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Kommentare am Blog deaktivieren? Niemals.

26.07.2007, geschrieben von , 8 Kommentare

Der Metaphoriker spricht vom “Rauschen”, das durch den Blätterwald geht. Im Fall von Blogs sollte es viel­leicht eher Raunen, wenn nicht gar Raunzen hei­ßen, meint First Generation Blogger David Winer: auf Kommentare könnte man gut und gerne ver­zich­ten, so David. Das passt zur Greater Internet Shitwad Theory, kann aber nicht ganz unwi­der­spro­chen hin­ge­nom­men werden.

Die wesent­li­che Eigenschaft eines Blogs sei die Wiedergabe einer authen­ti­scher Meinung, unver­fälscht durch Gruppendruck, Konformitätszwang und mas­sen­me­diale Spielregeln. Die Kommentare spiel­ten dabei angeb­lich eine unter­ge­ord­nete Rolle. Wer etwas zu sagen hat, der kann sich ja ohne wei­te­res selbst ein Blog anle­gen, so die Logik des schrei­be­ri­schen Solipsismus:

Do com­ments make it a blog? Do the lack of com­ments make it not a blog? Well actually, my opi­nion is dif­fe­rent from many, but it still is my opi­nion that it does not fol­low that a blog must have com­ments, in fact, to the extent that com­ments inter­fere with the natu­ral expres­sion of the unedi­ted voice of an indi­vi­dual, com­ments may act to make some­thing not a blog.

Als wei­te­ren Punkt gegen Kommentare führt David auch das alt­be­kannte Argument von der Selbstreferenzialität ins Feld: “People use blogs pri­ma­rily to dis­cuss one ques­tion — what is a blog? The dis­cus­sion will con­ti­nue as long as there are blogs.” Dem kann ich nur zustim­men — ein Teil des per­ma­nent mit­schwin­gen­den Metadialogs mag durch­wegs der Neuheit des Mediums geschul­det sein, ein ande­rer, aber ver­schwin­den wird das Thema nicht: Mikromedien machen ihre Herausgeber eben zu Haustechniker, Serverexperten, Chefredakteuren, rasen­den Reportern, Layoutern usw… in einer Person, das schreit gera­dezu nach Austausch und Metadialog.

Konsequenterweise drehte der Autor die Kommentarefunktion am eige­nen Blog ab, und Joel Spolsky, ame­ri­ka­ni­scher IT-Journalist, greift die aus­ge­spro­chen kon­träre Argumentation freu­dig auf und geht gleich noch ein Stück weiter:

The import­ant thing to notice here is that Dave does not see blog com­ments as pro­duc­tive to the free exch­ange of ideas. They are a part of the pro­blem, not the solu­tion. You don’t have a right to post your thoughts at the bot­tom of someone else’s thoughts. That’s not free­dom of expres­sion, that’s an infrin­ge­ment on their free­dom of expression.

Starker Tobak — Kommentare also als Behinderung der freien Meinungsäußerung? Mein Problem mit die­ser Sichtweise liegt ganz ein­fach darin, dass sie für man­che Blogger durch­wegs pas­sen mag — das hängt aber in ers­ter Linie wohl vom eige­nen Menschenbild ab und davon, ob man sich erwar­tet, unwi­der­spro­chen seine Weisheiten in die Welt hin­aus posau­nen zu dür­fen. John Gabriels Greater Internet Fuckwad Theory, die besagt, dass sich ganz nor­male, nette Kerle unter dem kom­bi­nier­ten Einfluss von Öffent­lich­keit und Anonymität in belei­di­gende Verbalbestien ver­wan­deln, mag Winer ja auf den ers­ten Blick recht geben. Meine per­sön­li­chen Erfahrungen in sind da ganz andere: wie weni­gen Hatemongers brin­gen mich bloß zum Lachen, nie­mals möchte ich wegen ein paar, auf gut Wienerisch “Wapplern”, auf all die kon­struk­ti­ven Beiträge und die vir­tu­el­len Gespräche mit mei­nen LeserInnen verzichten.

Denn blickt man etwas dif­fe­ren­zier­ter auf die kom­mu­ni­ka­ti­ven Verästelungen Blogistans, dann stellt sich die Kommentarefrage ohne­hin nicht mehr so schwarz/weiß dar: Denn der Verzicht auf Kommentare rückt ein Blog ein gan­zes Stück weit in Richtung Web 1.0 Seite — nicht tech­no­lo­gisch, son­dern ideo­lo­gisch: für viele BloggerInnen (und da schließe ich mich ein) sind Feedback der LeserInnen Hauptmotivation dafür, über­haupt ein Blog zu schrei­ben. Die Frage, ob’s aus Google-taktischen oder ander­wei­ti­gen Über­le­gun­gen bes­ser wäre, Kommentare abzu­dre­hen, stellt sich über­haupt nicht: so läs­tig und so auf­wän­dig Antispam-Maßnahmen sind, so hoch die Wahrscheinlichkeit auch sein mag, frü­her oder spä­ter einem Troll zu begeg­nen: was wären Blogs ohne das direkte Feedback, ohne die­sen groß­ar­ti­gen direk­ten Kommunikationskanal zur Leserschaft, der Blogger von Journalisten unter­schei­det? In weni­gen, aus­ge­wähl­ten Fällen mag ein Verzicht auf die Kommentarfunktion ja Sinn erge­ben, eine “gol­den rule” draus zu machen und spe­zi­ell Newbie-Blogger zu ver­un­si­chern, halte ich aller­dings für aus­ge­mach­ten Quatsch. Und Gründe, von sei­nen Lesern öffent­lich kon­tak­tiert wer­den zu wol­len, gibt es viele:

  • Der gute alte Crowd-Support: ich hab hier ein “Insert Category” Problem, hat da jemand einen Tipp? So ist schon so man­cher Thread ent­stan­den, der mehr wert­volle Info für spä­tere Leser ent­hält, als der eige­nen Artikel.
  • Reality Check: Ich seh das so und so, liegt ich da völ­lig dane­ben? Was meinst ihr dazu? Der Möglichkeit, sol­che Fragen auf daten­schmutz stel­len, würd ich mich nie­mals frei­wil­lig berauben.
  • User gene­ra­ted Content hat posi­tive SEO-Auswirkungen: Contrary to popu­lar believe wer­tet Google auch aus­ge­hende Links. Mit deak­ti­vier­tem in den Kommentaren und sau­ber mode­rier­ten Kommentare ohne Viagra-Links erhält man nicht nur eine will­kom­mene Ergänzung der Inhalte, son­dern för­dert sogar eine bes­sere Platzierung in Suschmaschinen.

Das Argument der kom­mu­ni­ka­ti­ven Demokratie möchte ich frei­lich nicht bemü­hen: letzt­end­lich sitzt der Blog-Autor am lan­gen Hebel, löscht, edi­tiert und fil­tert, wie’s im passt. Doch wie man’s auch dreht und wen­det: ein Blog ist keine sta­ti­sche Seite, son­dern eine klei­nere oder grö­ßere . Die zitierte Scheu vor Kommentaren resul­tiert einer­seits aus dem ange­spro­che­nen unlus­ti­gen Menschenbild (“alle ande­ren außer mir sind Idioten und haben sowieso nix brauch­ba­res bei­zu­tra­gen”) und ande­rer­seits aus der Angst vor schreck­li­cher Kritik, die auf einen nie­der­pras­seln könnte. Dabei bie­ten alle gän­gi­gen Blogsysteme her­vor­ra­gend abge­stufte Möglichkeiten: von der unge­prüf­ten Veröffentlichung über das Festhalten jeden Kommentars in einer Moderationsschleife ist so gut wie alles mög­lich — frei­wil­lig auf Blog-Kommentare zu ver­zich­ten kommt mir ein biss­chen so vor, als ob man sich ein Motorrad kauft, den Motor deak­ti­viert und seine Kiste ein­fach nur im Leerlauf durch die Gegend schiebt — pas­sie­ren kann dabei nicht viel, Spaß hat man aller­dings auch keinen.

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Bisher haben meine Lieblingsleser 8 Kommentare zu "Kommentare am Blog deaktivieren? Niemals." geschrieben.

Wie ist Ihre Meinung?
  • Michael Kamleitner Identicon Icon

    Konsequenterweise drehte der Autor die Kommentarefunktion am eige­nen Blog ab…”

    hm, glaube mich zwar zu erin­nern das dave winer die kom­men­tar­funk­tio­nen kurz­fris­tig, in zei­ten von mas­si­vem trol­ling, abge­dreht hatte, gene­rell ist sie aber akti­viert und wird von winer auch mas­siv zur ein­bin­dung sei­ner leser genutzt (siehe http://scripting.wordpress.com.…./#comments). als lang­jäh­ri­ger leser von winer glaube ich auch das seine mei­nung zu kom­men­ta­ren bzw. sei­ner blog-community schon dif­fe­ren­zier­ter ist als es das von dir raus­ge­pickte zitat ver­mu­ten lässt ;)
    ansons­ten gebe ich dir schon recht, der feedback-kanal durch leser-kommentare ist für das gros der blog­ger essen­ti­ell. für mich per­sön­lich ist es auch moti­va­ti­ons­grund # fürs blog­gen. ande­rer­seits: wenn die zahl der leser “zu groß” wird, nimmt die sinn­haf­tig­keit der kommentar-funktion ein­deu­tig ab (siehe sei­ten­lange aber dafürch gehalt­lose kom­men­tare unter den meis­ten TechCrunch-Posts).

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  • ritchie Identicon Icon
    ritchie sagte am 26. Juli 2007 um 19:48

    Ah so… ich hatte nur den zitier­ten Link: http://www.scripting.com/2007/.….eOfAPerson

    Warum macht er einen plain-text archiv­mir­ror ohne kom­ments? angeb­lich mag g dup­li­cate con­tent ja nicht beson­ders. Aber den­noch: die Meinung in dem Beitrag ist nicht son­der­lich dif­fe­ren­ziert, finde ich. Ich finde auch die­sen Text nir­gends in der kommentar-blog version.

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  • Michael Kamleitner Identicon Icon

    bin mir auch nicht sicher warum er sein blog in mehr­fa­cher aus­füh­rung lau­fen lässt, aber um google ran­king muss sich winer wohl keine sor­gen mehr machen ;)
    erst vor ein paar tagen hat er aber mal wie­der erwähnt, das er den comment-link absicht­lich etwas “ver­steckt”, sei­ner aus­sage nach redu­ziert das die troll-postings signifikant.

    zu dem zitier­ten pos­ting: imho will er damit nur sagen dass das kom­mu­ni­ka­ti­ons­mit­tel “blog” leser-kommentare nicht per defi­ni­tion erfor­dert um als sol­ches bezeich­net zu wer­den. und dem würde ich schon zustimmen.

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  • Michael Kamleitner Identicon Icon

    hm, noch einer gegen comments:

    http://www.calacanis.com/2007/.….ments-off/

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  • ritchie Identicon Icon
    ritchie sagte am 28. Juli 2007 um 11:17

    Tja… ich ver­stehe ja eine gewisse Betriebsmüdigkeit. Und zugleich find ich’s lus­tig, dass gerade die Ex-Apologeten mit dem, was sie seit fünf Jahren und mehr pre­di­gen, nicht umge­hen kön­nen, wenn aus die Subkultur so erfolg­reich wird, dass sie in Richtung Mainstream ten­diert — eigent­lich eine Entwicklung, die man im Popmusikbereich fast 1:1 genauso beob­ach­ten kann. “Crowd Sourcing, Blogs, Involvment, lei­wand… aber ich mach das ja schon alles so lang, jetzt gehen mir die Leser auf den Sack, die schrei­ben ja nur mehr Blödsinn…” so nach dem Motto :mrgreen:

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  • herbert Identicon Icon

    Ich finde die Kommunikation beim Blog schon sehr wich­tig — ist ja Sinn und Zweck der Übung

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  • Hauser Identicon Icon

    Also ich für mei­nen Fall lasse die Kommentare immer erst mal an, aber wenn ich dann merke dass immer mehr von die­sem bekann­ten Spam rein­kommt, teil­weise 100 pro Stunde, dann wird die Funktion für die Seite deak­ti­viert. Ansich finde ich Kommetare gut, aber nicht die­sen URL-Spam der vor allem von den Amis kommt.

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    ritchie Identicon Icon
    ritchie antwortete am 23. Juli 2008 um 9:03

    Ja, das stimmt — aber genau gegen diese Art von auto­ma­ti­sier­tem Bot-Spam funk­tio­niert WP-SpamFree wirk­lich super.

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