Film-Review: Wholetrain

wholetrain„Wholetrain“ inszeniert den rasanten, adrenalinschwangeren Alltag der Graffitiszene als fesselndes Kinodrama mit hohem Realitätsbezug. Florian Gaag gelang es in seinem Spielfilm-Debut, die Atmosphäre einer Underground-Szene glaubwürdig einzufangen. Verzicht auf Mystifikation, ein fantastischer Soundtrack und die geschickt montierten Low-Tech Kamerabilder überzeugt auch die Jurys zahlreicher Filmpreise. (erschienen im Ray Kinomagazin, Juni 2006)

Regie: Florian Gaag Kamera: Christian Rein Drehbuch: Florian Gaag Schnitt: Karl Schröter Darsteller: Mike Adler (David), Florian Renner (Tino), Elyas M’Barek (Elias), Jacob Matschen7 (Achim), Karina Fallenstein (Maria), Kristina Karst (Dina) u.a. Musik: Florian Gaag Graffiti: David „Cemnoz“ Kamerer, Alexej „Neon“ Tursan, Markus „Won“ Müller u.a. Produktion: Christoph Müller / Goldkind Film
www.wholetrain.com

Als „Whole Train“, also „ganzen Zug“ bezeichnen Graffiti-Artists ihre respekt-technisch höchst dotierten Werke: gemeint ist damit das Besprayen einer kompletten Zuggarnitur vom ersten bis zum letzten Wagon. Da meist weder öffentliche Verkehrsbetriebe noch Betonflächerbesitzer diesem unbestellten optischen Tuning etwas abgewinnen können, spielt sich die Kunst der Sprayer stets im Graubereich zur Gesetzesübertretung ab und endet nach allfälliger Polizeiintervention in der Regel mit hohen Strafen wegen Sachbeschädigung.

Doch Florian Gaags Protagonisten, die KSB-Crew, ist bereit, für die Präsenz ihrer kunstvollen Designs im öffentlichen Raum alles zu riskieren. Als neben dem Dauerfeind Polizei auch noch eine zweite Crew auftaucht, ein Wettstreit unabdingbar wird und private Probleme den vier Freunden zusätzlich zu schaffen machen, verengen sich die Freiräume zusehends. Doch der wahre Graffiti-Künstler wächst an seiner Herausforderung, und so beschließen KSB, einen Wholetrain durch die Stadt zu schicken.

Außerhalb des Hip Hop Kosmos rutschte Graffiti bislang selten in den Fokus der medialen Aufmerksamkeit: dort ein Zeitungsbericht über verurteilte Sprayer, da ein kunsttheoretischer Aufsatz von Jean Baudrillard. Dieses Universum der Eroberung urbaner Räume in den Mittelpunkt eines Dramas zu rücken, erlaubt Florian Gaag, Graffiti differenzierter zu analysieren, als dies aus der Distanz des Dokumentarfilmers je möglich wäre. Dass der Regisseur selbst mehrere Jahre zur Münchner Graffiti Szene gehörte, spiegelt sich in der Authentizität der Codes und Dialoge unverkennbar wieder. Vom beklemmenden Intro im Gerichtssaal bis zu den furios mit Low-Tech Mitteln inszenierten Graffiti-Streifzügen der Protagonisten bedient sich der Film einer dynamischen, fließenden Formensprache, die Handkamera-Einstellungen, Tiefenschärfe und natürliche Beleuchtung nutzt, um die Zuseher mitten ins Geschehen zu holen.

Multitalent Gaag, der an der Tisch School of the Arts in New York Film studierte, zeichnet nicht bloß für Drehbuch und Regie verantwortlich, er produzierte auch den Soundtrack zu seinem Spielfilm-Erstlingswerk. Seine Beats sind ebenso am Punkt wie seine Dialoge, als furiose Reimgaranten holte er unter anderem KRS-One, Freddie Foxxx und Afu-Ra ins Studio. Für die im Film gezeigten Pieces (Graffiti-Bilder) engagierte Gaag einige der besten Sprayer Deutschland. Kein Wunder, dass „Wholetrain“ bei so hochqualitativen Ingredienzien einen Cocktail ergibt, der internationalen Filmjurys ausgesprochen gut mundete.

0 comments