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Aggregatoren und Netslaves 2.0

11.07.2007, geschrieben von , 2 Kommentare

Ich hab an die­ser schon mal über Geert Lovinks Zugriff ver­wei­gert geschrie­ben — der neue Essay des hol­län­di­schen Medienwissenschaftler ist defi­ni­tiv lesens­wert, hier einige Gedanken zum Theman Web 2.0 + Aggregatoren, die als Netzkolumne auf oe1.orf.at im Juni 2007 ver­öf­fent­licht wurden.

Die meis­ten Apologeten des Web 2.0 beto­nen die Wichtigkeit der freien Meinungsäußerung und des freien Zugangs zu Information. Sie ver­lan­gen keine Entlohnung für ihre Tätigkeit, Werbung in Weblogs fin­den viele von ihnen unan­stän­dig. Dass die gro­ßen Aggregatoren direkt von ihrer Tätigkeit pro­fi­tie­ren, scheint die Web 2.0 Worker dabei aber nicht wei­ter zu stö­ren, wie der bekannte Netzkritiker Geert Lovink in sei­ner neu­es­ten Veröffentlichung Zugriff ver­wei­gert anmerkt.

Von einem Ausbeutungsverhältnis zu spre­chen, wäre zwei­fel­los über­trie­ben — zumal die Services, von denen hier die Rede ist, ja gerade die Rückgrate des Web 2.0 bil­den: FlickR, youtube, mys­pace und Co. sind zu den Brennpunkten der Online-Medienlandschaft avan­ciert. Und wäh­rend sich Blog um Blog ent­lang des Longtail-Effekts auf­fä­delt, bahnt sich für die Aggregatoren das große Geschäft an. wurde bereits ver­kauft, Technorati dürfte der nächste Über­nah­me­kan­di­dat für Microsoft oder Yahoo sein.

Kaum ein Blogger, der auf die Nutzung der bei­den letzt­ge­nann­ten Services ver­zich­tet: Feedburner bie­tet kom­for­ta­ble Funktionen zur Verwaltung und sta­tis­ti­schen Auswertung von RSS-Feeds, Technorati konnte sich als welt­weit größte Blog-Suchmaschine eta­blie­ren. Das Verhältnis ist also an sich kein para­si­tä­res, son­dern ein sym­bio­ti­sches — oder doch nicht?

Der Schelm beginnt sofort böses zu den­ken und ver­gleicht die Situation mit media­len Strukturen der “rea­len Welt”: neh­men wir mal an, Verlag XY abon­niert täg­lich alle deutsch­spra­chi­gen Tageszeitungen, stellt eine kom­men­tierte Best-Off Auflage zusam­men, bie­tet diese in allen Trafiken an und finan­ziert die Produktion mit Werbeeinschaltungen. Undenkbar — denn “Profis” wis­sen, was Urheberrecht bedeu­tet. Dass freie Information aller­dings nicht not­wen­di­ger­weise –Information bedeu­ten muss, ist ein kul­tu­rell erst noch zu bewäl­ti­gen­der Lernforschritt für die neue Mediengesellschaft. Geert Lovink zitiert in sei­nem Text dazu David Hornik, Finanzexperte eines Risikokapital-Unternehmens:

Diverse tech­no­lo­gi­sche Filter kön­nen zwar die Wahrscheinlichkeit mini­mal erhö­hen, dass ein Endnutzer den Weg zu einem bestimm­ten obsku­ren Inhalt fin­det, aber das wird kaum aus­rei­chen, um einen Künstler in den Mainstream zu kata­pul­tie­ren. Vom Filter pro­fi­tie­ren der Anbieter und der Endnutzer, nicht unbe­dingt der Eigentümer des Inhalts.

In der Tat ver­fes­tigt sich der Eindruck des “more of the same” vor allem bei News-Aggregatoren: wären aller­dings plötz­lich die klei­nen und obsku­ren Medieninhalte auf den Toprängen, so hieße dies nichts ande­res, als dass die Medien-, Pop– und Unterhaltungsindustrie der letz­ten 50 Jahre in ihrer Themenauswahl völ­lig ver­sagt hat. Die Prädominanz ner­di­ger, künst­le­ri­scher und theo­re­ti­scher Themen im frü­hen Internet der 90er Jahre hat offen­sicht­lich mit den diver­gen­ten Adressen der Early Adopters zu tun — je mehr das Internet zum Massenmedium wird, desto mehr sin­ken die Chancen für kol­lek­tive Filterplattformen, sich aus­rei­chend zu dif­fe­ren­zie­ren. Oso, Lateinamerika-Redakteur bei Global Voices, sieht in den Aggregatoren eine “natür­li­che” Reaktion auf die Informationsflut:

Aggregatoren sind bes­ser mit Kapital aus­ge­stat­tet als die Produzenten von Inhalten. Wir trei­ben in einem Meer aus Lärm umher und sind von den Inseln der Aggregation abhän­gig (, Google News, del.icio.us/popular, Newsvine, Boing Boing, Global Voices), die uns zu den Perlen füh­ren. Unsere Abhängigkeit von die­sen Webseiten sichert ihnen ihre Finanzierung (durch Investoren, Fördergelder oder Anzeigen). Die Leute hin­ge­gen, die den tat­säch­li­chen Inhalt, das Herz der Artischocke schaf­fen, gehen leer aus.

Wenn ein Interessent der­ar­tige Aggregatoren kauft, dann bezahlt er in der Regel nicht für den tech­no­lo­gi­schen Vorsprung, son­dern für die Größe der , für die täg­li­chen Besucher und die Bekanntheit des jewei­li­gen Service. Aber wie kommt es, dass viele bekannte Blogger, die zum Großteil sehr genau die ökono­mi­schen Bedingungen media­ler Produktion hin­ter­fra­gen und seit Jahren im Netz publi­zie­ren, immer noch eine wirt­schaft­li­che Unschuld beschwö­ren, die den ehe­ma­li­gen Online-Tagebüchern längst geraubt wurde? Lovink iden­ti­fi­ziert eine Ideologie, die sich Scheinfreiheit um einen hohen Preis auf ihre Fahnen geschrie­ben hat und über­nimmt von Slavoj Zizek den Terminus “libe­ra­ler Kommunismus” für eine der Selbsttäuschung:

Nur wenn wir die Mängel der Internetarchitektur ken­nen und hin­ter­fra­gen, kön­nen ihre Stärken zum Tragen kom­men. Ein zen­tra­les Element die­ser Architektur ist die Ideologie der Kostenfreiheit, die als Gleitmittel der Managementsprache wirkt. […] Was die libe­ra­len Kommunisten mit der einen Hand geben, neh­men sie mit der ande­ren. Das trifft den Kern der Internetideologie, die uns blind macht für das, was wir tat­säch­lich zah­len, wäh­rend wir uns über­glück­lich schät­zen, an der Gratisökonomie des Netzes teilzuhaben.

Das soziale Mitmachweb als effi­zi­ente Maschinerie zur Abschöpfung von Arbeitskraft? Im Kontext all der schrankenlos-positiven Pamphlete hebt sich Lovinks Text durch kri­ti­sche Distanz und stich­hal­tige Argumentation posi­tiv ab.

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Bisher haben meine Lieblingsleser 2 Kommentare zu "Aggregatoren und Netslaves 2.0" geschrieben.

Wie ist Ihre Meinung?
  • irina Identicon Icon
    irina sagte am 11. Juli 2007 um 12:28

    Die Kolumne gefällt mir, G-Ads in bur­ned Feeds ist wohl ein ziem­lich fixes Zukunfts-Szenario! Ich warte ja nur noch drauf, dass Google auch Technorati kauft. Erstaunlicherweise hos­ten ja auch noch immer viele erfolg­rei­che Blogger ihre Seiten auf Blogger… ts… wer meint. :cool:

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  • alphakolonne Identicon Icon
    alphakolonne sagte am 12. Juli 2007 um 17:05

    Eigentlich ganz logisch und nach­voll­zieh­bar — die men in the middle pro­fi­tie­ren von der selt­sa­men Einstellung vie­ler Blogger gegen­über der Professionialisierung: bloß kein Geld ver­die­nen, aber brav tech­no­rati und Feedburner zuarbeiten…

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