Die Kolumne #76 (April 2007)

Kolumne #76Die kleinen Fehlerchen machen nicht nur in der Regel schöne Frauen attraktiver: perfekte Symmetrie turnt ab, teilen uns professionelle Gesichtserkenner mit. Ein Schönheitsfleck muss sein oder drei. Wo der fehlt, tut’s zur Not auch die Krächzestimme zum Engelsgesicht. Konterkarrikismo nennt der Südamerikaner diesen unseren indianischen Vorfahren wohlbekannten Effekt.

Säugetiers vorstellbar unwichtiger Beitrag zu allem

„Nie wäre ich mit Madonna während ihrer Bi-Phase ins Bett gegangen, doch die unterschiedliche Länge und Form ihrer Schamlippen hat mich zugleich erregt und neidisch gemacht,“ konfessionierte unlängst Tante Brigitte in mich. „Aber woher wusstest du, bevor ihr im wart, dass… ich meine….,“ in diesem Augenblick fiel mir wieder ein, wo Bartl Gaultier den Most der Bühnenoutfits in den 80ern herholte und wie ein Blitz traf mich die Erinnerung an die von Madonna persönlich entworfene Kleidungskollektion für Plakatwände. Brigitte las meine Gedanken und warf mir, der ich im Strudel übermächtiger medialer Weiblichkeitsimages, bedrohlicher als jeder Cyberfeminotron, zu ertrinken drohte, einen Rettungssatz zu: „Mit 70 noch auszusehen wie Sharon Stone mit 60 ist auch eine Leistung, die man den modernen Haut-Textur-Programmen gar nicht niedrig genug anrechnen kann!“
„Ich dachte, ihr Powerfrauen hieltet immer zusammen?“ verwunderte es mich. „Ich bin ein Rrrriot Grrl, Madonna hat für die Frauenbewegung soviel getan wie ich für die Propagation von Keusch- und sexueller Enthaltsamkeit! Frauenbewegungen müssen nicht mal auf der Bühne immer nur rhythmisch erfolgten.“ „Wir sprechen aber schon über die von den Protestanten hartnäckig als unheilig befleckt verehrte Gottesmutter?“ erkundigte ich mich schließlich verspätet nach dem Kontext unseres Gesprächs. „Ja natürlich! Dachtest du denn etwa, ich würde mit einem Popstar ins Bett gehen?“

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Ein Stufenmodell der Wirklichkeit zum selber Ausschneiden und (notfalls mit Speichel oder anderen Körperflüssigkeiten) Zusammenkleben wohnt dieser Kolume leider nicht bei – sonst müssten Sie ihre Ausgabe gar zerschneiden oder wahlweise diese Seite auf dünnen Karton kopieren, und Kopierer stoßen ordentlich Zehjozwei aus und atmen womöglich auch noch kostbaren Sauerstoff – im übrigen neben der Kontrast-Einstellmöglichkeit ihre einzige Gemeinsamkeit mit Säugetieren. Allfällige Falzlinien entfallen, auf den Seiten des Dodokatheters stünde jeweils die Wortkombination vor der Klammer, auf der hinteren gegenüberliegenden Seite das erste Adjektiv vor dem Bindestrich, auf der vorderen halbdiagonalen Seite das zweite, sodass sich der geneigte Betrachter je nach Blickwinkel und vorgesehenen Freiheitsgraden eine nahezu beliebige Ansicht zusammenbasteln kann, erweiterbar bis hin zu einer individuellen Meinung:

wirkliche Wirklichkeit (verkennbar-religiös)
unverkennbare Wirklichkeit (verkannt-ideologisch)
wirkliche Realität (postuliert-hautnah)
wahrnehmungsgefilterte Realität (vermutet-erlebt)
Medienrealität (konstruiert-banal)

Prinzipiell hätten wir zumindest der Premium-Verkaufsausgabe gerne eine Bastelbogen beigelegt, allerdings gelang es uns bislang nicht, Eschers Erben aufzuspüren, also appellieren wir weiterhin an Ihre überdimensierte Vorstellungskraft, lieber gap Leserin.

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