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Podiumsdiskussion: Freie Netze für freie Bürger

29.04.2007, geschrieben von Ritchie Blogfried Pettauer, 5 Kommentare

wissenlaendeHeute nach­mit­tag hielt ich beim Kongress Freie Netze. Freies Wissen. in einen Workshop zum Thema “peer2peer, Open Source, und Co.” ab und nahm an der anschlie­ßen­den teil. Für mich ein span­nen­der Nachmittag inklu­sive der Erkenntis, dass in weit mehr geschieht als der impo­sante Neubau zum Ars Electronica Center. Et voilá: hier mein per­sön­li­cher und sehr sub­jek­ti­ver Bericht und ein Buchtipp.

Die im alten Rathaus am Linzer Hauptplatz mar­kierte den Abschlussevent einer halb­jäh­ri­gen Kampagne. Mehrere Workshops sowie eine abschlie­ßende beleuch­te­ten das Thema aus unter­schied­li­chen Blickwinkeln — per­sön­li­ches Resumée: eine span­nende Veranstaltung, deren groß­teils unter 20-jährige TeilnehmerInnen bei schöns­tem Badewetter das Dictum von der Politikverdrossenheit der Jugend Lügen straf­ten. Die SJ Linz ver­an­stal­tete den Kongress in Zusammenarbeit mit AKS und Jump (dort gibt’s dem­nächst auch einen Podcast zur ) — der Vergleich mag unfair erschei­nen, aber ich bin als Blogger ja kei­nes­wegs irgend­wel­chen jour­na­lis­ti­schen Sorgfaltsregeln ver­pflich­tet und behaupte daher mal ganz frech: wäh­rend die ÖVP rela­tiv plan­los Blogger auf den eige­nen Parteitag ein­lädt, um bil­lig ein paar (ohne­hin sehr nega­tiv aus­ge­fal­lene) Berichte in der Blogosphere zu gene­rie­ren (hallo Rekursion), betreibt die SJ enrst gemeinte Bewusstseinsbildung zum Thema “digi­ta­les Eigentum”: ein unein­ge­schränkt lobens­wer­tes Unterfangen, denn bevor über­haupt poli­ti­sche Entscheidungen getrof­fen wer­den kön­nen, muss erst ein­mal Klarheit beste­hen, wor­über denn ent­schie­den wird.

Es wird der Adobe Flash Player benö­tigt und im Browser muss Javascript akti­viert sein..

Während Gusi also bis­lang eine imho wenig ele­gante Figur auf dem poli­ti­schen Parkett hin­legt (Stichwort: Studiengebühren) und mit sei­nem Vizemolterer wohl eher für den offi­zi­el­len Merger von Neoliberalismus und Sozialdemokratie öster­rei­chi­scher Prägung steht als für die von Vranitzky sei­ner­zeit so legen­där dis­kre­di­tier­ten Visionen, stellt die sozia­lis­ti­sche Jugend jene Fragen nach dem ange­mes­se­nen Umgang mit digi­ta­ler Information, die unsere zukünf­tige Wirtschaft und unsere Freiheit so dras­tisch beein­flus­sen wer­den. Freilich sind infor­ma­ti­ons­tech­ni­sche Regelungsprobleme ein “Luxus”, der erst dann zum dring­li­chen Faktor wird, wenn der Grundstock der Bedürfnispyramide abge­deckt ist und sich ein zuneh­mend höhe­rer Anteil der Wertschöpfung in vir­tu­elle Gefilden ver­la­gert. Der Digital Divide bekommt damit eine zusätz­li­che Bedeutungsdimension: wer ist im Netz, wer könnte drin sein und wer hat gar keine Möglichkeit dazu? Selbst inner­halb der In-Group bedeu­tet ein Nachdenken über das Konzept des “geis­ti­gen Eigentums” aber kei­nes­wegs blo­ßes Theoretisieren: wenn 14-Jährige für ihre –Downloads vor Gericht gezerrt wer­den sol­len, Musik zur Klingelton-Formatradio Stangenware ver­kommt, wis­sen­schaft­li­che Verfahren plötz­lich paten­tier­bar wer­den und die Totalüberwachung längst tech­nisch mach­bar ist, wäre aus­führ­li­ches Nachdenken ange­sagt — Bewusstseinsbildung als Grundlage dar­aus abge­lei­te­ter demo­kra­tisch legi­ti­mier­ter Entscheidungen eben anstatt Schnellschuss-Regulierung.

Auf Jump.at gibt’s eine Sondersendung zum Kongress:

Die poli­ti­sche Praxis zeigt aber gerade in die­sem dyn­mi­schen, von der nor­ma­tiv­ten Kraft der Technik getrie­be­nen Bereich, dass Gesetze schnell und unbe­merkt ent­ste­hen, dass pro­fes­sio­nelle Lobbyisten aus dem Industriebereich sich pro­blem­los gegen Captain Hausverstand und jeg­li­che Diskussion auf brei­ter Basis durch­set­zen: die IFPI etwa hat ihr Lehrmaterial dem öster­rei­chi­schen Unterrichtsministerium bereits “rein­ge­drückt” und ver­dammt darin Musikpiraterie auf’s schärfste, wäh­rend alter­na­tive Lizenzmodell kon­se­quent toge­schwie­gen wer­den — ein mitt­le­rer Skandal, denn falls die­ses Beispiel Schule macht, könnte dem­nächst wohl auch McDonalds dem Unterrichtsministerium alle Unterlagen zum Thema “rich­tige Ernährung” zur Verfügung stel­len. Aber jede Münze hat zwei Seiten: und wäh­rend John Perry Barlows legen­däre Veröffentlichung der Declaration of Independance of Cyberspace sei­ner­zeit bei uns eher Schmunzeln ob der us-amerikanischen sprich­wört­lich unkri­ti­schen Haltung gegen­über neuen Technologien aus­löste, erin­nert mich die Nicht-Strategie der Unterhaltungsindustrie zuneh­mend an die Eröffnungsworte: “Governments of the Industrial World, you weary giants of flesh and steel, I come from Cyberspace, the new home of Mind. On behalf of the future, I ask you of the past to leave us alone. You are not wel­come among us. You have no sover­eignty where we gather.” Also machen wir doch was draus!

Denn da eröff­nen sich ganz offen­sicht­lich Chancen und Möglichkeiten für eine par­ti­zi­pa­tive Gesellschaft, die erst ein­mal erkannt wer­den wol­len, bevor wirt­schaft­li­che Regulationsimperative zum quasi-monopolistischen Regulativ avan­cie­ren. Petra von Projekt Wissensallmende (Der Begriff “Allmende” stand frü­her für eine gemein­schaft­lich genutzte Weidefläche — der Konnex zum Netz dürfte somit klar sein) beschäf­tigte sich in ihrem Workshop mit digi­ta­len Urheberrechten und demons­trierte, dass diese Querschnittsmaterie längst nicht nur die Produkte der Unterhaltungsindustrie, son­dern auch und vor allem Aspekte wie Saatgut und Medikamentenpatente umfasst. Markus Huber infor­mierte die TeilnehmerInnen über die Ideologie und Grundsätze der Open-Source Bewegung.

In mei­nem Workshop ging’s um mein Lieblingsthema: und peer-2-peer Sharing. Man kann die ten­den­ziö­sen Selbstdarstellungen der Musikindustrie ja nicht für immer unwi­der­spro­chen ste­hen las­sen: dass Downloads die Musikindustrie schä­di­gen und kei­nes­wegs das Gros der Musiker, die mit Albenverkäufen ohne­hin so gut wie nichts ver­die­nen, ver­gisst die IFPI gerne stra­te­gisch — und dass der pri­märe Reiz, Musik zu machen, auch kei­nes­wegs in mone­tä­rer Anerkennung lie­gen muss, eben­falls. Doch gerade Communities wie Tonspion oder auch mys­pace füh­ren ein­drucks­voll vor Augen, dass die Zukunft der Musikwirtschaft nicht in den Händen der Major Labels liegt.

Im Anschluss an die Workshops wur­den ein paar Kurzfilme zum Thema gezeigt. Die fol­gende war für mich sehr span­nend — ich hoffe, den ZuhörerInnen hat’s auch gefal­len, obwohl sich das Podium ganz ent­ge­gen gepfleg­ter Streitkultur in den wesent­li­chen Punkten sehr einig war — kurz zusam­men­ge­fasst: infor­ma­tion wants and needs to be free. Ein Audiosnippet der folgt in Kürze.

: Freie Netze, Freies Wissen.

Christian Forsterleitner, Parteisekretär der SPÖ , gab gemein­sam mit Leonhart Dobusch das aus­ge­spro­chen lesens­werte “Freie Netze. Freies Wissen” her­aus. Der Standard fand das Kompendium ten­den­ziös, IT-kompetente Medien wie c’t aus dem Heise-Verlag zeig­ten sich recht ange­tan von dem Werk, das neben Interviews mit Proponenten der Netzkultur zahl­rei­che Projektbeschreibungen enthält.

Dass dem Heise Verlag schon und dem Standard in sol­chen Dingen nicht unbe­dingt zu trauen ist, weiß die spe­zi­fisch vor­ge­bil­dete Öffent­lich­keit nicht erst seit der Kompressions-April-Story. (Damals hatte der heise-Verlag in der Aprilnummer tra­di­tio­nell eine “Ente” unter­ge­bracht: ein neues Video-Kompressionsverfahren würde angeb­lich Schauspieler und Setting tren­nen: man lädt also Arnie Schwarzenegger als Einzelfile und seine Filme extra run­ter. Dies bedeute eine enorme Speicherplatzeinsparung, so der c’t-Artikel, der für tech­nisch ver­sierte Laien mit Leichtigkeit als Fake zu erken­nen war, für die Standard-Redaktion jedoch nicht: am nächs­ten Tag erschien dort näm­lich ein bier­ernst gemein­ter Artikel über die neue Bedrohung für Hollywood; soviel zum Thema “jour­na­lis­ti­sche Sorgfalt.) Nähere Details zum fol­gen in einer dedi­zier­ten Review, mein ers­ter Eindruck beim Querlesen ist aller­dings nur der aller­beste. Zur Illustration ein Highlight aus dem Interview mit mono­chroms Johannes Grenzfurthner:

Ja, viele den­ken sich halt, es helfe des KünstlerInnen, wenn es so etwas wie ein Copyright gibt. Das ist aber zu kurz gedacht. Die Musikindustrie wählt als Beispiel natür­lich das schwächste Glied in der Verwertungskette. Sie sagen: “Die Künstler wer­den ärmer, wenn ihr bösen Konsumenten MP3s über Peer-to-Peer Netzwerke her­un­ter­la­det.” Sie lagert damit ihre Verantwortung aus, denn den betref­fen­den KünsterlInnen oder — um es aus copy­righ­tis­tisch zu sagen — den “Urhebern”, wird immer noch das kleinste und dürf­tigste Stück vom Kuchen zuge­scho­ben, damit sie nicht ver­hun­gern müs­sen. Das ist wie eim Hamburger: Am wenigs­ten davon hat die Kuh

Nachzulesen in: Dobusch, Leonhard / Forsterleitner Christian (Hg.): Freie Netze. Freies Wissen. echo Verlag, Wien 2007. Das gesamte steht unter der Creative Commons Share Alike / Attribution Lizenz und ist in vol­ler Länge im Netz elek­tro­nisch verfügbar.

Eleganter und kür­zer als Johannes kann man die berech­tigte Kritik am selbst­ver­ur­sach­ten struk­tu­rel­len Dilemma der Musikindustrie wohl kaum zusam­men­fas­sen — ich bin schon gespannt auf die übri­gen Beiträge der 17 betei­lig­ten Autoren. Mehr Details zum Printkompendium gibt’s hier in Form eine Review asap. Und, auf die­sem Weg noch­mal: danke an alle TeilnehmerInnen für die Aufmerksamkeit! Der Nachmittag in hat mir gro­ßen Spaß gemacht.

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Bisher haben meine Lieblingsleser 5 Kommentare zu "Podiumsdiskussion: Freie Netze für freie Bürger" geschrieben.

Wie ist Ihre Meinung?
  • Stefan Bräu Identicon Icon

    hallo,

    vie­len dank für dein inter­view — ist toll gewor­den.
    zur info: der pod­cast ist fer­tig geschnit­ten und wird in den nächs­ten stun­den online gehen. ein­zu­se­hen unter:
    http://www.jump.at/podcast

    rss-feed des jump pod­casts:
    http://www.jump.at/media/podcast/jump_podcast.xml

    lg & hof­fent­lich auf bald

    ste­fan

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  • ritchie Identicon Icon

    Feed ist abonniert :cool:

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  • clown_iza Identicon Icon

    das klingt ja tat­säch­lich nach einer sehr span­nen­den kon­fe­renz. ich hab jetzt mal dei­nem urteil ver­traut und das buch bestellt. trotz elektronischer-netzversion… 20 euro find ich höchst human und ich mag diese bun­ten buch­rü­cken im regal so gern ;)

    […und ich hab mich schon wie­der beim anti-spam ver­rech­net… pein­lich, peinlich]

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  • ritchie Identicon Icon

    Ja, Papier hat neben Geduld schon noch so seine ande­ren Vorteile :mrgreen:
    Die pdf-Version ist halt sehr prak­tisch zum Durchsuchen, Quoten und so… aber ein gan­zes Buch möcht ich auch nicht am Monitor lesen; und ich denk defi­ni­tiv, dass die 20 Eulen gut inves­tiert sind — schö­nes Layout und ein brei­tes Spektrum an Inhalten, va die Interviews gefal­len mir sehr gut!

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  • mrs robiinson Identicon Icon
    mrs robiinson sagte am 4. Mai 2007 um 15:23

    Das Buch, freie Netze freies Wissen ist wahr­lich wert “ana­lo­gi­siert” bzw. gedruckt zu wer­den. Respekt und Gratulation an die Produzenten des Werkes. Die Vorfreude auf auf die Kulturhauptstadt 09 und deren Projekte ist vor­han­den:)
    herz­lichst, Mrs Robiinson

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