DJ Spooky: „It’s all Jazz“

dj spookyVor fast 10 Jahren war ich mit Frank Hartmann in Linzer AEC Skyloft beim Vortrag von DJ Spooky, der im Rahmen der Intertwinedness-Lecture Serie von Christa Schneebauer und Margarethe Jahrmann einen kombinierten Text- und DJ-Vortrag hielt: seine Ideen über Remixing und Kulturproduktion illustrierte er akustisch an den Turntables.

Im Anschluss an den Vortrag habe ich mit Paul Miller ein Interview geführt, der folgenden Text entstand gemeinsam mit Frank Hartmann und wurde 1998 auf telepolis veröffentlicht. (Dort gibt’s auch eine englische Version. Mir ist grade aufgefallen, dass Spookys Ausführungen nichts an Aktualität eingebüßt haben – enjoy.

Interview mit DJ Spooky a.k.a. Paul D. Miller

von Frank Hartmann und Richard Pettauer

Zur Person

Die Vortragsreihe ‚Intertwinedness‘ am Ars Electronica Center in Linz versucht, den Diskursverflechtungen der Netzkultur gerecht zu werden: durch medientheoretische „Lectures und Events“ wird eine Textur zwischen „Content und Concept“ definiert, die in mehrere Richtungen lesbar sein soll. Der Cyberspace wird dabei als sozialer Zusatzraum decodiert, als ein soziales Milieu der Techno-Community-Bildung, mit der die Erfindung von Kultur aktuell stattfindet. Es war nur konsequent, DJ Culture und ihre Verfahren von Sampling, Non-Copyright und Audiac Erfahrungssteigerung hier einzubeziehen, denn das sind die kreativen Ansätze in einer transdisziplinären Interpretation medialer Lebensrealitäten. Eines der radikalsten Beispiele zur Grenzüberschreitung zwischen bildender Kunst, Medientheorie und urbaner DJ Jugendkultur liefert Paul D. Miller aus New York, a.k.a. DJ Spooky ‚that Subliminal Kid‘.

DJ Spooky gilt wohl in erster Linie als einer der weltbesten DJs, schreibt aber auch Sach- und SF-Bücher und ist als Performancekünstler unterwegs. Ausgebildet in Philosophie und französischer Literatur, sieht er DJ-ing als „Recombining of Musical Patterns“ und seine Musik als eine narrative Strategie, als Mischung aus Ambient, Hip Hop und allem, was ihm so einfällt. Seine Songs klingen schmutzig, chaotisch und abwechslungsreich, aber leicht will er es seinen Hörern keineswegs machen, denen er Einblick in sein Verständnis von Musik, Medien, Globalisierung und Kulturtechniken bietet. Dieses Interview fand nach seiner Performance am AEC (21. April) statt.

Boom, there it is. Sound and signification. Sound as social text. Sound as bearer of social memory. Who’s there? (Dj Spooky: Dark Carnival)

?: Du zeigst, daß verschiedene Platten aus verschiedenen Dekaden immer wieder denselben Drumbeat verwenden, und DJing ist für dich eine Art Mustererkennung und Rekombination von Entwicklungslinien, die sich durch die Musikgeschichte ziehen. Andererseits sagst du aber, du verwendest jeden Musikstil und mixt wild und chaotisch durcheinander. Willst du mit deiner Musik diese Entwicklungslinien aufzeigen und zusammenbringen oder machst du etwas vollkommen Neues?

DJ Spooky: Mein Stil ist die Migration zwischen verschiedenen Einflüssen. Heraus kommt dieser seltsame, schwierig einzuordnende, chaotische Sound, den ich so mag. Die meisten DJs arbeiten sehr sauber, das ist okay, aber nicht meine Sache. Ich will mit meiner Art von DJing, das sich zusammensetzt aus unzähligen Cut-Ups und Scratches, versuchen, kulturelle Barrieren zu überwinden. In den USA zum Beispiel sind die Rassenbarrieren nach wie vor sehr groß, in Europa, vermute ich, ebenfalls. Zum dialogischen Geben und Nehmen, zum Austausch, findet man am leichtesten durch die Vermischung. Die Generation von Afro-Amerikanern, zu der ich gehöre, beginnt langsam diese Barrieren der Verbitterung zu überwinden. Nimm Puff Daddy, den ich sehr schätze. In diesem Bereich existiert keine integrativere Figur als er, weil er so viele verschiedene Musikstile verwendet. Er sampelt Led Zeppelin, Reggae, was immer. Sowohl im ökonomischen als auch im psychosozialen Bereich beginnt sich langsam ein Sinn für Gleichheit im Sinne eines Nebeneinander auszubilden. Früher konnte Elvis in ein Blues-Pub gehen, sich anhören, was dort abläuft, und das Zeug einfach stehlen und unter seinem Namen verkaufen – und die gegenwärtige Entwicklung wirkt dem entgegen.

?: In deinem Buch „Flood My Blood the DJ Said“ geht es um intellektuellen Besitz und Copyright, ein heikles Thema im Zeitalter digitaler Medien. Wie gehst du als DJ, der „quer durch den Gemüsegarten sampelt“, mit diesem Thema um?

!: Der Unterschied liegt zwischen Aneignung (appropriation) und Zitat (quotation). Zitat bedeutet zu sagen: „Mir gefällt dieses Stück von diesem Musiker, deshalb verwende ich es.“ Das ist eine Hommage an den betreffenden Künstler. Aneignung bedeutet, den Namen des anderen grundsätzlich auszuradieren. Das will ich auf keinen Fall. Die Popkultur ist insgesamt multikultureller geworden. Puff Daddy ist das perfekte Beispiel für diese subkulturübergreifenden Entwicklungen: Seine CDs verkaufen sich in Amerika, Europa, Japan…wo immer. Beim Sampling will ich ganz bewußt Zitate verwenden, und daraus etwas formen. Andererseits muß ich aber dazu sagen, daß jeder meine Sounds sampeln darf, der Lust dazu hat – ich werde natürlich niemanden verklagen.
Für mich ist Musik immer eine Metapher, und ich versuche, diese bestehenden Metaphern zu rekontextualisieren. Diese Rekontextualisierung macht den Sciene-Fiction-Aspekt meiner Musik aus.
Eine konsistente Erzählung ist nicht länger möglich, möglich ist nurmehr die Performanz, das Spiel mit der „binären Dissonanz“ zwischen Original und Kopie, zwischen Künstler und Publikum. Der Künstler nimmt dabei Züge eines Magiers an, dessen Fertigkeiten das Publikum zu verzaubern vermögen. Er ist aber auch Storyteller, afrikanischer Griot, der sein Publikum nicht mit einem Meisterdiskurs, sondern mit tradierten Erzählmustern in den Bann zieht, die gleichwohl Aktuelles verarbeiten. DjSpooky arbeitet nicht nur mit Soundpatterns, sondern auch mit visuellem Sampling. Während seiner Performance tritt das Publikum in telekinetischen Kontakt mit seiner unmittelbaren Geschichte, mit den Bildklischees und medialen Stereotypien des zwanzigsten Jahrhunderts, mit seinem Mediengedächtnis.
One World, Global Village, etc. – die Konzepte mögen täuschen, aber die mediale Entwicklung zeigt einen Drift in Richtung einer Vereinheitlichung der Lebenswelt. „Sound“ wird zu einer Kategorie, welche die menschliche Grundbefindlichkeit ebenso bestimmt wie die uns gemeinsame „Logik“ – allerdings ohne von den Philosophen der Moderne je bemerkt worden zu sein.

?: Die Idee, daß es in der Musik tieferliegende mathematische, zumindest immer wiederkehrende, Strukturen gibt, die aufgezeigt werden können, hat Dich lange Zeit fasziniert. Beschäftigst du dich noch mit dem universellen musikalischen Code?

!: Ja, natürlich. Musik ist einfach per se eine universelle kulturelle Sprache, und das gibt dir als Musiker großartige Möglichkeiten in die Hand. Musik steht niemals für sich allein. Jedes Stück vereint so viele Einflüsse in sich, und ist damit wieder eine Art Zitatensammlung. Im luftleeren Raum passiert gar nichts: Beim DJing wird genau das externalisiert und bewußt gemacht. Wenn du Musik machst, befindest du dich nie in einem Vakuum, sondern in einem Geflecht von Einflüssen.

?: Du bezeichnest Dich in erster Linie als Autor, und nur nebenher als DJ. Wo liegen die Unterschiede?

!: Nirgendwo, es gibt gar keine. DJing ist Schreiben und umgekehrt. Der einzige Unterschied liegt vielleicht in den historisch gewachsenen Arten des Zugangs: Lesen erfordert mehr Aufwand, du mußt lesen können, ein Buch nehmen, dich damit beschäftigen – aber das betrifft nicht die Sache selbst, sondern nur den Zugang. Wir haben mehrere Kulturtechniken nebeneinander, Lesen, Musik, Fernsehen…man muß dazwischen hin- und herschalten, statt sich auf eines zu beschränken. Ich weiß, das klingt recht idealistisch. Ich beschäftige mich sehr viel mit Popkultur, und es gibt da ein Phänomen, das ich „Cultural Inertion“ nenne: Die Leute sind so gefangen in ihren Mediennutzungsgewohnheiten, daß Neuerungen eine lange Zeit brauchen, bis sie sich durchsetzen.
Was die philosophische oder theoretische Komponente in meiner Musik angeht, ist mir klar, daß sich der Jugendliche von der Straße, der zwei Turntables bedient, wahrscheinlich nicht für Derridas Auffassung von Dekonstruktion interessiert – aber der Zugang ist da, eben über die Musik.
Live klingt das, was DjSpooky auf CD erscheinen läßt. Und widerspruchsvoll. Ambient Sound erhält eine neue Bedeutung, als akustische Skulptur des zwanzigsten Jahrhunderts. Diesen Widerspruch nennt er eben nicht mehr „Ambient“, sondern „Illbient“ – irgendwo immer noch der Ruhe und Gefaßtheit des „Am“ verpflichtet, wird seine Musik plötzlich schwer verdauchlich, eben „madly cut up“ – das „Ill“ tendiert so nicht zur Perversion einer Idee, sondern zu ihrer Erweiterung, belegt durch die vielen Epigonen dieses Stils, dessen Vorreiter und Namesgeber DJ Spooky war.
Wenn er live auftritt, wie in dieser Lecture/Performance, dann fährt der Groove wie ein Güterzug über die Nerven der Anwesenden, während der ‚Sprechakt‘ des performativen Soundmixes die Grenzen intellektueller Credibility (die in seinen Texten durchaus eingefordert wird) transformiert. Er nennt es auch Jazz, wenn er in seinen „Objektilen“ und Texten zu „Found Sounds“ soziale Evolution, Rekombination und Repetition im elektronischen Milieu des Cyberspace reflektiert. Jazz aber ist mehr als der Musikstil einer Epoche, Jazz steht mehr für den Zugang zu und den Umgang mit einer kulturellen Tradition. DjSpooky zitiert Haydn, Schubert, oder Beethoven, wenn er diese kulturelle Kreativität anspricht, aus der eine Musik lebt. Aber er arbeitet nicht mit diesem klassischen Material, wohl aber mit dem der afro-amerikanischen Avantgarde. Man hört aber auch Hitchcock, McLuhan, und Versatzstücke aus Medienproduktionen, sowie die in der DJ-Kultur der letzten zehn Jahre obligat gewordenen Samples aus B-Movies.

?: Du versuchst, verschiedene Stile zu verbinden. Jugend- oder Subkultur hat in den letzten Jahrzehnten allerdings eine beispiellose Diversifikation erlebt. Siehst du in dieser Vielfalt kreatives und innovatives Potential?

!: Das ist unglaublich wichtig, weil es erst verschiedene „Psychologien“ ermöglicht. Wenn man immer nur am selben Standpunkt bleibt, in derselben Subkultur, bleibt man damit auch immer am gleichen geistigen Status kleben. Ich denke wirklich, daß ein großer Teil der Musik aus den 20er, 30er Jahren vollkommen wahnsinnig und wild, chaotisch und experimentell war. Aber wenn Du jemand aus dieser Zeit in einen Club der 90er bringst, würde er das, was er dort hört, wahrscheinlich nicht einmal für Musik halten, sondern für das totale Chaos – so ändern sich eben auch die Hörgewohnheiten. Die Generation, die mit Medien wie Fernsehen oder inzwischen Internet aufgewachsen ist, kriegt bessere Voraussetzungen mit und einen offeneren Blick für verschiedene Kulturen als jede Generation vorher. Aber dann gibt’s auf der anderen Seite die Firmenkultur: Überall auf der Erde haben Kids, die Nikes oder Reeboks tragen, mehr gemeinsam, als wenn sie die gleiche Musik hören – eine völlig sinnlose Art der Globalisierung – ich bin da Idealist und hätte lieber, daß sich die Kids verschiedene Arten von Musik anhören und darüber Gemeinsamkeiten finden.

?: Du beschäftigst mich mit Philosophie und Musik. Was kommt zuerst, und wie sieht dieses Verhältnis aus?

!: Musik ist Theorie, Theorie ist Musik. Wenn du ein guter Autor bist, wirst du zum Musiker. Schreiben ist Musik, anders kann ich das nicht erklären. Nimm Nietzsche her: Er war ein so brillanter Autor, daß seine Texte schon fast zu Musik geworden sind. Bei großen Poeten fühlt man die Musik in ihren Texten. Musik ist keine nicht-narrative Technik, aber die Mitteilung funktioniert hier vollkommen anders.

?: In deiner Musik arbeitest du sehr viel mit Zitaten. Versteht man deine Sachen, ohne all die Alben zu kennen, die du dazu verwendest?

!: Wenn man sagt, jemand ist belesen, so bedeutet das doch, er hat eine Menge Bücher gelesen, kann sie referenzieren und in einen konzeptuellen Rahmen einordnen. Man hat einen Überblick. Bei Musik gibt es auch so etwas wie „Belesenheit“: Je mehr du gehört hast, desto besser kannst du Querverweise herstellen und Zitate erkennen. Um sich in einem von beiden zu spezialisieren, braucht es Monate, Jahre, in denen man liest oder Musik hört. Der Unterschied ist aber, daß Menschen zu Musik einen viel leichteren, weil emotionalen Zugang haben. Wenn dir ein Buch nicht gefällt, legst du es nach ein paar Seiten weg.

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