Tenzin Gyatso besucht Alfred Gusenbauer

dalai lama

Und nicht zum Kaffeeklatsch, sondern in Form eines hochoffiziellen Besuchs. Danke Herr Kanzler, dass Sie als erster europäischer Staatschef seine Heiligkeit den 14. Dalai Lama trafen. Es fühlt sich ungewohnt und beinahe eigenartig an, sich als Österreicher mal nicht für die eigenen Politiker schämen zu müssen.

dalai lamaOb die Entscheidung letztendlich fiel, weil durchsickerte, dass auch Frau Merkel mit dem Gedanken spielt, das Oberhaupt des tibetischen Buddhismus nächste Woche zu empfangen, ob Zielgruppen-spezfisches strategiches Marketing oder einfach das Bauchgefühl unseres Kanzlers den Ausschlag gaben, spielt dabei für mich überhaupt keine Rolle. Gusis Kommentar zu seiner nicht mutigen, sondern hochgradig notwendigen und einzig richtigen Entscheidung ist wenig hinzuzufügen. Ich hätte nicht gedacht, dass ich hier mal Dichands Hofblatt zitiere, aber der gesamte Online-Medienbiotop hat den knackigen zweiten Teil der Aussage unterschlagen:

Österreich ist ein Ort des Dialogs. Ich finde, wenn ein Putin aushalten kann, dass vorher Garria Kasparow bei mir war, oder ein Bush den Besuch einer bekannten Irak-Kriegsgegnerin bei mir, dann wird das doch auch China verkraften können. (aus der Kronenzeitung vom 20. September, Seite 2)

Ein Ort des Dialogs, fürwahr – so wäre das irgendwann ja auch mal gedacht gewesen mit der Neutralität… irgendwann mal. Zu Besuch in der Alpenrepublik war der Dalai Lama übrigens schon häufiger, 1991 empfing ihn noch die gesamte Regierung. Doch als China Mitte der Neunziger eine neue Parole ausgab, war es vorbei mit offiziellen Ehren, denn die chinesische Regierung beharrt nach wie vor auf dem Standpunkt:

Ein Treffen mit dem Dalai Lama wird als Einmischung in innerchinesische Angelegenheiten gesehen.

Unter dem Deckmantel der Religion strebe Tenzin Gyatso nämlich danach, „das Vaterland zu spalten“, und darf deshalb in Tibet nicht einreisen. Der allerdings verkündete, dass er im Fall einer Einreise freiwillig sämtliche Ämter zurücklegt und als gewöhnlicher Bürger nach Tibet kommen werde.

Seine Heiligkeit der 14. Dalai Lama unterscheidet sich in einem Punkt gravierend von seinen Vorgängern: er öffnete einstmals geheime tibetische Lehren, indem er sie für jeden zugänglich machte. Information zu verbreiten ist eben die effektivste Methode, um sie zu bewahren: denn was die Chinesen in Tibet an Klösterbibliotheken zerstören, ist für immer verloren – es sei denn, das „Geheimwissen“ wird zur Public Domain, und genau dafür setzte sich Tenzin Gyatso mit größter Nacnhaltigkeit ein. Seine Bemühungen um einen intensivierten Dialog zwischen Wissenschaft, Kunst und Religion sind legendär, Grund des aktuellen Besuchs war übrigens das Waldzell Meeting 2007 im Stift Melk. Gusi dürfte sich gewiss gefreut haben, als ihm der spirituelle Führer des tibetischen Buddhismus eröffnete: „Eigentlich habe ich mich politisch immer schon als Linken betrachtet.“

Kein Wider für den Dalai Lama

Auf dem Startseitenkasterl des Kurier war diese Woche zu lesen, dass der Dalai Lama ein „etwas überschätztes Marketinggenie aus Tibet“ sei. Diese unerhörte Beleidigung spricht von immenser Ignoranz der Autorin. Zum Glück gibt’s jede Menge Buchgeschäfte, und in den größeren bietet die Abteilung Religion/Buddhismus in der Regel eine breite Auswahl aus den Büchern, die Tenzin Gyatso veröffentlichte. Einfach eines mitnehmen und mal reinlesen – ich bin kein Buddhist, aber das ist in keinster Weise notwendig, um allergrößten Respekt vor der Friedfertigkeit und dem unglaublichen didaktischen Talent des derzeitigen Dalai Lamas zu empfinden.

 

PS: Hätten die Trimondis sich vor der Veröffentlichung ihrer hanebüchenen Schwachsinnstexte diese Mühe gemacht, dann wäre vielleicht etwas anderes dabei rausgekommen als eine bloße Zurschaustellung gravierender eigener Inkompetenz in der Interpretation tibetischer Texte.

5 comments
ritchie
ritchie

@Red Buddha: sehr lässig, von dieser Initiative wusste ich bisher nix. Ich werde demnächst sicherlich mal eine eurer Veranstaltungen besuchen und drüber berichten! @Trimondis: die Tragik liegt auch darin, dass einige der "argen" Textstellen, die sie (völlig aus dem Kontext gerissen) zitieren, tatsächlich für heutige Verhältnisse sehr strange klingen. Aber das ist Alten Testament genauso... und niemand würde behaupten, dass *deshalb* die katholische Kirche evil sei... das kann man ja wirklich nicht ernst nehmen :wink:

Louise
Louise

Das Zusammentreffen Gusenbauers mit dem Dalai Lama hat mich sehr positiv gestimmt. Das hätte die ÖVP wohl niemals zustande gebracht!

Red Buddha
Red Buddha

Ach ja, was ich vergessen habe: die Trimondi-Machwerke habe ich ebenfalls gelesen und teile Deine Ansicht. Besonders offensichtlich wird der verschwörungstheoretische Background an jener Stelle wo behauptet wird, daß der Dalai Lama in seiner nächsten Inkarnation von Graz aus eine weltweite Buddhokratie errichten will, und deshalb dort die Stupa errichten ließ und das Kalachakra abhielt. Spätestens an diesem Punkt sollte den Lesern klar werden, von welcher Qualität diese Texte sind...

Red Buddha
Red Buddha

Daß das Zusammentreffen zwischen dem Kanzler und dem Dalai Lama schlußendlich noch geklappt hat, hat mich ebenfalls außerordentlich gefreut. Interessant in diesem Zusammenhang ist übrigens, daß sich der Dalai Lama seit geraumer Zeit wahlweise als "Anhänger des Ursozialismus", als "Marxisten" oder zumindest als "halben Marxisten" bezeichnet. In den Medien wird diese Selbstdefinition üblicherweise als Anbiederung an Peking interpretiert, doch scheint mir das doch eine sehr oberflächliche Beurteilung zu sein (letzthin in Deutschland bezeichnete er sich bei einer CDU-Veranstaltung auch als "Sozialdemokraten", wenn ich mich nicht irre :-)). Der Dalai Lama ist seit Jahren einer der Schirmherren der Bewegung des engagierten Buddhismus, dessen Zielsetzungen sich in großen Teilen mit jenen der Sozialdemokratie decken. Ich denke also, daß den Dalai Lama und Alfred Gusenbauer doch einiges mehr verbindet, als man gemeinhin annimmt. (Eigenwerbung) Daher gibt es auch in der Wiener SPÖ seit einiger Zeit die Arbeitsgruppe Red Buddha, die sich mit genau diesen Gemeinsamkeiten beschäftigt. Wen's interessiert: man findet uns (und auch die obigen Originalzitate des Dalai Lama) unter http://www.redbuddha.at/. (/Eigenwerbung)

congo
congo

In der Tat, da kann man dem Gusi nur gratulieren. Ich habe immer schon vermutet, dass österreichischer Sozialismus und tibetanischer Buddhismus friedlicher koexistieren können als chinesischer Kommunismus und was-auch-immer :wink: