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Die letzten Motorradfahrten des Jahres

17.10.2007, geschrieben von , 5 Kommentare

Altweibersommerliche Spätsonnenstrahlen weichen über das Land kriechender Winterkälte, jeder Windstoß treibt einen flüchtigen Schwarm gelber Blätter quer über die Landstraße. Die Saison neigt sich dem Ende zu – und ich liebe diese letzten Ausfahrten, die letzten Gelegenheiten, den Motor meiner Hornet aufheulen zu lassen und die magische rote Nadel jenseits der 100km/h zu treiben… ein wenig.

bike1 Die letzten Motorradfahrten des JahresHerbst heißt für Biker: feuchte Landstraßen, klamme Brücken, früh schlechte Sichtverhältnisse. Bedeutet auch: unerwartete Regengüsse, abgefahrene Pneus (wer wechselt schon vor der Winterpause?), verstärkter Wildwechsel und Laub auf besagter wasserbenetzter Fahrbahn: also zirkelt, wer nicht unfreiwillig absteigen will, besser doppelt so vorsichtig um die Kurve wie gewöhnlich. Auf der anderen Seite sind da diese letzten Ausflüge in die nähere Umgebung, dick eingepackt in alles, was das Unterwäsche- und Gore-Tex-Arsenal so hergibt – wehmütige Touren im Herbstlicht, mitten durch eine Kulisse, die ans Ende einer erinnert, so á la: wir hatten viel Spaß im Sommer, was liegengeblieben ist, wird jetzt erstmal weggeräumt – und dann legen sich alle schlafen und kurieren ihren Kater aus. Bekanntlicherweise dauert der deutlich von meinen persönlichen Vorstellungen abweichende Idealwinter in unseren Breitengraden unverschämterweise länger als der übelste Kater.

bike2 Die letzten Motorradfahrten des JahresWenn du am späteren Nachmittag aus der Stadt rausfährst, die Sonne nur mehr wenig Kraft hat und die wärmende Wirkung der Megatonnen von Beton wegfallen, dann arbeitet sich die Kälte früher oder später auch durch die dicken Handschuhe. Gesichtsmaske unterm Helm, zwei Pullover – das reicht grade mal für eine 60er Runde, einmal über den Exelberg nach Tulln und wieder zurück bevor diverse Extremitäten, denen man dies nicht wünscht, zunehmend steifer und das Kuppeln mühsamer werden. Wenig Verkehr um drei Uhr nachmittags, das einzige Fahrzeug, das ich aufwärts bei einer der wenigen Überholmöglichkeiten hinter mir lasse, ist ein gemütlich dahintuckernder riesiger . Diesmal bin ich der einzige Motorradfahrer im Scheiblingssteiner Tennisstüberl – ein Ehepaar weit jenseits der 80, das gerade sein Mittagessen einnimmt, lächelt mir unisono freundlich zu, während ich meine Melange bestelle.

Als ich wieder aufs Bike steige, bin ich mir ganz sicher, dass der dicke Pullover eine hervorragende Wahl war… und die Route ebenfalls. Denn nach kurzer Zeit stehe ich am Parkplatz vor der Gloriahütte und genieße den weitreichenden Blick über ein gerade das Tullner Becken: Nebelschwaden hängen über der Landschaft, Sonnenstrahlen bahnen sich ihren Weg bis zum Boden, der die Permafrost-Phase kaum mehr erwarten kann – ein Bild wie aus der Antidepressiva-Werbung. Notorischen Kamera-Vergessern wie mir bleibt nur die illustrative Wortwahl: semitransparente Zuckerwatte, ein Herbstszenario wie aus der Antidepressiva-Werbung.

bike3 Die letzten Motorradfahrten des JahresErst am Rückweg erlebe ich die um diese Jahreszeit obligatorische “Hero-Szene”, jenes Herbsterlebnis, das exklusiv für Zweiradfahrer reserviert bleibt: Bei der Rückfahrt tragen Windstöße die welken Blätter fort, der Mischwald bietet reichlich Rohstoff für eine Szenario, von dem ich nicht weiß, ob hyperrealistisch oder surrealistisch der zutreffendere Begriffist. Bei jeder kleinen Windböe fahre ich durch eine unwirkliche 3D-Landschaft aus wirbelnden Blättern in allen Gelbschattierungen, die sich für kurze Zeit wie eine improvisierte Bauarbeiterschürze an meinen schwarze Motorradmontur anlegen, bevor sie ihre Transformationsreise bis zum späteren Dünger für neue Blätter windgetrieben fortsetzen. Als ich die erste Hügelkuppe erreiche, liegt eine lange Gerade vor mir. Ich durchfahre langsamer als sonst den Korridor der gelben Blätter und denke wehmütig daran, dass in demnächst vier Monate -motorisierte Zwangspause folgen… aber demnächst eine ganz frische, unverbrauchte neue Saison folgt. Wenn’s nach mir ginge, lieber heute als morgen.


Fotocredits: 1) “Sonnenuntergang” von gossau. 2) “Jump” von macschepers 3) “Red on Red” von Stefan Isaacs | some rights reserved | Quelle: piqs.de

 

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