In diesem Gastbeitrag geht’s um die “sexuelle Amateur-Revolution” im Internet, um fleischeslüstige Videoportale und die Freude am Exhibitionismus — der Gastautor Filmchefredakteur von the gap, wär ein idealer Gastvortragender für die Arse Electronica!
Porno-Portale wie YouPorn befördern nicht nur die Fleischeslust in unbekannte Gegenden, sie reißen auch Mauern zwischen Privatem und Öffentlichem, Laien und Profis, Artigem und Abartigem ein. Ein Schadensbericht von Markus Keuschnigg, erschienen in the gap #74/2007.
Der Körper as seen by myself: weniger in leicht penetrierbare Positur gebracht, weniger einer rigiden Dramaturgie der effektiven Zuschauerstimulanz unterworfen, sondern einem selbst bestimmten Exhibitionismus gehorchend, der momentan auf diversen Internet-Portalen schön-sonderbare Blüten treibt. Komplementär zu enorm erfolgreichen Datenbanken von zeigefreudigen Menschen jeglicher Couleur wie myspace.com, die nicht nur virtuelle Quasi-Gemeinschaften etablieren, sondern die eigene Person modulierbar machen, bestehen seit geraumer Zeit Beta-Versionen von Sites, auf die der gemeine User allerlei Saftiges aus den heimischen Schlafzimmern laden kann. Zu beklickende Thumbnails zeigen — mal mehr, mal weniger verpixelt -, dass die Demarkationslinie zwischen Privatem und Öffentlichem zumindest für die dotcom-Generation einer analogen Vergangenheit angehört, die in der Gegenwart der beständigen Präsentation und des ewigen Sharings keinen Bestand mehr haben kann. Das Schlüsselwort ist jedenfalls Kontrolle, denn was auf Portalen wie YouPorn.com oder Porntube einsehbar ist, soll auch wahrgenommen werden. Nur gusseiserne Moralisten sprechen angesichts der Äußerungen von John und Jane Doe in Funk und Fernsehen noch von Sozialpornografie, Vordenker sprechen von einem neuen gesellschaftlichen Bewusstsein, in dem Messie-Wohnungen und Sandler-Schicksale ebenso Alltag sind wie Hundekleidung und das eigene Leben.
Verweilt man auf dem Highway der Amateurpornografie (wobei vieles als pro-am, also professionell produzierte Pornografie mit Laiendarstellern, erkennbar ist), dann zeigt sich, dass die Grenzen zwischen zugeschriebener Normalität und Abnormalität poröser werden. Das gern mit dem niedlichen Euphemismus “Natursekt” umschriebene gegenseitige Anpinkeln gehört dabei noch zu den verträglicheren Akten. Mit Helmut Qualtinger gesprochen: Uns ist nichts Menschliches fremd! Befremdlich ist das eine oder andere Filmchen dann aber doch.
Da hockt ein Bub vor seiner Webcam, spricht: “So, meine Damen und Herren, jetzt furze ich mit meinem Pimmel!” und vollführt den soeben angekündigten Akt: Luft zwischen Vorhaut und Eichel geblasen, mit Daumen und Zeigefinger wie einen Ballon verschlossen, flugs entladen und schon ist der Wortschatz um “Pimmelfurz” erweitert. Solch unbeschwerte Körperkomik serviert konventionelle Pornografie nie und nimmer, da gilt ja bereits das Schwitzen als Alltag.
Ungewöhnliche Perspektiven werden potenziert: auf einem Tripod arretierte Digicams zeichnen Pärchensex in einer einzigen Einstellung auf. Es regiert die Fadesse, aber auch: der Mitmensch. Die dutzendfach durchgenudelten Arbeiterinnen der Sexindustrie haben es dieser Tage schwer, gegen die Konkurrenz aus dem Fertigteilhaus anzukämpfen: die macht’s umsonst und hat noch massig Spaß dabei. Und ganz ehrlich: die Smoking Muschi ist vielleicht ungesund, aber sehenswert. Jedenfalls zeichnet sich eine radikale Abkehr von standardisierter Kopulation ab: die Vorschläge aus Mainstream-Produktionen weichen einem kreativerem Umgang mit Sexualität und Körperlichkeit. Die mannigfaltigen Verwendungsmöglichkeiten des männlichen Ejakulats erinnern zuweilen an die Materialaktionen der Wiener Aktionisten: zufällig findet sich auf YouPorn.com auch ein Video des österreichischen Künstler-Kollektivs Monochrom mit dem Titel Overhead Cumshot, in dem das bekannte Unterrichts-Requisit durch Besamung revitalisiert wird.
Die pornografischen Rumpelkammern sind jedoch nur auf den ersten Blick Demokratisierungsinstanzen der inszenierten Sexualität, werden sie doch gleichsam massiv von professionellen Websites zu Werbezwecken instrumentalisiert. Dann verweisen Links auf das ersehnte Mehr, der betont laienhaft überschriebene Clip erweist sich als Trailer für eine der zahllosen pro-am-Seiten im Netz. Und derer gibt es unzählige: ihre ungnädige Abspritz-Ökonomie wird auf den boomenden Bums-Portalen jedoch von subversiven Elementen unterwandert — vom Randständigen, Tabuisierten und Abgelehnten, nicht zuletzt vom Pixeligen, Faden und Komischen. Die Konsumenten erleben eine Befreiung: Wann hat man schon mal bei der Onanie gelacht? Die Internet-Pornografie erreicht dieselbe Vermixung von Professionellem und Amateurhaftem, wie sie das Fernsehen schon längst hinter sich hat, nur ist das Einschmuggeln von Reality in die Plastikhochburg der Sex–Industrie bei weitem gewaltiger.
Der gemeine Fick wird zur Selbstdarstellung, die hohe Nutzerfrequenz der großen Portalseiten verspricht Instant Fame: zur Inszenierung der eigenen Sexualität braucht es nicht einmal ein ansprechendes Aussehen — viele Videos zeigen im Ausschnitt nur das wahrlich Relevante. Nicht nur verschmelzen private und industrielle Darstellungen, auch die Trennlinien zwischen Massen-Gusto und spezielleren Vorlieben werden durchlässig: So sind Porno-Portale nicht zuletzt Präsentationsflächen für Altporns, den Indies der Industrie. Wenn ein Punk ein Goth-Mädchen oral befriedigt und sich zwei Emo-Jungs ganz besonders mögen, dann werden gängige Vorstellungen von Männlichkeit und Weiblichkeit demontiert und neu gedacht: all das nicht nur in der Zielgruppe, sondern auch bei all jenen, die aus anderen Gründen auf den entsprechenden Thumbnail geklickt haben. Die neue sexuelle Revolution erlebt man in der Öffentlichkeit ganz für sich selbst.
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