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matrix-Kolumne: Der vermaledeite Dekodierschlüssel

30.05.2007, geschrieben von , Keine Kommentare

erschie­nen auf oe1.orf.at, Mai 2007

Mathematische Verfahren zur Verschlüsselung und Kodierung kamen schon längst vor dem Digitalzeitalter zum Einsatz: so gut wie jeder his­to­ri­sche Universalgelehrte beschäf­tigte sich zumin­dest ein­mal im Verlauf sei­ner Karriere mit Chiffrier-Techniken. Geheimcodes üben seit jeher beträcht­li­che Faszination aus, die­nen sie doch der Über­tra­gung mili­tä­ri­scher Nachrichten ebenso wie der Sicherung der Privatsphäre in der Kommunikation zwi­schen Liebenden.

Eines hat­ten alle Verfahren gemein­sam: Sender wie Empfänger muss­ten den Geheimcode ken­nen, die Handlungsanleitung, um die Botschaft zuerst ver– und dann wie­der zu ent­schlüs­seln. Dies änderte sich dank dele­ga­tiv genut­zer Algorithmen, denn die Entschlüsselung lässt sich in die Black Box ver­le­gen — und schon küm­mert sich die ver­ges­sene Muse techné um den Dechiffriervorgang. Die Nachfolger der im 2. Weltkrieg so berühmt gewor­de­nen Enigma-Maschine ste­hen längst nicht mehr nur auf den Schreibtischen der Generäle, son­dern wur­den längst fes­ter Bestandteil digi­ta­ler Distributionsformate — jeder DVD-Player musst die Bits und Bytes, die er von der Silberscheibe abliest, erst ein­mal mit­tels eines spe­zi­el­len, im Gerät gespei­cher­ten Schlüssels, deko­die­ren. Die Unterhaltungsindustrie, immer noch teil­pa­ra­ly­siert von fröh­lich auf den Meeren des Peer-2-Peer Sharings segeln­den Musikpiraten, sieht im einen gang­ba­ren Weg, den Konsumenten effek­tiv an der Weiterverbreitung der erwor­be­nen Waren zu hindern.

Denn die Nicht-Ausschließlichkeit des Konsums macht Probleme im Vertrieb nicht-materieller Güter: wäh­rend die Existenz des spricht­wört­li­chen Würstchen nach dem Verzehr ein für alle­mal been­det ist, lässt sich jede Audio-CD nicht nur nahezu belie­big oft abspie­len, son­dern auch ohne wei­te­res kopie­ren. Die DVD sollte von vorn­her­ein bes­ser geschützt sein, was für kurze Zeit auch gelang — doch bald schon dran­gen Hacker in die Black Box ein und stel­len seit­her Tools bereit, mit denen sich DVDs ohne wei­tere tech­ni­sche Kenntnisse kopie­ren, oder wie’s im Hackerjargon heißt, “rip­pen” las­sen. Doch die DVD ist nach dem Willen der gro­ßen Distributoren Schnee von ges­tern. Für die nächs­ten paar Jahre wer­den nur Blue-Ray bzw. HD-DVD dem Heimcineasten die aktu­ell unüber­treff­li­che Bildqualität bieten.

Und wie­der sorgt ein Kopierschutzsystem für , doch bereits knapp nach der Markteinführung wurde der ent­spre­chende Schlüssel gehackt — es han­delt sich dabei um eine auf den ers­ten Blick so harm­los wie die meis­ten ihrer Artgenosinnen wir­kende mehr­stel­lige Zahl. Dezimal ange­schrie­ben besteht sie aus 38 Zeichen, hexa­de­zi­mal (zur Basis 16) aus 32. Genauso gut lässt sich die besagte Ziffernkombination in jedem ande­ren Code abbil­den: als RGB-Farbkombination, in Braille-Schrift, als Midi-Sequenz… die Möglichkeiten sind nahezu unbe­grenzt: und von denen machen welt­weit Gegner des Kopierschutzsystems aus­gie­bi­gen Gebrauch.

Bald gelan­get der inkri­mi­nierte Code auch auf die Startseite der ame­ri­ka­ni­schen News-Bewertungsplattform . Auf Basis des DMCA (Digital Millenium Copyright Act, ver­gleichs­weise restrik­ti­ves us-amerikanisches Urheberrechtsgesetz) wollte das DVD-Konsortium zugleich die Zahl mit­tels Cease-and-Desist Briefen aus dem Netz ver­ban­nen. rea­giert mit Sperrung der betref­fen­den News, pro­vo­zierte damit jedoch der­art hef­tige Proteste sei­ner Mitglieder, dass der Firmengründer schließ­lich nach­gab und auf die Zensur ver­zich­tete — selbst auf die Gefahr eines lang­wie­ri­gen Rechtsstreits hin.

Für zukünf­tige Blue Ray und HD-DVD wird ein ande­rer Schlüssel zum Einsatz kom­men — ob der frü­her oder spä­ter wie­der durch­si­ckert, wird erst die Zukunft zei­gen. Dass eine sim­ple Zahl plötz­lich ille­gal und zen­sur­wür­dig wer­den kann, bleibt jeden­falls ein völ­lig neu­ar­ti­ges und durch­wegs skur­ri­les Phänomen. Der Webserver der MPAA selbst zeigte bis vor kur­zem übri­gens bei der Eingabe nicht exis­tie­rende Adressen wie üblich als Fehlermeldung in der Form “Ihre Adresse xy wurde nicht gefun­den” an — ent­hielt die nicht exis­tie­rende Adresse die betref­fende Zahl, so war diese also auch in der Fehlermeldung ent­hal­ten. Die Adresse einer sol­chen mpaa-Subpage schickte ein Scherzbold an die Music Association mit der Aufforderung, die Seite sofort vom Netz zu neh­men. Ob die von “Schlüsselpiraten” gebeu­telte MPAA dar­über lachen konnte, ist lei­der nicht bekannt.

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