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Podiumsdiskussion: Freie Netze für freie Bürger

wissenlaendeHeute nachmittag hielt ich beim Kongress Freie Netze. Freies Wissen. in Linz einen Workshop zum Thema „peer2peer, Open Source, Creative Commons und Co.“ ab und nahm an der anschließenden Podiumsdiskussion teil. Für mich ein spannender Nachmittag inklusive der Erkenntis, dass in Linz weit mehr geschieht als der imposante Neubau zum Ars Electronica Center. Et voilá: hier mein persönlicher und sehr subjektiver Bericht und ein Buchtipp.

Die Konferenz im alten Rathaus am Linzer Hauptplatz markierte den Abschlussevent einer halbjährigen Kampagne. Mehrere Workshops sowie eine abschließende Podiumsdiskussion beleuchteten das Thema aus unterschiedlichen Blickwinkeln – persönliches Resumée: eine spannende Veranstaltung, deren großteils unter 20-jährige TeilnehmerInnen bei schönstem Badewetter das Dictum von der Politikverdrossenheit der Jugend Lügen straften. Die SJ Linz veranstaltete den Kongress in Zusammenarbeit mit AKS und Jump (dort gibt’s demnächst auch einen Podcast zur Konferenz) – der Vergleich mag unfair erscheinen, aber ich bin als Blogger ja keineswegs irgendwelchen journalistischen Sorgfaltsregeln verpflichtet und behaupte daher mal ganz frech: während die ÖVP relativ planlos Blogger auf den eigenen Parteitag einlädt, um billig ein paar (ohnehin sehr negativ ausgefallene) Berichte in der Blogosphere zu generieren (hallo Rekursion), betreibt die SJ enrst gemeinte Bewusstseinsbildung zum Thema „digitales Eigentum“: ein uneingeschränkt lobenswertes Unterfangen, denn bevor überhaupt politische Entscheidungen getroffen werden können, muss erst einmal Klarheit bestehen, worüber denn entschieden wird.

Während Gusi also bislang eine imho wenig elegante Figur auf dem politischen Parkett hinlegt (Stichwort: Studiengebühren) und mit seinem Vizemolterer wohl eher für den offiziellen Merger von Neoliberalismus und Sozialdemokratie österreichischer Prägung steht als für die von Vranitzky seinerzeit so legendär diskreditierten Visionen, stellt die sozialistische Jugend jene Fragen nach dem angemessenen Umgang mit digitaler Information, die unsere zukünftige Wirtschaft und unsere Freiheit so drastisch beeinflussen werden. Freilich sind informationstechnische Regelungsprobleme ein „Luxus“, der erst dann zum dringlichen Faktor wird, wenn der Grundstock der Bedürfnispyramide abgedeckt ist und sich ein zunehmend höherer Anteil der Wertschöpfung in virtuelle Gefilden verlagert. Der Digital Divide bekommt damit eine zusätzliche Bedeutungsdimension: wer ist im Netz, wer könnte drin sein und wer hat gar keine Möglichkeit dazu? Selbst innerhalb der In-Group bedeutet ein Nachdenken über das Konzept des „geistigen Eigentums“ aber keineswegs bloßes Theoretisieren: wenn 14-Jährige für ihre mp3-Downloads vor Gericht gezerrt werden sollen, Musik zur Klingelton-Formatradio Stangenware verkommt, wissenschaftliche Verfahren plötzlich patentierbar werden und die Totalüberwachung längst technisch machbar ist, wäre ausführliches Nachdenken angesagt – Bewusstseinsbildung als Grundlage daraus abgeleiteter demokratisch legitimierter Entscheidungen eben anstatt Schnellschuss-Regulierung.

Auf Jump.at gibt’s eine Sondersendung zum Kongress:

Die politische Praxis zeigt aber gerade in diesem dynmischen, von der normativten Kraft der Technik getriebenen Bereich, dass Gesetze schnell und unbemerkt entstehen, dass professionelle Lobbyisten aus dem Industriebereich sich problemlos gegen Captain Hausverstand und jegliche Diskussion auf breiter Basis durchsetzen: die IFPI etwa hat ihr Lehrmaterial dem österreichischen Unterrichtsministerium bereits „reingedrückt“ und verdammt darin Musikpiraterie auf’s schärfste, während alternative Lizenzmodell konsequent togeschwiegen werden – ein mittlerer Skandal, denn falls dieses Beispiel Schule macht, könnte demnächst wohl auch McDonalds dem Unterrichtsministerium alle Unterlagen zum Thema „richtige Ernährung“ zur Verfügung stellen. Aber jede Münze hat zwei Seiten: und während John Perry Barlows legendäre Veröffentlichung der Declaration of Independance of Cyberspace seinerzeit bei uns eher Schmunzeln ob der us-amerikanischen sprichwörtlich unkritischen Haltung gegenüber neuen Technologien auslöste, erinnert mich die Nicht-Strategie der Unterhaltungsindustrie zunehmend an die Eröffnungsworte: „Governments of the Industrial World, you weary giants of flesh and steel, I come from Cyberspace, the new home of Mind. On behalf of the future, I ask you of the past to leave us alone. You are not welcome among us. You have no sovereignty where we gather.“ Also machen wir doch was draus!

Denn da eröffnen sich ganz offensichtlich Chancen und Möglichkeiten für eine partizipative Gesellschaft, die erst einmal erkannt werden wollen, bevor wirtschaftliche Regulationsimperative zum quasi-monopolistischen Regulativ avancieren. Petra von Projekt Wissensallmende (Der Begriff „Allmende“ stand früher für eine gemeinschaftlich genutzte Weidefläche – der Konnex zum Netz dürfte somit klar sein) beschäftigte sich in ihrem Workshop mit digitalen Urheberrechten und demonstrierte, dass diese Querschnittsmaterie längst nicht nur die Produkte der Unterhaltungsindustrie, sondern auch und vor allem Aspekte wie Saatgut und Medikamentenpatente umfasst. Markus Huber informierte die TeilnehmerInnen über die Ideologie und Grundsätze der Open-Source Bewegung.

In meinem Workshop ging’s um mein Lieblingsthema: mp3 und peer-2-peer Sharing. Man kann die tendenziösen Selbstdarstellungen der Musikindustrie ja nicht für immer unwidersprochen stehen lassen: dass Downloads die Musikindustrie schädigen und keineswegs das Gros der Musiker, die mit Albenverkäufen ohnehin so gut wie nichts verdienen, vergisst die IFPI gerne strategisch – und dass der primäre Reiz, Musik zu machen, auch keineswegs in monetärer Anerkennung liegen muss, ebenfalls. Doch gerade Communities wie Tonspion oder auch myspace führen eindrucksvoll vor Augen, dass die Zukunft der Musikwirtschaft nicht in den Händen der Major Labels liegt.

Im Anschluss an die Workshops wurden ein paar Kurzfilme zum Thema Creative Commons gezeigt. Die folgende Podiumsdiskussion war für mich sehr spannend – ich hoffe, den ZuhörerInnen hat’s auch gefallen, obwohl sich das Podium ganz entgegen gepflegter Streitkultur in den wesentlichen Punkten sehr einig war – kurz zusammengefasst: information wants and needs to be free. Ein Audiosnippet der Podiumsdiskussion folgt in Kürze.

Buch: Freie Netze, Freies Wissen.

Christian Forsterleitner, Parteisekretär der SPÖ Linz, gab gemeinsam mit Leonhart Dobusch das ausgesprochen lesenswerte Buch „Freie Netze. Freies Wissen“ heraus. Der Standard fand das Kompendium tendenziös, IT-kompetente Medien wie c’t aus dem Heise-Verlag zeigten sich recht angetan von dem Werk, das neben Interviews mit Proponenten der Netzkultur zahlreiche Projektbeschreibungen enthält.

Dass dem Heise Verlag schon und dem Standard in solchen Dingen nicht unbedingt zu trauen ist, weiß die spezifisch vorgebildete Öffentlichkeit nicht erst seit der Kompressions-April-Story. (Damals hatte der heise-Verlag in der Aprilnummer traditionell eine „Ente“ untergebracht: ein neues Video-Kompressionsverfahren würde angeblich Schauspieler und Setting trennen: man lädt also Arnie Schwarzenegger als Einzelfile und seine Filme extra runter. Dies bedeute eine enorme Speicherplatzeinsparung, so der c’t-Artikel, der für technisch versierte Laien mit Leichtigkeit als Fake zu erkennen war, für die Standard-Redaktion jedoch nicht: am nächsten Tag erschien dort nämlich ein bierernst gemeinter Artikel über die neue Bedrohung für Hollywood; soviel zum Thema „journalistische Sorgfalt.) Nähere Details zum Buch folgen in einer dedizierten Review, mein erster Eindruck beim Querlesen ist allerdings nur der allerbeste. Zur Illustration ein Highlight aus dem Interview mit monochroms Johannes Grenzfurthner:

Ja, viele denken sich halt, es helfe des KünstlerInnen, wenn es so etwas wie ein Copyright gibt. Das ist aber zu kurz gedacht. Die Musikindustrie wählt als Beispiel natürlich das schwächste Glied in der Verwertungskette. Sie sagen: „Die Künstler werden ärmer, wenn ihr bösen Konsumenten MP3s über Peer-to-Peer Netzwerke herunterladet.“ Sie lagert damit ihre Verantwortung aus, denn den betreffenden KünsterlInnen oder – um es aus copyrightistisch zu sagen – den „Urhebern“, wird immer noch das kleinste und dürftigste Stück vom Kuchen zugeschoben, damit sie nicht verhungern müssen. Das ist wie eim Hamburger: Am wenigsten davon hat die Kuh

Nachzulesen in: Dobusch, Leonhard / Forsterleitner Christian (Hg.): Freie Netze. Freies Wissen. echo Verlag, Wien 2007. Das gesamte Buch steht unter der Creative Commons Share Alike / Attribution Lizenz und ist in voller Länge im Netz elektronisch verfügbar.

Eleganter und kürzer als Johannes kann man die berechtigte Kritik am selbstverursachten strukturellen Dilemma der Musikindustrie wohl kaum zusammenfassen – ich bin schon gespannt auf die übrigen Beiträge der 17 beteiligten Autoren. Mehr Details zum Printkompendium gibt’s hier in Form eine Review asap. Und, auf diesem Weg nochmal: danke an alle TeilnehmerInnen für die Aufmerksamkeit! Der Nachmittag in Linz hat mir großen Spaß gemacht.

5 comments
mrs robiinson
mrs robiinson

Das Buch, freie Netze freies Wissen ist wahrlich wert "analogisiert" bzw. gedruckt zu werden. Respekt und Gratulation an die Produzenten des Werkes. Die Vorfreude auf auf die Kulturhauptstadt 09 und deren Projekte ist vorhanden:) herzlichst, Mrs Robiinson

ritchie
ritchie

Ja, Papier hat neben Geduld schon noch so seine anderen Vorteile :mrgreen: Die pdf-Version ist halt sehr praktisch zum Durchsuchen, Quoten und so... aber ein ganzes Buch möcht ich auch nicht am Monitor lesen; und ich denk definitiv, dass die 20 Eulen gut investiert sind - schönes Layout und ein breites Spektrum an Inhalten, va die Interviews gefallen mir sehr gut!

clown_iza
clown_iza

das klingt ja tatsächlich nach einer sehr spannenden konferenz. ich hab jetzt mal deinem urteil vertraut und das buch bestellt. trotz elektronischer-netzversion... 20 euro find ich höchst human und ich mag diese bunten buchrücken im regal so gern ;) [...und ich hab mich schon wieder beim anti-spam verrechnet... peinlich, peinlich]

ritchie
ritchie

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