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Was ist Social Media Piraterie?

Vor nicht allzu langer Zeit rotteten sich einige unerschrockene BloggerInnen zusammen, um Blogg-Buzz zu übernehmen, das sich im nachhinein allerdings, wie’s Michi so schön formulierte, als Geisterschiff entpuppte. Vor noch kürzerer Zeit begann die bislang höchst erfolgreiche Technorati-Blogkette. Aber dies ist nur der Beginn der Legenden rund um Captain Jean Lafitte und seine tapfere Piratenmannschaft.

Witzigerweise ging dieser Tage eine neue Social Media Plattform in Deutschland online, welche die gleiche Software wie Blogg-Buzz benutzt. Die Blogperlen möchten aber nicht der 1000ste Digg-Klon werden, sondern legen ihren Fokus in erster, zweiter und dritter Linie auf kleine, (noch) unbekannte Blogs. Deren lesenswerten Geschichten soll zu mehr Aufmerksamkeit verholfen werden – ein hehrer Plan, dem ein entsprechender Vorschlag von Robert vorauseilte.

Die Rules of Thumb sind relativ strikt: non-Blog Beiträge werden gekickt (ich bin schon gespannt auf das neuerliche Aufflammen der Was-ist-ein-Blog Debatte), Alphaschreiber sind unerwünscht; ein Vorschlag etwa lautete, die Top 100 der deutschen Blogcharts generell außen vor zu lassen. Diskutiert wird derzeit unter anderem ob es moralisch statthaft sei, eigene Beiträge dort einzureichen (wie man sieht, sind meine diesbezüglichen moralischen Schamgrenzen extrem niedrig).

Streng gegen Verschmutzung

Der Fokus ist klar definiert, die Plattform befindet sich derzeit in einem erstaunlich raschen Wachstum. Fleißige ModeratorInnen wachen über die Einhaltung des Regelkanons, kurzum: die Perlen erfreuen sich größter Beliebtheit. Da hier Profis versammelt sind, scheint Manipulation so gut wie unmöglich – da müssten sich schon eine ganze Menge Blogger koordinieren und gegenseitig für ihre Stories abstimmen, um diese auf die Startseite zu pushen.

Aber genau das soll den Blogperlen ja erspart bleiben: die inhärente Verschmutzung solcher Social Media Plattformen. Leben wir doch in Zeiten, in denen wildgewordene Technorati-Algorithmen anhand extrem simpler quantitativer Kriterien eine Wertschöpfungskette begründen, die in Summe stark an ein Pyramidenspiel erinnert. Klar wollen eifrige SEOs ihre Links überall platzieren, und wenn Mods ihre Arbeit gewissenhaft machen, dann beginnen die SEOs eben, hochwertigen Content anzubieten und ihre gecloakten Affiliate Links dort drin unterzubringen. Ein Wettrüsten, das zwangsläufig in einer immer stärkeren Vermischung von Inhalt und Werbung gipfelt – die nicht verhindert, sondern bloß erkannt werden kann.

Aber das macht gar nix! Man darf eben nur nicht den Fehler begehen, sich vom allgemeinen Hype anstecken zu lassen und plötzlich der „Blogosphäre“ oder „Social Media“ zu vertrauen, nur weil Leute wie du und ich anscheinend über die Wichtigkeit oder Unwichtigkeit einzelner Contents entscheiden. Jeder, der auch nur eine rudimentäre Ahnung von diesem New Media Shizzle hat, sollte als erstes kapieren, dass wir in einem zunehmend manipulierbareren Umfeld leben. Der Versuch, über externe Kontrollmechanismen und scheinbar überschaubare Kausalzusammenhänge eine Illusion von Gewissheit herzustellen, erzeugt einfach nur Medieninkompetenz. Der logische Schluss daraus: immer kritisch bleiben und die eigenen Urteilsfähigkeit *niemals* an die „breite Masse“ auslagern: die Geschichte der Menschheit zeigt an zahlreichen Beispielen, wie solche Bestrebungen enden.

Um einen kleinen Eindruck der „Scales“ zu vermitteln: mit rund 100 Stimmen kommt man bei Digg auf die Startseite, und mehrere Agenturen verkaufen diese Votings. Das kostet gerade mal einen Hunderter, eine Lächerlichkeit im Vergleich zu jeder Zeitungsanzeige.

In diesem Kontext bin ich sehr darauf gespannt, wie sich das Blogperlen-Projekt weiterentwickelt und ob es gelingt, die Seite auch mittelfristig unverschmutzt und fresh zu halten. Oder ob irgendwann das Regelwerk umfangreicher wird als die eingereichten Beiträge selbst.

Social Media Piraten

Social Media Piraten verstehen sich als illegitime Bastarde, als herbe Mischung einiger Gedankenfetzen von Marshall McLuhan, Alexej Shulgin, Hans Luzius, Vilém Flusser, Heinz Förster und vielen anderen… teilnehmende Medienbeobachtung und immersive Experimente könnte das Hauptkapitel der SocialPiratenBibel heißen. Analyse bedeutet Objektivität, bedeutet Abstand, bedeutet Blick-von-außen. Wir sind aber mittendrin in unserer hochkomplexen Medienwelt, sind automatisch immer selbst Teil von Beobachtung, Experiment und Biotop. Kein Wunder also, dass zwischen Piraten und Ninjas eine jahrhundertelange Feindschaft herrscht:

Anstatt sich behutsam vor und manchmal auch zurück zu tasten, sorgfältig getarnt in enganliegenden schwarzen Gewändern, sind Piraten ganz einfach – auffälliger. Unerschrockener. Impulsiver. Trinken mehr Rum. Und gehorchen vor allem niemals einem strengen Regelkanon… sondern zeigen lieber die Schwachstellen bestehender Systeme auf. Und das wichtigste: Piraten werden viel häufiger von der Nachwelt verklärt als Ninjas. Oder Blackhat SEOs.

5 comments
ritchie
ritchie

mach ich doch gerne!

moritz
moritz

bitte halte mich über eure aktion der "online-piraterie" am laufenden, ziemlich spannend!

xena
xena

eine absolut geniale idee :twisted:

ritchie
ritchie

Eh schon wieder da. Ich schwöre bei meiner Piratenehre, dass ich nix damit zu tun habe :mrgreen:

Trackbacks

  1. Versenkt: Lieblnk

    Zum zweiten Opfer der unerschrockenen Social Media Piraten wurde Robert Basic’s Plattform Lieblnk.de aka Blogperlen. Immer wieder ein gutes Gefühl, so ‘ne ganze Startseite!