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Die Vermessung nicht nur der virtuellen Welt schreitet unaufhörlich voran, doch das alte Kartographengesetz hat nichts von seiner Gültigkeit eingebüßt: eine Karte, welche alle Details der von ihr dargestellten Landschaft wiedergibt, müßte genau so groß sein wie die Landschaft selbst. In Zeiten von Gigapixel- und stufenlosen Zooms bezieht sich Größe allerdings nicht mehr auf die Ausdehnung, sondern bloß auf die zur Verfügung stehende Datenmenge.

Die Trägermedien haben sich verändert, und zwar sehr zum Vorteil jener, die das Kartenfalten schon immer zutiefst verabscheuten: bei Systemen wie Google Maps bleibt die einzige Beschränkung in der Auflösung die Verfügbarkeit passenden Bildmaterials. Dass da plötzlich bei besonders gelungenen “Schnappschüssen” in der höchsten Zoomstufe an der einen oder anderen Straßenecke plötzlich eine Person identifizierbar wird, stellt die Betreiber derartiger Dienste vor neue Privacy-Herausforderungen, zugleich machen solche virtuellen Globen die Welt auf eine Art betrachtbar, mit der kein Globus mehr mithalten kann. Möglich macht die stufenlose Betrachtung der Welt eine spezielle Image- Technologie: anstatt die gesamte Datenmenge zu übertragen, werden immer nur die momentan benötigten Ausschnitte von den Servern nachgeladen. Vereinfacht erklärt stellt Google-Maps ein riesiges, auf die Globenform montiertes Foto der Erde dar, in welches der Betrachter hinein zoomt.

Auf dem gleichen Prinzip beruht die Darstellung extrem hoch aufgelöster statischer Bilder im Browser. Eine italienische Firma hat sich auf solche Gigapixel-Schnappschüsse spezialisiert: das ehemals höchstauflösende Foto der Welt wurde im Juni diesen Jahres ins Netz gestellt und besteht aus 9,9 Gigapixeln. La Gloria di Sant’Ignazio, ein Deckenfresco des italienischen Künstlers Andrea Pozzo, entstand im Original zwischen 1685 und 1694, die finale Version wurde an einem Tag aus über 1.000 einzelnen Digitalfotos zusammengesetzt und erlaubt stufenloses Zoomen von der Gesamtansicht bis hin zur Oberflächenstruktur des Materials.

Inzwischen investieren zahlreiche Firmen einen beträchtlichen Teil ihrer Forschungsbudgets in derartige Bildtechnologien, denn die Faszination solcher ist immens. Der amerikanische Fotograf Gerard Maynard stellte mit Hilfe der Software “Autopano” ein hochauflösendes Panorama des New Yorker Stadtteils Harlem zusammen: innerhalb von rund 2 Stunden entstanden die 2000 Einzelfotos, die das Ausgangsmaterial der datenintensiven Montage bilden. Von der Zentralperspektive zum einzelnen Häuserziegel und wieder zurück kann sich der Betrachter im wahrsten Sinn des Wortes “durch das Bild” bewegen. Ob potentielle Touristen per Stadtpanorama präventiv den Reinigungsgrad der Gehsteige überprüfen oder Kunsthistoriker Remote-Einblicke in Originale erhalten, die möglicherweise mehr Details enthüllen als das bloße Auge: die Gigapixel- wird den Umgang mit digitalem Bildmaterial nachhaltig verändern.

Mehr Auflösung für Bewegtbilder

Verströmten die ersten zögerlichen - Versuche noch den Breitbildcharme einer Briefmarke, so schicken -TV-Sender inzwischen bereits ihre Live-Sendungen bildschirmfüllend über den 01er-Äther. “Auflösung” lautet nun mal eines der magischen Sesam-öffne-Dich Stichwörter der zukünftigen Mediengesellschaft: DVDs, von der Industrie noch vor vergleichsweise sehr kurzer Zeit als Non-Plus Ultra einer heim-cineastischen Filmkultur angepriesen, verlieren ihren Status im Zuge von Nachfolgeformaten wie Blue Ray und Co. quasi in Echtzeit. Schon beklagen Jäger und Sammler das eingebaute Verfallsdatum ihrer mühevoll in Tauschbörsen raubkopierten Filmsammlungen: denn divX-codierte Filme, obwohl qualitativ deutlich besser als weiland die VHS-Kassette, wirken im Vergleich zu aktuellen Formaten am Flachbildfernseher ganz schön flau. Japanische Wissenschaftler experimentieren mit Auflösungen im Gigapixel-Bereich, die das Auflösungsvermögen des menschlichen Auges überschreiten - und damit Marschall McLuhans Theorie von heißen und kalten Medien technisch überholen. Denn das Charakteristikum der Bildröhre, so der amerikanische Medienforscher, bestehe in der geringen Menge an Bildinformation: aus einer relativ groben Pixelmatrix und den rund 25 Bildern pro Sekunde müsse der menschliche Wahrnehmungsapparat ja erst das Bewegtbild in Eigenleistung zusammensetzen. Wenn also demnächst die diversen Flimmerkisten mehr Bildinformationen liefern, als unser Wahrnehmungsapparat aufnehmen und verarbeiten kann, dann zeigt die symbolische Karte womöglich irgendwann mehr Details, als die kartographierte Landschaft je aufwies.


Kommentare zu "Gigapixel-Fotografie: höher aufgelöste Wirklichkeiten":

 


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