FilmKritik: American Hardcore

American HardcorePaul Rachmans Doku erzählt „Die Geschichte des amerikanischen Punk Rock von 1980 bis 1986“ – kurz gesagt: der Film hält, was der Untertitel verspricht. Fans des Genres finden rares Material, Außenstehenden werden die ideologischen Hintergründe dieser devianten Punkbewegung erklärt. Der Text erschien im Ray Kinomagazin, April 2007.

Regie: Paul Rachman Kamera: Paul Rachman Drehbuch: Steven Blush Schnitt: Paul Rachman Ton: Robert Fernandez Produktion: Steven Blush, Paul Rachman, Karin Hayes Effekte: John Vondracek, Keith Yurevitz Mit: Jonathan Anastas, Frank Agnew, Mark Arm, Christine Elise, Paul Hudson, Keith Morris, Henry Rollins u.a. Homepage: www.american-hardcore.de

„American Hardcore“ hält, was der Untertitel verspricht: nach bewährtem Musikdoku-Kochrezept bietet der Film einen Überblick über sechs Jahre Subkultur. Zu seiner filmischen Darstellung der American Hardcore Szene wurde Regisseur Paul Rachman durch das Buch „American Hardcore: A Tribal History“ von Steven Blush inspiriert. Die Dokumentation bietet für Anhänger des Stils wenig Neues – dem Regisseur gelingt es allerdings, anhand zahlloser Interviewschnippsel ein scharf profiliertes und nuanciertes Bild der Wertehaltung einer Szene zu zeichnen. Als Gegenreaktion auf Spät-Sechziger Hippieseligkeit und ein aufziehendes us-amerikanisches Neo-Biedermayer Reagen’scher Prägung verlieh eine ganze Generation von Bands ihrem politischen Unmut lauten Ausdruck: schnelle, aggressive Rythmen, hart und zornig ins Publikum gehämmerte Gitarrenriffs, überlagert von stakkatoartigem Gesang kennzeichnen die Musik.


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In bewusster Abgrenzung zu nihilistische Punk-Attitude drehen sich die Texte um ganz konkrete politische Inhalte: A Wake-Up Call to the nation, akkord-gewordene Ausdrucksform einer politischen Minderheit, die sich ganz konkret gegen den Zeitgeist richtete, anstatt ihn zu affirmieren und auch zwei Jahrzehnte später sichtlich große Freude daran hat, von den guten alten Zeiten zu erzählen.

Im Jahr 2001 begannen Blush und Rachman die esten Interviews zu drehen. Eine viable ökonomische Basis bot sich für ein derart spezialisiertes Thema nicht an, also entstand die komplette Doku in Eigenregie – independent im besten Sinne des Wortes, also frei von ökonomischen Zwängen, und genau darin liegt die Stärke des Films. Vergeblich wartet man auf Statements von Kunstkritikern, Unbeteiligte haben hier wenig verloren. Mit Ausnahme von Henry Rollins und Black Flag dürften die meisten Namen hierzulande wohl nur Insidern bekannt sein. Kurze Live-Ausschnitte und sekundenlange Song-Cuts verschaffen aber auch musikalisch nicht vorgebildeten Zusehern schnell eine recht genaue Vorstellung von der Morphologie dieser Musikrichtung.

Die anekdotische Erzählweise, die Aneinanderreihung von Live-Footage und Statements sehr vieler verschiedener Interviewpartner sorgen für Abwechslung – für Fans des Genres ein wertvolles Zeitdokument, für alle anderen eine gelungene Hausarbeit zum Thema Neuere Musikgeschichte. Relativ arbirträr bleibt allerdings das vom Film nachdrücklich argumentierte „Ende“ der Szene im Jahr 1986, die nur im Kontext der Reagan Ära zu verstehen zu deuten sei. Außer Zweifel steht jedenfalls, dass American Hardcore enormen Einfluss auf die Entwicklung amerikanischer Rockmusik der 90er hatte – für Mainstream-Erfolge blieb Hardcore Punk stets zu radikal und antithetisch, verlieh dem Rock’n’Roll allerdings Impluse und Ideen, die von Bands wie den Red Hot Chili Peppers oder Nirvana mit immensem Erfolg aufgegriffen wurde. Die vorliegende Spurensuche mit Fan-Appeal weiß den Popliebhaber jedenfalls durch den hohen Autentizitätsfaktor zu begeistern.

1 comments
Rufus
Rufus

klingt wie ein film, den ich mir schon allein aus nostalgischen gründen reinziehen sollte... guter alter hardcore, why 'd you die?