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Barcamp Vienna: Das Web floriert (wieder)

21.10.2007, geschrieben von , Keine Kommentare

Barcamps nennt die New Media Branche ihre infor­ma­len, selbst­or­ga­ni­sier­ten Treffen: der Ideologie des gemäß wer­den sol­che auch als Unkonferenzen bezeich­ne­ten Veranstaltungen zumeist via WIKI orga­ni­siert, die Programmkoordination der ein­zel­nen Vorträge und Diskussionsrunden erfolgt vor Ort. [erschie­nen auf oe1.orf.at]

Der Name, so die Gründungslegende, leite sich von “foo­bar” her: diese Bezeichnung ver­wen­den Programmierer bevor­zugt für soge­nannte metasyn­tak­ti­sche Variablen oder ein­fa­cher aus­ge­drückt: Platzhalter. Wenn Programmierer sich über Ablaufdiagramme und Algorithmen aus­tau­schen, dann bezeich­net foo­bar also nicht mehr und nicht weni­ger als das umgangs­sprach­li­che “Dingsbums”. Barcamps blü­hen, seit sich die Internet-Ökonomie von ihrer tie­fen Krise Ende Neunziger Jahre eini­ger­ma­ßen erholt hat und Investoren erneut bereit sind, Risikokapital in Unternehmen zu pum­pen. Mit kon­ven­tio­nel­ler Konferenzorganisation hat der Ablauf eines Barcamps indes­sen wenig zu tun:

Barcamps sind aus dem Bedürfnis her­aus ent­stan­den, daß sich Menschen in einer offe­nen Umgebung aus­tau­schen und von­ein­an­der ler­nen kön­nen. Es ist eine inten­sive Veranstaltung mit Diskussionen, Präsentationen, und Interaktion der Teilnehmer unter­ein­an­der. (Barcamp.at: Was sind Barcamps?)

Von allen TeilnehmerInnen wird erwar­tet, daß sie sich aktiv in das Programm ein­brin­gen: sei es durch einen Vortrag, durch Mithilfe bei der Organisation oder durch Bewerben der Veranstaltung im eige­nen Blog und/oder Bekanntenkreis. Seit der ers­ten Veranstaltung im Jahr 2005 im kali­for­ni­schen Palo Alto mani­fes­tierte sich die –Idee in welt­weit rund fünf­zig Städten.

Am 29. und 30. September tra­fen sich Informationsarbeiter aus dem Über­schnei­dungs­be­rei­chen von Technik, Journalismus, Werbung, Medienwissenschaft und Politik zum bereits zwei­ten Wiener Barcamp in die­sem Jahr. Sponsor Microsoft sorgte für die Räumlichkeiten, in denen rund 100 Unkonferenz-TeilnehmerInnen an einem bes­se­ren vir­tu­el­len Morgen bastelten.

Ganz oben auf der Tagesordnung stand die soge­nannte “Blogosphäre”, so die Bezeichnung für die Gesamtheit aller Weblogs. Hannes Offenbacher will mit sei­ner Blögger-Initiative die hei­mi­schen Mikromedien bes­ser ver­net­zen und sicht­bar machen, Martin Staudinger sprach gemein­sam mit dem Autor die­ser Kolumne über das Thema “Monetarisierung von Weblogs” und zahl­rei­che Diskussionsrunden beschäf­tig­ten sich mit der Frage nach der Positionierung von Blogs in Kanon der (Massen)Medienlandschaft. Meral Akin-Hecke prä­sen­tierte ihre neue Veranstaltungsreihe Digitalks, bei der Experten aus der Blogger-Szene im Wiener Museumsquartiert inter­es­sier­ten Laien den Einstieg ins digi­tale Publizieren erleich­tern sollen.

Ebenfalls auf brei­ter Basis dis­ku­tiert wurde das Thema “Accessibility: wie kön­nen Webseiten gestal­tet wer­den, um für mög­lichst alle Besucher zugäng­lich zu sein, unab­hän­gig von all­fäl­li­gen sen­so­ri­schen Behinderungen? In die­sem Bereich sind noch rie­sige Anstrengungen zu leis­ten, wie die Diskussion mit den Fachleuten von MAIN (Medienarbeit Integrativ) schnell klar machte. Die heute gestar­tete Blog-Aktion, die Ideen zum Thema “inte­gra­tive Mediengestaltung” sam­melt, ent­stand im Rahmen die­ses Themenblocks.

Natürlich dür­fen auf kei­nem Barcamp die neu­es­ten Web 2.0 Applikationen feh­len: YEurope Gründer Paul Böhm zeigte ein neues Aggregations-Tool namens Soup.io, das es spie­le­risch ein­fach ermög­licht, ver­schie­denste Inhalte völ­lig ohne Programmierkenntnisse zu einer eige­nen Internetseite zu kom­bi­nie­ren, zahl­rei­che TeilnehmerInnen führ­ten ihre aktu­el­len Beta-Applikationen auf mit­ge­brach­ten Laptops vor. Den Schwerpunkt des Wochenendes bil­de­ten aller­dings weder Start-Up Gründen noch neue Businessmodelle: Vernetzung und Netzkultur stie­ßen auf weit mehr Aufmerksamkeit als alle Investor-Talks: Vom Vortrag über das Web 2.0 in China bis zur gemein­sa­men Planung einer Blog-Demo zu “Free Burma” reichte das Spektrum der poli­ti­schen Inhalte.

Die Barcamp-Szene wächst

Am ver­gan­ge­nen Wochenende steck­ten fast 300 Web-Bastler ihre Köpfe in München zusam­men, für die im November geplante Veranstaltung in Berlin sind bereits jetzt fast fünf­hun­dert TeilnehmerInnen ange­mel­det. Dass mit dem Wachsen der Szene die Unkonferenzen ihren infor­mel­len Charakter bei­be­hal­ten, scheint der­zeit aber sehr unwahr­schein­lich: in Deutschland wer­den para­do­xer­weise bereits erste Stimmen aus der selbst immer lau­ter, die vehe­ment Eintrittspreise for­dern: denn nur so könne man dem Problem begeg­nen, dass sich prä­ven­tiv mal zahl­rei­che Interessenten anmel­den, die dann aber gar nicht kom­men und ande­ren die poten­ti­ell limi­tier­ten Plätze wegnehmen.

Wer bottom-up orga­ni­siert, sollte sich indes­sen dar­über klar sein, dass feh­lende orga­ni­sa­to­ri­sche Strenge nun mal eine gewisse Unschärfe mit sich bringt. Jede Fluglinie kennt ihre sta­tis­ti­schen Passagier-Ausfallsdaten und über­bucht Flüge ent­spre­chend — viel­leicht eine Option für zukünf­tige Barcamps. Denn wo man Eintritt zahlt, da führt der nächste logi­sche Schritt zum Honorar für Vortragende, und von die­sem Zeitpunkt an wäre es nicht mehr weit her mit der “Unkonferenz”. Sicher ist aller­dings eines: beim nächs­ten öster­rei­chi­schen Barcamp “Senza Confini” (Klagenfurt, 2./3. Februar 2008) ste­hen der­ar­tige Professionalisierungsüberlegungen zum Glück noch nicht auf der vir­tu­el­len Agenda.

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