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Markus Keuschnigg: All by myself.

01.04.2007, geschrieben von , 1 Kommentar
youporn.thumbnail Markus Keuschnigg: All by myself.
 Foto:maych

In die­sem Gastbeitrag geht’s um die “sexu­elle Amateur-Revolution” im , um flei­sches­lüs­tige Videoportale und die Freude am Exhibitionismus — der Gastautor Filmchefredakteur von , wär ein idea­ler Gastvortragender für die Arse Electronica!

Porno-Portale wie beför­dern nicht nur die Fleischeslust in unbe­kannte Gegenden, sie rei­ßen auch Mauern zwi­schen Privatem und Öffent­li­chem, Laien und Profis, Artigem und Abartigem ein. Ein Schadensbericht von Markus Keuschnigg, erschie­nen in the gap #74/2007.

Der Körper as seen by mys­elf: weni­ger in leicht pene­trier­bare Positur gebracht, weni­ger einer rigi­den Dramaturgie der effek­ti­ven Zuschauerstimulanz unter­wor­fen, son­dern einem selbst bestimm­ten Exhibitionismus gehor­chend, der momen­tan auf diver­sen Internet-Portalen schön-sonderbare Blüten treibt. Komplementär zu enorm erfolg­rei­chen Datenbanken von zei­ge­freu­di­gen Menschen jeg­li­cher Couleur wie myspace.com, die nicht nur vir­tu­elle Quasi-Gemeinschaften eta­blie­ren, son­dern die eigene Person modu­lier­bar machen, beste­hen seit gerau­mer Zeit Beta-Versionen von Sites, auf die der gemeine User aller­lei Saftiges aus den hei­mi­schen Schlafzimmern laden kann. Zu bekli­ckende Thumbnails zei­gen — mal mehr, mal weni­ger ver­pi­xelt -, dass die Demarkationslinie zwi­schen Privatem und Öffent­li­chem zumin­dest für die dotcom-Generation einer ana­lo­gen Vergangenheit ange­hört, die in der Gegenwart der bestän­di­gen Präsentation und des ewi­gen Sharings kei­nen Bestand mehr haben kann. Das Schlüsselwort ist jeden­falls Kontrolle, denn was auf Portalen wie YouPorn.com oder Porntube ein­seh­bar ist, soll auch wahr­ge­nom­men wer­den. Nur guss­ei­serne Moralisten spre­chen ange­sichts der Äuße­run­gen von John und Jane Doe in Funk und noch von Sozialpornografie, Vordenker spre­chen von einem neuen gesell­schaft­li­chen Bewusstsein, in dem Messie-Wohnungen und Sandler-Schicksale ebenso Alltag sind wie Hundekleidung und das eigene Leben.

Die neue Körperkomik

Verweilt man auf dem Highway der Amateurpornografie (wobei vie­les als pro-am, also pro­fes­sio­nell pro­du­zierte Pornografie mit Laiendarstellern, erkenn­bar ist), dann zeigt sich, dass die Grenzen zwi­schen zuge­schrie­be­ner Normalität und Abnormalität porö­ser wer­den. Das gern mit dem nied­li­chen Euphemismus “Natursekt” umschrie­bene gegen­sei­tige Anpinkeln gehört dabei noch zu den ver­träg­li­che­ren Akten. Mit Helmut Qualtinger gespro­chen: Uns ist nichts Menschliches fremd! Befremdlich ist das eine oder andere Filmchen dann aber doch.

Da hockt ein Bub vor sei­ner Webcam, spricht: “So, meine Damen und Herren, jetzt furze ich mit mei­nem Pimmel!” und voll­führt den soeben ange­kün­dig­ten Akt: Luft zwi­schen Vorhaut und Eichel gebla­sen, mit Daumen und Zeigefinger wie einen Ballon ver­schlos­sen, flugs ent­la­den und schon ist der Wortschatz um “Pimmelfurz” erwei­tert. Solch unbe­schwerte Körperkomik ser­viert kon­ven­tio­nelle Pornografie nie und nim­mer, da gilt ja bereits das Schwitzen als Alltag.

The Smoking Muschi

Ungewöhnliche Perspektiven wer­den poten­ziert: auf einem Tripod arre­tierte Digicams zeich­nen Pärchensex in einer ein­zi­gen Einstellung auf. Es regiert die Fadesse, aber auch: der Mitmensch. Die dut­zend­fach durch­ge­nu­del­ten Arbeiterinnen der Sexindustrie haben es die­ser Tage schwer, gegen die Konkurrenz aus dem Fertigteilhaus anzu­kämp­fen: die macht’s umsonst und hat noch mas­sig Spaß dabei. Und ganz ehr­lich: die Smoking Muschi ist viel­leicht unge­sund, aber sehens­wert. Jedenfalls zeich­net sich eine radi­kale Abkehr von stan­dar­di­sier­ter Kopulation ab: die Vorschläge aus Mainstream-Produktionen wei­chen einem krea­ti­ve­rem Umgang mit Sexualität und Körperlichkeit. Die man­nig­fal­ti­gen Verwendungsmöglichkeiten des männ­li­chen Ejakulats erin­nern zuwei­len an die Materialaktionen der Wiener Aktionisten: zufäl­lig fin­det sich auf YouPorn.com auch ein Video des öster­rei­chi­schen Künstler-Kollektivs mit dem Titel Overhead Cumshot, in dem das bekannte Unterrichts-Requisit durch Besamung revi­ta­li­siert wird.

Reality Fuck

Die por­no­gra­fi­schen Rumpelkammern sind jedoch nur auf den ers­ten Blick Demokratisierungsinstanzen der insze­nier­ten Sexualität, wer­den sie doch gleich­sam mas­siv von pro­fes­sio­nel­len Websites zu Werbezwecken instru­men­ta­li­siert. Dann ver­wei­sen Links auf das ersehnte Mehr, der betont lai­en­haft über­schrie­bene Clip erweist sich als Trailer für eine der zahl­lo­sen pro-am-Seiten im Netz. Und derer gibt es unzäh­lige: ihre ungnä­dige Abspritz-Ökonomie wird auf den boo­men­den Bums-Portalen jedoch von sub­ver­si­ven Elementen unter­wan­dert — vom Randständigen, Tabuisierten und Abgelehnten, nicht zuletzt vom Pixeligen, Faden und Komischen. Die Konsumenten erle­ben eine Befreiung: Wann hat man schon mal bei der Onanie gelacht? Die Internet-Pornografie erreicht die­selbe Vermixung von Professionellem und Amateurhaftem, wie sie das Fernsehen schon längst hin­ter sich hat, nur ist das Einschmuggeln von Reality in die Plastikhochburg der –Industrie bei wei­tem gewaltiger.

Alternative(n)

Der gemeine Fick wird zur Selbstdarstellung, die hohe Nutzerfrequenz der gro­ßen Portalseiten ver­spricht Instant Fame: zur Inszenierung der eige­nen Sexualität braucht es nicht ein­mal ein anspre­chen­des Aussehen — viele Videos zei­gen im Ausschnitt nur das wahr­lich Relevante. Nicht nur ver­schmel­zen pri­vate und indus­tri­elle Darstellungen, auch die Trennlinien zwi­schen Massen-Gusto und spe­zi­el­le­ren Vorlieben wer­den durch­läs­sig: So sind Porno-Portale nicht zuletzt Präsentationsflächen für Altporns, den Indies der Industrie. Wenn ein Punk ein Goth-Mädchen oral befrie­digt und sich zwei Emo-Jungs ganz beson­ders mögen, dann wer­den gän­gige Vorstellungen von Männlichkeit und Weiblichkeit demon­tiert und neu gedacht: all das nicht nur in der Zielgruppe, son­dern auch bei all jenen, die aus ande­ren Gründen auf den ent­spre­chen­den Thumbnail geklickt haben. Die neue sexu­elle Revolution erlebt man in der Öffent­lich­keit ganz für sich selbst.

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