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Vom Kult der Amateure

20.08.2007, geschrieben von , 1 Kommentar

Während die einen unter den all­ge­gen­wär­ti­gen Lobpreisungen auf das ver­zwei­felt Zuflucht vor einem über­stra­pa­zier­ten Begriff suchen, sehen die ande­ren in Konzepten wie Crowdsourcing, Social Media und Blogosphere ein­mal mehr den Untergang der west­li­chen Welt. [erschie­nen auf oe1.orf.at]

Das Standardargument gegen medi­en­ge­trie­be­nen Kulturpessimismus lau­tet schlicht und ergrei­fend: wann immer neue Medien im Begriff waren, gesell­schaft­li­cher Mainstream zu wer­den, warn­ten Apokalyptiker mit den im wesent­li­chen glei­chen Argumenten: Eskapismus durch Abenteuerliteratur, soziale Vereinsamung durchs … aber die Welt steht trotz­dem noch. Der Hut ist alt, aber Andrew Keen trägt ihn stolz und bar jeden Schamgefühls. Denn was der Kulturtheoretiker in sei­nem Text The Anti Web 2.0 Manifesto dar­legt, ist kei­nes­wegs fun­dierte Medienkritik, son­dern bloß schlecht kaschier­ter Kulturelitarismus unter Berufung auf Adorno, der ja sei­ner­zeit gleich eine ganze Musikrichtung (Jazz) für min­der­wer­tig erklärte:

The digi­tal uto­pian much heral­ded “demo­cra­tiza­tion” of media will have a destruc­tive impact upon cul­ture, par­ti­cu­larly upon cri­ti­cism. “Good taste” is, as Adorno never tired of tel­ling us, unde­mo­cra­tic. Taste must reside with an elite (“truth makers”) of his­to­ri­cally pro­gres­sive cul­tu­ral cri­tics able to deter­mine, on behalf of the public, the value of a work-of-art. The digi­tal uto­pia seeks to flat­ten this elite into an och­lo­cracy. The dan­ger, the­re­fore, is that the future will be tasteless.

Bei der Lektüre von Keens Text fragt man sich not­ge­drun­gen, warum eigent­lich so häu­fig gerade den Kulturtheoretikern die drin­gend benö­tigte Mischung aus Medienkompetenz und Seriosität, also aus bewuß­ter Involviertheit und erlern­ter Distanz, gänz­lich fehlt. Problematisch wird’s ins­be­son­dere immer dann, wenn Analytiker den Status Quo zur Conditio sine qua non erhe­ben — also a priori nur jenen Kulturproduktionen, die inner­halb eines bewähr­ten Regelsystems ent­ste­hen, “Potential” (was auch immer dar­un­ter ver­stan­den wer­den mag) zutrauen. Selbstverständlich in gna­den­lo­ser Ignoranz der Tatsache, daß gerade jene Künstler, denen man pos­te­riori “Fortschritt” zuschreibt, im his­to­ri­schen Rückblick Diskurs-Grenzen erweiterten.

Für die a aprio­ri­sche Unterscheidung zwi­schen hoch– und min­der­wer­ti­ger kul­tu­rel­ler Produktion exis­tiert ein pas­sen­des, aber leicht anrü­chi­ges Wort, daher bedie­nen sich Autoren wie Keen gern einer schein-utopischen Position, anstatt sich ehr­li­cher­weise ein­fach “kon­ser­va­tiv”, also “bewah­rend” zu nen­nen. Ein wei­te­res Zitat aus dem unfrei­wil­lig komi­schen “Manifest” demons­triert noch deut­li­cher, woher der Wind der Analyse hier weht:

A par­ti­cu­larly unfa­shio­nable thought: big media is not bad media. The big media engine of the Hollywood stu­dios, the major record labels and publis­hing hou­ses has dis­co­vered and bran­ded great 20th cen­tury popu­lar artists of such as Alfred Hitchcock, Bono and W.G. Sebald (the “Vertigo” three). It is most unli­kely that citi­zen media will have the mar­ke­ting skills to dis­co­ver and brand crea­tive artists of equi­va­lent prodigy.

Es mag ja vie­les zu kri­ti­sie­ren geben am Web 2.0, von der Blindheit der meis­ten User gegen­über imma­nen­ter Über­wa­chungs­ge­fahr bis hin zu einer bei­spiel­lo­sen Monopolisierung am Suchmaschinensektor. Die Einstiegshürden und Produktionskosten indes san­ken dras­tisch, die Grenze zwi­schen Produzenten und Konsumenten wird durch­läs­si­ger. Technologisch stellt das Web 2.0 einen gra­vie­ren­den Schritt in Richtung einer ver­netz­ten Medienwelt, wie sie Bert Brecht in der “Radiotheorie” und spä­ter Vilém Flusser und Marshall McLuhan aus­for­mu­lier­ten, dar. Die eigent­li­che Leistung des Web 2.0 besteht nicht darin, Bürgerzeitungen oder Bürgerfernsehen zu eta­blie­ren. Web 2.0 ent­zau­bert für jeden Teilnehmer die Medienrealität: wer selbst eine Zeit lang ein Blog schreibt oder Podcasts auf­nimmt, wird nie mehr mit die­sem ehr­furchts­vol­len Staunen vor der Macht der Medien kapi­tu­lie­ren, son­dern ganz ein­fach viel bes­ser ver­ste­hen, was und Dissimulation bedeu­ten und wie die mas­sen­me­diale Strukturen funk­tio­nie­ren. Die markt­ori­en­tierte Produktionspolitik gro­ßer Hollywood-Studios und Major Labels als ein­zig mög­li­chen Weg der Entfaltung von Kreativität anzu­prei­sen, zeugt von Blindheit gegen­über jeg­li­chen medi­en­öko­no­mi­schen Gegebenheiten. Doch das sieht der Autor des Web 2.0 Manifests natur­ge­mäß anders:

As always, today’s por­no­gra­phy reve­als tomorrow’s media. The future of gene­ral media con­tent, the place cul­ture is going, is Voyeurweb.com: the con­ver­gence of self-authored shame­l­ess­ness, nar­cis­sism and vul­ga­rity — a self-argument in favor of censorship.

Jetzt wird’s also wie­der ein­mal ernst… denn die Schamgrenze der Menschen fällt, wir brau­chen nach Meinung des Autors also drin­gend mehr und Kontrolle. Erinnert irgend­wie an der Argumentation der guten alten katho­li­schen Kirche im Mittelalter. Paßt her­vor­ra­gend, daß Keen die 10 Thesen (eine Kurzfassung sei­nes Buches “The Cult of the Amateur”) “THE ANTI WEB 2.0 MANIFESTO (Adorno für Idioten)” nennt.

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Bisher haben meine Lieblingsleser 1 Kommentar zu "Vom Kult der Amateure" geschrieben.

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    Ein begna­det guter Kommentar von Dir zu einem beknack­ten Text.
    Es ist schon trau­rig, wie unter­ent­wi­ckelt noch man­che Menschen sind und Angst vor dem neuen verbreiten.

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