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Anti Web 2.0 Manifesto: Alter elitärer Humbug in neuen Schläuchen

20.07.2007, geschrieben von , 2 Kommentare

Pete hat mich auf­merk­sam gemacht auf ein ganz ehr­lich ent­behr­li­ches Stück Online-Literatur: die geballte medi­en­theo­re­ti­sche Inkompetenz des Anti Web 2.0 Manifesto moti­viert mög­li­cher­weise sogar den King of long blog­ging inter­vals zu einem neuen Eintrag — zumal sich Pete in sei­ner Diplomarbeit mit genau sol­chen apo­ka­lyp­ti­schen Entwürfen befasst, die noch jede Medienrevolution beglei­tet haben und stets falsch lagen.

Denn was Andrew Keen da so schreibt, ist bloß schlecht ver­bor­ge­ner Elitarismus unter Berufung auf Theo “Jazz ist min­der­wer­tige Musik” Adorno:

The digi­tal uto­pian much heral­ded “demo­cra­tiza­tion” of media will have a destruc­tive impact upon cul­ture, par­ti­cu­larly upon cri­ti­cism. “Good taste” is, as Adorno never tired of tel­ling us, unde­mo­cra­tic. Taste must reside with an elite (“truth makers”) of his­to­ri­cally pro­gres­sive cul­tu­ral cri­tics able to deter­mine, on behalf of the public, the value of a work-of-art. The digi­tal uto­pia seeks to flat­ten this elite into an och­lo­cracy. The dan­ger, the­re­fore, is that the future will be tasteless.

Es ist ten­den­zi­ell zu heiß, um die­sen Quatsch Punkt für Punkt aus­ein­an­der zu neh­men; ande­rer­seits frage ich mich sehr wohl, warum eigent­lich so häu­fig gerade den Kulturtheoretikern die drin­gend benö­tigte Mischung aus Medienkompetenz und Seriosität, also aus Involviertheit und (vor­ge­täusch­ter) Distanz, gänz­lich fehlt.

Der Grund, warum immer wie­der auf Adorno rekur­riert wird, kann ein­fach nur in der extre­men Simplizität des­sen Vorstellung von lie­gen: gerade wir Europäer wach­sen groß­teils mit einem wider­lich ver­schim­mel­ten Kulturverständnis von Hi– und Lo-Bro auf, das Eco in sei­nem Buch “Apokalyptiker und Integrierte” so ele­gant seziert hat. Um nicht miss­ver­stan­den zu wer­den: selbst­ver­ständ­lich exis­tie­ren in der gesell­schaft­li­chen Praxis die genann­ten Diskurse, und natür­lich sind die Codes of Conduct unter Konzerthausbesuchern andere als beim –Konzert in der Arena. Problematisch wird’s aber immer dann, wenn Analytiker den Status Quo zur Conditio sine qua non erhe­ben — also a priori nur jenen Kulturproduktionen, die inner­halb eines bewähr­ten Regelsystems ent­ste­hen, “Potential” (was auch immer dar­un­ter ver­stan­den wer­den mag) zutraut. Selbstverständlich in Ignoranz der Tatsache, dass jene Künstlern, denen man a pos­te­riori “Fortschritt” zuschreibt, stets diese impli­zi­ten Grenzen erweiterten.

Für die a aprio­ri­sche Unterscheidung zwi­schen hoch– und min­der­wer­ti­ger kul­tu­rel­ler Produktion exis­tiert ein pas­sen­des, aber anrü­chi­ges Wort, daher bedie­nen sich die Neo-Konservativen Netztheoretiker ja auch so gern einer schein-utopischen Position und geben vor, “zum Wohle der Kultur” zu arbei­ten, anstatt sich ehr­li­cher­weise ein­fach “kon­ser­va­tiv” , also “bewah­rend” zu nen­nen. Nun ver­hält es sich ja nicht gerade so, dass seit Adorno das Nachdenken über Kulturproduktion ein­ge­stellt wor­den wäre. Tatsächlich bliebe die kri­ti­sche ein arm­se­li­ges Konstrukt, könnte sie sich ein­zig und allein auf den schlecht ver­deck­ten Elitarismus Adornos als ihr Fundament stüt­zen. Die Erkenntnisse der post­mo­der­nen (fran­zö­si­schen) Philosophie oder der gera­dezu unver­meid­bare Relativismus jeg­li­chen Werturteils in den Cultural Studies etwa müs­sen not­wen­di­ger­weise sys­te­ma­tisch aus­ge­blen­det blei­ben, wenn wie­der ein­mal der Niedergang der Kultur durch neue Medientechnologie beschwo­ren wer­den soll.

Ein wei­te­res Zitat aus dem unfrei­wil­lig komi­schen “Manifesto” demons­triert über­deut­lich, woher der Wind der Analyse hier weht:

A par­ti­cu­larly unfa­shio­nable thought: big media is not bad media. The big media engine of the Hollywood stu­dios, the major record labels and publis­hing hou­ses has dis­co­vered and bran­ded great 20th cen­tury popu­lar artists of such as Alfred Hitchcock, Bono and W.G. Sebald (the “Vertigo” three). It is most unli­kely that citi­zen media will have the mar­ke­ting skills to dis­co­ver and brand crea­tive artists of equi­va­lent prodigy.

Lieber Herr, Sie haben den Zonk gezo­gen. Warum ist es denn “most unli­kely”, dass “com­mon citi­zens” krea­tiv wer­den könn­ten? Ich ver­stehe ja durch­aus, dass Medienprofis die Angst vor dem packt… aber so viel Selbstentlarvung ver­dient eine dezi­dierte Erwähnung. Dabei geht’s nie und nim­mer um einen 100%igen Ersatz für Hollywood, was jedoch garan­tiert pas­sie­ren wird, ist eine Neuaufteilung des Blockbuster-Kuchens: da bekannt­lich die täg­li­che Ration ein stark begrenz­tes Gut dar­stellt und das Angebot wächst, wird sich die des Publikums auf wesent­lich mehr “Stars” aufteilen.

Um nicht falsch ver­stan­den zu wer­den: ich sehe mich über­haupt nicht als Apologet eines neuen Demokratieverständnisse, und das in sei­ner der­zei­ti­gen Form stellt gewiss nicht den “freien Cyberspace” vor, den sich John Perry Barlow vor­ge­stellt hätte, son­dern das effek­tivste Über­wa­chungs­tool, das para­no­iden Regierungen je zur Verfügung stand. Plattformen wie Digg sind hoch­gra­dig mani­pu­la­ti­ons­an­fäl­lig, wer das soziale Nachrichtenfiltern als gol­de­nen Weg aus der Abhängigkeit medial-ökonomischer Interessen betrach­tet, hat sich noch nie näher mit Viral Marketing befasst. Web 2.0 ist ein Sammelsurium von sehr neuen Medientechnologien, ein äußerst kom­ple­xes Konvolut, das erst lang­sam zu sei­ner Form findet.

Die eigent­li­che Leistung des Web 2.0 besteht nicht darin, Bürgerzeitungen oder Bürgerfernsehen zu eta­blie­ren. Web 2.0 ent­zau­bert für jeden Teilnehmer die Medienrealität: wer selbst eine Zeit lang ein Blog schreibt oder Podcasts auf­nimmt, wird nie mehr mit die­sem ehr­furchts­vol­len Staunen vor der Macht der Medien kapi­tu­lie­ren, son­dern ganz ein­fach viel bes­ser ver­ste­hen, was und Dissimulation bedeu­ten und wie die mas­sen­me­diale Strukturen funktionieren.

Doch unbe­nom­men von all der Kritik an einem unkritischen-affirmativen Umgang mit Ajax und Co. kommt mir das nackte Grausen bei Aussagen wie:

As always, today’s por­no­gra­phy reve­als tomorrow’s media. The future of gene­ral media con­tent, the place cul­ture is going, is Voyeurweb.com: the con­ver­gence of self-authored shame­l­ess­ness, nar­cis­sism and vul­ga­rity — a self-argument in favor of censorship.

Kurz dekon­stru­iert: die Schamgrenze der Menschen fällt, wir brau­chen drin­gend mehr und Kontrolle. Erinnert irgend­wie an der Argumentation der guten alten katho­li­schen Kirche im Mittelalter. Passt ganz gut, dass der Autor die 10 Thesen (eine Kurzfassung sei­nes Buches “The Cult of the Amateur”) THE ANTI WEB 2.0 MANIFESTO (Adorno-for-idiots) nennt.

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