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Siegfried Zielinskis Variantologie

14.03.2007, geschrieben von , Keine Kommentare

Über die Geschichte des Feuerwerks als öffent­li­che Aufführung, über mediale Anarchäologien und Variantologie-Forschung sprach Siegried Zielinski heute abend in sei­nem höchst kurz­wei­li­gen Vortrag. Claus Pias, Professor für “Erkenntnistheorie und Philosophie der Digitalen Medien”, hatte den deut­schen Kuriositätensammler, wie er sich selbst bezeich­net, im Rahmen sei­nes Seminars Was waren Medien? nach Wien eingeladen.

Zielinski stu­dierte Theaterwissenschaft, deut­sche Philologie, Linguistik, Soziologie, Philosophie und Politologie in Marburg, an der FU und der TU Berlin und ver­öf­fent­lichte in den 70ern seine ers­ten medi­en­theo­re­ti­schen Arbeiten, 1989 habi­li­tierte er sich im Fach Medienwissenschaften mit der “Geschichte des Videorecorders”, dem zahl­rei­che Veröffentlichungen folg­ten. Derzeit arbei­tet er an einer mit einem inter­na­tio­na­len und –disz­pli­nä­ren Forschernetzwerk an einer fünf­bän­di­gen Reihe mit dem Titel “Variontoloy” — jährlich erscheint bei Walter König ein Sammelband, Band 1 und 2 sind bereits erschienen.

im Hörsaal der 3D des NIG (neues Institutsgebäude) misch­ten sich StudentInnen KulturwissenschaftflerInnen, um einem kurz­wei­lig char­man­ten Vortrag zu lau­schen, in dem Zielinski unter Zuhilfenahme illus­tra­ti­ver Overheadfolien seine Forschungsinteressen skizzierte.

Seinen Ansatz bezeich­net der Kulturforscher als “ope­ra­tio­nale Anthropologie”. Ausgehend von Vilém Flusser und Johann Wilhelm Ritter erlärte SZ die Logik der Mediendimensionalität: von der rea­len 4D-Welt über die 3D-Skulptur, die 2D Zeichung, die ein­di­men­sio­nale Schrift zum 0-dimensionalen Algorithmus ver­läuft die Logik der Medienentwicklung. Die unter­teilt SZ wie folgt:

  1. vor den Medien
  2. Kunst mit Medien
  3. Kunst durch Medien
  4. Kunst nach den Medien

Diese Einteilungen sind indes kei­nes­wegs als strikte Zäsuren zu ver­ste­hen: viel­mehr beste­hen sie neben­ein­an­der und bedür­fen einer spe­zi­fi­schen Definition des Begriffs “Medium”: die­ses sieht SZ als kon­stru­ier­tes Erkenntnisobjekt, als, wie er ele­gant sagt, “Verallgemeinerung”. Für die Kunst “mit den Medien” ist die Technik “not­wän­dige Voraussetzung des Spektakels”. Beispiele dafür wären etwa die in den 80er Jahren popu­lär gewor­de­nen Medienkünstler wie Jodi, Granular Syntheses, Farmers Manual etc.: Code Art ver­wen­det Medien in künst­le­ri­scher Intention und als rezep­ti­ven Datenträger. Die “Kunst durch Medien” indes ver­lässt die Sphäre der Technik als Performanzvoraussetzung: mediale Erfahrung wird hier zur Denk-Voraussetzung der inten­dier­ten Rezeptionsform.

(Noch) schwie­ri­ger zu defi­nie­ren ist die “Kunst nach Medien”: gemeint ist nicht der Verzeicht auf die­sel­ben, son­dern eine Kunstpraxis, die Medien als Hauptattraktion nicht mehr benö­tigt. Eine Phase, die für den Medienarchäologen natür­lich immens schwie­rig zugäng­lich ist — da der Blick zurück eben nur auf die Vergangenheit Licht zu wer­fen ver­mag, wir uns aber der­zeit am Beginn die­ser Phase finden.

Die Beispiele, die SZ aus dem rei­chen Fundus der absei­ti­gen Mediengeschichte zusam­men­trug, ver­blüff­ten ob ihrer unge­wohn­ten Datierung: wel­cher gelernte Publizist weiß schon, dass Athanasius Kircher im 18. Jahrhundert von “Röhren” bzw. “Kanälen” fan­ta­sierte, die Konzerte über weite Entfernungen trans­por­tier­ten soll­ten? Oder wer hätte ver­mu­tet, dass der ara­bi­sche Naturwissenschaftler Al Haitam im 13. Jahrhundert ein “Mondbeobachtungsgerät” baute, das ver­schie­dene Linsen ent­hielt, deren “Erfindung” man im all­ge­mei­nen dem Venedig des 15. Jahrhunderts zuschreibt? Ein “end­lo­ses Rhizom”, das sich da auf­tut, wie Wolfgang Pircher anmerkte — oder eben “Forschungen in der Tiefenzeit”, wie Zielinski seine Tätigkeit umschreibt.

Ich konnte natür­lich nicht umhin, SZ im Anschluss an den Vortrag nach der Abgrenzung der “Kunst vor den Medien” zu fra­gen: immer­hin trans­por­tiert doch jede Kunstform allein schon auf­grund der Notwändigkeit einer abbil­den­den Permamenz eine Medienbotschaft: das­selbe “Motiv” gemalt mit Ölfar­ben auf Leinwand oder Bleistift und Papier zeugt von der prä-dispositiven Rolle, die Medien in jeder Form der Kunstvermittlung eben immer zukommt. Und in einem Vortrag, der vom Shannon-Weaver Modell über die Flusser’sche Anthropologie, die McLuhan’schen “Extensions of Man” bis zu Deleuze’s Maschinenbegriff reicht, stellt sich unwei­ger­lich die Frage nach der Abgrenzung von Medien hin zur blo­ßen Technik. Doch Universalitätsanspruch und “Medienformel” sind nicht Zielinskis Forschungsinteresse — in der Tat erin­nert seine Methode des Recherchierens in der Tiefenzeit an das McLuhan’sche Paradigma der Probes: als Historiker sam­melt er Belege, Medienmaschinen und Installationen ohne dabei zu ver­ges­sen, dass die “Verallgemeinerung” Medien eine spe­zi­fi­sches Konstrukt bleibt, des­sen Exegeten ler­nen müs­sen, mit allen den Widersprüchen und der imman­ten Vielfalt ihres “leben­di­gen” Forschungsobjekts zurecht zu kom­men. Variantologie eben.

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