Die feige Blogsau durchs Dorf treiben

Zum alten Reizthema Sind BloggerInnen feige Schweine? hat Robert anlässlich eines Beitrags auf Indiskretion Ehrensache ein paar sehr spannende Gedanken zusammengefasst. Der große Vorsitzende des deutschen Journo-Verbandes spricht uns „virtuellen Stammtischen“ nämlich jegliche Relevanz ab, im Gegensatz zu den Pros der schreibenden Zunft.

Konkretes Schwein des Anstoßes war dabei folgende Passage aus Captain Konkens Elaborat:

Blogs sind meines Erachtens nur in ganz wenigen Ausnahmefällen journalistische Erzeugnisse. Sie sind eher der Tummelplatz für Menschen, die zu feige sind, ihre Meinung frei und unter ihrem Namen zu veröffentlichen.

Ähnlichen Schmonzes gab vor längerer Zeit Konkes Vorgänger Dr. Siegfried Weischenberg von sich – dabei wurde uns der Herr Kollege während des Publizistikstudiums noch als leuchtendes Beispiel der in Unwürde veralteten deutschen Zeitungswissenschaft genannt. Besagter Professor verbreitete nämlich im Radio „akademische Fakten“, wie ebenfalls bei Thomas Knüwer nachzulesen ist:

Man muss wissen: Mit 450 Zugriffen im Monat kommt man unter die 100 erfolgreichsten Blogs in Deutschland.

Im Gegensatz zu den laut Meinung des DVI moralisch verwahrlosten Bloggern sind Papiermedientheoretiker anscheinend zu einem interaktiven Diskurs bloß im Anschluss an Podiumsdiskussionen fällig. Zwar sind 450 Honks pro Tag auch nicht die Welt, aber der Unterschied liegt doch weit außerhalb der statistischen Unschärfe einer solchen Untersuchung – oder Professor Weischenberg wollte auf ironisch-subversive Weise die quantitativen Methoden seiner Wissenschaft in Frage stellen – doch dies ist wohl Wunschdenken, ein simpler Irrtum dürfte in diesem Fall der Vater des Gedanken gewesen sein.
Robert und Thomas haben eigentlich alles zum Thema geschrieben, eine Sache gäb’s da aber noch, die mir in den Sinn kommt: wie sieht’s eigentlich aus mit Bloggern und Journalisten in Personalunion? Ich bin schon wesentlich länger journalistisch tätig (bei the gap, telepolis, ORF), als ich dieses Blog schreibe. Und wie ist das eigentlich so mit der textimmanenten Qualitätsessenz? Wird ein Interview, das ich für the gap gemacht habe, automatisch schlechter, wenn ich’s online stelle? Oder ein Twoday-Posting besser, wenn Klaus den betreffenden Text im Datum abdruckt? Verändert eine Veröffentlichung in der Presse-Blogrubrik die Ausschnitte datenschmutz-Beiträge, die dort abgedruckt werden? Und: unterliegt journalistische Verantwortung primär einem Regelkodex oder der Verantwortung des einzelnen, der publiziert? Sollten Blogger überhaupt journalistische Verantwortung tragen? Wie steht der freie Markt zu Qualitätsmedien? (In Österreich haben die beiden ein angespanntes Verhältnis: die Kronenzeitung liegt weit in Führung, afaik ist Deutschland auch ganz gerne im Bild.) Wär’s nicht geschickt, den Konsumenten generell einen kritischen Umgang mit Medien anzugewöhnen, anstatt die ohnehin wirtschaftlichen Gesichtspunkten gehorchenden klassischen Massenmedien in eine sakrosankte Stellung zu heben? Ich weiß es nicht genau… was meinen Sie?

Trackbacks

  1. Blogistan Panoptikum Woche 45 2k7…

    Ob der deutsche Journalistenverband wohl auch in Facebook registriert ist? Fest steht nur: diese Woche wurde die Sau ordentlich durchs Dörflein getrieben.
    ……

  2. Peterchen weiß Bescheid sagt:

    Der Herr Konken und die Schmierfinken…

    Er hatte also offensichtlich entweder keine Zeit oder keine Lust, sich selber einen Eindruck zu verschaffen, zu recherchieren, wie die Jounalisten dazu sagen. Und das halte ich schon für fragwürdig. Ich verstehe ihn aber schon. Er möchte wieder gew…