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Web 3.0 = Semantik + Folksonomy?

08.10.2007, geschrieben von , Keine Kommentare

Den instruk­tivs­ten Einstiegs-Artikel zum Thema “”, den ich bis­lang das Vergnügen hatte zu lesen, ver­öf­fent­lichte Dr. Cai Ziegler in der aktu­el­len Ausgabe der c’t. In Sinn oder nicht Sinn — Vom Suchen und Finden der Semantik im Web [c’t — Magazin für Computertechnik. Nr. 21, 1.10.2007, Heise Verlag, S. 172 – 179] erklärt der Autor kon­zise und ver­ständ­lich die Grundlagen von Tim Berners-Lee’s Entwurf eines maschi­nen­les­ba­ren World Wide Web und zeigt, in wel­cher Relation unser gelieb­tes mit einer der­zeit sehr aka­de­mi­schen Disziplin steht.

Die Problematik, die Berners-Lee mit sei­nem seman­ti­schen Modell zu lösen ver­sucht, klingt zunächst tri­vial: Webseiten sol­len maschi­nen­les­bar wer­den. Das kön­nen Scripts wie der Googlebot doch schon längst, mag man ein­wen­den. In der Tat aller­dings beschrän­ken sich die “Lesefähigkeit” von Algorithmen der­zeit fast aus­schließ­lich auf die bloße Worterfassung und sta­tis­ti­sche Verfahren: Sinnzusammenhänge blei­ben den nicht-menschlichen Interpretatoren völ­lig ver­schlos­sen. Denn um, abs­trakt gespro­chen, aus einer Gruppe von Wörter sinn­volle Zusammenhänge ent­neh­men zu kön­nen, muss a priori bekannt sein, in wel­chen Beziehungen die bezeich­ne­ten Konzepte ste­hen. Sogenannte “Ontologien” struk­tu­rie­ren seman­ti­sche Relationen, indem sie im wesent­li­chen Gruppen– und Untergruppenzugehörigkeiten defi­nie­ren: eine Frau etwa ist stets ein Unterelement der Gruppe Mensch, eine Studentin wie­derum Unterelement bei­der vor­her genann­ter Gruppen — nicht jede Frau aller­dings gehört der Gruppe Studentin an. Durch aus­ge­feilte Relationssysteme wer­den Algorithmen in die Lage ver­setzt, nicht bloß Häufigkeitsanalysen zu betrei­ben, son­dern dem, was wir mensch­li­chen Leser unter “Sinngehalt” eines Textes ver­ste­hen, ein gan­zes Stück näher zu kommen.

Die beschrie­be­nen Gruppenrelationen rei­chen aller­dings längst nicht aus: trans­ak­tio­nale Parameter erwei­tern den Beziehungsfundus und machen jene Medien, die schon längst als Computerdateien und ASCII-Codes auf Festplatten lie­gen, wesent­lich bes­ser “ver­ständ­lich”. Resultieren könn­ten dar­aus wesent­lich effek­ti­vere Suchmöglichkeiten sowie bis­lang unge­kannte auto­ma­ti­sche Recherche– und Aggregationsfähigkeiten. Obgleich seit Jahren diverse Beschreibungsstandards exis­tie­ren, konn­ten sich seman­ti­sche Modelle in der Praxis aber bis­lang nicht brei­ten­wirk­sam durch­set­zen: was sich in der mach­bar anhört, artet dank der Komplexität von Welt und Sprache schnell in Sisyphusarbeit aus: selbst die Erfassung einer abge­schlos­se­nen “Domäne” wie Arbeitswelt stößt auf zahl­rei­che Probleme, ganz zu schwei­gen von der Fluidität und Veränderbarkeit unse­rer Sprache.

Spannenderweise führt in jenem Konglomerat aus Techniken und Use-Cases, das uns gemein­hin als Web 2.0 bekannt ist, exakt die gegen­tei­li­gen Strategien zu der­zeit wesent­lich mehr prak­ti­schem Erfolg: anstatt zuerst eine voll­stän­dige Ontologie zu erstel­len, tag­gen (=beschlag­wor­ten) die Benutzer von Services wie FlickR oder del.icio.us, größ­ter Online-Bookmark-Verwalter der Welt, erst ein­mal fröh­lich drauf los. Aus der schie­ren Zahl der Anwender kris­tal­li­sie­ren sich rele­vante Kategorien her­aus: allen Ungenauigkeiten und Missverständnissen wie etwa ver­schie­de­nen Schreibweisen zum Trotz haben sich sol­che kol­lek­ti­ven Beschlagwortungssysteme als eine der “Killerapplikationen” des neuen Netzes erwie­sen. Dr. Ziegler schreibt dazu in dem ein­gangs zitier­ten Artikel über die Zukunft des Semantic Web:

Unverhoffte Schützenhilfe mag hier­bei vom Web 2.0 kom­men. Dabei unter­schei­det sich des­sen Tao zunächst nahezu dia­me­tral von dem des Semantischen Webs: Das “Mitmach-Web” rückt den Menschen in den Vordergrund, sein seman­ti­scher Konterpart hin­ge­gen die Maschine.
Den Anknüpfungspunkt zwi­schen den bei­den stel­len Folksonomies dar, ein Eckpfeiler des Web 2.0. Diese sind das Produkt eines als Social bekann­ten Prozesses: User kli­cken sich durch das Web und anno­tie­ren dabei Webseiten, Blogs und andere Medienobjekte, die sie beson­ders gerne mögen. Solche tex­t­u­el­len, lese­zei­chen­ähn­li­chen Annotationen sind völ­lig will­kür­lich und ent­beh­ren der nor­ma­ti­ven Starrheit einer Ontologie.
Doch gilt im Web 2.0 der Leitspruch “Klasse durch Masse”: Dank der Vielzahl tag­gen­der Surfer kris­tal­li­sie­ren sich schnell die gän­gigs­ten Bezeichner für ein Medienobjekt her­aus, was der Einigung auf einen ein­deu­ti­gen Identifikator schon sehr nahe kommt. Struktur ent­steht im Mitmach-Web also von unten (bottom-up), nicht top-down wie im Semantischen Web.

Etliche Trendforscher pro­gnos­ti­zie­ren mit Horx’scher Gewissheit die “Ankunft eines neuen Informations-Heilands” in Form einer Verschmelzung der Graswurzel-Strategien des Web 2.0 mit sei­nem aka­de­mi­schen Counterpart Semantic Web — zu einem neuen, glo­rio­sen Informations-Bastard namens Web 3.0. Man ver­meint sofort Großvater Hegel aus dem feuch­ten Grabe uns Bewohnern des 3. Jahrtausend christ­li­cher Zeitrechnung “These, Antithese!” nach­hus­ten zu hören… was dann aller­dings in der dia­lek­ti­schen Logik die Antithese zu Web 3.0 wäre, wird wohl in 10 Jahren eine neue Generation von Semblos (Semantic Bloggers) faszinieren.

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