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Gigapixel-Fotografie: höher aufgelöste Wirklichkeiten

18.09.2007, geschrieben von , 3 Kommentare

Die Vermessung nicht nur der vir­tu­el­len Welt schrei­tet unauf­hör­lich voran, doch das alte Kartographengesetz hat nichts von sei­ner Gültigkeit ein­ge­büßt: eine Karte, wel­che alle Details der von ihr dar­ge­stell­ten Landschaft wie­der­gibt, müßte genau so groß sein wie die Landschaft selbst. In Zeiten von Gigapixel– und stu­fen­lo­sen Zooms bezieht sich Größe aller­dings nicht mehr auf die Ausdehnung, son­dern bloß auf die zur Verfügung ste­hende Datenmenge.

Die Trägermedien haben sich ver­än­dert, und zwar sehr zum Vorteil jener, die das Kartenfalten schon immer zutiefst ver­ab­scheu­ten: bei Systemen wie Google Maps bleibt die ein­zige Beschränkung in der Auflösung die Verfügbarkeit pas­sen­den Bildmaterials. Dass da plötz­lich bei beson­ders gelun­ge­nen “Schnappschüssen” in der höchs­ten Zoomstufe an der einen oder ande­ren Straßenecke plötz­lich eine Person iden­ti­fi­zier­bar wird, stellt die Betreiber der­ar­ti­ger Dienste vor neue Privacy-Herausforderungen, zugleich machen sol­che vir­tu­el­len Globen die Welt auf eine Art betracht­bar, mit der kein Globus mehr mit­hal­ten kann. Möglich macht die stu­fen­lose Betrachtung der Welt eine spe­zi­elle Image– Technologie: anstatt die gesamte Datenmenge zu über­tra­gen, wer­den immer nur die momen­tan benö­tig­ten Ausschnitte von den Servern nach­ge­la­den. Vereinfacht erklärt stellt Google-Maps ein rie­si­ges, auf die Globenform mon­tier­tes Foto der Erde dar, in wel­ches der Betrachter hin­ein zoomt.

Auf dem glei­chen Prinzip beruht die Darstellung extrem hoch auf­ge­lös­ter sta­ti­scher Bilder im Browser. Eine ita­lie­ni­sche Firma hat sich auf sol­che Gigapixel-Schnappschüsse spe­zia­li­siert: das ehe­mals höchst­auf­lö­sende Foto der Welt wurde im Juni die­sen Jahres ins Netz gestellt und besteht aus 9,9 Gigapixeln. La Gloria di Sant’Ignazio, ein Deckenfresco des ita­lie­ni­schen Künstlers Andrea Pozzo, ent­stand im Original zwi­schen 1685 und 1694, die finale Version wurde an einem Tag aus über 1.000 ein­zel­nen Digitalfotos zusam­men­ge­setzt und erlaubt stu­fen­lo­ses Zoomen von der Gesamtansicht bis hin zur Oberflächenstruktur des Materials.

Inzwischen inves­tie­ren zahl­rei­che Firmen einen beträcht­li­chen Teil ihrer Forschungsbudgets in der­ar­tige Bildtechnologien, denn die Faszination sol­cher ist immens. Der ame­ri­ka­ni­sche Fotograf Gerard Maynard stellte mit Hilfe der Software “Autopano” ein hoch­auf­lö­sen­des Panorama des New Yorker Stadtteils Harlem zusam­men: inner­halb von rund 2 Stunden ent­stan­den die 2000 Einzelfotos, die das Ausgangsmaterial der daten­in­ten­si­ven Montage bil­den. Von der Zentralperspektive zum ein­zel­nen Häuserziegel und wie­der zurück kann sich der Betrachter im wahrs­ten Sinn des Wortes “durch das Bild” bewe­gen. Ob poten­ti­elle Touristen per Stadtpanorama prä­ven­tiv den Reinigungsgrad der Gehsteige über­prü­fen oder Kunsthistoriker Remote-Einblicke in Originale erhal­ten, die mög­li­cher­weise mehr Details ent­hül­len als das bloße Auge: die Gigapixel-Fotografie wird den Umgang mit digi­ta­lem Bildmaterial nach­hal­tig verändern.

Mehr Auflösung für Bewegtbilder

Verströmten die ers­ten zöger­li­chen –Streaming Versuche noch den Breitbildcharme einer Briefmarke, so schi­cken –TV-Sender inzwi­schen bereits ihre Live-Sendungen bild­schirm­fül­lend über den 01er-Äther. “Auflösung” lau­tet nun mal eines der magi­schen Sesam-öffne-Dich Stichwörter der zukünf­ti­gen Mediengesellschaft: DVDs, von der Industrie noch vor ver­gleichs­weise sehr kur­zer Zeit als Non-Plus Ultra einer heim-cineastischen Filmkultur ange­prie­sen, ver­lie­ren ihren Status im Zuge von Nachfolgeformaten wie Blue Ray und Co. quasi in Echtzeit. Schon bekla­gen Jäger und Sammler das ein­ge­baute Verfallsdatum ihrer mühe­voll in Tauschbörsen raub­ko­pier­ten Filmsammlungen: denn divX-codierte Filme, obwohl qua­li­ta­tiv deut­lich bes­ser als wei­land die VHS-Kassette, wir­ken im Vergleich zu aktu­el­len Formaten am Flachbildfernseher ganz schön flau. Japanische Wissenschaftler expe­ri­men­tie­ren mit Auflösungen im Gigapixel-Bereich, die das Auflösungsvermögen des mensch­li­chen Auges über­schrei­ten — und damit Marschall McLuhans Theorie von hei­ßen und kal­ten Medien tech­nisch über­ho­len. Denn das Charakteristikum der Bildröhre, so der ame­ri­ka­ni­sche Medienforscher, bestehe in der gerin­gen Menge an Bildinformation: aus einer rela­tiv gro­ben Pixelmatrix und den rund 25 Bildern pro Sekunde müsse der mensch­li­che Wahrnehmungsapparat ja erst das Bewegtbild in Eigenleistung zusam­men­set­zen. Wenn also dem­nächst die diver­sen Flimmerkisten mehr Bildinformationen lie­fern, als unser Wahrnehmungsapparat auf­neh­men und ver­ar­bei­ten kann, dann zeigt die sym­bo­li­sche Karte womög­lich irgend­wann mehr Details, als die kar­to­gra­phierte Landschaft je aufwies.

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Bisher haben meine Lieblingsleser 3 Kommentare zu "Gigapixel-Fotografie: höher aufgelöste Wirklichkeiten" geschrieben.

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  • Fotograf Essen Identicon Icon

    Ein sehr inter­es­san­ter Artikel. Macht wei­ter so ;)

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  • fotoshooting hamburg ollie Identicon Icon

    wir digi­ta­li­sie­ren die welt, aber ein Bild von Ansel Adams wirkt gerade auch dadurch das es ein schö­nen Korn hat und nicht glatt und digi­tal ist. das ist fotografie!

    die abbil­dung der wirk­lich­keit (?) brau­chen wir das? muss ich mein klei­nes rotes auto vor mei­ner haus­tür sehen, wenn es doch gleich­zei­tig auf dem park­platz mei­ner Arbeitsstelle steht?????

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    ritchie Identicon Icon
    ritchie antwortete am 23. Februar 2009 um 20:45

    Ich würd das nicht als Entweder/Oder sehen — hat doch bei­des seine Berechtigung! :mrgreen:

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