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Von Kurzzeit-Lizenzen zum Gelddrucken

20.09.2007, geschrieben von , 1 Kommentar

Mit der Million Dollar Homepage rückte sich der 21jährigen Alex Tew aus Wiltshire 1995 ins Rampenlicht der –Community  — nun kommt die Million Dollar Homepage in des Kaisers neuen Kleidern gleich mehr­fach zurück. Allen der­ar­ti­gen Seiten, so unter­schied­lich die umge­ben­den Stories sein mögen, liegt das glei­che Businessmodell zugrunde: manch­mal wird das an sich stör­ri­sche Maultier eben zum Goldesel. [erschie­nen auf oe1.orf.at]

Auf der Startseite sei­nes Projekts sah Alex Platz vor für ein qua­dra­ti­sches Bild mit einer Million Pixeln bzw. tau­send Pixeln Kantenlänge vor — diese Größe lässt sich fast zur Gänze auf han­dels­üb­li­chen Monitoren ohne Scrollen dar­stel­len. Für die “Miete” eines ein­zel­nen Pixels ver­langte der Betreiber einen Dollar, die Mindestabnahmemenge betrug 100 Stück. Als Gegenleistung durfte jeder Käufer auf der gemie­te­ten Fläche sein Logo inklu­sive Link zur eige­nen Webseite unter­brin­gen, wobei die Seite bis min­des­tens 2010 online blei­ben soll.

Das eigene Logo ertrinkt dabei natür­lich in einer Flut ähnli­cher Piktogramme, der klas­si­sche Werbewert geht gegen Null. Dennoch hatte Alex kei­ner­lei Schwierigkeiten, jede ein­zelne Parzelle sei­nes vir­tu­el­len Grundstücks in kur­zer Zeit zu ver­kau­fen, denn die Idee ver­brei­tete sich wie ein Lauffeuer durch das Netz — und je mehr Blogs, Online-Zeitschriften und in wei­te­rer Folge auch Magazine und sogar Fernsehsender über die Idee berich­te­ten, desto mehr Besucher und Käufer stat­te­ten der Seite einen Besuch ab. Bald konnte sich der Initiator über seine erste leicht­ver­diente Million freuen.

Alles bloß ? Selber schuld, wer für 100 Pixel Geld aus­gibt, wo man doch an jeder Ecke gratis-Homepages und –blogs regis­trie­ren kann? Nein, her­vor­ra­gend inves­tierte Werbeausgaben, denn die Aufmerksamkeitsökonomie im Internet hat ihre eige­nen Gesetze.

Durch die vie­len Backlinks erhielt die Million Dollar Homepage sehr bald einen hohen Pagerank. Mit die­sem Pagerank misst Google die “Relevanz” von Webseiten, und zahl­rei­che Drittanbieter grei­fen bei der Bestimmung des Werbewertes einer Seite dar­auf zurück. Der wer­tet aus, wie viele Links auf eine bestimmte Seite zei­gen. Je mehr sol­che “Backlinks” exis­tie­ren, desto rele­van­ter die betref­fende Adresse, fin­det Google. Quantifiziert wird der Pagerank oder kurz PR mit­tels einer zehn­tei­li­gen Skala.

Wer über Google und andere Suchmaschinen Besucher auf seine Homepage locken möchte, der muss ent­we­der ordent­lich Geld in die Online– inves­tie­ren — oder für ent­spre­chend viele Backlinks sor­gen, um weit vorne in den Suchergebnissen auf­zu­tau­chen. Aus die­sem Grund haben sich man­che Online-Dienstleister dar­auf spe­zia­li­siert, den ökono­misch moti­vier­ten Kontakt zwi­schen Linkvermietern und Käufern her­zu­stel­len: denn je höher der Pagerank einer Seite, desto mehr “wert” ist auch ein auf ihr plat­zier­ter Hyperlink, der auf eine belie­bige Zielseite zeigt. Suchmaschinenexperten bezeich­nen die­sen Effekt als “Pagerank-Vererbung”. Die Preise für eine der­ar­tige regelt das Zusammenspiel von Angebot und Nachfrage — für einen Backlink von einer Pagerank 5 Seite bezahlt man der­zeit rund EUR 20,- / Monat, das ent­spricht auf fünf Jahre gerech­net also EUR 1.200,- Die Million Dollar Homepage dage­gen besitzt einen Pagerank von 7 aus, das ergibt bei einer Laufzeit von fünf Jahren gerade mal EUR 1,66 pro Monat!

Nicht zur Nachahmung empfohlen

Der ein­zige Haken an der Sache: ein sol­cher Stunt gelingt in der Regel nur ein­mal. Wer die zweite Million Dollar Homepage baut, wird allen­falls ein mat­tes Lächeln ern­ten, aber kein ernst­haf­tes Interesse, somit keine Backlinks und auch keine Käufer. Doch bekannt­lich leben wir im Zeitalter des Remixing, also war es nur eine Frage der Zeit, bis die Million-Dollar-Idee in ver­än­der­tem Gewand zurück­kam — zwei Jahre spä­ter, dafür aber auch gleich doppelt.

Da wäre zum einen das Million Dollar Wiki: anders als das bekannte lexi­ka­li­sche Vorbild hat man sich hier ganz und gar nicht zum Ziel gesetzt, das Wissen die­ser Welt ein­zu­sam­meln, son­dern bloß — eine Million Dollar. Jeder Interessierte kann sich um 100$ eine eigene –Seite Mieten, die er nach eige­nem Belieben gestal­ten kann. Graham Langdon, der eben­falls 21 Jahre alte Betreiber, garan­tiert eine Lebensdauer von 10 Jahren und beschränkt die Zahl der ver­kauf­ten –Pages auf 100 Stück. In den ver­gan­gen zwei Monaten ver­kaufte Graham rund 900 Seiten, ob er die ange­streb­ten 10.000 Stück jemals erreicht, ist bei dem bis­her eher flauen Interesse aller­dings stark zu bezweifeln.

Wesentlich ori­gi­nel­ler geht der Amerikaner Prija Phaphouampheng aka “Sneaky Bastard” an die Sache heran: er will einen Film über die Blogger-Szene dre­hen, 10 Weblog-Schreiber sol­len ihren Alltag doku­men­tie­ren. Um die not­wen­dige Aufmerksamkeit und ein wenig Startkapital für sein ehr­gei­zi­ges Projekt auf­zu­trei­ben, dachte sich Prija eine ganz beson­dere Promotion-Kampagne aus: er ver­schenkt zwei Autos. Einen der bei­den Scion tCs erhält seine kleine Schwester (US-Medien lie­ben rühr­see­lige “gro­ßer Bruder kauft klei­ner Schwester ein Stories”), das andere wird ver­lost. Sponsoren sol­len die bei­den Fahrzeuge finan­zie­ren: wer 100 Dollar bezahlt, bekommt zwei Reviews auf Prijas Blog, einen Backlink auf der zuge­hö­ri­gen Webseite, außer­dem wer­den die Internetadressen aller Sponsoren auf die bei­den Scions appli­ziert. Sollten die benö­tig­ten 50.000 Dollar bis Anfang nächs­ten Jahres nicht zusam­men­kom­men, so erhält jeder Sponsor sein Geld zurück.

Hier steht zwar nicht die magi­sche Million am Spiel, dafür ver­sucht der junge Amerikaner, auf dif­fi­zi­lere Weise die Gesetze mas­sen­me­dia­ler Aufmerksamkeitsverteilung vor sei­nen Karren zu span­nen. In der ers­ten Woche konnte Prija rund 20 Spots ver­kau­fen — man darf gespannt sein, ob sein Film über Blogger nächs­tes Jahr bereits Drehbeginn fei­ert und zu einer ähnli­chen Erfolgs-Anekdote wie die Million Dollar Homepage wird.

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