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Ö1 Kolumne: Sex in zweiten und anderen Leben

12.04.2007, geschrieben von , Keine Kommentare

Die fol­gende Kolumne habe ich für Ö1 geschrie­ben — es geht um eines der momen­ta­nen Frühlings-Loch Lieblingsthemen der Journaille, wie’s frü­her noch abwer­tend hieß, näm­lich diver­seste Schweinigeleien in Shooting Star unter den vir­tu­el­len Welten. Zum Original geht’s hier — viel Vergnügen.

Ach, ich wünschte, ich könnte mein Leben noch­mal von vorne begin­nen,” lau­tet der Stoßseufzer von Kontrollfreaks, die ungern die Entropie als Dramaturg des Dramas ihrer Existenz aner­ken­nen wol­len. Wenn Erbauer vir­tu­el­ler Welten genau die­ses Versprechen auf tech­ni­schem Weg rea­li­sie­ren wol­len, ist min­des­tens , manch­mal Langweile, häu­fig aber der vir­tu­elle Austausch von Körperflüssigkeiten angesagt.

Dabei kom­men Linden Labs dem alten Alchemistentraum, Gold aus Blei zu erzeu­gen, ver­däch­tig nahe. Auch wenn das Blei aus Bits und Bytes besteht, das Gold aus Linden Dollars und die trans­for­ma­ti­ven Formeln in digi­ta­len Algorithmen rea­li­siert sind, gelang es hier erst­mals jeman­dem, inner­halb einer rie­si­gen einen Austauschkurs zwi­schen vir­tu­el­ler und rea­ler Währung zu eta­blie­ren. In der Tat ist die Idee, aus dem belieb­ten Genre MMORPG (Massive Multiplayer Online Role Playing Game) sämt­li­che Spielelemente, Quest, Levels, Missionen und Storys zu ent­fer­nen und statt­des­sen die poten­ti­el­ler Spieler zu Produzenten des eige­nen Glücks in Form digi­ta­ler custom-made Artefakte zu küren, tri­vial und gerade des­halb erfolgreich.

SL kennt keine Einstiegslimits, keine Metageschichten von jahr­hun­der­te­al­ten Feindschaften zwi­schen Elfen und Orks, kein lexi­ka­li­sches Wissen über die Statistik-Boni beson­ders begehr­ter Ausrüstungsgegenstände: es geht also nicht als Ein-, son­dern ans Ausgemachte: geziel­tes Über­schrei­ten sozia­ler Konventionalgrenzen zwi­schen Consenting Adults, Spielplatz der unbe­grenz­ten Möglichkeiten mit enorm redu­zier­tem sen­so­ri­schem Input, eine Gibson’sche Cyberspaceinkarnation für sen­so­risch ganz Arme — keine Rede von Immersion, ja nicht mal von hoch­auf­lö­sen­der, geschweige denn rea­li­täts­na­her Grafik.

Printmedien schü­ren gerne die Goldgräberstimmmung, berich­ten von Neo-MillionärInnen, die ihr Glück digi­tal mach­ten. In der Tat ver­die­nen über 90% jener 5% Gesamtuser, die am Ende des Monats eine posi­tive Soll-Haben-Bilanz auf­wei­sen, bis zu 200$ im Monat, mit einem Zeitaufwand, der den Stundenlohn weit unter öster­rei­chi­sches StudentInnen-Zwangsarbeitsniveau drückt. Marketingabteilungen aller Couleurs dage­gen erscheint momen­tan gera­dezu wie der Heilsbringer des Internet, funk­tio­niert hier doch alles noch so wie in der “rich­ti­gen” Welt: keine Virals, keine Micromedia, statt­des­sen rie­sige Plakatwände, prot­zige Shops, die man nicht auf­wän­dig ver­lin­ken, son­dern ein­fach nur kau­fen muss — und vir­tu­elle Axel Springer Medien fun­gie­ren als tages­ak­tu­elle Chronisten die­ses Universums, in der man Ruhe hat vor alle den auf­merk­sam­keits­öko­no­mi­schen Besonderheiten, die das Netz sonst aus­zei­chen: die Alter Egos in besit­zen nun mal kei­nen Internetzugang.

Was für ein Glück also, dass sich die Lust an der media­len Auslagerung der Sexualität, ihre Delegation an steril-geruchlose –Telefonate, Pornofilme und Chats wie ein roter Impetus durch die Mediengeschichte zieht. In der Tat waren Pornoseiten die ers­ten Genreportale, die aus­gie­big Gebrauch von Streaming Video und Audio mach­ten. Und so locken die bei­den zug­kräf­tigs­ten Metaerzählungen immer mehr User ins vir­tu­elle Zuhause: zügel­lose Schweinigeleien mit Gleichgesinnten im Schutz tech­nisch zwei­fel­haf­ter Anonymität und die Versprechung vir­tu­el­len Reichtums rei­chen durch­wegs aus, um täg­lich hun­derte zur Installation der Clientsoftware zu moti­vie­ren. Daueruser wer­den aller­dings nur wenige Neulinge, rund 50% der Erstspieler belassen’s beim ein­ma­li­gen Einstieg. Ob Second Life ein auf­wän­di­ger Chat, ein Non-Story Based Game oder eine vir­tu­elle Realität ist, bleibt den Benutzern dabei rela­tiv egal: als Kontaktbörse funk­tio­niert die Plattform der­zeit aus­rei­chend gut, um in ein­schlä­gi­ger Berichterstattung als windig-virtuelle –Reeperbahn titu­liert zu werden.

Das mag zwar nach Meinung vie­ler alter SL-Hasen falsch sein, zeigt aber im Kern vor allem eines auf: das Rotlichtbusiness ist ein tech­no­lo­gi­scher Early Adopter der schnells­ten Sorte (die­ses span­nende Thema wird Inhalt einer monochrom-Konferenz, die im Herbst in San Francisco statt­fin­det, sein), wäh­rend die Betreiberfirma momen­tan vor allem daran schei­tert, den neu Angekommenen ordent­li­che Orientierungstools in die Hand zu geben und die rich­ti­gen Interessen mit­ein­an­der zu ver­lin­ken. Trotz des momen­ta­nen Hypes dürfte die Langzeitmotivation auf der Strecke blei­ben, wenn Linden Labs dies nicht recht­zei­tig gelingt — aber bis dahin ste­hen ver­mut­lich ohne­hin zahl­rei­che Konkurrenzwelten bereit, die aus den Fehlern des Pioniers gelernt haben werden.

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