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Aggregatoren und Netslaves 2.0

Ich hab an dieser schon mal über Geert Lovinks Zugriff verweigert geschrieben – der neue Essay des holländischen Medienwissenschaftler ist definitiv lesenswert, hier einige Gedanken zum Theman Web 2.0 + Aggregatoren, die als Netzkolumne auf oe1.orf.at im Juni 2007 veröffentlicht wurden.

Die meisten Apologeten des Web 2.0 betonen die Wichtigkeit der freien Meinungsäußerung und des freien Zugangs zu Information. Sie verlangen keine Entlohnung für ihre Tätigkeit, Werbung in Weblogs finden viele von ihnen unanständig. Dass die großen Aggregatoren direkt von ihrer Tätigkeit profitieren, scheint die Web 2.0 Worker dabei aber nicht weiter zu stören, wie der bekannte Netzkritiker Geert Lovink in seiner neuesten Veröffentlichung Zugriff verweigert anmerkt.

Von einem Ausbeutungsverhältnis zu sprechen, wäre zweifellos übertrieben – zumal die Services, von denen hier die Rede ist, ja gerade die Rückgrate des Web 2.0 bilden: FlickR, youtube, myspace und Co. sind zu den Brennpunkten der Online-Medienlandschaft avanciert. Und während sich Blog um Blog entlang des Longtail-Effekts auffädelt, bahnt sich für die Aggregatoren das große Geschäft an. Feedburner wurde bereits verkauft, Technorati dürfte der nächste Übernahmekandidat für Microsoft oder Yahoo sein.

Kaum ein Blogger, der auf die Nutzung der beiden letztgenannten Services verzichtet: Feedburner bietet komfortable Funktionen zur Verwaltung und statistischen Auswertung von RSS-Feeds, Technorati konnte sich als weltweit größte Blog-Suchmaschine etablieren. Das Verhältnis ist also an sich kein parasitäres, sondern ein symbiotisches – oder doch nicht?

Der Schelm beginnt sofort böses zu denken und vergleicht die Situation mit medialen Strukturen der „realen Welt“: nehmen wir mal an, Verlag XY abonniert täglich alle deutschsprachigen Tageszeitungen, stellt eine kommentierte Best-Off Auflage zusammen, bietet diese in allen Trafiken gratis an und finanziert die Produktion mit Werbeeinschaltungen. Undenkbar – denn „Profis“ wissen, was Urheberrecht bedeutet. Dass freie Information allerdings nicht notwendigerweise Gratis-Information bedeuten muss, ist ein kulturell erst noch zu bewältigender Lernforschritt für die neue Mediengesellschaft. Geert Lovink zitiert in seinem Text dazu David Hornik, Finanzexperte eines Risikokapital-Unternehmens:

Diverse technologische Filter können zwar die Wahrscheinlichkeit minimal erhöhen, dass ein Endnutzer den Weg zu einem bestimmten obskuren Inhalt findet, aber das wird kaum ausreichen, um einen Künstler in den Mainstream zu katapultieren. Vom Filter profitieren der Anbieter und der Endnutzer, nicht unbedingt der Eigentümer des Inhalts.

In der Tat verfestigt sich der Eindruck des „more of the same“ vor allem bei News-Aggregatoren: wären allerdings plötzlich die kleinen und obskuren Medieninhalte auf den Toprängen, so hieße dies nichts anderes, als dass die Medien-, Pop- und Unterhaltungsindustrie der letzten 50 Jahre in ihrer Themenauswahl völlig versagt hat. Die Prädominanz nerdiger, künstlerischer und theoretischer Themen im frühen Internet der 90er Jahre hat offensichtlich mit den divergenten Adressen der Early Adopters zu tun – je mehr das Internet zum Massenmedium wird, desto mehr sinken die Chancen für kollektive Filterplattformen, sich ausreichend zu differenzieren. Oso, Lateinamerika-Redakteur bei Global Voices, sieht in den Aggregatoren eine „natürliche“ Reaktion auf die Informationsflut:

Aggregatoren sind besser mit Kapital ausgestattet als die Produzenten von Inhalten. Wir treiben in einem Meer aus Lärm umher und sind von den Inseln der Aggregation abhängig (Digg, Google News, del.icio.us/popular, Newsvine, Boing Boing, Global Voices), die uns zu den Perlen führen. Unsere Abhängigkeit von diesen Webseiten sichert ihnen ihre Finanzierung (durch Investoren, Fördergelder oder Anzeigen). Die Leute hingegen, die den tatsächlichen Inhalt, das Herz der Artischocke schaffen, gehen leer aus.

Wenn ein Interessent derartige Aggregatoren kauft, dann bezahlt er in der Regel nicht für den technologischen Vorsprung, sondern für die Größe der Community, für die täglichen Besucher und die Bekanntheit des jeweiligen Service. Aber wie kommt es, dass viele bekannte Blogger, die zum Großteil sehr genau die ökonomischen Bedingungen medialer Produktion hinterfragen und seit Jahren im Netz publizieren, immer noch eine wirtschaftliche Unschuld beschwören, die den ehemaligen Online-Tagebüchern längst geraubt wurde? Lovink identifiziert eine Ideologie, die sich Scheinfreiheit um einen hohen Preis auf ihre Fahnen geschrieben hat und übernimmt von Slavoj Zizek den Terminus „liberaler Kommunismus“ für eine Strategie der Selbsttäuschung:

Nur wenn wir die Mängel der Internetarchitektur kennen und hinterfragen, können ihre Stärken zum Tragen kommen. Ein zentrales Element dieser Architektur ist die Ideologie der Kostenfreiheit, die als Gleitmittel der Managementsprache wirkt. […] Was die liberalen Kommunisten mit der einen Hand geben, nehmen sie mit der anderen. Das trifft den Kern der Internetideologie, die uns blind macht für das, was wir tatsächlich zahlen, während wir uns überglücklich schätzen, an der Gratisökonomie des Netzes teilzuhaben.

Das soziale Mitmachweb als effiziente Maschinerie zur Abschöpfung von Arbeitskraft? Im Kontext all der schrankenlos-positiven Pamphlete hebt sich Lovinks Text durch kritische Distanz und stichhaltige Argumentation positiv ab.

2 comments
alphakolonne
alphakolonne

Eigentlich ganz logisch und nachvollziehbar - die men in the middle profitieren von der seltsamen Einstellung vieler Blogger gegenüber der Professionialisierung: bloß kein Geld verdienen, aber brav technorati und Feedburner zuarbeiten...

irina
irina

Die Kolumne gefällt mir, G-Ads in burned Feeds ist wohl ein ziemlich fixes Zukunfts-Szenario! Ich warte ja nur noch drauf, dass Google auch Technorati kauft. Erstaunlicherweise hosten ja auch noch immer viele erfolgreiche Blogger ihre Seiten auf Blogger... ts... wer meint. :cool: