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DJ Spooky: “It’s all Jazz”

09.04.2007, geschrieben von , Keine Kommentare

spooky.thumbnail DJ Spooky: Its all JazzVor fast 10 Jahren war ich mit in Linzer AEC Skyloft beim von DJ Spooky, der im Rahmen der Intertwinedness-Lecture Serie von Christa Schneebauer und Margarethe Jahrmann einen kom­bi­nier­ten Text– und DJ-Vortrag hielt: seine Ideen über Remixing und Kulturproduktion illus­trierte er akus­tisch an den .

Im Anschluss an den Vortrag habe ich mit Paul Miller ein geführt, der fol­gen­den Text ent­stand gemein­sam mit Frank Hartmann und wurde 1998 auf tele­po­lis ver­öf­fent­licht. (Dort gibt’s auch eine eng­li­sche Version. Mir ist grade auf­ge­fal­len, dass Spookys Ausführungen nichts an Aktualität ein­ge­büßt haben — enjoy.

Interview mit DJ Spooky a.k.a. Paul D. Miller

von Frank Hartmann und Richard Pettauer

Zur Person

Die Vortragsreihe ‘Intertwinedness’ am Ars Electronica Center in Linz ver­sucht, den Diskursverflechtungen der Netzkultur gerecht zu wer­den: durch medi­en­theo­re­ti­sche “Lectures und Events” wird eine Textur zwi­schen “Content und Concept” defi­niert, die in meh­rere Richtungen les­bar sein soll. Der Cyberspace wird dabei als sozia­ler Zusatzraum deco­diert, als ein sozia­les Milieu der Techno-Community-Bildung, mit der die Erfindung von Kultur aktu­ell statt­fin­det. Es war nur kon­se­quent, und ihre Verfahren von Sampling, Non-Copyright und Audiac Erfahrungssteigerung hier ein­zu­be­zie­hen, denn das sind die krea­ti­ven Ansätze in einer trans­dis­zi­pli­nä­ren Interpretation media­ler Lebensrealitäten. Eines der radi­kals­ten Beispiele zur Grenzüberschreitung zwi­schen bil­den­der Kunst, und urba­ner DJ Jugendkultur lie­fert Paul D. Miller aus New York, a.k.a. DJ Spooky ‘that Subliminal Kid’.

DJ Spooky gilt wohl in ers­ter Linie als einer der welt­bes­ten DJs, schreibt aber auch Sach– und SF-Bücher und ist als Performancekünstler unter­wegs. Ausgebildet in Philosophie und fran­zö­si­scher Literatur, sieht er DJ-ing als “Recombining of Musical Patterns” und seine Musik als eine nar­ra­tive Strategie, als Mischung aus Ambient, und allem, was ihm so ein­fällt. Seine Songs klin­gen schmut­zig, chao­tisch und abwechs­lungs­reich, aber leicht will er es sei­nen Hörern kei­nes­wegs machen, denen er Einblick in sein Verständnis von Musik, Medien, Globalisierung und Kulturtechniken bie­tet. Dieses Interview fand nach sei­ner am AEC (21. April) statt.

Boom, there it is. Sound and signi­fi­ca­tion. Sound as social text. Sound as bea­rer of social memory. Who’s there? (Dj Spooky: Dark Carnival)

?: Du zeigst, daß ver­schie­dene Platten aus ver­schie­de­nen Dekaden immer wie­der den­sel­ben Drumbeat ver­wen­den, und DJing ist für dich eine Art Mustererkennung und Rekombination von Entwicklungslinien, die sich durch die Musikgeschichte zie­hen. Andererseits sagst du aber, du ver­wen­dest jeden Musikstil und mixt wild und chao­tisch durch­ein­an­der. Willst du mit dei­ner Musik diese Entwicklungslinien auf­zei­gen und zusam­men­brin­gen oder machst du etwas voll­kom­men Neues?

DJ Spooky: Mein Stil ist die Migration zwi­schen ver­schie­de­nen Einflüssen. Heraus kommt die­ser selt­same, schwie­rig ein­zu­ord­nende, chao­ti­sche Sound, den ich so mag. Die meis­ten DJs arbei­ten sehr sau­ber, das ist okay, aber nicht meine Sache. Ich will mit mei­ner Art von DJing, das sich zusam­men­setzt aus unzäh­li­gen Cut-Ups und Scratches, ver­su­chen, kul­tu­relle Barrieren zu über­win­den. In den USA zum Beispiel sind die Rassenbarrieren nach wie vor sehr groß, in Europa, ver­mute ich, eben­falls. Zum dia­lo­gi­schen Geben und Nehmen, zum Austausch, fin­det man am leich­tes­ten durch die Vermischung. Die Generation von Afro-Amerikanern, zu der ich gehöre, beginnt lang­sam diese Barrieren der Verbitterung zu über­win­den. Nimm Puff Daddy, den ich sehr schätze. In die­sem Bereich exis­tiert keine inte­gra­ti­vere Figur als er, weil er so viele ver­schie­dene Musikstile ver­wen­det. Er sam­pelt Led Zeppelin, Reggae, was immer. Sowohl im ökono­mi­schen als auch im psy­cho­so­zia­len Bereich beginnt sich lang­sam ein Sinn für Gleichheit im Sinne eines Nebeneinander aus­zu­bil­den. Früher konnte Elvis in ein Blues-Pub gehen, sich anhö­ren, was dort abläuft, und das Zeug ein­fach steh­len und unter sei­nem Namen ver­kau­fen — und die gegen­wär­tige Entwicklung wirkt dem entgegen.

?: In dei­nem Buch “Flood My Blood the DJ Said” geht es um intel­lek­tu­el­len Besitz und Copyright, ein heik­les Thema im Zeitalter digi­ta­ler Medien. Wie gehst du als DJ, der “quer durch den Gemüsegarten sam­pelt”, mit die­sem Thema um?

!: Der Unterschied liegt zwi­schen Aneignung (appro­pria­tion) und Zitat (quo­ta­tion). Zitat bedeu­tet zu sagen: “Mir gefällt die­ses Stück von die­sem Musiker, des­halb ver­wende ich es.” Das ist eine Hommage an den betref­fen­den Künstler. Aneignung bedeu­tet, den Namen des ande­ren grund­sätz­lich aus­zu­ra­die­ren. Das will ich auf kei­nen Fall. Die Popkultur ist ins­ge­samt mul­ti­kul­tu­rel­ler gewor­den. Puff Daddy ist das per­fekte Beispiel für diese sub­kul­turüber­grei­fen­den Entwicklungen: Seine CDs ver­kau­fen sich in Amerika, Europa, Japan…wo immer. Beim Sampling will ich ganz bewußt Zitate ver­wen­den, und dar­aus etwas for­men. Andererseits muß ich aber dazu sagen, daß jeder meine Sounds sam­peln darf, der Lust dazu hat — ich werde natür­lich nie­man­den ver­kla­gen.
Für mich ist Musik immer eine Metapher, und ich ver­su­che, diese beste­hen­den Metaphern zu rekon­text­ua­li­sie­ren. Diese Rekontextualisierung macht den Sciene-Fiction-Aspekt mei­ner Musik aus.
Eine kon­sis­tente Erzählung ist nicht län­ger mög­lich, mög­lich ist nur­mehr die Performanz, das Spiel mit der “binä­ren Dissonanz” zwi­schen Original und Kopie, zwi­schen Künstler und Publikum. Der Künstler nimmt dabei Züge eines Magiers an, des­sen Fertigkeiten das Publikum zu ver­zau­bern ver­mö­gen. Er ist aber auch Storyteller, afri­ka­ni­scher Griot, der sein Publikum nicht mit einem Meisterdiskurs, son­dern mit tra­dier­ten Erzählmustern in den Bann zieht, die gleich­wohl Aktuelles ver­ar­bei­ten. DjSpooky arbei­tet nicht nur mit Soundpatterns, son­dern auch mit visu­el­lem Sampling. Während sei­ner Performance tritt das Publikum in tele­ki­ne­ti­schen Kontakt mit sei­ner unmit­tel­ba­ren Geschichte, mit den Bildklischees und media­len Stereotypien des zwan­zigs­ten Jahrhunderts, mit sei­nem Mediengedächtnis.
One World, Global Village, etc. — die Konzepte mögen täu­schen, aber die mediale Entwicklung zeigt einen Drift in Richtung einer Vereinheitlichung der Lebenswelt. “Sound” wird zu einer Kategorie, wel­che die mensch­li­che Grundbefindlichkeit ebenso bestimmt wie die uns gemein­same “Logik” — allerdings ohne von den Philosophen der Moderne je bemerkt wor­den zu sein.

?: Die Idee, daß es in der Musik tie­fer­lie­gende mathe­ma­ti­sche, zumin­dest immer wie­der­keh­rende, Strukturen gibt, die auf­ge­zeigt wer­den kön­nen, hat Dich lange Zeit fas­zi­niert. Beschäftigst du dich noch mit dem uni­ver­sel­len musi­ka­li­schen Code?

!: Ja, natür­lich. Musik ist ein­fach per se eine uni­ver­selle kul­tu­relle Sprache, und das gibt dir als Musiker groß­ar­tige Möglichkeiten in die Hand. Musik steht nie­mals für sich allein. Jedes Stück ver­eint so viele Einflüsse in sich, und ist damit wie­der eine Art Zitatensammlung. Im luft­lee­ren Raum pas­siert gar nichts: Beim DJing wird genau das exter­na­li­siert und bewußt gemacht. Wenn du Musik machst, befin­dest du dich nie in einem Vakuum, son­dern in einem Geflecht von Einflüssen.

?: Du bezeich­nest Dich in ers­ter Linie als Autor, und nur neben­her als DJ. Wo lie­gen die Unterschiede?

!: Nirgendwo, es gibt gar keine. DJing ist Schreiben und umge­kehrt. Der ein­zige Unterschied liegt viel­leicht in den his­to­risch gewach­se­nen Arten des Zugangs: Lesen erfor­dert mehr Aufwand, du mußt lesen kön­nen, ein Buch neh­men, dich damit beschäf­ti­gen — aber das betrifft nicht die Sache selbst, son­dern nur den Zugang. Wir haben meh­rere Kulturtechniken neben­ein­an­der, Lesen, Musik, Fernsehen…man muß dazwi­schen hin– und her­schal­ten, statt sich auf eines zu beschrän­ken. Ich weiß, das klingt recht idea­lis­tisch. Ich beschäf­tige mich sehr viel mit Popkultur, und es gibt da ein Phänomen, das ich “Cultural Inertion” nenne: Die Leute sind so gefan­gen in ihren Mediennutzungsgewohnheiten, daß Neuerungen eine lange Zeit brau­chen, bis sie sich durch­set­zen.
Was die phi­lo­so­phi­sche oder theo­re­ti­sche Komponente in mei­ner Musik angeht, ist mir klar, daß sich der Jugendliche von der Straße, der zwei Turntables bedient, wahr­schein­lich nicht für Derridas Auffassung von Dekonstruktion inter­es­siert — aber der Zugang ist da, eben über die Musik.
Live klingt das, was DjSpooky auf CD erschei­nen läßt. Und wider­spruchs­voll. Ambient Sound erhält eine neue Bedeutung, als akus­ti­sche Skulptur des zwan­zigs­ten Jahrhunderts. Diesen Widerspruch nennt er eben nicht mehr “Ambient”, son­dern “Illbient” — irgendwo immer noch der Ruhe und Gefaßtheit des “Am” ver­pflich­tet, wird seine Musik plötz­lich schwer ver­dauch­lich, eben “madly cut up” — das “Ill” ten­diert so nicht zur Perversion einer Idee, son­dern zu ihrer Erweiterung, belegt durch die vie­len Epigonen die­ses Stils, des­sen Vorreiter und Namesgeber DJ Spooky war.
Wenn er live auf­tritt, wie in die­ser Lecture/Performance, dann fährt der Groove wie ein Güterzug über die Nerven der Anwesenden, wäh­rend der ‘Sprechakt’ des per­for­ma­ti­ven Soundmixes die Grenzen intel­lek­tu­el­ler Credibility (die in sei­nen Texten durch­aus ein­ge­for­dert wird) trans­for­miert. Er nennt es auch Jazz, wenn er in sei­nen “Objektilen” und Texten zu “Found Sounds” soziale Evolution, Rekombination und Repetition im elek­tro­ni­schen Milieu des Cyberspace reflek­tiert. Jazz aber ist mehr als der Musikstil einer Epoche, Jazz steht mehr für den Zugang zu und den Umgang mit einer kul­tu­rel­len Tradition. DjSpooky zitiert Haydn, Schubert, oder Beethoven, wenn er diese kul­tu­relle Kreativität anspricht, aus der eine Musik lebt. Aber er arbei­tet nicht mit die­sem klas­si­schen Material, wohl aber mit dem der afro-amerikanischen Avantgarde. Man hört aber auch Hitchcock, McLuhan, und Versatzstücke aus Medienproduktionen, sowie die in der DJ-Kultur der letz­ten zehn Jahre obli­gat gewor­de­nen Samples aus B-Movies.

?: Du ver­suchst, ver­schie­dene Stile zu ver­bin­den. Jugend– oder Subkultur hat in den letz­ten Jahrzehnten aller­dings eine bei­spiel­lose Diversifikation erlebt. Siehst du in die­ser Vielfalt krea­ti­ves und inno­va­ti­ves Potential?

!: Das ist unglaub­lich wich­tig, weil es erst ver­schie­dene “Psychologien” ermög­licht. Wenn man immer nur am sel­ben Standpunkt bleibt, in der­sel­ben Subkultur, bleibt man damit auch immer am glei­chen geis­ti­gen Status kle­ben. Ich denke wirk­lich, daß ein gro­ßer Teil der Musik aus den 20er, 30er Jahren voll­kom­men wahn­sin­nig und wild, chao­tisch und expe­ri­men­tell war. Aber wenn Du jemand aus die­ser Zeit in einen Club der 90er bringst, würde er das, was er dort hört, wahr­schein­lich nicht ein­mal für Musik hal­ten, son­dern für das totale Chaos — so ändern sich eben auch die Hörgewohnheiten. Die Generation, die mit Medien wie Fernsehen oder inzwi­schen Internet auf­ge­wach­sen ist, kriegt bes­sere Voraussetzungen mit und einen offe­ne­ren Blick für ver­schie­dene Kulturen als jede Generation vor­her. Aber dann gibt’s auf der ande­ren Seite die Firmenkultur: Über­all auf der Erde haben Kids, die Nikes oder Reeboks tra­gen, mehr gemein­sam, als wenn sie die glei­che Musik hören — eine völ­lig sinn­lose Art der Globalisierung — ich bin da Idealist und hätte lie­ber, daß sich die Kids ver­schie­dene Arten von Musik anhö­ren und dar­über Gemeinsamkeiten finden.

?: Du beschäf­tigst mich mit Philosophie und Musik. Was kommt zuerst, und wie sieht die­ses Verhältnis aus?

!: Musik ist Theorie, Theorie ist Musik. Wenn du ein guter Autor bist, wirst du zum Musiker. Schreiben ist Musik, anders kann ich das nicht erklä­ren. Nimm Nietzsche her: Er war ein so bril­lan­ter Autor, daß seine Texte schon fast zu Musik gewor­den sind. Bei gro­ßen Poeten fühlt man die Musik in ihren Texten. Musik ist keine nicht-narrative Technik, aber die Mitteilung funk­tio­niert hier voll­kom­men anders.

?: In dei­ner Musik arbei­test du sehr viel mit Zitaten. Versteht man deine Sachen, ohne all die Alben zu ken­nen, die du dazu verwendest?

!: Wenn man sagt, jemand ist bele­sen, so bedeu­tet das doch, er hat eine Menge Bücher gele­sen, kann sie refe­ren­zie­ren und in einen kon­zep­tu­el­len Rahmen ein­ord­nen. Man hat einen Über­blick. Bei Musik gibt es auch so etwas wie “Belesenheit”: Je mehr du gehört hast, desto bes­ser kannst du Querverweise her­stel­len und Zitate erken­nen. Um sich in einem von bei­den zu spe­zia­li­sie­ren, braucht es Monate, Jahre, in denen man liest oder Musik hört. Der Unterschied ist aber, daß Menschen zu Musik einen viel leich­te­ren, weil emo­tio­na­len Zugang haben. Wenn dir ein Buch nicht gefällt, legst du es nach ein paar Seiten weg.

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