und Praxis :-) Sehr schönes Zitat!

Peter
Peter

Da will ich noch ein Zitat beitragen: Jean Baudrillard, ausgerechnet ein Franzose, sagt, dass nicht nur die Sprache auf verfälschende Weise die Realität wiedergibt, sondern mehr noch, dass es überhaupt keine Realität gebe, die man wiedergeben könnte. Vom Text nur durch Klammern getrennt, schon das alleine keine subtile Weise Distanz zu schaffen, setzt Postman, mit einer Polemik fort, die selbst im Kabarett ein Totschläger wäre: (Vielleicht erklärt dies nun endlich den unentschlossenen Widerstand der Franzosen gegen die deutsche Invasion ihres Landes im Zweiten Weltkrieg: Sie hielten sie nicht für real.) Auch oder gerade innerhalb der Traditionslinie fliegen die Hackeln tief.

Leitkulturevolution.de
Leitkulturevolution.de

Mitten im Land der Dichter und Denker, am ICE-Bahnhof der Republik, entdeckte das Bundespresseamt ein provinzielles Tagesschau-Bild. Dieses Optiksignal war kein wahrer Kanzler, sondern nur die Liniendarstellung eines zeitlich begrenzten Kanzlers im Fernsehen eines Unionsbuergers in der Deutschen Provinz. Auf der Grundlage des ungesetzlichen "Domainrechtes" liess ein Rechtkreativer der Bundesregierung eine einstweilige Verfügung vom Landgericht Berlin gesetzlos abstempeln. Dem Unionsbuerger wurden 6 Monate Gefängnis für seine Internetdichtung versprochen. Ihm wurde verboten, sein unabhängiges kanzlerschroeder.de-Bild "reserviert und/oder konnektiert" zu halten. Gegen diesen undemokratische Beschluss wurde im Geist der Bürgerrechtsdeklaration widerstanden und zum Glück für die Republik wurde der Unionsbuerger.de von Prozessanwalt.de im Geist von I. Kant verteidigt. Nach einem geistreichen Disput vorm Landgericht Berlin vertrugen sich sich die Parteien auf der übernationalen Grundlage der Europäischen Charta der Grundrechten . Das Bundespresseamt der Bundesregierung versprach Wahlleiter.de, Unionsbuerger.de, Praesidentin.de, Stoiberkanzler.de und eine-frau-soll-kanzler-werden.de nicht zu belegen. Der Unionsbuerger versprach kanzlerschroeder.de zu aus seiner Uchronie zu radieren. Moral dieser Leitkulturellen Uchronie geschrieben am 1.12.2003 im Landgericht Berlin OHNE AUTORITÄT KEIN RECHT !

phrank
phrank

Und was ja unbedingt sein musste: dass ihm der ORF den Titel "Modephilosoph" ins Grab nachgeschmissen hat.

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