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Vortrag: Friedrich Kittler materialisiert Philosophie

Er schreibt Bücher, die sich der klassischen bibliothekarischen Einteilung widersetzen, merkte Gastgeber Claus Pias vor Friedrich Kittlers Vortrag an. Irgendwo zwischen Literaturwissenschaft, Kultur-, Technikphilosophie und Medienwissenschaft beschäftigt sich Friedrich Kittler mit den „Materialitäten der Kommunikation“. Im gestrigen Vortrag am Wiener NIG skizzierte der deutsche Philosoph die Grundzüge seiner Theorie.

Publikationen wie „Film, Grammophon, Typewriter“ oder die „Aufschreibesysteme“ machten FK zum Star unter den deutschen Medientheoretikern. Ein spitzer Humor ist dem Heideggerianer alles andere als fremd – sein Arbeiten „abseits der wissenschaftlichen Routine“ birgt „Provokationspotential“, wie er gestern erklärte. Über seine Explorationen jenseits des Kanons der Philosophie sprach Kittler unter dem Titel „The Dark Side of the Moon“.

Wenn Medien die uns zugewandte Seite des Mondes sind, so Kittler, dann finden wir auf der dunklen, abegewandten, uns entzogenen Seite die „Hot Sciences“, jene Verschaltungen, Kon- und Subtexte, die für den Entbenutzer stets verborgen bleiben unter der medialen Oberfläche. Dass seine Seminararbeiten, die er stets mit der Schreibmaschine tippte, immer ein wenig besser benotet wurden als die handgeschriebenen Exemplare seiner Kollegen, machte FK in ganz praktischer Hinsicht auf die Rahmenbedingungen des Philosophierens aufmerksam. Nie hatte die Philosophie ihre eigenen Materialitäte zur Kenntnis genommen, und diese Rekonstruktion sei nun im nachhinein zu leisten.

Seine Zeitlinie begann Kittler bei Plato, der mit seiner Konzeption einer semantischen, die an die Stelle der poetischen Wortinterpretation treten sollte, scheiterte. Doch aus diesem Scheitern, aus der Trennung von Sinn und Laut entsteht die Metaphysik. In ihrer Übersetzung der griechischen Schriften verlieren die Römer diesen Laut-Zeichen Zusammenhang – und einige Jahrhunderte wird der philosophische Kanon vom Lateinischen in die jeweiligen Nationalsprachen übersetzt, bis schließlich, wie Kittler es formulierte, „die Philosophen begannen, eigene Bücher zum Gebrauch zum Gebrauch in ihren Vorlesungen zu schreiben“.

Wie und wann genau der Übergang von den griechischen „elementischen“ (Luft, Wasser als Träger) Medien zu den technischen Medien erfolgte, sei eine dringliche Habil-Frage – denn die Computer als „Grenze des Begreifens“ machen eine rückwirkende Neu-Konstruktion der Mediengeschichte notwändig. Im abschließenden Teil seines Vortrags sprach Kittler über Heideggers „Rekursion des eigenen Denkens“ – in dessen Denkweg habe die Medienblindheit der Philosophie geendet und sei abgelöst worden von einer reflektierten Verschränkung von Mensch und Technik.

Anlässlich des Vortrages gibt’s eine Wiederveröffentlichung von Bernhard Rieders Interview mit Friedrich Kittler, Titel: „Es muss ja auch weicher werden“ – der Text entstand im Jahr 2000 im Rahmen des Projekts medianexus und war die letzten paar Jahre „offline“.
Interview: Es muss ja auch weicher werden.

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