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Tenzin Gyatso besucht Alfred Gusenbauer

22.09.2007, geschrieben von , 5 Kommentare

Und nicht zum Kaffeeklatsch, son­dern in Form eines hoch­of­fi­zi­el­len Besuchs. Herr Kanzler, dass Sie als ers­ter euro­päi­scher Staatschef seine Heiligkeit den 14. Dalai Lama tra­fen. Es fühlt sich unge­wohnt und bei­nahe eigen­ar­tig an, sich als Öster­rei­cher mal nicht für die eige­nen Politiker schä­men zu müssen.

dalai Tenzin Gyatso besucht Alfred GusenbauerOb die Entscheidung letzt­end­lich fiel, weil durch­si­ckerte, dass auch Frau Merkel mit dem Gedanken spielt, das Oberhaupt des tibe­ti­schen Buddhismus nächste Woche zu emp­fan­gen, ob Zielgruppen-spezfisches stra­te­gi­ches Marketing oder ein­fach das Bauchgefühl unse­res Kanzlers den Ausschlag gaben, spielt dabei für mich über­haupt keine Rolle. Gusis zu sei­ner nicht muti­gen, son­dern hoch­gra­dig not­wen­di­gen und ein­zig rich­ti­gen Entscheidung ist wenig hin­zu­zu­fü­gen. Ich hätte nicht gedacht, dass ich hier mal Dichands Hofblatt zitiere, aber der gesamte Online-Medienbiotop hat den kna­cki­gen zwei­ten Teil der Aussage unterschlagen:

ist ein Ort des Dialogs. Ich finde, wenn ein Putin aus­hal­ten kann, dass vor­her Garria Kasparow bei mir war, oder ein Bush den Besuch einer bekann­ten Irak-Kriegsgegnerin bei mir, dann wird das doch auch ver­kraf­ten kön­nen. (aus der Kronenzeitung vom 20. September, Seite 2)

Ein Ort des Dialogs, für­wahr — so wäre das irgend­wann ja auch mal gedacht gewe­sen mit der Neutralität… irgend­wann mal. Zu Besuch in der Alpenrepublik war der übri­gens schon häu­fi­ger, 1991 emp­fing ihn noch die gesamte Regierung. Doch als China Mitte der Neunziger eine neue Parole aus­gab, war es vor­bei mit offi­zi­el­len Ehren, denn die chi­ne­si­sche Regierung beharrt nach wie vor auf dem Standpunkt:

Ein Treffen mit dem Dalai Lama wird als Einmischung in inner­chi­ne­si­sche Angelegenheiten gesehen.

Unter dem Deckmantel der Religion strebe Tenzin Gyatso näm­lich danach, “das Vaterland zu spal­ten”, und darf des­halb in Tibet nicht ein­rei­sen. Der aller­dings ver­kün­dete, dass er im Fall einer Einreise frei­wil­lig sämt­li­che Ämter zurück­legt und als gewöhn­li­cher Bürger nach Tibet kom­men werde.

Seine Heiligkeit der 14. Dalai Lama unter­schei­det sich in einem Punkt gra­vie­rend von sei­nen Vorgängern: er öffnete einst­mals geheime tibe­ti­sche Lehren, indem er sie für jeden zugäng­lich machte. Information zu ver­brei­ten ist eben die effek­tivste Methode, um sie zu bewah­ren: denn was die Chinesen in Tibet an Klösterbibliotheken zer­stö­ren, ist für immer ver­lo­ren — es sei denn, das “Geheimwissen” wird zur Public Domain, und genau dafür setzte sich Tenzin Gyatso mit größ­ter Nacnhaltigkeit ein. Seine Bemühungen um einen inten­si­vier­ten Dialog zwi­schen Wissenschaft, Kunst und Religion sind legen­där, Grund des aktu­el­len Besuchs war übri­gens das Waldzell Meeting 2007 im Stift Melk. Gusi dürfte sich gewiss gefreut haben, als ihm der spi­ri­tu­elle Führer des tibe­ti­schen Buddhismus eröff­nete: “Eigentlich habe ich mich poli­tisch immer schon als Linken betrachtet.”

Kein Wider für den Dalai Lama

Auf dem Startseitenkasterl des Kurier war diese Woche zu lesen, dass der Dalai Lama ein “etwas über­schätz­tes Marketinggenie aus Tibet” sei. Diese uner­hörte Beleidigung spricht von immen­ser Ignoranz der Autorin. Zum Glück gibt’s jede Menge Buchgeschäfte, und in den grö­ße­ren bie­tet die Abteilung Religion/Buddhismus in der Regel eine breite Auswahl aus den Büchern, die Tenzin Gyatso ver­öf­fent­lichte. Einfach eines mit­neh­men und mal rein­le­sen — ich bin kein Buddhist, aber das ist in keins­ter Weise not­wen­dig, um aller­größ­ten Respekt vor der Friedfertigkeit und dem unglaub­li­chen didak­ti­schen Talent des der­zei­ti­gen Dalai Lamas zu empfinden.

 

PS: Hätten die Trimondis sich vor der Veröffentlichung ihrer hane­bü­che­nen Schwachsinnstexte diese Mühe gemacht, dann wäre viel­leicht etwas ande­res dabei raus­ge­kom­men als eine bloße Zurschaustellung gra­vie­ren­der eige­ner Inkompetenz in der Interpretation tibe­ti­scher Texte.

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Bisher haben meine Lieblingsleser 5 Kommentare zu "Tenzin Gyatso besucht Alfred Gusenbauer" geschrieben.

Wie ist Ihre Meinung?
  • congo Identicon Icon

    In der Tat, da kann man dem Gusi nur gra­tu­lie­ren. Ich habe immer schon ver­mu­tet, dass öster­rei­chi­scher Sozialismus und tibe­ta­ni­scher Buddhismus fried­li­cher koexis­tie­ren kön­nen als chi­ne­si­scher Kommunismus und was-auch-immer :wink:

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  • Red Buddha Identicon Icon

    Daß das Zusammentreffen zwi­schen dem Kanzler und dem Dalai Lama schlu­ßend­lich noch geklappt hat, hat mich eben­falls außer­or­dent­lich gefreut. Interessant in die­sem Zusammenhang ist übri­gens, daß sich der Dalai Lama seit gerau­mer Zeit wahl­weise als “Anhänger des Ursozialismus”, als “Marxisten” oder zumin­dest als “hal­ben Marxisten” bezeich­net. In den Medien wird diese Selbstdefinition übli­cher­weise als Anbiederung an Peking inter­pre­tiert, doch scheint mir das doch eine sehr ober­fläch­li­che Beurteilung zu sein (letzt­hin in Deutschland bezeich­nete er sich bei einer CDU-Veranstaltung auch als “Sozialdemokraten”, wenn ich mich nicht irre :-)). Der Dalai Lama ist seit Jahren einer der Schirmherren der Bewegung des enga­gier­ten Buddhismus, des­sen Zielsetzungen sich in gro­ßen Teilen mit jenen der Sozialdemokratie decken. Ich denke also, daß den Dalai Lama und Alfred Gusenbauer doch eini­ges mehr ver­bin­det, als man gemein­hin annimmt.

    (Eigenwerbung)

    Daher gibt es auch in der Wiener SPÖ seit eini­ger Zeit die Arbeitsgruppe Red Buddha, die sich mit genau die­sen Gemeinsamkeiten beschäf­tigt. Wen’s inter­es­siert: man fin­det uns (und auch die obi­gen Originalzitate des Dalai Lama) unter http://www.redbuddha.at/.
    (/Eigenwerbung)

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  • Red Buddha Identicon Icon

    Ach ja, was ich ver­ges­sen habe: die Trimondi-Machwerke habe ich eben­falls gele­sen und teile Deine Ansicht. Besonders offen­sicht­lich wird der ver­schwö­rungs­theo­re­ti­sche Background an jener Stelle wo behaup­tet wird, daß der Dalai Lama in sei­ner nächs­ten Inkarnation von Graz aus eine welt­weite Buddhokratie errich­ten will, und des­halb dort die Stupa errich­ten ließ und das Kalachakra abhielt. Spätestens an die­sem Punkt sollte den Lesern klar wer­den, von wel­cher Qualität diese Texte sind…

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  • Louise Identicon Icon
    Louise sagte am 24. September 2007 um 12:43

    Das Zusammentreffen Gusenbauers mit dem Dalai Lama hat mich sehr posi­tiv gestimmt. Das hätte die ÖVP wohl nie­mals zustande gebracht!

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  • ritchie Identicon Icon
    ritchie sagte am 24. September 2007 um 14:37

    @Red Buddha: sehr läs­sig, von die­ser Initiative wusste ich bis­her nix. Ich werde dem­nächst sicher­lich mal eine eurer Veranstaltungen besu­chen und drü­ber berichten!

    @Trimondis: die Tragik liegt auch darin, dass einige der “argen” Textstellen, die sie (völ­lig aus dem Kontext geris­sen) zitie­ren, tat­säch­lich für heu­tige Verhältnisse sehr strange klin­gen. Aber das ist Alten Testament genauso… und nie­mand würde behaup­ten, dass *des­halb* die katho­li­sche Kirche evil sei… das kann man ja wirk­lich nicht ernst neh­men :wink:

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