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R.I.P.: Jean Baudrillard dissimuliert nie wieder

07.03.2007, geschrieben von , 4 Kommentare

jb.thumbnail R.I.P.: Jean Baudrillard dissimuliert nie wiederGestern ver­starb der fran­zö­si­sche Philosoph und Soziologe Jean Baudrillard nach län­ge­rer Krankheit in Paris. Geboren wurde der “große Bilderstürmer”, wie ihn die SZ nennt, am 20. Juli 1920 in Reims. Seine Text über und Virtualität gehö­ren zum Standardrepertoire des medi­en­theo­re­ti­schen Kanons — “Kool Killer oder Der Aufstand der Zeichen” oder “Agonie des Realen” zäh­len zu den Klassikern der Postmoderne.

Für viele mar­kierte JB immer die all­zeit gegen­wär­tige Position des rück­halt­lo­sen Kulturpessimismus, mit­tel­gut ver­deckt vom Mäntelchen fran­zö­si­schen post­mo­der­nen Sprachpompanzes. Zu Unrecht, wie Florian Rötzer in sei­nem auf tele­po­lis einwendet:

Ihm ging es nicht um Wahrheit, er ver­stand sich auch nicht als Theoretiker, der etwas beweist, er dachte eher wie ein Dadaist und wollte auch sich mit sei­nen Denkanschlägen her­aus­for­dern oder ver­füh­ren. Radikales Denken, wie er es ange­strebt hat, ist gerade nicht auf Verständnis oder Mitteilung ange­legt, es will eine Art Abenteuer sein, eine Entdeckungsreise, die über sich hin­aus­geht. Ein Kritiker der Medien oder der Konsumgesellschaft, wie man das ihm gerne nach­sagt, wollte er gerade nicht sein.

Als ich mit Baudrillards Texten in Berührung kam, schien er mir in einer Traditionslinie zu ste­hen mit mit Günther Anders, Susan Sonntag und Neil Postman: Kulturpessimismus als offen­bar not­wän­dige Begleiterscheinung eines jeden para­dig­ma­ti­schen (Medien)Wandels, oder wie die SZ schreibt:

Das Simulakrum ist wahr. Das war sein Credo. Damit stellt er ver­traute Begriffe, über Jahrhunderte eta­blierte euro­päi­sche Denksysteme auf den Kopf. Die Realität, als Ursprung und Referenzsystem des Denkens, hat für ihn aus­ge­spielt. Es gibt keine Wirklichkeit hin­ter der Wirklichkeit mehr, nur noch das Spiel der Zeichen.

Der Text “Kool Killer oder der Aufstand der Zeichen” im gleich­na­mi­gen Merve-Band aller­dings bot einen so unkon­ven­tio­nel­len Ansatz zum Thema städ­ti­sche Graffiti, dass ich mich vor eini­gen Jahren mit Peter nach Graz begab, um Baudrillards Vortrag bei der Eröffnung sei­ner eige­nen Fotoausstellung “Die Abwesenheit der Welt” zu hören. Kurioserweise prä­sen­tierte der Kritiker der Bilder damals 100 Farbfotos mit theo­re­ti­schem Überbau:

Seit Mitte der 80er Jahre, aber ver­stärkt seit Anfang der 90er foto­gra­fiert Baudrillard, vor allem wäh­rend sei­ner häu­fi­gen Reisen in alle Teile der Welt. Es ent­ste­hen Landschaftsaufnahmen, Stadtansichten und Bilder von Objekten und Ensembles, die an klas­si­sche Stilleben oder Interieurs erin­nern. Zugleich aber ent­ste­hen Fotografien in extre­men Ausschnitten und Nahansichten, die den jewei­li­gen Gegenstand des Bildes auf­zu­lö­sen schei­nen, so als wolle der Fotograf sei­ner Struktur auf den Grund gehen — als sei nicht das Objekt an sich von Interesse, son­dern das, was in ihm ver­bor­gen liegt. (aus dem Pressetext zur Ausstellung in Kassel)

Die Fotos haben mich weit weni­ger beein­druckt als der enig­ma­ti­sche Vortrag des Protagonisten, des­sen radi­kale Infragestellung der Kategorien Wirklichkeit und Simulation ihn zum Schlüsselbegriff “Dissimulation” führte. JB ver­däch­tigte die Medien des “per­fek­ten Verbrechens” — darunter ver­stand er die “Ermordung der Realität”. Was sich wie eine semio­ti­sche Satire anhört, legte der Philosoph in dem kur­zen Merve-Bändchen “Die Agonie des Realen” dar, Zitat:

Denn wenn es auf Grund des Widerstands des uns umge­ben­den Realen prak­tisch unmög­lich ist, einen simu­lier­ten Prozess iso­liert zu betrach­ten, ist es umge­kehrt genauso unmög­lich, einen rea­len Prozess zu iso­lie­ren oder einen Beweis für das Reale zu erbrin­gen — eben diese Reversibilität macht einen Teil des Simulationsdispositivs und des Unvermögens der Macht aus.

In Das per­fekte Verbrechen führt Baudrillard genauer aus, auf wel­che Weise das von ihm ange­spro­chene Verbrechen began­gen wird. Die Formulierung zeigt deut­lich, dass hier eine Katastrophe statt­fin­det — apo­ka­lyp­ti­sches Denken blieb eben doch stets treuer Begleiter des Franzosen:

Wenn ich sage, die Realität ist ver­schwun­den, dann meine ich damit das Prinzip der Realität samt dem gan­zen damit ver­bun­de­nen Wertesystem. Schon der Begriff des Realen setzt einen Anfang vor­aus, Zweckbestimmtheit, Vergangenheit, Zukunft, Kontinuität, Ursachen und Wirkungen, kurz gesagt, Rationalität. All das ver­schwin­det bei der Vernichtung des Realen. Das ist das per­fekte Verbrechen.

Zuletzt pro­vo­zierte er mit sei­nen Aussagen zum Anschlag auf das World Trade Center Widerstand — leicht ver­ständ­lich, führt man sich seine Beschreibung ter­ro­ris­ti­scher und kri­mi­nel­ler Akte im sel­ben Buch zu Gemüte:

Von daher sind alle Raubüberfälle, Flugzeugentführungen usw. von nun an in gewis­ser Weise simu­lierte Vergehen, und zwar inso­fern, als sie sich von vorn­her­ein in die ritu­elle Dechiffrierung und Orchestrierung der Massenmedien ein­schrei­ben und sie in ihrer Inszenierung und ihren mög­li­chen Folgen vor­weg­ge­nom­men wer­den — kurz, sie funk­tio­nie­ren als ein Ensemble von Zeichen, die ein­zig und allein ihrer Zeichenrekurrenz die­nen und nicht mehr ihrem “rea­len” Zweck.

Wie jeder Theorie-Popstar besitzt natür­lich auch Baudrillard ein Journal, das ganz sei­ner Arbeit gewid­met ist. Alle Beiträge des seit Jänner 2004 erschei­nen­den International Journal of Baudrillard Studies gibt’s löb­li­cher­weise Online im Volltext, zum Beispiel das legen­däre Requieum for the Media:

Are the mass media on the side of power in the mani­pu­la­tion of the mas­ses, or are they on the side of the mas­ses in the liqui­da­tion of mea­ning, in the vio­lence per­pe­tra­ted on mea­ning, and in fasci­na­tion? Is it the media that induce fasci­na­tion in the mas­ses, or is it the mas­ses who direct the media into the spectacle?

Im wikipedia-Artikel fin­det sich eine umfang­rei­che Bibliographie sowie zahl­rei­che wei­ter­füh­rende Links für eigene Baudrillard-Studies.

Keine ähnli­chen Beiträge.


Bisher haben meine Lieblingsleser 4 Kommentare zu "R.I.P.: Jean Baudrillard dissimuliert nie wieder" geschrieben.

Wie ist Ihre Meinung?
  • phrank Identicon Icon
    phrank sagte am 7. März 2007 um 17:04

    Und was ja unbe­dingt sein musste: dass ihm der ORF den Titel “Modephilosoph” ins Grab nach­ge­schmis­sen hat.

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  • Leitkulturevolution.de Identicon Icon

    Mitten im Land der Dichter und Denker, am ICE-Bahnhof der Republik, ent­deckte das Bundespresseamt ein pro­vin­zi­el­les Tagesschau-Bild. Dieses Optiksignal war kein wah­rer Kanzler, son­dern nur die Liniendarstellung eines zeit­lich begrenz­ten Kanzlers im Fernsehen eines Unionsbuergers in der Deutschen Provinz. Auf der Grundlage des unge­setz­li­chen “Domainrechtes” liess ein Rechtkreativer der Bundesregierung eine einst­wei­lige Verfügung vom Landgericht Berlin gesetz­los abstem­peln. Dem Unionsbuerger wur­den 6 Monate Gefängnis für seine Internetdichtung ver­spro­chen. Ihm wurde ver­bo­ten, sein unab­hän­gi­ges kanzlerschroeder.de-Bild “reser­viert und/oder kon­nek­tiert” zu hal­ten. Gegen die­sen unde­mo­kra­ti­sche Beschluss wurde im Geist der Bürgerrechtsdeklaration wider­stan­den und zum Glück für die Republik wurde der Unionsbuerger.de von Prozessanwalt.de im Geist von I. Kant ver­tei­digt. Nach einem geist­rei­chen Disput vorm Landgericht Berlin ver­tru­gen sich sich die Parteien auf der über­na­tio­na­len Grundlage der Europäischen Charta der Grundrechten .

    Das Bundespresseamt der Bundesregierung ver­sprach Wahlleiter.de, Unionsbuerger.de, Praesidentin.de, Stoiberkanzler.de und eine-frau-soll-kanzler-werden.de nicht zu bele­gen. Der Unionsbuerger ver­sprach kanzlerschroeder.de zu aus sei­ner Uchronie zu radieren.

    Moral die­ser Leitkulturellen Uchronie geschrie­ben am 1.12.2003 im Landgericht Berlin

    OHNE AUTORITÄT KEIN RECHT !

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  • Peter Identicon Icon
    Peter sagte am 7. März 2007 um 23:26

    Da will ich noch ein Zitat beitragen:

    Jean Baudrillard, aus­ge­rech­net ein Franzose, sagt, dass nicht nur die Sprache auf ver­fäl­schende Weise die Realität wie­der­gibt, son­dern mehr noch, dass es über­haupt keine Realität gebe, die man wie­der­ge­ben könnte.
    Vom Text nur durch Klammern getrennt, schon das alleine keine sub­tile Weise Distanz zu schaf­fen, setzt Postman, mit einer Polemik fort, die selbst im Kabarett ein Totschläger wäre:
    (Vielleicht erklärt dies nun end­lich den unent­schlos­se­nen Widerstand der Franzosen gegen die deut­sche Invasion ihres Landes im Zweiten Weltkrieg: Sie hiel­ten sie nicht für real.)

    Auch oder gerade inner­halb der Traditionslinie flie­gen die Hackeln tief.

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  • ritchie Identicon Icon
    ritchie sagte am 7. März 2007 um 23:31

    Und ewig klafft der Spalt zwi­schen Theorie und Praxis :-) Sehr schö­nes Zitat!

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2 Track- und Pingbacks zu diesem Beitrag

  • tv freaks (9. März 2007)
    RIP Jean Baudrillard French philosopher Jean Baudrillard who among many other posmodern books also wrote essays on tv has died. Check out the story on datenschmutz. ...
  • Mind Your Own Business Blog & Wiki (mdm.net) (8. März 2007)
    datenschmutz.net» R.I.P.: Jean Baudrillard dissimuliert nie wieder - ritchie pettauer schreibt über web 2.0, medien.kultur.technik und objects trouvés im www
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