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Geert Lovink über Web 2.0: frei heißt nicht gratis

26.06.2007, geschrieben von , 4 Kommentare

Frei ist nicht gleich kos­ten­frei, argu­men­tiert Loovink unter dem Titel Zugriff ver­wei­gert, im Original “Access Denied”. Er schreibt in sei­nem aktu­el­len Essay über die ökono­mi­schen Strukture von , den Wandel des Netzes und die immer stär­kere Stellung der Aggregatoren — die Lektüre des gesam­ten Textes kann nur wärms­tens emp­foh­len wer­den; hier bloß ein paar Kommentare zu eini­gen Aussagen über .

Bei dem auf Jungleworld erschie­nen Essay han­delt es um eine redak­tio­nell gekürzte Fassung mit freund­li­cher ­Genehmigung des Autors aus der Einführung des Buches “Zero Comments”, das am Berliner Wissenschaftskolleg ent­stand und 2007 bei Routledge, New York, erschei­nen wird. Der sym­pa­thi­sche Holländer mit dem schüt­te­ren Jahr und der jah­re­lan­gen Konferenz– und Netzszene-Erfahrung hat auch ein saf­ti­ges Zitat zur Lage der Blogosphere parat:

Doch schon 2005 wurde die Blogsphäre von einer maß­lo­sen Über­hit­zung erfasst. Die nächste Welle des Netz-Chauvinismus rollte an. Die Blogs ver­lo­ren ihren locker-hedonistischen Zug und die ers­ten began­nen, sich nach etwas ande­rem umzu­se­hen. Der sar­kas­ti­sche Unterton vie­ler Postings ver­schwand und machte einer glat­ten Selbstvermarktung Platz, die gemein­same Bestimmung von Nachrichtenthemen, wie wäh­rend der Wahlkampagne von Howard Dean 2003, wurde von einem pre­kä­ren Blogging nach dem Motto “How To Make Money With Your Blog” abge­löst.
So gese­hen ist der “beharr­li­che Nihilismus” der Blogsphäre viel­leicht schon Geschichte, denn oft­mals ver­tra­gen sich “Aufrichtigkeit” und Image nicht. Zyniker behaup­ten, Blogs hät­ten nie einen ande­ren Zweck gehabt, als der Medienindustrie einen Talentpool zu ver­schaf­fen. Das kommt nicht nur der Medienindustrie zugute, die ein­zelne Talente unter Vertrag nimmt, son­dern gefähr­det auch die Position von Journalisten, die nicht den Anforderungen ent­spre­chen — sie wer­den gefeu­ert. So wird am Ende nicht die Welt der Blogs gestärkt, son­dern die Medienindustrie.

Ich würde dem nicht unein­ge­schränkt zustim­men; in ers­ter Linie des­halb, weil ich den in Loovinks Argumentation inhä­ren­ten Dualismus zwi­schen Medienindustrie und Blogosphere für ein Relikt der netz­lo­sen Zeit halte. Es mag ja sein, dass hier roman­ti­sche Images frü­her Blogger-Tage rein­spie­len: aber einer­seits die schwie­rige finan­zi­elle Lage der “pre­kä­ren Kulturarbeiter” stän­dig zu bekla­gen, für die “Lösungen gefun­den wer­den müs­sen”, und ande­rer­seits jeg­li­che ökono­mi­sche Form der Blogverwertung als kon­tra­pro­duk­tiv zu betrach­ten, erscheint mir schi­zo­phren. Ich würde mei­nen, die tra­di­tio­nelle Medienindustrie befin­det sich im Wandel — sie wird zu einem flui­den Interface, die Trennung zwi­schen Publikum und Produzent ist eine temporär-funktionale. Die Monopolisierungsgefahr indes ist grö­ßer denn je; und im Bereich des Micropublishing bewahr­hei­tet sich, was die Theoretiker der Aufmerksamkeitsökonomie vor ein­gen Jahren postulierten:

Die ökono­mi­sche Maxime besteht darin, “Seitenaufrufe in Profit” zu ver­wan­deln. Online– besteht nicht mehr ein­fach darin, Anzeigen manu­ell ein­zu­fü­gen, und zu den Einkommensquellen zäh­len inzwi­schen auch Sponsoring, Blogging für Unternehmen, Merchandising, Online-Spenden, Beratung und Vorträge. Oftmals muss der Blogger dabei als unab­hän­gi­ger Vertreter des Big agie­ren.
[…]
Laut Wired-Redakteur Chris Anderson, Autor von “Long Tail”, geben Risikokapitalisten offen zu, dass sich mit Inhalten kein Geld ver­die­nen lässt, auch nicht mit Blogs. Solide Geschäftsmodelle fin­den sich weni­ger bei den Herstellern von Inhalten als bei Aggregatoren und Suchfiltern. So zitiert Anderson David Hornik von August Capital, einem risi­ko­ka­pi­ta­lis­ti­schen Unternehmen: “Diverse tech­no­lo­gi­sche Filter kön­nen zwar die Wahrscheinlichkeit mini­mal erhö­hen, dass ein Endnutzer den Weg zu einem bestimm­ten obsku­ren Inhalt fin­det, aber das wird kaum aus­rei­chen, um einen Künstler in den Mainstream zu kata­pul­tie­ren. Vom Filter pro­fi­tie­ren der Anbieter und der Endnutzer, nicht unbe­dingt der Eigentümer des Inhalts.”

Gute Zeiten also für , , und Co.: die Mehrwertabschöpfung basiert kei­nes­wegs auf den in den 90ern erhoff­ten demo­kra­ti­schen Strukturen, und Loovink hat recht, wenn er kon­sta­tiert, dass die Nutzer mehr her­ge­ben als sie zurück­be­kom­men. Sehr span­nend ist die­ses erneute Aufflackern des Topos “Kapitalismus und Schizophrenie” natür­lich nicht zuletzt, wenn man sich die per­ma­nente Sub-Diskussion in der deut­schen Blogosphäre zu Gemüte führt, die wie ein stoi­scher Umlaufsatellit per­ma­nent ums Gravitationszentrum der Frage “Dürfen pri­vate Blogs mone­ta­ri­siert wer­den?” kreist. Angesichts der Summe, für die Google letz­tens erwarb, zeugt die Vorstellung, dass Weblogs eine Art “geschützte Werkstätte”, die sich statt­haft der Usurpation durch kom­mer­zi­elle Strukturen wider­setzt, bloß von Unkenntnis der ökono­mi­schen Zusammenhänge — dies bringt Geert Lovink in “Zugriff ver­bo­ten” auf den Punkt.

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Bisher haben meine Lieblingsleser 4 Kommentare zu "Geert Lovink über Web 2.0: frei heißt nicht gratis" geschrieben.

Wie ist Ihre Meinung?
  • Robert Lender Identicon Icon

    Ganz sim­pel gesagt: Blogs sind Werkzeuge — wie ein Drucker und Papier. Was man damit macht ist so unter­schied­lich wie die Menschen selbst. Die einen ver­tei­len kos­ten­lose Liebesgedichte, die ande­ren dru­cken Propaganamaterial.
    Interessanterweise fin­det sich diese Diskussion bei Foren oder Wikis nicht, die “darf” man ver­wen­den wie man will…

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  • ritchie Identicon Icon
    ritchie sagte am 27. Juni 2007 um 3:21

    Diese Diskussion finde ich auch ent­behr­lich; aber Lovinks Argumentation betref­fend die Aggregatoren find ich sehr inter­es­sant; in die­sem Kontext sind die “wer­be­freien” blog­ger näm­lich bloss unbe­zahlte Mitarbeiter von smar­ten Startups wie Feedburner oder Technorati.

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  • Toffel Identicon Icon
    Toffel sagte am 3. Juli 2007 um 10:59

    Jaja, den Bloggern gehört die Zukunft. Vielleicht sollte ich mei­nen Job hin­schmei­ßen und ein­fach drauf­los blog­gen. Nicht sel­ten erreicht man als Blogger Kultstatus. Und wenn man erst mal kult ist, dann rollt auch der Rubel :mrgreen:

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  •  Identicon Icon

    Wir pla­nen in Salzburg im November eine UnConference, in der es neben dem Zusammenhang von media­ler und poli­ti­scher Partizipation auch um die Gefahr der Instrumentalisierung des Web 2.0 gehen soll. Vielleicht inter­es­siert euch das ja.…
    www.civilmedia.eu (noch in Arbeit…)

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1 Track- und Pingbacks zu diesem Beitrag

  • datenschmutz.net (11. Juli 2007)
    Aggregatoren und Netslaves 2.0 Diese Kolumne zu Geert Lovinks Text über Web 2.0 Aggregatoren und neue wirtschaftliche Ausbeutungsverhältnisse wirft ein ungewohntes Licht auf die Folksonomy. ...
  • Ping me, please! Einfach /trackback/ an die URL anhängen.
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